10.06.2018 – Die Kultur des Miteinanders

Guten Morgen Luke,

Du bist mit Mama draußen, ich bin erschöpft. Wieder ein tag im Liegen. Aber hey, ich bin noch am Start. Immer wieder geht mir durch den Kopf, dass ich meinen Job nicht mehr machen kann und ob ich es schaffen kann, wieder gesund zu werden.

Das viele Liegen und die gesellschaftliche Isolation machen mir zu schaffen und deprimieren mich. Es gibt keinen Menschen in meiner Umgebung, der versucht mir wirklich zu helfen. Dein Mama kümmert sich viel um Dich, aber so wie früher, hat sie noch keine Minute damit verbracht einmal nachzuschauen, was meine Erkrankung eigentlich bedeutet und ob es etwas gibt, was man tun kann. Aber ok, ich weiß, dass sie das nie gelernt hat. Und vielleicht versteht sie nicht, wie ernst die Situation ist. Ich liebe sie sehr, aber oft bin ich trotzdem alleine mit meinen Problemen.

Trotzdem bin ich froh, dass sie sich so gut um Dich kümmert. Obwohl ich traurig bin, dass sie nun alles mit Dir machen kann, das ich immer tun wollte. Wenn ich mich jetzt nicht schone, dann kann ich vielleicht nie wieder gesund werden. Also bleibt mir nicht viel außer die Medikamente zu nehmen und zuzusehen, wie alle anderen ihr Leben leben, an mir vorbei.

Oft frage ich mich, wie ich das alles alleine schaffen kann. Vermutlich lange, aber oft wird es schon knapp. Die Depression, wenn die Schmerzen wieder kommen, trotz allem, das ich versuche, wird immer stärker. Und es ist nicht mal verwunderlich, denn außer meiner Zeit mit Dir, die ich ab  und zu habe, gibt es nichts, das in irgend einer Weise Spaß machen würde. Es gibt wenig Abwechslung, keinen Kontakt mit Menschen, die sich die Mühe machen würden, sich in meinen Alltag herabzulassen. Es gibt Stunden um Stunden des Liegens, so wie damals direkt nach dem Operationsfehler. So wie damals ist niemand da, weil alles andere so viel mehr Freude bereitet. Wie damals, verstehe ich nicht, warum eigentlich keiner sich interessiert. Sobald ich sitzen kann, essen gehen kann, in Kinos, auf Parties gehen, auf Flohmärkten schlendern, in Schwimmbädern lungern, sind alle da und haben jede Menge Spaß mit mir. Aber je länger und schwerer ich krank bin, desto weniger ist irgendwer da. Ich beschwere mich nicht, aber ich stelle es fest. Und ich weiß, dass es einer der Gründe ist, warum ich alle Lösungen für meine Situationen finden muss.

Wie kann ich die Depression bekämpfen? Wie kann ich es schaffen, die Hoffnung nicht zu verlieren? Wie kann ich die ekelhaften und intimen und schmerzhaften und riskanten Behandlungen und Untersuchungen alleine überstehen? Wie kann ich alleine die richtigen Entscheidungen treffen? Dieses Mal muss ich alles noch besser machen. Im Gegensatz zu davor, sind die Chancen schlecht und ich muss sie steigern. Ich muss genau verstehen, was ich habe und was ich tun kann, bevor ich noch mehr Schaden nehme, wenn das überhaupt noch möglich ist.

Wird die Wirkung der Spritze bald nachlassen, wirkt sie überhaupt noch? Wird der Nerv die Entzündung überstehen und sich erholen, obwohl er ein Jahr lang trotzdem belastet wurde?

Es ist 10:30 Uhr morgens und schon befinde ich mich wieder in einer Welt der Ungewissheit. Ich wünscht, ich könnte der sein, der mit dir draußen ist. Mein ganzes Leben habe ich auf Dich gewartet, dafür geplant, ein guter Papa sein zu können. Was soll ich nun tun, mit dem Rest des Tages? Wohin mit meiner Angst? Wohin mit meinen Träumen? Wohin mit meinen Gefühlen?

Würde ich Familie oder Freunde anrufen, würden sie alles herunterspielen, vielleicht irgendwann kurz vorbeikommen, aufgedreht sein oder viel zu ruhig, irgendwas mitbringen, ein paar überoptimistische Floskeln verlauten und sich denken, dass ich zu wehleidig bin und alles irgendwie wieder gut werden wird. Es würde keine richtige Unterstützung geben. Und sehr bald würden alle wieder über kommende Kuchenessen, ihre Hunde und ihre Urlaube sprechen.

Kann es mir also etwas bringen, irgendwen anzurufen oder irgendwen zu sprechen? Die Antwort ist eindeutig: Nein.

Mein Vater hat sich umgebracht und ich kann sehr sicher sagen, dass es absolut niemanden interessiert hat. Oft denken die Menschen, auch weil sie es in Fernsehserien so sehen, dass, wenn ein Mensch stirbt, oder sich gar umbringt, alle viel trauern und diesen vermissen. Die Wahrheit ist, dass diese Phase erstaunlich kurz sein kann. Sobald jemand gestorben ist, gibt es ein Ritual, sehr kurz: eine Beerdigung, einen Leichenschmaus, standardisiertes gemeinsames Erinnern. Fast unmittelbar sind alle wieder zurück in ihrem Leben, zu dem der verstorbene nicht mehr gehört und nie wieder gehören wird. Er ist schneller vergessen, als man sich vorstellen kann. Bereits nach wenigen Tagen hat niemand mehr darüber nachgedacht, dass ich meinen Vater verloren habe, dass mein Vater sich entschlossen hatte sein sein eigenes Leben zu beenden, während ich in der Schule gesessen habe. Nicht nur hat jeder Verantwortliche meinen Vater so sehr vernachlässigt, dass es gar keiner mitbekommen hat, dass er diesen Plan hatte. Auch nach seinem Tod, waren alle anderen Dinge sofort wieder wichtiger.

So wie das gelaufen ist, läuft es auch seit jeher mit meiner Gesundheit. Nein, es bringt nichts, wenn ich jemanden anrufe, mit jemandem spreche. Erstens hört niemand zu und zweitens reagiert niemand auf die Situation. Vielmehr schreiben alle die Realität in ihren Köpfen so lange um, bis sie, wie mit meinem Vater, einen unschönen Schwenk nimmt und etwas furchtbares geschieht, das alle kurz betrauern und dann mit viel Übung ignorieren. Es läuft unter dem Motto: „Oh das ist so schrecklich! Aber das Leben muss weiter gehen!“

Aber welches Leben eigentlich? Das Leben aus Arbeit, eigener Familie und eigenen Träumen, das auf einmal so gar nichts mehr mit dem Menschen zu tun hat, der weg oder kaputt ist. Warum? Weil aus dem verstorbenen oder kranken Menschen kein persönlicher Vorteil mehr zu gewinnen ist. Weder Spaß noch Geld oder Gelegenheit. Er kostet Kraft, so denken zumindest viele, denn es gibt keine Kultur des Miteinanders in unserer schnelllebigen Gesellschaft, in der wir schon als Kinder lernen, dass kranke, alte und auch tote Menschen, keinen Anteil an unserem Alltag haben. Dass sie in Kranken- und Altenhäusern und auf Friedhöfen, die wir nie besuchen, verkommen. Mit etwas Glück, wenn sie noch leben, durchkommen. Alleine. Und dann freuen wir uns wieder, wenn sie gesund sind und gratulieren ihnen, so als wären wir immer für sie da gewesen. Oder als würden wir wissen, was sie erlebt, gefühlt und durchgemacht haben. So als hätte aber nie eine andere Option bestanden, als dass am Ende alles gut geht. Denn oft ist unsere Rechnung so: „Was ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass jemand kaputt geht oder stirbt? Für mich persönlich ist es besser, das Risiko einzugehen und statt in den Menschen zu investieren, in meine Familie, meinen Job, meinen Urlaub, mein Kuchenessen zu investieren.“ Manchmal ist es dieses eine Familienfest, auf dem man noch einmal angeben möchte oder noch einmal die Idee der eigenen Großartigkeit, die wir als Kinder eingeimpft bekommen, unter die Leute bringen möchte. Sich noch einmal integriert oder gar überlegen fühlen. Den anderen zeigen, wie einzigartig und erfolgreich man ist. Bewundert werden. Das alles erscheint so viel wichtiger, als gemeinsam mit den kranken und gebeutelten seinen Alltag zu planen, und etwas stabiles und echtes zu erschaffen, Leben zu verbessern, die dringend einer Besserung bedürfen.

Die Kultur unseres Miteinanders beschränkt sich oft auf eigene Ziele, auf alles, was lustig und amüsant ist. Aber in diesem Lustigen und Amüsanten liegt eine schwere Leere, die die Abwesenheit der Entschleunigung und herzlicher Verantwortung füreinander in unsere Leben einkehren lässt. Genau genommen, sind unsere Leben vermutlich leerer und bedeutungsloser, als die eines indigenen kleinen Stammes. Wir leben vielleicht länger, studieren und haben technisches Gerät, aber ich habe kaum jemanden gesehen in unserer Gesellschaft, der wirklich glücklich war, der das Gefühl hatte in seiner menschlichen Natur erkannt zu sein und ihr gerecht zu werden.

Die Kultur unseres Miteinanders hat entweder nie existiert oder wir haben sie verloren. Sie wurde übernommen von der Idee, besser zu sein, als andere. Mehr zu besitzen. Mehr zu tun. Mehr Anerkennung zu erfahren.

Manchmal möchte man rausgehen und rufen: „Stop! … Stop! Hört auf zu arbeiten, hört auch Achterbahn zu fahren, hört auf Urlaube zu planen, hört auf neue Technologien zu konsumieren. Bleibt stehen, dreht um, besucht Eure Großmutter, den kranken Freund, sprecht mit Eurem Kind. Wozu all dieses nutzlose Streben nach bedeutungslosen Dingen, die uns als wertvoll verkauft werden, damit sich andere an unseren Ressourcen bereichern können?“

Unsere Kultur des Miteinanders ist fast nicht existent. Und deshalb fühle ich mich in dieser Situation allein. Deshalb habe ich fünf Jahre nach dem Operationsfehler immer noch diese schweren Probleme, obwohl sie schon vor mindestens vier hätten gelöst werden können, hätte jemand sich wirklich dafür interessiert.

Als Kind habe ich gerne Zeit mit alten Menschen verbracht, mit ihnen gesprochen, von ihnen gelernt. Kranke Menschen haben mir keine Angst gemacht. Tote Menschen waren nicht einfach fort aus meinem Leben, sondern ich habe an sie gedacht, sie immer noch gefühlt.

Was ist aus uns geworden, durch Schule, Studium und Beruf? Durch den endlos bestehenden Vergleich und die Frage: „Bin ich besser als dieser und jener Mensch?“

Wenn ich gesund werde, will ich zurück dorthin, wo ich her gekommen bin. Als Kind, als ich noch ein Mensch war, der dachte, dass das Miteinander der wahr Grund ist, warum wir zusammen leben.

10.06.2018 – Empfehlungen für Serien :)

Hallo lieber Luke,

Du schläfst in Deinem Bettchen, nachdem wir die ganze bisherige Nacht gekuschelt haben, während der Ventilator uns auf eine annehmbare Temperatur gekühlt hat. Ich bin aufgewacht und habe angefangen nachzudenken. Ich liege nun seit viele Monaten. Auch jetzt, in meinem Bett im anderen Raum, einem IKEA-Klappsessel, der zu einer Liege umgebaut werden kann und es dauerhaft ist. Darüber habe ich mit einem Monitorarm den Monitor angebracht, als eher kläglichen, aber funktionalen Ersatz für meinen Schreibtisch, an dem ich sonst in so einer Situation früher so gerne und stundenlang gesessen habe, programmiert, geschrieben, gespielt habe. SO sind alle Kabel gut verstaut und Du kannst in Ruhe herumkrabbeln. Der Monitor verschwindet ganz einfach an der Wand, wenn ich ihn nicht brauche. Ich schaue eine Serie, während ich schreibe: Madam Secretary

Im letzten Jahr und im dauernden Liegen, habe ich so ziemlich alle Serien gesehen, die es gibt. Obwohl mich eigentlich keine davon wirklich interessieren würde, wenn ich stattdessen noch selbst Politik oder meine Selbsthilfegruppe oder Dinge für meine eigene Firma machen könnte. Aber nunja. Welche guten Serien habe ich gesehen? Welche würde ich Dir empfehlen?

  • Atlanta
    • Zeitgemäßer, cleverer Humor, beginnt ernst, wirft viele kluge Fragen auf
  • Monk
    • Sympathisch, witzig, nicht immer authentische Darstellung der Psychologie, aber eine gute Annäherung an das Leben eines Neurotikers mit Angststörung und andererseits gewissen Begabungen
  • Rectify
    • Tiefgründigste Serie, die ich bis jetzt gesehen habe, unfassbar detaillierte und zutreffende Darstellung von Isolation, in diesem Fall durch Haft, die mir sehr bekannt vorkommt, aus meiner Kindheit, und die weh tut, gleichzeitig unsere menschliche Natur, mit allen Stärken und Schwächen, zeigt. Schauspielerisch bleibt nichts zu wünschen übrig. Die langsame Entwicklung der Handlung und die fast quälende Schweigsamkeit der Hauptfigur, führt zu einem interessanten Ende und lässt einen mit dem Gefühl zurück eine bewusstseinserweiternde Reise hinter sich zu haben, die sich mehr als gelohnt hat.
  • The Wire
    • Spannend, zeigt soziale Konflikte auf
  • Homeland
    • Nicht immer realistisch, aber absolut spannend, mit einigen interessanten Einblicken in potentielle Hintergründe politischer Konflikte
  • The West Wing
    • Schöne Serie, um abzuschalten, nicht unbedingt tiefgründig, aber mit sympatischen Charakteren und einigen guten Schauspielern, weniger pompös, als modernere amerikanische Präsidentenserien
  • The Americans
    • Etwas oberflächlich aber interessant dadurch, dass man eigentlich beide Seiten, die russischen und amerikanischen Spionageabteilungen und Familien, gleichermaßen verstehen und mögen kann, was keine andere Serie jemals so gut geschafft hat. Die Frage, warum die Fronten bestehen, drängt sich einem durch die Zeichnung der Fronten und den persönlichen Lebensgeschichten der Familienangehörigen auf interessante und angenehme Weise auf.
  • Coupling (UK-Version)
    • Am besten im Original sehen, auf English, einfach nur lustiger, extrem cleverer Humor mit super Schaupielern, garantiert lustig!
  • IT-Crowd
    • Coole Schauspieler, clever und lustig, nicht so gut wie Coupling, aber sehr charmant mit einigen absoluten Highlights
  • Madam Secretary
    • Endlich mal eine Frau in der Hauptrolle einer Machtposition im weißen Haus. Die meisten Charaktere sind gut ausgearbeitet und sympatisch. Die Handlung ist nicht immer nur realistisch gehalten, aber meistens realitätsnah. Die Rolle des Ehemanns als CIA-Agent, wirkt überzeichnet und unnötig, obwohl sie Spannung mitbringt. Ansonsten hat die Serie eine angenehme Geschwindigkeit und eine gute Hauptdarstellerin.
  • Orange is the new Black
    • Nicht unbedingt eine sehr tiefgründige Serie, oft zu gewaltvoll und wenig realistisch, aber irgendwie trotzdem spannend, muss man aber auch nicht unbedingt gesehen haben
  • Designatged Survivor
    • Interessante, spannende Handlung, unrealistisch, aber manchmal darfs ja auch etwas abgefahren sein. Kiefer Sutherland spielt die Hauptrolle gut, aber man hat sich irgendwie trotzdem an seiner immer gleichen Art sattgesehen.
  • Prison Break
    • Viele folgen, natürlich total unrealistisch, aber durchaus spannend
  • Lie to Me
    • Ziemlicher quatsch, aber interessantes Thema der Mikrogestik
  • 24
    • Wieder Kiefer Sutherland, unrealistisch, dafür um so länger, durchaus spannend, manchmal etwas dämlich, gut um viel Zeit zu überbücken
  • Die Brücke
    • Nicht Hollywood, etwas creepy, wenige Folgen, spannend

So, vielleicht ist das ja irgendwann etwas, an dem Du auch etwas Freude finden kannst. Dein Auge ist im Moment wieder entzündet. Wir bekommen es nicht so richtig unter Kontrolle. Es sieht oft eitrig und rot aus. Wir haben schon zwei mal Antibiotika gegeben. Am Montag gehen wir wieder mit Dir zum Arzt. Ich hoffe, Dir wird es bald besser gehen. Vielleicht muss der Tränengang etwas behandelt werden.

Vielleicht gucken wir einige der Serien später zusammen.

Als ich vorhin im Bett lag, war ich sehr traurig. Das dauernde Liegen erschöpft mich mehr, als man denken würde. Ich sehne mich nach meinem Schreibtisch, einem Kino, einem Schaukelstuhl auf dem Balkon. Die Schmerzen sind so erstmal erträglich. Ich hoffe, dass es besser wird, Stück für Stück. Niemand in meiner Umgebung versucht sich wirklich in meine Situation hinein zu versetzen. Etwas, das ich immer versuche.

Dir hier zu schreiben, auch mal über etwas total banales, fühlt sich irgendwie super an. Du bist süß, wenn du schläfst. Vielleicht bin ich so fit heute, dass ich mit Dir nachher rausgehen und etwas unternehmen kann. Etwas Kleines, damit meine Genesung nicht aufs Spiel gesetzt wird. Zumindest die wenigen Chancen, die ich damit noch habe, will ich nicht verspielen. Aber wenn wir kurz rausgehen und herumfahren, mit deinem Wagen, vielleicht ein bisschen in den Wald oder einen Park, das wäre schön.

Ich liebe Dich und freue mich auf einen neuen Tag mit Dir.

Dein Papa

 

 

09.06.2018 – Die viel zu späte Diagnose, meine Oma und das Ungewisse

Lieber Luke,

Du bist gerade mit Mama unterwegs, draußen im Schwimmbad. Ich kann nicht mitkommen, weil ich ja nicht sitzen kann und versuchen muss gesund zu werden.

Vor zwei Tagen bin ich ins Beckenbodenzentrum gegangen, wo mich endlich, nach vielen Jahren, jemand ernst genommen hat. Ich wurde untersucht und nun ist sicher, dass meine Nerven im Beckenboden die ganze Zeit entzündet waren. Das ist sehr schlecht. Es erklärt auch, warum ich so viele Schmerzen hatte.

Du warst mit Mama in der PIA, bei ihrem Arzt. Ihr habt mich danach abgeholt. Du hast sehr süß geschlafen und ich habe viel geweint. Nachdem man mir einen Pudendus-Block auf beide Seiten gegeben hatte, hatte ich endlich für eine Weile kaum Schmerzen und konnte seit langem wieder sehr klar denken.

Jetzt muss ich viele Medikamente nehmen, absolute Ruhe halten, Physiotherapie machen, Entspannungsübungen für das Becken, Osteopathie, …

Im Moment habe ich wenig Schmerzen, aber ich weiß nicht, ob und wann sie wiederkommen. Vorhin haben wir zusammen im Bett gelegen und gekuschelt, während Du geschlafen hast. Morgens waren wir draußen. Endlich konnte ich wieder mitkommen und bei Euch sein. Ich habe Euch so vermisst und die Zeit mit den Schmerzen, drin, war so hart. Hart, weil ich manchmal gar nicht mehr wahrnehmen und reagieren konnte, weil die Schmerzen mich vollkommen von meiner Umwelt abgeschnitten haben.

Ich habe große Angst davor, dass sie wieder kommen. Ich will Deine Mama und Dich nicht wieder verlieren. Wenn ihr da seid und ich nur daliegen und nicht mit Euch zusammen leben kann, bin ich oft sehr sehr traurig.

Dass es fünf Jahre gedauert hat, seit dem Krankenhausunfall, bis jemand, oder vor allem auch ich selbst, mir geholfen hat, erscheint mir unerklärlich. Ich habe so gekämpft, aber meine Familie, meine Freunde, die Ärzte, kaum jemand hat mir nennenswert geholfen oder wirklich überlegt, was ich haben könnte. Die Lösung war so einfach. Man hätte nur meine Symptome googlen müssen, aber oft war ich zu fertig oder habe den unsinnigen Meinungen der Ärzte geglaubt.

Ich bin aufgewacht und ich musste weinen, weil der Schmerz fast weg ist und weil ich mir so sehr wünsche, dass ich für Dich da sein kann. Ich möchte nicht, dass Du so viel leiden musst, wie ich es musste. Dass Du ohne Vater aufwachsen musst wie ich, oder mit einem kranken Vater. So sehr wünsche ich mir, dass ich wieder gesund werden kann, trotzdem der Nerv so kaputt gegangen ist und es sich um einer sehr anstrengende und schwer zu heilende Verletzung handelt.

Jeden Tag mache ich nun meine Beckenbodenübungen. Nehme Magnesium, Vitamin B12, Folsäure, Ibuprofen, und vieles mehr. Das Kortison in den Pudendus-Blocks hat vielleicht gewirkt, aber hat der Nerv dauerhaften Schaden genommen?

Wie sehr wünschte ich mir, meine Welt würde nur aus Eisessen, Parkbesuchen und gemeinsamem Spielen mit Dir bestehen.

Vor allem für Dich. Jetzt verstehe ich oft, was meine Großmutter mit mir gemacht hat, als sie mit ihrem Darmkrebs ausgiebig mit mir verreist ist, mich gekuschelt hat und mich andauernd bekümmert hat in liebevoller Weise. Sie wollte mir etwas mitgeben, weil sie wusste, dass ich es brauchen würde. Sie wollte mir eine Grundlage geben, ein Gefühl, dass ich geliebt werde oder wurde. Es ist ein Gefühl, dass mich mehr getragen hat, als jedes andere. Es hat vielleicht nicht gereicht, um gegen das Chaos und die Wut in meiner eigenen, ursprünglichen Familie anzukämpfen, gegen die Kälte und emotionale Verwahrlosung, der ich so lange ausgesetzt war.

Aber sie hat mich bis hierhin getragen, zu Dir, zu Deiner Mama, selbst wenn ich so zerfetzt bin in diesen Zeiten. Sie hat mir die Kraft und den Mut gegeben, nicht aufzugeben, selbst wenn alles hoffnungslos erscheint oder wenn ich inmitten einer hirnlosen Meute meiner alten Verwandtschaft und gedankenloser Freunde keine Liebe erfahre, keine Aufmerksamkeit bekomme. In diesen Zeiten, in denen ich so viel Hilfe bräuchte und vor allem gebraucht hätte, emotionale und ganz praktische im Alltag, bleibt mir oft vor allem die Erinnerung an meine Großmutter und die schöne Zeit, die wir zusammen im Sommer im Bett gekuschelt haben, im Zoo gewesen sind und miteinander gekocht und Rehe gefüttert haben.

Jetzt erinnere ich mich daran, mehr denn je. Plötzlich, vor allem ohne die Schmerzen, verstehe ich, was und wie meine Oma das damals gemacht. Sie hat es so gemacht wie ich jetzt. Trotz der Schmerzen, Trotzdem sie Angst hatte nicht immer für mich da zu sein, hat sie die Bindung angenommen und die ersten Sechs Jahre meines Lebens dafür gesorgt, dass ich echt Liebe erfahre.

Als sie gestorben ist, war ich so traurig, dass ich bis ich Zwölf Jahre alt war, kein Radio oder traurige Musik mehr hören konnte. Die Gefühle, die es in mir erzeugt hat, habe ich nicht ausgehalten. Vor allem deswegen nicht, weil niemand mit mir zusammen über den Tod meiner Großmutter gesprochen hat. Meine eigene Mutter mochte ihre Mutter, die ja nun mal meine Oma war, nicht besonders. Ganz genauso, wie das auch mit meinem Vater war, einige Jahre bevor er sich umgebracht hat. Meine Mutter vermisste ihre Mutter nicht sonderlich und obwohl wir ab und zu zu ihrem Grab gingen, hat meine Mutter eigentlich nie wirklich um sie getrauert. Sie hat auch niemals bemerkt, wie sehr ich getrauert habe, weil sie mich nie gefragt hat, was ich fühle. Weil sie sich auch nie dafür interessiert hat, was ich fühle. So wie sie es heute immer noch nicht tut.

Ich war ganz alleine, denn auch mein Vater hat eigentlich nie wirklich mit mir gesprochen oder sich viel für meine Gefühle interessiert. Erst als ich viel älter war, konnte ich selbst anfangen zu verstehen, was mit meiner Oma passiert war und dass es OK war, dass ich sie so vermisste und traurig war. Irgendwann konnte ich Radios wieder anschalten und anlassen, konnte ich wieder Musik hören, aber bis heute tut es mir weh, dass niemand außer mir sie vermisst hat und dass ich mit meiner Traurigkeit ganz alleine war, genauso wie mit der Traurigkeit um meinen Vater.

Natürlich weiß ich, dass, sollte ich eines Tage sterben, weder meine Mutter noch meine Schwestern mich wirklich sehr vermissen würden. Aus irgendeinem Grund fühlen sie zwar den Verlust, aber sie haben keine wirkliche Bindung zu mir und sie haben eigentlich zu kaum jemandem eine wirkliche Bindung. Warum auch immer, wenn mein Vater gestorben ist oder ich sterben würde, gäbe es eine sehr kurze Phase eines „Aha, oh, naja, das ist ja so furchtbar“ und danach würde ihr Leben vollkommen ungehindert und unverändert weitergehen.

Und genau deshalb liege ich nun alleine hier, versuche zu retten was zu retten ist. Und ja, das ist harte Arbeit. Arbeit die Disziplin erfordert, Ausdauer, Leidensfähigkeit, eine ungeheure Portion an Optimismus und guter Selbstorganisation. Ich schufte also wie ein wildes Arbeitstier für unsere gemeinsame Zukunft, oder zumindest einen Teil von dem, was sie noch bringen kann. Vielleicht werde ich nie wieder sitzen können. Vielleicht werde ich lange kämpfen müssen, um kleine Dinge zurückzuerobern. Vielleicht werde ich scheitern. Vielleicht, mit viel Glück, werde ich irgendwann wieder mit deiner Mama in ein Restaurant gehen können. Mit noch mehr Glück ein kleines Geschwisterchen für ich bekommen können. Alles ist Ungewiss.

Der Job ist erstmal auf Eis gelegt. Finanziell bleibt uns nicht viel, obwohl deine Mama und ich, wären wir gesund geblieben, zusammen locker hätten 10.000 Euro Bruttogehalt pro Monat heimbringen können. Nun leben wir von ihrer kleinen Rente und meinem Krankengeld. Egal, wir schaffen alles. Wir haben unsere kleine Wohnung und wir brauchen an sich nicht viel.

Dein Aquarium habe ich nun noch fertig eingerichtet. Ich hoffe, eines Tages können wir gemeinsam in den Aquarienladen gehen und das sehr artgerechte kleine Aquarium zusammen pflegen.

Vielleicht ist es wichtig für Dich zu sehen und zu fühlen, dass ich da bin und niemals aufgebe. Dass ich mich nicht hängen lasse, selbst wenn ich manchmal alleine weine, oder mit deiner Mama, damit ich meine Gefühle neu sortieren und neue Kraft sammeln kann.

Die Ärztin meinte, wir bekommen das wieder hin, aber na klar, nachdem ich so lange keine Behandlung bekommen habe, bei so einer ernsten Sache, ist alles irgendwie ungewiss. Im Krankenhaus, im Enddarmlabor – wer möchte da schon sein! – musste ich nach der Behandlung vorgestern weinen. Ich habe an Dich gedacht, an unsere Familie und an alles, was kommt oder vielleicht auch nicht. Ich liebe Dich mein Sohn. Du bist ein lieber und kluger Kerl. Anders als mein eigene Vater, möchte ich bei Dir sein und Dir Sicherheit und Liebe schenken, damit Du mit gesunder Neugier in die Welt starten kannst, ohne Dich um mich oder uns zu sorgen.

Es fühlt sich gut an, das alles aufzuschreiben. Und oft frage ich mich, ob und wie wir es eines Tages zusammen lesen werden. Selbst wenn Du es alleine liest, sei nicht nur traurig oder wütend. Ich liebe mein Leben. Anders als mir in meiner Familie oft vorgeworfen wurde, bin ich nicht sehr pessimistisch, sondern selbst jetzt noch sehr optimistisch. Ich habe den Tumor überstanden, der fünf Jahre in meinem Kopf war, oder die Zeit, in der ich nicht mehr essen konnte. Die Zeit in der Psychiatrie, als Erinnerungen an Missbrauch und Gewalt mir meinen Verstand genommen haben, und als ich so sehr dafür gekämpft habe, dass wir Dich bekommen können. Ich bin optimistisch, weil ich selbst in den schlimmsten Situationen, deren eigentliche Brisanz sich für viele manchmal erst in der richtigen Diagnose oder nach sehr langer Zeit  offenbart, nicht aufgebe.

Ich schreibe, ich kuschele, ich weine, ich zeichne, ich arbeite, ich besuche Ärzte, ich recherchiere, ich kämpfe, ich Ruhe mich aus, ich lache, ich lese vor, ich streichle, ich habe Wünsche, habe Träume, gehe zur Therapie, zur Physio, zu allem was geht, ich liege und liege und liege, ich halte Schmerzen aus und erfreue mich der kleinen schmerzlosen Inseln, die ich alle paar Tage noch genießen kann.

Ich habe Angst, aber ich stelle mich ihr.

Ich habe Angst, Dich zu verlieren, aber ich bin für Dich da.

Ich habe Angst, dass die Schmerzen wiederkommen und ich wieder zu jemandem werde, der nicht ich bin, aber ich mache mich bereit und wappne mich, um immer und immer weiter zu kommen.

Du bist mein Sohn und ich sehe in Dir schon jetzt vieles, was mir in meinem Leben Chancen aber auch Probleme bereitet hat. Du bist schneller in Deinem Kopf, als viele andere. Du lernst sehr, sehr schnell, aber Du bist auch empfindsam. Tapfer und mutig, aber auch empfindsam. Du brauchst ein stabiles System und du magst ruhige Menschen, die Dich wahrnehmen. Du kuschelst gerne und fühlst gerne vertraute Menschen. Aber wer tut das alles nicht? 🙂 Ich will für Dich da sein, so gut ich es kann. Mehr geht ohnehin nicht. Sicherlich, habe ich viele Fehler gemacht, hätte mich in vielen Situationen viel mehr schonen müssen. Ich hätte vieles besser machen können. Du bist da. Ich bin es noch und plane es zu bleiben. Deine Mama ist da. Wir lieben Dich und vielleicht musst Du irgendwann so stark sein, wie ich es sein musste. Aber eins ist sicher, Du wirst niemals eine Mama haben, die Dich misshandelt. Du wirst niemals einen Papa haben, der aufgibt und Dich alleine lässt. Du wirst hoffentlich wissen, dass du wertvoll bist, wie alle Menschen es an sich sind. Dass Du ein gleichwertiger Teil der Gesellschaft sein kannst, ganz ohne etwas leisten zu müssen. Dass Deine Gefühle wichtig sind und dass du lieben darfst.

Gleich werde ich noch einmal meine Übungen machen. Die Schmerzen sind unterschwellig noch wahrzunehmen. Ich versuche mein neues Leben zu akzeptieren, dass immer noch mein altes sein könnte, wenn nicht fast alle Menschen, die ich kenne, sich kaum für meine Geschichte und meine Gefühle interessiert hätten.

Wenn Du nachher wiederkommst, hoffe ich, dass ich mit Dir rausgehen kann. Jede Minute mit Dir ist eine Freude, vor allem, wenn ich so wenig Schmerzen habe, dass ich Dich richtig wahrnehmen kann und richtig mit dir interagieren.

Ich schreibe Dir wieder, wenn ich Zeit und Kraft finde.

Sei nicht traurig, ich bin es nur ab und zu. Es ist großartig, dass ich bis hierhin schon gekommen bin, und dass ich Dich kennen lernen konnte. Das allein ist die ganze Reise wert gewesen. Ich freue mich, wenn ich es schaffen kann Dir irgendwann in der Zukunft zu schreiben, dass ich gesund bin oder es mir besser geht.

Ich gebe nicht auf. Ich liebe Dich.

Dein Papa

06.06.2018 – Schuften, Termine, Therapie

Hallo Luke,

Heute war ich arbeiten, im stehen, wie immer. Trotz der Schmerzen habe ich einiges geschafft und obwohl drei Leuten in der Probezeit gekündigt wurde, haben sie mich behalten, obwohl ich so krank bin. Immerhin etwas ist geschafft.

Nachmittags bin ich dann zur Therapie und habe mit der Therapeutin meine Krankengeschichte aufgearbeitet. Hat mich 100 Euro gekostet. Aber was tut man nicht, um gesund zu werden?

Zwischendurch habe ich einen Termin gemacht für die Vorbesprechung zur Hand-OP. ich hoffe, dass alles gut sein wird und der Tumor einfach entfernt werden kann, ohne weitere Probleme.

Morgen früh muss ich zur Zahnchirurgin und Nachmittags ins Beckenbodenzentrum. Dazwischen arbeiten …

Abends bin ich vorhin mit dir rausgegangen, habe dir heute inmitten der Termine einen Bagger und Buddelzeug gekauft, mit dem wir dann gespielt haben. Es hat dir Spass gemacht und danach sind wir noch um die Häuser gezogen mit dem Kinderwagen, bis du Müde wurdest. Wir haben uns mit dem Kioskbesitzer unterhalten und der Frau, die die Blumen auf dem kleinen Platz hier pflanzt.

Ich hoffe, dass alles gut wird und wir noch viel Zeit zusammen haben. Deine Mama ist sehr lieb zu Dir. Heute war sie mit Dir eine Freundin besuchen, die auch ein Baby hat. Ihr konntet dann zusammen etwas spielen. Ich bin froh, dass Du eine Mama hast, die so lieb und geduldig ist und so viel Zeit für Dich hat. Es gäbe keine bessere, trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihrer Behinderung. Sie weiß, wie wichtig es ist, dass sie einfach für Dich da ist und für Dich sorgt. Ich habe euch beide sehr lieb.

Langsam wirst Du müde und Mama bringt Dich gleich hierher ins Schlafzimmer, wo ich mit dem Notebook im Bett liege und Dir schreibe. Dann lesen wir Dir wie jeden Abend etwas vor und bringen Dich ganz in Ruhe und mit viel Zeit ins Bett. Manchmal spielen wir noch im Bett, bis du müde wirst und von alleine die Augen zu machst.

Ich freue mich, dass Du nicht alleine bist und mit uns zusammen einschlafen und aufwachen kannst.

Jetzt mache ich erstmal Schluss mit Schreiben. Morgen kaufe ich kleine Zwerggarnelen für dein Aquarium. Ich denke die kann man ziemlich Artgerecht darin halten. Sie sind winzig, nur einen oder zwei Zentimeter groß. Vielleicht gehen wir zusammen ins Aquariengeschäft.

Bis morgen

Dein Papa

01.06.2018 – MRN, Analyse von Zugreisenden und das Baby

Zuviel Zeit ist vergangen, ohne dass ich schreiben konnte. Wöchentlich zwei, drei, manchmal sogar fünf oder sechs Arzttermine oder Untersuchungen.

Dem Baby aber gehts sehr gut. Es entwickelt sich hervorragend, ist in allem deutlich schneller als es sein sollte. Es lacht so gut wie jeden Tag und ich investiere jedes bisschen Energie in das Baby, neben Arbeit und Arztbesuchen. Diese Texte schreibe ich auch für ihn, damit er, auch falls es mir eines Tages noch schlechter geht, nachvollziehen kann, was ich erlebt habe. Für meinen Vater hatte ich dies nie und es hat viele Fragen offen gelassen.

Deshalb auch hier ein Gruß an Dich Luke. Du bist ein super Baby und auch wenn ich manchmal sehr traurig oder am schuften bin, um alles auszuhalten und gesund zu werden, bin ich sehr froh, dass ich meine Zeit auch mit Dir verbringen kann. Jeder Tag, den ich mit Dir verbringe, ist ein guter Tag, ganz egal, ob ich Schmerzen habe oder nicht. Ich versuche so viele ich kann davon aneinander zu reihen. Und ich versuche Dir Sicherheit und eine Menge Spaß zu geben. Ich glaube, bisher hat es geklappt. In Zukunft werde ich diese Briefe Dir widmen. Dies ist die sinnvollere Weise zu schreiben, denn mein Vater ist bereits lange tot und Du hast ein ganzes Leben vor Dir. Wenn ich jemandem schreiben sollte, dann Dir.

Ein Jahr lang kann ich nun schon nicht sitzen und lebe jeden Tag mit starken Schmerzen. Arbeiten geht nur halbtags und im stehen. Konzentrieren ist mittlerweile schwerer, die lange Krankheit hat mich sehr gefordert und meine Reserven sind deutlich reduziert.

Heute fahre ich nach Hamburg, um für 800 Euro eine Neurographie machen zu lassen. Es ist eine der letzten sinnvollen Dinge, die ich tun kann – und viel zu spät. Im MRN können Nerven dargestellt werden, auch wenn es für die Nerven im Beckenboden schwierig ist.

Die Zugfahrt nach Hamburg und zurück nach Berlin muss ich natürlich stehen. Aber es sind ja zum Glück nur zwei Stunden in jede Richtung. Dennoch fordert es mich.

Heute morgen musste ich weinen, weil ich mir so sehr wünsche, dass ich voll und ganz für Dich da sein kann. Mama freut sich immer, dass Du mich offensichtlich so sehr mag, aber für mich ist es zusätzlich oft auch traurig, wenn ich bei Dir sein will und mich vor Schmerzen an manchen Tagen kaum bewegen oder mich nicht auf Dich konzentrieren kann.

Anders als mein Vater bin ich nicht bereit aufhören daran zu arbeiten für Dich da zu sein. Im Moment ist es mein einziges Ziel.

An das Leben in MRT- und CT-Röhren habe ich mich leider schon gewöhnt. Die Belastung durch Kontrastmittel und Strahlung muss ich immer wieder in Kauf nehmen. Der Tumor an meiner Hand ist im Moment eher sekundär. Auch hierfür brauche ich demnächst ein MRT.

Ich bereue es nicht, dass ich keinen Kontakt mehr mit meiner Familie habe. Ohne Sie, und das ist schwer zu erklären, weil es viel Zeit braucht, wäre ich nie in der Situation, so schwer krank zu sein. Seit ich meine Familie nicht mehr sehe, fühle ich mich endlich nicht mehr irritiert durch die Selbstsucht, den Amüsierwahn und die tägliche emotionale Gewalt. Mittlerweile bezeichne ich diesen Zustand als Arroganz der Gesunden. Oder besser als Arroganz der nie-krank-gewesenen.

Was ich vermisse ist eine Familie, die ich nie hatte. Eine Familie, mich unterstützt, mich anhört, zusammen einen gemeinsamen Alltag gestalten kann. Eine Familie, die mir hilft, wenn andere mich angreifen oder Ärzte mich kaputt machen, nur weil ihr Budget aufgebraucht ist oder sie mir nicht glauben. Eine Familie, die sich genauso für die Themen interessiert, die mich bewegen, und für meine Wohlbefinden, wie ich es für sie oft bereit war zu tun.

Jetzt stehe ich im Restaurant des Zugs und mir tut mein Po sehr weh. Selbst im stehen. Ich stehe bereits seit einer Stunde und es werden noch viele weitere. Vielleicht kann ich mich nachher hinhocken. Es tut weh, aber ich muss diese Reise machen, um eine Chance zu haben, dass endlich jemand irgend etwas findet, auch wenn das dann nichts gutes wäre, aber wenigstens könnte ich dann mit der richtigen Diagnose die richtige Behandlung bekommen und die Menschen könnten mir endlich nicht mehr nicht glauben.

Immerhin habe ich in dem gesamten Jahr nicht aufgehört zu kämpfen. Ich habe mir viel Mühe gegeben, um alles das zu verhindern.

Das MRN wird eine Stunde dauern. Aber das ist kein Problem. Ich werde einfach eine Stunde lang still liegen. 40 Minuten habe ich schon oft geschafft. Ich hoffe, dass Du nie oder erst als Großvater in diese Röhren musst.

Langsam füllt sich das Bord-Restaurant. Auch Reisende sind oft verwirrte Menschen. In unserer Gesellschaft gilt es als mondän zu reisen, obwohl es eigentlich mittlerweile eine sehr plumpe und wenig reflektierte Sache ist, die fast schon billiger sein kann als ein einfacher Kinobesuch. Viele sind Stolz, werfen sich in Schale, flanieren durch die Gänge und reden lautes Gemurmel. Dazwischen vereinzelte demütige und zurückhaltende Menschen, die einfach nur von A nach B möchten. Heute zähle ich sicherlich zu Letzteren. Früher auch zu ersteren. Sehen und gesehen werden. Endlich einmal wahrgenommen werden. Der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz kurz entkommen, indem man das Gefühl halt ein besonders beschäftigter und angesehener Reisender zu sein. Reiseunternehmen, Bahn und Fluggesellschaften nutzen dieses Image schon lange, um Reisende zu locken. Kunden lassen sich bereitwillig locken.

Allein meine Familie, und zum Beispiel die Freundinnen meiner Schwester, die durch die Welt jetten, wie hirnlose Zombies, auf der Jagd nach dem eigenen Image als reiseerfahrene, lebensbejahende und aktive Frau. Eigentlich möchten, glaube ich, oft nur eigene Kinder haben und eine Familie, einen weniger nervigen Job und Anerkennung, Aufmerksamkeit von den Menschen, die sie lieben. Sie sehen in der Werbung oder in Filmen all die ganzen jungen Frauen, gespielt von Schauspielerinnen, die cool und erfolgreich sind und die Welt erobern. In Wirklichkeit denke ich, dass sie sich nach der Einfachheit des Lebens sehnen, nach den Grundbedürfnissen, die in einer schnelllebigen und – entgegen aller „We Love You“ Werbung –  wenig emphatischen Gesellschaft oft nicht einmal ansatzweise bedient werden.

Der Zug fährt und mein Akku sinkt auf 13%. Die Stadt wird zur Vorstadt und bald zum Land. Alle um mich herum sitzen. Gleich werde ich den Rechner zuklappen und mich ein wenig in das Zwischenabteil setzen.

Eine mir bekannte Person habe ich ignoriert, da ich keine Lust hatte mit ihr zu sprechen. Sie ist die Freundin einer ehemaligen Freundin, aber was hätte ich ihr schon zu erzählen? Ich mag sie nicht besonders, habe aber auch keine Antipathie. Sie ist einfach jemand, der für mein Leben im Moment keine Relevanz hat und ich brauche meine Energie heute für viele andere Dinge. Ihr Leben ist ohnehin vermutlich sehr anders als meins.

Ich schreibe Dir später wieder, wenn ich kraft dafür habe. Ich hab Dich sehr lieb Luke und ich wünsche mir, dass wir beide noch viel schöne Zeit zusammen verbringen können.

Bis bald,

Dein Papa

13.01.2017 – Lieber alleine als unter Idioten

Das MRT hat nur die Entzündung gezeigt, die ohnehin schon bekannt ist. Mittlerweile kann ich nicht einmal mehr mit dem Sitzring sitzen.

Zurück in meinen Job kann ich also nicht. Die täglichen Schmerzen machen mich fertig, trotzdem ich schon so vielgewöhnt bin, sind diese Schmerzen sehr fies.

Meine Realität hat mittlerweile gar nichts mehr mit der Realität meiner Freunde oder  meiner Familie zu tun. Und es interessiert auch nicht wirlich irgend jemanden. Dass mich niemand besucht, ist vielleicht ganz gut. Es gäbe eh nichts über das wir sprechen könnten. Über Jobs oder lustige Filme oder gutes Essen möchte ich nicht sprechen, denn diese Dinge sind kaum noch ein Inhalt meines Lebens. Es tut weh sie zu vermissen, vor allem einfach mal Essen zu gehen mit meiner Frau wäre schön.

Jeden Tag versuche ich durchzuhalten. Immer wieder denke ich an all die Ärzte, die mich ausgelacht haben oder ignoriert haben. Jetzt verliere ich meinen Job und kann nicht richtig für meinen Sohn da sein: Zwei Dinge die ich immer vermeiden wollte und die nie jemand ernst genommen hat. Bestimmt würde man ja bald wieder gesund sein. Optimismus ist nicht immer nur von Vorteil für den Patienten, wenn er die Realität außen vor lässt.

Egal, ich nehme alle meine Kraft zusammen und werde wie damals mit dem Tumor nicht aufgeben oder aufhören nach den Ursache zu suchen, bis es von selbst besser wird oder ich einen Weg finde, die Schmerzen zu stoppen. Das schulde ich meinem Sohn.

Meine ursprüngliche Familie hat derzeit verhältnismäßig banale Probleme, die sie alle sinnlos aufbauschen. Nach dem Motto: „Hach, ich weiß gar nicjht ob ich den und den noch liebe: Es ist so furchtbar! “ Dass ich meinen Job verliere, dass ich schwer krank bin, keinen Sex haben kann, keine weitere Familienplanung statfinden kann, ich meine Frau nichtmal beim Spaziergang begleiten kann: Es spielt in ihrer Welt keine Rolle. Hat es nie. Sie verstehe nichts von echten Problemen, weil sie genau genommen nie welche hatten oder selbige einfach leugnen. Sie merken gar nicht, dass sie so selbstfixiert sind, dass sie das Leben eines anderen aus der Familie vollkommen verpassen.

Genau genommen bin ich also alleine. Abgesehen von meiner Frau, meinem Sohn und deren Eltern, habe ich niemanden den ich sehe oder spreche. Nicht weil ich es nicht mag, sondern weil die Menschen kein Interesse daran haben mich auf diesem Weg einfach liebevoll, wohlwollend und in angemessener Intensität zu begleiten. Ergo, bin ich auf mich selbst gestellt.

Die Tage verbringe ich am Computer, was sonst kann man im Bett schon tun, aber selbst Videospiele lenken nicht vom Schmerz ab. Spaziergänge tun weh und Sport ist so weit ausserhalb meiner Möglichkeiten, dass ich genau genommen eigentlich bettlegerig bin. Nichteinmal zum Mittagessen kann ich mich an den Tisch setzen.

In anbetracht dieser Erkenntnis ist es um so faszinierender, dass es einfach niemandem wirklich auffällt. Einfach nur, weil alle so viel zu tun haben. Aber was tun sie eigentlich?

Ich denke vor allem tun sie viele wirre und nutzlose Dinge, die nur ihnen selbst oder ihren eigenen Familien nutzen. Warum sollte man Zeit und Energie in einen Freund investieren? Warum sollte man zum Beispiel einfach mal jemanden zum Arzt begleiten oder jemandem der seit Monaten nur im Bett liegen kann was schönes zu Essen vorbeibringen. Warum sollte man kurz mal die Pause Taste drücken im eigenen Leben, um sich auf die wichtigen und entschleunigenden Dinge zu konzentrieren? Ist es besser, wenn wir alle Verantwortung für unsere Kranken auszulagern, an Ärzte, die sie eigentlich nicht ansatzweise wahrnehmen in überfüllten Praxen? Vielleicht sollen wir verstehen, dass wir als Angehörige auch für unsere kranken sorgen können? Denn die Ärzte haben ohnehin keine Zeit.

Aber es wird sich nichts ändern. Niemand wird kommen uns sagen: „Alter, dir gehts so scheisse, es tut mir total leid, lass uns mal schauen, ob wir da zusammen was dran ändern können!“. Aber es werden hundert Leute kommen die sagen: „Wenn du wieder gesund bist, dann melde dich mal, dann gehen wir zusammen was Essen. Alles Gute. Gute Besserung.“

Letzeres mag ich nicht mehr hören. Es ist lustloses gestammel von Leuten, die sich selbst vorgaukeln möchten, dass sie veranwtortungsbewusste und fürsorgliche Menschen sind, obwohl sie vor allem eins interessiert: Sie selbst.

Also werde ich mich selbst organisieren. Und jeder der nicht bereit ist meine Realität anzuerkennen, denn ich erkenne auch seine an, hat in meinem Leben gerade keinen Platz. Ich habe nämlich vor wieder gesund zu werden. Und das geht eben nur mit echter HIlfe, nicht mit selbstgefälligem Gewäsch und nutzlosen Gesten.

08.01.2018 – Überwinden

Das Baby entwickelt sich sehr gut und es scheint ihm gut zu gehen, hoffentlich. Ich selbst habe immer noch starke Schmerzen, liege immer noch nur herum, weil ich gar nicht sitzen kann. Selbst beim Laufen bekomme ich mittlerweile Schmerzen.

Morgen gehe ich zum MRT. Ich habe Angst.

Oft denke ich nach: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich einfach gar keine Familie gehabt hätte, anstatt eine, in der Gewalt, Chaos und Arroganz an der Tagesordnung sind. Immer wieder werde ich Zeuge davon, wie meine Mutter und Schwestern andere Menschen einfach nur kacke behandeln. Sie beanspruchen das Recht sich permanent zu amüsieren und alle anderen Menschen müssen absolut treu sein und jeder Zeit zu ihrem Spaß zur Verfügung stehen. Gleichzeitig setzen sie sich für Nichts in dieser Welt ein, um sie ein Stückchen besser zu machen.

Die Antwort ist klar: Ohne meine Familie, ganz allein, wäre ich früher Vater geworden, hätte ich mehr Selbstbewusstsein gehabt als junger Mann und hätte mich im Leben weniger verirrt.

Immer noch suche ich nach Worten um zu beschreiben, was meine Mutter an Gewalt getan hat. Aber ich finde sie nicht. Es gibt keine Worte, die die tiefe, ungefilterte Boshaftigkeit, die strategische und gleichzeitig impulsive Gewalt beschreiben können, so dass sie jemand versteht. Viele denken, es handelt sich nur um typische Gewalt in einer Familie, aber das wirkliche Ausmaß dessen, was dort vollkommen vorsätzlich jahrzehnte lang geschehen ist, versteht kaum jemand. Weil meine Mutter es auf diese Weise nur mit mir und sehr wenigen anderen ausgelebt hat.

Wenn ich zum MRT gehe, alleine, wie immer, dann weiß ich, dass es von keinem aus meiner Familie Mitgefühl gibt, ganz egal, wie schwer alles das ist mit einem kleinen Baby. Mitgefühl macht einfach keinen Spaß in meiner Familie und niemand würde etwas tun, das keinen Spaß macht, nur weil es jemand anderem gut tut. Das Selbst als Zentrum der eigenen Welt. Eine Familie von Selbstfixierten und Selbstverliebten. Ich wünscht, ich wäre mit anderen Menschen aufgewachsen.

Oft denke ich: Wenn ich zu meinem Baby so lieb sein kann, obwohl ich so extreme Schmerzen habe und so krank bin, und trotz allem was ich erlebt habe, wie schwach und krank muss dann meine Mutter gewesenm sein, dass sie geschlagen und geschrien und gewütet und gegrabscht hat, obwohl sie vermutlich einhundert mal mehr Energie hatte, als ich und meine Frau zusammen.

Es ist die Respektlosigkeit vor dem Leben, die mich von meinen Schwestern und meiner Mutter abstand nehmen lässt. Niemand von ihnen respektiert das Leben. Der Selbstmord meines Vater hat sie nie dazu bewegt, das Leben anderer mehr wertzuschätzen. Sie fühlen nicht, was ich fühle. Irgendetwas fehlt ihnen in ihren Herzen. Da, wo bei anderen echte Ruhe und echtes Mitgefühl zu finden ist, ist bei meiner Familie nicht mehr als eine funktionslose Attrappe an erlernten Verhaltensweisen, die ihnen selbst und anderen vortäuschen soll, dass sie diese Empfindungen auchhaben können. Aber sie können sie nicht haben. Meiner Schwestern haben die Genetik meiner Mutter. Wessen Kind ich bin, weiß ich manchmal nicht. Ich scheine nicht in die Familie zu passen.

Das Baby schreit. Ich habe Schmerzen. Ich bin traurig, dass meine Familie den meisten Teil meines Lebens zerstört hat, mutwillig und im Wissen, dass es mich kaputt machen wird. Oft genug habe ich gesagt, was alles das mit mir macht. Genau genommen haben ich keine Familie. Ich bin mit drei anderen Menschen aufgewachsen, die mich als notwendiges Übel betrachtet haben und unter deren Depressionen und Aggressionen ich gelidne gesagt voillkommen zermrbt wurde, weil sie ihre gesamten Krankheiten immer auf mir abgeladen haben und sich nie angemessene Hilfe gesucht haben. Nur aus einem Grund: Wegen ihrer vollkommen übersteigerten Selbstverliebtheit.

Ich wünsche mir, dass ich noch Zeit bekomme, in der ich gesund sein kann und wirklich Leben. Am besten ohne meine Schwestern und Mutter. Endlich einfach Leben, ohne Wahnsinn und Wut und Arroganz. Ich hoffe es sehr.

Denn ich liebe meine Frau und meinen Sohn und wir alle drei haben uns verdient gemeinsam auch einfach glücklich zu sein. Irgendwann. Wenn die Schmerzen und die körperlichen Folgen des Wahnsinns meiner ursprünglichen Familie überwunden sind.

29.11.2017 – Nach der Geburt

Unserem Sohn geht es gut. Er scheint gesund zu sein und benimmt sich wie ein typisches Baby. Wir sind sehr glücklich.

Immer noch habe ich täglich Schmerzen. Nur selten bin ich ok. Seit vielen Monaten habe ich nur gelegen und bin ab und zu herumgelaufen. Sitzen geht gar nicht mehr.

Trotz der extremen Schmerzen schlage ich mich jeden Tag durch und tue alles, damit es meinem Sohn gut gehen kann. Viel kuscheln, füttern, wickeln, reden, singen und noch mehr kuscheln.

Gerade jetzt liegt er auf meinem Bauch und schläft. Währenddessen habe ich fast unaushaltbare Schmerzen in meinem Gesäß. Durchhalten … Wie immer.

Immer wieder denke ich noch zurùck und frage mich warum das alles geschehen musste. Meine Mutter rennt mit ihrem neuen Freund durch die Welt. Mein Schicksal, das meines Sohnes und meiner Frau interessiert sie nicht. Immer noch hat sie sich nicht entschuldigt, dafür, dass sie mich zu dieser fatalen Operation überredet hat, nur um selbst Spaß im Krankenhaus zu haben und anzugeben. Ich mache mir derweil oft sorgen, ob und wie ich für meinen Sohn da sein kann. Wie lange kann ich das aushalten? Was, wenn es nie besser wird? All die Dinge, die ich dann mit meiner Familie nicht machen kann. All die Male, in denen ich nicht spielen kann, nur weil ich mich vor Schmerzen im Bett wälzen muss.

Immer noch versteht niemand die Dimension, in der alles mein Leben und das meiner Frau und meines Sohn beeinflusst.

Ich bin manchmal traurig, aber öfter einfach nur schockiert. Die Belanglosigkeit, mit der alle meinem Leben und dem meiner Liebsten begegnen. Die Ignoranz, die allen dabei hilft nicht einfühlsam zu sein. Nicht zu helfen, nicht mitzudenken, nicht da zu sein.

Den Kontakt mit meinen Freunden verliere ich immer mehr. Sie sind zu faul mich zu besuchen. Aber mittlerweile haben unsere Welten kaum was gemeinsam. Ich bin für meinen Sohn da, und Versuche langsam irgendwie herauszufinden, was helfen kann.

Es wird noch viel Zeit vergehen und hunderte oder tausende Tage voller Schmerzen, bis ich das geschafft habe. Es wird eine einsame Zeit. Aber auch eine Zeit mit meiner Familie.

Ich werde nicht aufgeben. Ich werde irgendwann wieder sitzen und leben können.

03.11.2017 – Der Babyschatz

Er ist da, der kleine Babyschatz. Was für eine Aktion! All die viele Vorbereitung und dann kommt er in 30 Minuten. Flupp, ist er einfach da. Kein Kaiserschnitt, keine PDA, keine Medikamente, einfach nur ein paar wilde Wehen und voila.

Jetzt liegt er zur Routinekontrolle auf der Kinderstation und ich gehe ihn ab und zu besuchen. Wiege ihn im Arm und trage meinen Mundschutz, weil ich eine fette Bronchitis habe. Ich hoffe, dass ich ihn nicht angesteckt habe, aber bisher sieht es gut aus. Irgendwie muss man für das Baby ja auch da sein.

Während meine Frau versucht zu schlafen, kämpfe ich wie immer gegen sehr starke Prostataschmerzen.

Mittlerweile wird immer klarer, dass ich von Anfang an vor fünf Jahren Recht hatte. Die Leute haben mir damals beim Einführen des Katheters in meine Prostata gestochen. Nicht ohne Grund, haben fast alle Ärzte versucht das sehr gekonnt zu vertuschen. Mittlerweile habe ich eine Ärztin gefunden, die sogar den Fachbegriff dafür genannt hat und es scheint, als würde sie bereit sein mir zu helfen. Falls man überhaupt noch etwas machen kann.

Die Schmerzen sind manchmal so unaushaltbar, dass ich selbst mit Schmerzmitteln hier im Krankenhausbett neben meiner Frau liege und weinen muss. Aber ich geb nicht auf. Bronchitis, zerfetzte Prostata. Jetzt muss ich für das Baby da sein.

Nur vier Leuten habe ich geschrieben, dass das Baby da ist. Einer meiner Schwestern, meiner Tante und zwei Freundinnen. Alles andere interessiert mich nicht mehr. Meine Mutter hat immer dagegen gearbeitet, dass ich eine glückliche eigene Familie haben kann oder überhaupt menschenwürdig leben. Meine kleine Schwester ist mittlerweile oft viel zu oberflächlich und wenig an meinem Leben interessiert. Meine Freunde sind eigentlich auch primär mit sich selbst und amüsieren beschäftigt.

Es fühlt sich gut und stimmig an, die Geburt nur mit denen zu teilen, die wirklich ab und zu da sind und irgendwie wohlwollend.

Die Schmerzen machen mich fast verrückt, aber ich habe beschlossen, dass ich wie immer nicht aufgeben. Eines Tages, werde ich gesund sein. Eines Tages werde ich wieder sitzen oder zumindest schmerzfrei liegen können. Und egal auf welchem Weg: Ich werde meinem Baby die Welt zeigen und dafür sorgen, dass es sich nicht zu sehr sorgen muss.

16.10.2017 – Was mir wichtig ist entscheide ich selbst

Alles erinnert mich an meine Jugend, in der ich nicht lieben durfte. Ich hatte keine Perspektive, weil das einzige, das mir wichtig war, nicht da war: Liebe.

Jetzt, mit der Entzündung kann ich nicht einfach lieben, körperlich. Ich würde meine Frau sofort anstecken. Oft macht es mich so traurig. Für mich ist es ein wichtiger und schöner Teil unserer Beziehung und was, wenn wir weitere Kinder haben möchten?

Auch mein Selbstverständnis als Mann ändert sich dadurch. So wir als Kind fehlt einer der wichtigsten Teile meines Lebens. Und welcher wie wichtig ist, entscheide ich selbst, niemand sonst. Niemand kann seine Wichtigkeiten einfach auf mein Leben übertragen, den Anspruch haben, dass ich einfach vergesse, was mir selbst wichtig ist.

Es ist ok, dass ich traurig bin. Es ist ok, dass ich oft verzweifelt bin. So wie als Kind, werde ich nicht froh sein, wenn diese Infektion mir einen wichtigen Teil meiner Fähigkeit nimmt zu lieben. Erst als ich eine Freundin hatte, ist meine Traurigkeit vergangen. Erst wenn die Entzündung weg ist, wird sie diesmal vergehen.

Alles erinnert mich an damals. Auch die Art, wie die Menschen arrogant darüber urteilen, ohne zu begreifen, dass sie sich nicht richtig in meine Situation hineinversetzen können.

Der von außen erhobene Anspruch: Uns ist egal, was du selbst fühlst, was deine Wünsche und Träume sind. Uns ist egal, ob wir genauso verzweifelt wären, in deiner Situation. Uns ist egal, dass du das verlierst, was wir im Überfluss haben und unseren Alltag für jns täglich mitbestimmt. Dann hast Du es halt nicht. Sei doch einfach trotzdem froh.Um den Grund für alles und deine Gefühle wollen wir uns nicht kümmern, aber wir raten dir dringen einfach glücklich zu sein, und tun so als wären wir es an deiner Stelle selbst auch, weil wir wissen, wir werden nie das gleiche erleben und deshalb können wir es uns erlauben und niemand wird je das Gegenteil beweisen können.

Nein, dass ich traurig bin ist normal. Vor allem weil absolut nichts davon so hätte kommen müssen, wenn es irgendjemanden jemals wirklich interessiert hätte. Dass ich meine Liebe verliere ist kein Zufall. Es istder effektivste Weg einen Menschen zu behindern. Es ist der sicherste Weg, ihm Hoffnung und Träume zu nehmen.

Liebe ist die eine Sache, die wir alle brauchen. Und gleichzeitig einer der Ansatzpunkte für diejenigen, die uns Schlechtes tun wollen. Lasst Niemanden Eure Liebe angreifen. Egal auf welchem Weg.