29.09.2017 – Turnaround, Fachkräftemangel, eine attraktive Frau und mein Zuhause

Plötzlich würde die Zahl der Entwickler im Projekt verdoppelt und wir haben begonnen alle in eine gemeinsamen Raum zu ziehen. Fast so, als hätte jemand den Post von heute morgen gelesen und alles besser gemacht. Jetzt gibt es eine totale Wende im Projekt, die dazu führt, dass es vielleicht doch eine Chance gibt es zwar nicht im finanziellen, aber dafür im zeitlichen Rahmen fertigzustellen. Jetzt bin ich etwas erleichtert.

Lange habe ich mich mit dem technischen Projektleiter unterhalten und wir haben beide die gleiche Einschätzung in den meisten Punkten. Er ist sehr nett und ein sehr angenehmer Mensch. Man kann gut mit ihm arbeiten und reden. Das macht Spaß. Ich lerne viel.

Das Zwischengespräch war erstaunlich gut. Die Krankheit hat natürlich reingehauen, aber trotzdem sind alle fachlich und auch persönlich mit mir zufrieden. Ich bekomme drei Monate Elternzeit und kann danach in Teilzeit weiter arbeiten. Jetzt muss ich mich um die Anträge und die Organisation kümmern.

Den ganzen Tag über habe ich starke Schmerzen und muss meinen Sitzring überall hin mitschleppen. Auf dem Nachhauseweg bin ich traurig und erschöpft. Ich mag meinen Beruf, aber es ist sehr hart, ihn mit den Schmerzen zu machen. Er ist nicht gerade unfordernd, schon ohne Schmerzen.

Ich gehe die Einkaufsstrasse entlang zum Taxi, bin zu fertig für Ubahn und Bus. Meine Prostata brennt und drückt. Ich sehe eine attraktive Frau, aber es erinnert mich schnell daran, dass mir Sexualität eh weh tut und ich ansteckend bin. Selbst die Fantasie hat darauf keine Lust mehr. Die Schönsten Dinge, Liebe und Familie, sie sind in weiter Ferne und sich so nah, mit meiner schwangeren Frau zuhause.

Trotzdem, die Sexualität fehlt mir. Das Gefühl emotional und auch körperlich lieben zu können.

Ich vertilge eine. Lachsbaegel und steige ins Taxi, schaue wie die Stadt an mir vorbeizieht, fühle dem Schmerz nach und Versuche mir vorzustellen, wie ich leben würde, wenn es nie besser würde. Dann wie es wäre, wenn ich wieder gesund würde. Dann schaue ich einfach etwas raus. Rede etwas mit dem Taxifahrer, der mir erzählt, dass er eigentlich gelernter Dreher ist und aber seit 25 Jahren Taxi fährt. Er sagt den Fachkräftemangel gibt es nicht, er ist doch da und will arbeiten. Er hasst Taxifahren, sagte mir und drückt mir eine Blankoquittung mit Unterschrift in der Hand als Dank für mein Verständnis. Ich verstehe ihn wirklich, denn ich sehe wie sinnlos schlecht so viele Unternehmen Bewerber interviewen und auswählen. Wie viele Euro ich in die Quittung Erhalten und ob ich sie Absetzen kann, werde ich mir noch überlegen müssen. Es ist nett von ihm an mich zu denken.

Ich schlage die Taxitür zu und laufe die Treppen hoch in unsere Wohnung. Im Rucksack habe ich einen Smoothie für meine Frau.

Drin Falle ich ins Bett und merke, wie sich in Erwartung des Wochenendes langsam die Entspannung durchsetzt. Die Schmerzen lassen ganz langsam etwas nach. Jedes Abnehmen der Schmerzen bringt einen Schimmer von Hoffnung mit sich. Bis alles wieder von Vorne losgeht.

In Hemd und Hose liege ich da, in unserer kleinen aber sehr feinen Wohnung, in einem Meer aus Weiß und Bunt und vielen Pflanzen. Es ist schön. Ich mag mein Zuhause. Es hat Charme, ist wohnlich, ruhig und heißt einen sofort willkommen.

Meine Frau macht eine Mahlzeit aus Kürbis. Sie hat mir Adressen für Tageskliniken rausgesucht, weil ich daran denke irgendwann nach den Schmerzen so etwas noch einmal zu machen. Sie denkt an mich und hilft mir. Es ist süß und ein gutes Gefühl, dass jemand an mich denkt.

Das Licht ist gedimmt, ein tiefes orange strömt vom Nachttisch zu mir und hüllt mich ein. Es ist fast so als würde es mich allein durch seine wohlige Farbe wärmen.

Ich komme zur Ruhe.

Danke, dass ich leben darf. Oft genug war es knapp.

Gute Nacht.

Advertisements

29.09.2017 – Ab ins Desaster

Nach dem Aufwachen nehmen ich erst einmal ein Bad. Es ist nicht unbedingt hilfreich einen Bakterienherd aufzuheizen, aber die 20 Minuten alle zwei, drei Tage tun einfach so gut und unsere Dusche spuckt kein verlässlich warmes Wasser aus.

So liege ich jetzt in der Wanne und bereite mich auf den Tag vor.

Das Zwischengespräch …

Tja, was soll ich sagen. Mir wurde Professionalität geboten, aber ich habe fast totales Chaos vorgefunden. Die völlige Abwesenheit jeglichen sinnvollen Managements für das mit 300 Personentagen veranschlagte Projekt für einen der großen deutschen Konzerne produziert eine überwältigende Zahl an vermeidbaren Problemen, die jede Meilensteinplanung um ein Vielfaches zu sprengen drohen, die die eine Hälfte der Entwickler frustrieren und den Rest zur Belanglosigkeit motivieren.

Alles, was ich seit meiner Kindheit mit meinem Vater, in wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Projekten gelernt habe, wird konsequent ignoriert. Was für ein Chaos!

Als Neuling im Team warne ich bereits von Anfang an vor den unterschiedlichen Aspekten des offensichtlichen Missmanagement und ich versuche auf dezente Weise entgegenzusteuern. Allerdings sind mir als Neuling auch manchmal die Hände gebunden und ich muss vor allem Diplomatie herrschen lassen, extrem behutsam sein. Schwierig, wenn man sieht, wie ein Projekt mit Vollgas immer wieder gegen die Wand gefahren wird. Oder besser gesagt, wie ein Vehikel ohne Fahrer immer wieder gegen die Leitplanke schrabbt und droht in den dahinter gelegenen Fluss zu fallen.

Was soll also dieses Zwischengespräch? Was soll ich sagen. Theoretisch müsste ich sagen: Achtung, euer Projekt geht gerade flöten.

Ist es der Autismus und die lebenslange Erfahrung, die mir in Kombination so offensichtlich erscheinen lässt, was andere entweder nicht sehen oder irgendwie ausblenden?

Das Badewasser ist angenehm war. Ich geniesse es, dass sich meine Muskeln, die von den Schmerzen fast völlig verkrampft sind, kurz entspannen.

Vor mir liegen 9 Stunden programmieren, diskutieren, Schmerzen aushalten und Gehirn maltertieren. Plus das omniöse und viel zu späte Zwischengespräch zur Halbzeit der Probezeit. Zu diesem Zeitpunkt hat ohnehin jeder bereits entschieden, ob er bei der Firma bleiben möchte oder nicht.

Der Geschäftsführer wird nicht dabei sein. Nur eine Kollegin und ein Kollege. Qualität sieht anders aus. Zumindest in einem kleinen Unternehmen, das so große Projekte macht, sollte es anders aussehen.

Werde ich wegen der Krankenheit gefeuert? Wieviel Elternzeit kann ich beanspruchen?

Egal. Was ist schon Geld? Solange genug zum Leben da ist, who cares … Wichtig ist, dass ich gesund werde. Jede Form von Auszeit nehme ich gerne an.

Werde ich schlecht formulierte und logisch unschlüssige Moralpredigten und Kritik erhalten? Möglich. Die in 90% der Fälle eigentlich nichts mit wirklicher Ethik zu tun hat sondern mit den Eigeninteressen und Emotionen eines wirtschaftlich operierenden Unternehmens und deren vorrangig selbstmotivierten Mitarbeitern? Möglich.

Fakt ist, ich werde meine Gesundheit nicht für ein Unternehmen und auch nicht für irgendeinen Angestellten oder Geschäftsführer riskieren. Diese Menschen denken in der Konsequenz leider, und weil sie es so gelernt haben von klein auf, primär an sich selbst, ihr Einkommen und ihren Ruf. Was sind schon ein paar tausend Euro im Vergleich zu einem glücklichen und gesunden Leben? Nichts!

Die Schmerzen fangen langsam an sich zu etablieren, wie fast jeden Tag nach dem Aufstehen.

Langsam mache ich mich mental fit für einen weiteren Tag, der mich ein Vielfaches der Energie kosten wird, die ich sonst für eine ganze Woche gebraucht habe, als ich noch gesund war.

Ich steige aus der Wanne, verabschiede mich von meiner Frau und los geht’s: Ab ins Desaster!

29.09.2017 – Einzahlen auf das Glückskonto

Die letzten zwei Tage waren etwas besser. Schmerzen nur zwischen eins und drei auf der Zehnerskala. Ich könnte fast normal arbeiten und leben, abgesehen davon, dass ich nicht sitzen konnte, mittlerweile eine Einschränkung, die ich akzeptiert habe. Was ist schon sitzen? Unwichtiger Kram! Zwei Stunden stehen, weil man man in der BVG und beim Arzt nicht sitzen kann … lächerlich.

Jetzt sind meine Schmerzen wieder stärker. Eine gute sieben oder acht. Ich bin wach und es ist 0:47 in der Nacht. Na klar, muss ich morgen arbeiten.

Gestern habe ich nach der Arbeit mit meiner Frau bei ihrem Psychiater einem Termin gehabt, auch ihre Mutter habe ich motiviert mitzukommen. Endlich haben alle Mal gemeinsam geredet und ich konnte alle dazu bewegen, sich wirklich realistisch und konstruktiv zu überlegen, was meine Frau braucht und was nicht, wie wir alle ihr helfen können. Warum fällt das den Menschen nur immer so schwer?

Dabei musste ich im Sprechzimmer stehen, sitzen geht ja eben nicht mehr. Der Arzt muss selbst einmal eine Prostatitis gehabt haben. Im Gegensatz zu den Urologen wirkte er Recht geschockt, kannte sich aus und wusste ansatzweise, wie schlimm das wirklich sein kann. Irgendwie hat es gut getan, dass jemand wenigstens ein bisschen verstanden hat, dass ich mit etwas richtig beschissen kämpfe auf relativ verlorenem Posten.

Der Psychiater hat mich in meiner Krise auch behandelt. Es ist gut, dass er uns beide kennt. Nun sieht er aber denke ich auch, dass ich außerhalb meiner Krise ein Mensch bin, der viel in seine Mitmenschen investiert und sehr viel aushalten kann.

Insgesamt war es ein gutes Gespräch.

Wenn die Schmerzen stark sind, also jeden zweiten oder dritten Tag, dann kämpfe ich auch mit Depressionen. Klar, da ich nach dem Selbstmord meines Vaters und der Psychose meiner Frau sehr viele Depressionen hatte, kann ich damit besser umgehen als fast alle Menschen, die ich kennengelernt habe. Trotzdem ist es oft eine Herausforderung.

Ich meine, medizinisch gibt es einfach im Moment kein einziges wirksames Mittel mehr gegen die Prostatitis. De Fakto kann man es kaum noch behandeln. Die Heilungschancen sind schlecht und je länger es dauert, um so mehr macht es mich kaputt. Berufsunfähig, chronische Schmerzen, Unfruchtbarkeit, Kein Sitzen, bettlägerig.

Aber so wie mit all den anderen Dingen, die nach dem OP-Unfall mein Leben schlichtweg zerstört haben, gebe ich nicht auf. Diese letzte Folgeerkrankung werde ich so lange aushalten, bis ich sie besiegt habe. Es gibt keine Alternative.

Denke ich manchmal an Selbstmord? Ja, auf jeden Fall. Wenn die Schmerzen so stark sind, dann denke ich daran. Wenn ich daran denke, dass ich meine Frau nicht mehr so lieben kann, körperlich, wie vorher, weil es mir weh tut und weil ich ansteckend bin, dann ja. Wenn ich daran denke, dass mein Kind oft die Schmerzen in meinem Gesicht sehen wird und kein reines Lächeln? Ja, klar. Wenn ich daran denke, dass ich nicht feiern, reisen oder Sport machen kann? Ja, klar. Wenn ich daran denke, dass ich meine Frau mit ihrer Behinderung nicht so unterstützen kann, wie früher? Ja, klar.

Und vor allem wenn ich daran denke, dass all das, was jetzt ist, sinnlos so entstanden ist, durch die Unfähigkeit, Arroganz und narzisstische Wut von Ärzten und meiner Familie? Auf jeden Fall.

Oft denke ich dann an Selbstmord. Es flackter hier und da mal auf. Wenn die Schmerzen fast unaushaltbar sind. Wenn es brennt wie ein Feuerball in meinem Hintern, mir die tagelangen Schmerzen so sehr die Gehirnwindungen zerbrezeln, dass ich nicht mehr richtig denken und fühlen kann. Dann, wenn es so gar keinen Ausweg und keine Perspektive zu geben scheint, weder Medikamente wirken, noch irgend ein Mensch in meinem Umfeld ist, der sich interessiert, dann denke ich an Selbstmord. Nicht im traurigen Sinne, sondern weil ich denke: Ich bin erschöpft, es tut weh, ich hab doch so viel rumgekämpft, ich hab trotzdem so viel geschafft … lass es dich genug sein …

Dann denke ich daran, dass ich froh wäre, wenn ich ganz geplant mein Leben friedlich aushauchen könnte und die Schmerzen und die Wut der anderen Menschen, auf Dinge für die ich so ganz und gar nichts kann, endlich aufhören würden.

Natürlich, will ich es nicht wirklich. Aber wenn ich eines in den 20 Jahren mit Selbstmordgedanken gelernt habe, dann dass es ok ist, dass es sich in solch schwierigen Lebenslagen in der Vorstellung gut anfühlt. 

Nein, ich will leben. Aber ja, der Gedanke fühlt sich gut an. Es ist die momentan einzige realistische, gedankliche Welt, die ich mir vorstellen kann, die eine echte Lösung verspricht und auf paradoxe Weise eine Hoffnung in sich trägt. Solange ich verstehe – und das tue ich – dass es ein Milliarde reale Gründe gibt, es nicht zu tun. Diese auch wahrnehmen kann. Solange das so ist, ist es vollkommen okay, sich der Erleichterung des Gedankens hinzugeben etwas Positives an der Idee des eigene Todes zu empfinden. Denn diese Idee, die auch gleichzeitig als einziges angemessen ausdrückt, wie verzweifelt manchmal meine Lage ist, hilft mir ganz konkret dabei zu überleben. Auch wenn Psychologen und auch Ärzte das oft weder wissen noch verstehen. Wir sollten sie auch, sie kennen sich in der Tat ja kaum aus, sind oft nur Beobachter und stellen fast immer die falschen Fragen.

Diese Gedanken geben mir eine letzten Ausweg, nur hypothetisch. Und dadurch gewinne ich Sicherheit und Ruhe. Dass ich im Zweifel eines Tages auch auf einem natürlichen Weg eh mein Leben abschliesse und die Schmerzen dann auch vergehen.

So bin ich wach, mitten in der Nacht. Ich denke über die Liebe nach und über das Leben. Darüber, welche Verantwortung ich trage und dass ich egal unter welchen Bedingungen alles aushalten und durchleben werde, für meinen Sohn und auch für meine Frau. Und ich werde niemals Lügen oder alles verheimlichen. Ja, mein Leben stellt mich leider vor große Herausforderungen. Die auch gar nicht cool sind. Die man in keinen Lebenslauf schreiben und auf keiner Party erzählen kann. Aber ich überlebe. Jeden Tag.

Jetzt werde ich versuchen trotz der Schmerzen zu schlafen. Morgen habe ich das Zwischengespräch in der neuen Firma. Aber was ist das schon im Vergleich zu meinem Leben? Ist es wirklich noch wichtig, ob ich im Job zufrieden bin, ob ich einen habe? Im Moment habe ich gar nicht den Luxus diese Dinge wirklich als eine Art echtes Problem zu sehen. Nein, ehrlich, es ist gut, der Job ist ganz okay. Aber ich werde versuchen müssen viel Elternzeit zu nehmen und gesund zu werden. Es gibt einfach keine Alternative. Selbst wenn ich dann gefeuert werde.

Gesundheit ist ab einem gewissen Grad der Krankheit alternativlos.

Wenn ihr gesund seid, psychisch oder physisch, dann nehmt euch einen Moment Zeit und Ruhe. Denkt daran, dass ihr Eure anderen Probleme bewältigen könnt, selbst wenn es lange dauert. Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Depressionen, kaputte Beziehungen, Geldnot, eine starke Wut in Eurem Bauch … das alles geht vorbei. Habt Geduld, gebt nicht auf. Ihr habt nur dieses eine Leben, vermutlich, und jede Minute ist es wert gelebt zu werden.

Ich glaube fest daran, dass wir für jedes Leid, das wir erfahren, das wir durchleben, eines Tages das doppelte an Glück ausgezahlt bekommen.

Wenn Euch etwas schwer fällt, seht es als eine Einzahlung auf das Konto eures zukünftigen Glücks. Es wird dauern, bis ihr Gewinn macht. Es ist wie einlangjähriger Aktienhandel, nur besser. Es gibt eine Gewinngarantie. Ihr müsst nur lange genug dabei bleiben.

Eines Tages werden wir reich belohnt, für jeden Tag, an dem wir nicht aufgegeben haben und daran geglaubt, dass wir irgendwann wir selbst sein können, so wie es uns eigentlich vorbestimmt gewesen ist.

26.09.2017 – Arbeit und Hebammenterror

Jetzt gehe ich gleich zur Arbeit. Die Hebamme hat abgesagt, wie immer. Es gab noch keinen Termin, der nicht verschoben wurde. Meine Frau weint. Sie hat etwas Angst vor der Geburt. Manchmal bin ich enttäuscht. Die Hebamme rödelt wirr herum und weiss ganz genau von der Krankheit meiner Frau. Es ist merkwürdig, dass die Leute das auch nicht verstehen, dass gerade da die Einhaltung von vereinbarten Terminen wichtig ist.

Was soll man machen … Eines Tages will ich wirklich einfach weniger auf andere angewiesen sein. Es ist deprimierend immer und immer wieder von Menschen abhängig zu sein, die einfach nicht nachdenken und sich nicht richtig Mühe geben.

Jetzt gehe ich zur Arbeit und schaue, ob ich das schaffe. Mit meinem super Sitzkissen. Naja, Mal sehen. Mittlerweile bin ich auch bereite einfach zu kündigen oder gekündigt zu werden. Meine letzte Mail, dass ich heut wieder da bin, von vor fast zwei Wochen, hat niemand jemals beantwortet. Es gibt nichts deprimierenderes als mit Menschen zu arbeiten, mit denen einen nichts wirklich verbindet, im Positiven. Menschen, die schnell beleidigt sind oder die Bedeutung der Gesundheit nicht richtig einschätzen können, weil sie selbst nie wirklich krank waren.

Also ab in den Bus! Sehen wir Mal nach, ob da noch was zu machen ist beim Job oder nicht …

25.09.2017 – Berufsunfähigkeit und selbstgefällige Ignoranz

Auch nach meinem letzten Eintrag kann ich nicht aufhören mir Gedanken darüber zu machen, wie ich arbeiten gehen soll. Kann ich sitzen? Nein. Kann ich mich mit den Schmerzen ausreichend konzentrieren, nach all den Monaten, um an komplexen informatischen Systemen zu programmieren? Nein. Bin ich eigentlich krank und berufsunfähig? Ja.

Aber niemand scheint das zu interessieren. Weder die Ärzte, noch Angehörige.

Soll ich versuchen mich irgendwie, unter Aufwand enormer Kraft und Schmerzen, bis zur Geburt meines Sohns zu quälen? Wie lange soll ich Elternzeit beantragen? Besser ein ganzes Jahr, um gesund zu werden? Ehrlich: Den Leuten auf der Arbeit bin ich doch eh scheissegal, solange ich keine Leistungen und Einkommen generiere. Selbst wenn sie im Geld schwimmen.

Eigentlich ist es an der Zeit eine Zäsur zu machen. Anzuerkennen, dass die Ärzte, meine Familie und der Operationsfehler mich bis zur Berufsunfähigkeit heruntergewirtschaftet haben.

Einfach die Bremse ziehen. Würde es dann einigen auffallen? Vermutlich nicht. „Das schaffst Du schon. Das wird schon wieder.“ Mehr als Floskeln, die dazu dienen, dass sich alle schnell wieder ihrem Alltag zuwenden können, in einem merkwürdig weit von der Realität entfernten Optimismus, werde ich sicher nicht erhalten.

Aber mir selbst könnte es gut tun. Und ich könnte mich in dem Zug gleich von all den Leuten trennen, die eh nie Zeit oder Lust haben an meinem Leben teilzunehmen, wenn es schwer ist.

Klar, wenn ich rausgehen kann, essen, ins Kino, besuche machen, Konzerte, Reisen, Geburtstagsparties. Dann ist es so schön zusammen rumzuhängen. „Was wollen wir denn machen?“, eine Frage, die ich seit Anbeginn der Zeit in Freundschaften für totalen Schwachsinn gehalten habe.

Meine Antwort: „Na gemeinsam Zeit verbringen!“

Warum muss man eigentlich immer irgendwas machen? Sind nicht die Freunde die besten, mit denen man auch einfach so zusammen sein kann, ganz ohne Grund und ohne Plan?

Im Moment kann ich nichts machen, außer liegen. Das reicht den meisten Menschen, um keine Motivation zu verspüren Zeit mit mir zu verbringen.

„Du bist so ein toller Typ. Du bist so lustig.“ Ich wusste immer, dass alles das Bullshit ist. Und es gilt nur dann, wenn man eben lustig und toll ist. Wenn man zerfetzt wurde und bettlägerig wird, ist die Tollheit und Lustigkeit sehr schnell verflogen.

„Ich muss noch Wäsche waschen, kann leider nicht.“

„Ach ne, muss heute mit meinem Sohn auf den Spielplatz.“

„Tante Erna kommt heute vorbei.“

Plötzlich ist alles spannender. Nein, ich kann nicht „Ja“ sagen, wenn ich gefragt werde, ob ich zum Essen komme, zum Koreaner. Oder wenn ich gefragt werde, ob ich gerne zur Party kommen möchte oder in den Schrebergarten.

Einen Vorteil hat das Ganze allerdings: Ich lebe endlich in einem Leben, das ehrlich ist. Die Leute sind ehrlich, wenn sie mich nicht besuchen oder wenn es ihnen Furz egal ist, was ich erlebe. Sie sind narzisstische Idioten, aber immerhin ehrlich. Ohne es zu wollen, zeigen sie, dass sie sich im Kern nur dafūr interessieren, oberflächlich vor sich hin zu leben und für sich selbst den meisten Spaß herauszuholen.

Morgen soll ich also wieder arbeiten gehen. Und niemand merkt, dass ich es einfach nicht kann …

In der Tat ist es verblüffend, wie hunderte von Menschen in meinem Leben alle ignorieren können, dass ich nicht sitzen kann. Dass ich seit mindestens drei Wochen gar nicht mehr gesessen habe und es auch in den nächsten Wochen nicht kann, bzw mit bestialischen, vernichtenden Schmerzen dafür bezahle.

Es ist irgendwie so surreal, dass es nur dadurch zu erklären ist, dass alle diese Wahrheit ausblenden, weil es Ihnen nicht passt. Sie wollen selber vorankommn und es passt einfach nicht in ihren Lebensentwurf oder Terminplan, dass ein naher Angehöriger oder ihr Patient mittlerweile so behindert ist nach dem OP Unfall, dass er den Beruf aufgeben muss und vieles mehr. Aber das passt eben nicht und deswegen existiert es auch nicht. Man bildet sich ein, alles würde irgndwie vorbei gehen. Es geht so nun seit fünf Jahren …

Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich aufhöre zu arbeiten, dass ich mich um mich kümmere, nur um mich und mein Kind. Dass ich den Leuten den Laufpass gebe, die ihn mir doch ohnehin schon vor Langem gegeben haben.

25.09.2017 – Rumliegen mit Autismus …

Wie immer liege ich im Bett. Sitzen kann ich ja nicht mehr. Nachdem ich bei der Autismusdiagnostik war und einen Fragebogen an meine Mutter senden sollte, rief ich sie kurz an. Wie immer gab es mehr oder weniger nur emotionslose Brachialgewalt zu spüren.

Auf ihre Nachfrage schilderte ich ihr kurz meine Situation, die sie ja damals mit hervorgerufen hatte. Ihre Antwort lautete so:

„Da kann man sich ja eigentlich nur noch erschiessen!“

Ja, auf jeden Fall. Sehr hilfreich. Vielleicht sollte sie sich entschuldigen, dass sie mir das mit angetan hat. Allerdings ist sie eher damit beschäftigt, um die Welt zu jetten und mit ihrem neuen Lover ihr eigenes Leben zu genießen. Scheiss auf die Anderen!

Dass mir ein leichter Asperger diagnostiziert wurde, interessiert sie nicht wirklich. Dass es vielleicht bedeutet, dass sie mich geschlagen und beleidigt hat und mich misshandelt hat, weil ich einen Autismus habe, also ein behindertes Kind immer wieder angegriffen und verletzt hat, scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen.

Es ist merkwürdig. Es scheint oft so, als würde sie mich seit meiner Geburt abgrundtief hassen, es aber nicht zugeben können. Es ist eine Hassliebe, die sie für mich empfindet. Der Wunsch mich zu besitzen und in eine Beziehung zu drängen. Und der Hass, wenn ich mich verweigere, sie auffordert sich angemessen für eine Mutter zu benehmen oder wenn ich nicht mehr wichtig bin, weil ihre Bedürfnisse zwischenzeitlich von anderen „Partnern“ bedient werden.

Also liege ich in meinem Bett und versuche optimistisch zu sein, dass ich irgendwann einfach wieder am Schreibtisch sitzen kann, in ein Restaurant gehen oder mich mit Freunden treffen. Dass ich in einigen Jahren wieder richtig arbeiten kann, vllt sogar keine Schmerzen habe und vllt sogar ein zweites Kind. Währenddessen brennt es wie immer in meinem Unterleib und die Schmerzen vernebeln mir die Gedanken. Wie sehr wünschte ich, dass es aufhören würde.

Die medizinische Behandlung ist so schlecht, dass ich keine Motivation mehr aufbringen kann, mich mit vermeintlichen Ärzten in Sprechstunden herumzuschlagen. Es endet doch nur in narzisstischem, großkotzigem Geplapper ohne sinnvolle Behandlungskonzepte.

Also liege ich rum. Morgen soll ich wieder arbeiten gehen. Ich habe keine Ahnung wie das funktionieren soll.

In ein paar Wochen wird mein Sohn geboren. Ich will gesund sein, wenn er ein oder zwei Jahre alt ist, damit ich viel mit ihm Unternehmen kann. Für dieses Ziel bin ich bereit alles aufzugeben.

Oft denke ich, dass es mein größter Fehler war, Menschen, die mich absichtlich verletzen oder vernachlässigen, nicht zu verlassen. Meine Mutter, die Ärzte, Freunde, denen alles egal ist, Arbeitgeber, die nur an ihren Profit denken … Vielleicht hängt es mit dem Autismus zusammen. Irgendwie bin ich hilflos und alle nutzen das aus. Trotzdem ich ja schlagfertig bin, aber irgendwie gibt es etwas an mir, dass viel zu lange braucht, um zu bemerken, dass Menschen mich aus eigener Wut und wegen eigener Ziele versuchen zu benachteiligen oder kaputt zu machen.

Und ich liege und liege. Seit mehr als drei Wochen habe ich nicht mehr gegessen. Eigentlich fällt es gar keinen mehr auf. Alle haben sich aus meinem Leben entfernt oder waren nie dabei. Niemand kommt mich besuchen, außer meine eine Schwester. Aber auch nur, nachdem ich sie irgendwann aus Verzweiflung angeschrien habe, dass es Mist ist, dass allen alles egal ist.

Dass ich kein Leben mehr habe. Dass keine Minute mehr einfach ist. Dass ich so vieles verliere. Es bemerkt Niemand. Alle gehen davon aus: „Ach so schlimm kann es ja nicht sein. Das wird schon wieder.“ Kein Grund eben, jemandem zu helfen.

Mehr als jemals zuvor bermerke ich, dass die Menschen in meiner Umgebung alle aneinander vorbeileben und alle am meisten ihre eigenen Ziele verfolgen. Es ist traurig, aber auch interessant, denn es verrät mir so viel über all diese Menschen in meinem Umfeld. Und wenn ich eins weiß, dann das: Wenn ich irgendwann wieder gesund bin, ist es an der Zeit noch einmal ganz neu anzufangen. Alle diese Menschen, die sich eigentlich nur für sich selbst interessieren nicht mehr an mich heran zu lassen. Neue Menschen zu finden, die mehr Zeit haben, mehr Liebe, mehr Realitätsnähe, mehr Mitgefühl, mehr Intention zum konstruktiven Zusammenleben.

Es ist Zeit, nach und nach alles Alte abzubauen. Und nach und nach Neues aufzubauen. Auch für meinen Sohn. Freundliche, ruhige Menschen, die nicht immerzu angeben müssen, prahlen, beleidigen, sich selbst inszenieren, die nicht permanent Glücksgefühlen nachjagen, auf Kosten anderer.

Es ist Zeit, mein Leben endlich zu meinem Leben zu machen. Es ist Zeit die halbherzigen Umarmungen, die halbherzigen Treffen, die halbherzigen Anrufe und die halbherzigen Beileidsbekundungen zu beenden.

Meine echte Stärke für die Heilung muss ich aus mir selbst und gemeinsam mit Menschen, die ich liebe und die mich zurück lieben, gewinnen.

Nun muss ich weiter liegen und das Brennen in meinem Hintern aushalten. Das Leben war Mal einfacher und schöner … 

19.09.2017 – Weinen und Situationsanalyse

Jetzt musste ich weinen. Es tut weh zu sehen, dass ich meinen Job verlieren werde, wegen der Schmerzen, aber nach fünf Jahren, in denen sich niemand wirklich dafür interessiert hat, dass ich im Krankenhaus kaputt gemacht wurde, kann ich nicht mehr. Die Schmerzen sind zu stark und es gibt einfach keine wirksamen Medikamente, die mir noch helfen können. Die Ärzte sagen, man könne mir nur noch die Prostata rausnehmen, aber dann wäre ich inkontinent, könnte keinen Sex mehr haben und wäre Unfruchtbar. Dem entgegen stehen entsetzliche Schmerzen, die mich seit vielen Monaten und Jahren körperlich und geistig an den Rand meines Überlebenswillens bringen, der bekannter Maßen Recht groß ist, selbst in Krisenzeiten.

Niemand interessiert sich dafür, dass ich alles verliere. Weder meine Familie, noch meine Freunde, noch meine Frau. Es ist so, als hätte ich einen Schnupfen, weniger sogar. Meine Frau liegt den ganzen Tag im Bett und schläft. Sie weiß, dass ich starke Schmerzen habe, aber mehr als ein „Ooooccch“ schafelft sie nicht, bevor sie sich umdreht und weiterschläft. Es interessiert sie schlichtweg nicht besonders. Obwohl sie selbst und auch unser Kind davon direkt betroffen sind.

Auch die Ärzte finden keine guten Worte: „Ja, dann können wir Ihnen eigentlich nur noch die Prostata rausnehmen!“, werden sie mir lieblos entgegen, bevor sie die Sprechstunde beenden. Was das bedeutet ist ihnen entweder nicht klar, trotz ihrer Ausbildung oder, und wahrscheinlicher, schlicht scheissegal.

Bei der Arbeit ist es allen egal, wie es mir geht. Sie sind einfach nur angepisst, dass ich nicht da bin, glaub ich zu merken.

Meine Freunde haben ihre Kinder und Jobs. Die interessiert es nicht, dass ich alle meine Träume aufgeben muss. Alles, wofür ich jahrelang so hart gekämpft habe. Sie müssen ihr Baby Windeln, die Küche putzen oder sich zum Familienbruch treffen.

In meiner Welt bin ich sehr alleine. Es gibt Niemanden, nicht einmal meine Frau, der sich dafür interessiert, dass ich alles verliere, das den meisten Menschen in ihrem Leben wichtig ist: Job, Familie, Sport, Ausflüge, Hobbies, Gesundheit. Einfach alles.

Ich sitze im unaufgeräumten Wohnzimmer. Die Schmerzen sind immer so stark, dass ich Nichtmal aufräumen oder einkaufen kann. Oft liege ich nur im Bett und Versuche die Schmerzen auszuhalten, bis ich abends so müde werde, dass ich einschlafe vor Erschöpfung. Meine Tagesaufgabe besteht darin, durchzuhalten. Tag für Tag. Ohne irgend eine Form von Hilfe oder Mitgefühl. Ich bin so alleine, wie ich es nur selten in meinem Leben war. Und es tut sehr weh. Physisch und immer mehr auch psychisch. Sozial bin ich fast vollkommen isoliert, weil ich keinen Alltag mehr habe, den ich mit anderen Teilen kann.

Oft Versuche ich Hoffnung zu entwickeln. Dass es nach zwei bis drei Jahren von alleine gut wird. Und nicht alles verloren ist. So wie mit dem Bauch oder der Psyche. Dieser Operationsfehler hat mein Leben tatsächlich zerstört. Unmittelbar und nachhaltig. Bis heute. Es gibt keine Normalität mehr in meinem Leben.

Ich schreibe das auf, um es zu dokumentieren. Damit hinterher nicht alle verwundert sind, wenn ich an einer Sepsis draufgehen oder psychisch ein einziges Wrack bin. Jeder meiner Bekannten und der Ärzte könnte mir jetzt ganz konkret helfen. Jeder. Aber so wie meine Frau, schlafen alle sehr bequem. Ich versche heute erstmal überhaupt bis morgen zu kommen.

Ich freue mich auf den Schlaf. Dann spüre ich die Schmerzen nicht.

19.09.2017 – Narzissmus, Autismus und ein Sack sinnloser Schmerzen

Der Tag schleppt sich. Trotzdem es gestern sehr gut war und ich mit meiner Schwester einen schönen Spaziergang im nahen Grünewald machen konnte, habe ich heute wieder Schmerzen. Nur zwischen Stärke zwei bis sechs, aber es reicht, um mich ans Bett zu fesseln. Sitzen geht nicht und das ständige Brennen kostet mich viel Kraft.

So schlafe ich viel. Bis es klingt und der Kinderwagen geliefert wird. Wegen der Schmerzen kann ich ihn nicht einmal zusammenbauen. Ich versuchen mich mit einem Bad zu entspannen. Versuchen sie wenigen Minuten ohne Schmerzen zu geniessen, wenn sie ab und zu da sind.

Traurig denke ich an meine Arbeit, weil ich nicht weiß, wie ich sie weiter machen soll. Da auch meine Frau nicht arbeiten kann, werden wir sehr wenig Geld haben, für unsere kleine Familie, obwohl wir hoch qualifizierten sind, studiert haben und Jobs mit denen man normalerweise gemeinsam gute 6000 bis 10.000 Euro Netto erwirtschaften kann.

Wie immer denke ich an unsere Eltern, warum sie sich immer dafür entschieden haben, uns den Preis für ihre Wut und Sturheit bezahlen zu lassen. Warum sie immer mit uns angeben wollten und uns gleichzeitig daran gehindert haben zu liebe und geliebt zu werden, uns selbst wertzuschätzen und gesund zu bleiben.

In meinem Kopf gehen fiktive Bilder von meiner Mutter umher, die im Cabriolet mit ihrem neuen Freund durch Bayern rast und sich um die Verwandten ihres neuen Partners kümmert, sich richtig reinhängt und auch die Tochter des neuen Partners umzirzt. Ein Schauspiel, dem ich zu oft beigewohnt habe, nachdem meine Mutter wechselnde Partner und Partnerinnen hatte, nachdem mein Vater sich umgebracht hatte. Und auch schon davor, waren die eigene Kinder eigentlich nur nervig, fremde Kinder und Menschen waren um ein Vielfaches wichtiger.

Das erstaunliche ist, dass meine Mutter nie etwas vermisst. Emotional und menschlich fehlt ihr nichts, ohne ihren Sohn, ohne ihre Töchter. Sie nimmt ihre Kinder nur beiläufig wahr und auch nur dann, wenn sie einen direkten Nutzen daraus ziehen kann, zum Beispiel, um sich als gute Mutter darzustellen, als angeblich lebenskompetenten, fürsorglichen Menschen. Die Wahrheit allerdings, ist erschreckend ernüchternd. Seit ich meine Mutter kenne, hat sie stets nur gehandelt, um sich selbst positive Geüle zu erschaffen. Die Realität ist, dass ihre Kinder, und ich, mit einer eigenen Persönlichkeit und Gefühlen und Wünschen, fast immer hinderlich waren. Es liegt an der Persönlichkeit meiner Mutter. Sie empfindet keinen Spaß an ihren eigenen Kindern. Für sie sind sie maximal dazu da, andere Beziehungen zu ersetzen, wenn diese nicht gut laufen. Sie empfindet nichts, wenn ihr Ehemann sich umbringt oder ihr Sohn im Krankenhaus ist. Es sind nach meiner lebenslangen Erfahrung keine Emotionen damit verknüpft, für sie. Deshalb kann sie sich sehr gut amüsieren, während, zum Teil wegen ihr selbst, andere Menschen leiden oder sogar sterben. Wie ich bereits einmal feststellte, ist es so als würde ihr ein Modul fehlen.

Für mich hat es neben der anfänglich enormen Frustration dazu geführt, dass ich eine Faszination dafür entwickelt habe. Vielleicht, weil ich damit aufgewachsen bin, mit so einem Menschen, von dem viele weder wissen, dass es ihn wirklich gibt, noch wie er im Kern seiner Persönlichkeit funktioniert.

Heutzutage bin ich der festen Überzeugung, dass meine Mutter in ihrer Persönlichkeit ähnliche Muster aufweist, wie Donald Trump oder Frauke Petry. Es ist die verblüffende Einseitigkeit der Selbstfixierung. Die Tatsache, dass Menschen bereit sind grausame Dinge zu tun oder zu verantworten, ohne sich dadurch schlecht zu fühlen, sondern im Gegenteil sehr zufrieden mit sich sind. Sich permanent im Recht wägen. Es ist ein Phänomen, von wissenschaftlicher Komplexität und gleichsam so banal. Bereits als Kind habe ich nie verstanden, warum meine Mutter und Kinder schlägt. Und noch weniger, warum sie nur Minuten hinterher selbst sagte, sie hätte nie geschlagen. Denn es ist nachweislich so, dass sie sich daran erinnern konnte. Oft genug hat sie sich anschließend verplappert. Es ist so, wie sie es mir anfänglich versuchte beizubringen: Um Menschen zu verletzen oder zu bekommen, was man will, ist es vollkommen okay, zu Lügen. In diesem Zuge trainierte sie mich zum absichtliche Lügen. Was mir selbst nicht gefiel. Es machte keinen Sinn in meiner Welt. Aber in ihrer macht es bis heute Sinn. Es geht darum das nächste Hochgefühl zu erleben. Der Gedanke daran, dass man die innere Leere mit Serien von Kicks wegkicken kann. Der Gedanke, dass jeder Mensch das Recht darauf hat sich zu amüsieren, zu egal welchem Preis. Die Fehlinterpretation von Freiheit als Ignoranz und Arroganz. Es ist der Missbrauch des Wortes Freiheit. Unter dem Credo angeblicher Freiheit wurde mein Vater bis in den Selbstmord gemobt und ich jahrelang schwer misshandelt und missbraucht. Denn wie meiner Mutter über sich selbst sagt: Ich habe das Recht auf Freiheit.

Auch Frauke Petry denkt über sich selbst vermutlich als jemand, der sich seine angebliche Freiheit zurückerkämpft. Auch Donald Trump denkt Amerika neue Freiheit durch Sicherheit zu schenken, indem er eine Mauer baut, obwohl er das genaue Gegenteil damit erreicht.

Ich denke also nach, während ich im Bett liege und darauf warte, dass die Schmerzen eines Tages besser werden, nachdem es keine Formen sinnvoller medizinischer Behandlung mehr gibt. Oft bin ich traurig, dass ihr mit den Bakterien kein weiteres Kind zeugen könnte. Ich wollte schon in meinen Zwanzigern viele Kinder haben. Es ist erstaunlich wie effizient ich davon abgehalten wurde, diese wichtigste meiner Lebensziele umzusetzen. Wienlänge es gedauert hat, mit wieviel künstlich erzeugten Problemen ich von meiner Mutter insbesondere konfrontiert wurde, um genau das zu verhindern. Aber vielleicht dauert es lange bis mein Körper wieder gewinnt. Ich muss es drauf ankommen lassen.

Nachher gehe ich zur Autismusdiagnostik. Ich muss die auf die Spur kommen, dass mich so anders macht, abgesehen vom Missbrauch. Ich glaube nicht, dass ich ein Autist bin, aber die Leute von der Beratungsstelle haben mit dringend geraten die Diagnostik zu machen, nachdem ich stundenlang mit ihnen gesprochen hatte. Also muss ich meinen Sitzring einpacken und trotz Schmerzen dort hin. Vielleicht kann es helfen die Aggression gegen mich zu reduzieren, auch in den medizinischen Behandlungen. Oft scheitern sie nur an der Wut der Ärzte, warum auch immer.

17.09.2017 – Weiter geht’s 

Wieder zu Hause …

Die Schmerzen sind wiedergekommen, nachdem das Antibiotikum abgesetzt würde. Über das Absetzen gab es mit den Ärzten in Krankenhaus viel Streit. Letztendlich weiss ich nun, dass sie ihre Behandlungsansätze und Medikamente nicht verstehen. Sie wurschteln mehr oder weniger halbherzig vor sich hin. Tatsächlich war die Behandlung sehr riskant. Das Antibiotikum alles andere als ungefährlich. Aber darüber wurde ich nie aufgeklärt.

Trotzdem die Schmerzen wieder da sind, bin ich froh Zuhause zu sein. Die Menschen in den Krankenhäusern, vor allem die Ärzte, sind einfach oft sehr furchtbar. Das Pflegepersonal kann manchmal freundlich sein, aber es gibt insgesamt so viele Menschen dort, die einfach abgestumpft sind, in ihrem Charakter unreif und selbst voller Wut und Überforderung.

So wie damals, als ich beschlossen habe, mir ambulant den Katheter ziehen zu lassen und dann mehrere Jahre selbst versucht habe die Niere zu entstauen und auf die Selbstheilungskräfte zu hoffen, muss ich es auch diesmal tun. Ohne Millionär zu sein und einem Arzt oder Krankenhaus große Spenden in Aussicht zu stellen, hat niemand ein ernsthaftes Interesse daran mir wirklich zu helfen, gesund zu werden.

Also geht es weiter. Ich schlage mich wie immer durch. Eines Tages werde ich es überstanden haben. Und dann werde ich es aufschreiben, alles das, was schief läuft in der Medizin. Denn anders als in vielen Berufen, hat alles das schief läuft und einfach vermeidbar wäre, einen extremen Einfluss auf Menschenleben und die Gesellschaft als Ganzes.

Weiter geht’s …

08.09.2017 – Kluge Ärzte

Jetzt habe ich auch Mal etwas äußerst positives zu berichten.

Die Ärzte haben mir zunächst einmal auf meine Frage hin erklärt, dass man die Proben nur 5 Tage nach dem Ende der Antibiose macht. Das sei so.

Allerdings habe ich sie gebeten, mir zu erklären warum und ihnen gesagt, dass exponentielles Wachstum von Bakterien dazu führen kann, dass die Behandlung dann als erfolglos bewertet wird, wenn man keine Daten vor und während der Behandlung hat. Die fünf  bis sieben Tage dazwischen, zwischen Ende der Therapie und Probenentnahme, reichen vermutlich aus, um die Keimzahl im schlechtesten Falle auf den Ursprungs wert zurückzubefördern, wenn nicht alle Keime erledigt wurden.

Der Arzt tat das, was am wenigsten zu erwarten war: Er gab zu, dass er so noch nie darüber nachgedacht hatte und auch keine plausiblen Argumente hatten, die dagegen sprechen. Also habe ich meine Probe abgeben können. Das ist mal eine echte Qualität als Arzt. Jetzt fühle ich mich besser. Endlich arbeitet jemand mit mir zusammen an meiner Gesundheit und nicht planlos entgegen aller biologischen Erkenntnisse ohne meine Zustimmung vor sich hin. Wenn jetzt etwas schief geht, bin ich selber Schuld. Und das kann ich viel leichter verarbeiten.

Eine positive Entwicklung. Noch 3 1/2 Tage Antibiose. Ich hoffe, dass es etwas bringt. Es gibt so vieles, dass ich noch tun möchte. Unter anderem einen Prostatitis Guide schreiben und eine verbesserte Methode zur Planung einer Antibiose auf Grundlage von mikrobiologischen Fakten vorschlagen.

Jetzt geniesse ich die paar Stunden mit wenig Schmerzen und hole etwas Schlaf nach.