Mitschnitt: Eigenes Unverständnis

Meine Mutter spricht über ihr eigenes Unverständnis bezüglich der Schläge, die sie mir als Kind gegeben hat.

Dankenswerter Weise hat sie selbst verstanden, dass das was sie getan hat zumindest nicht das richtige war. Am Anfang war es oft noch so, dass sie sagte: „Die paar aufn Hintern.“ oder „Ja ab und zu mal, hast du eine geklebt bekommen.“

Nach vielen Jahren, in denen ich mich nachhaltig und unabbringbar mit der Aufarbeitung des elterlichen Missbrauchs befasst habe, und in denen ich endlos viel mit meiner Mutter gestritten und geschrien habe, um Licht ins Dunkel zu bringen, kann sie ihre Taten mittlerweile in geringem Maße annehmen, ohne sie zu leugnen und empfindet sie sogar als unangemessen. Selbst wenn man dafür jahrelang kämpfen musste, ist es gut, wenigstens diese Worte zu hören.

Gleichzeitig ist es natürlich deprimieren zu sehen, dass sie nicht einmal so genau wusste, wieso sie mich eigentlich geschlagen hat. Scheinbar einfach, weil sie es konnte und es ein Mittel war mich für ihre Vorstellungen des Zusammenlebens gefügig zu machen.

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Mitschnitt: Alleine gelassen

Meine Mutter spricht darüber, wie meine Eltern mich im Alter von einem Jahr alleine gelassen haben, um zusammen essen zugehen.

Interessant finde ich den Vorwurf, dass ich es als Einjähriger ja nicht verstanden hätte, dass sie mich einige Stunden am Abend unbeaufsichtigt alleine lassen, wenn sie es mir erklärt hätten. Zum einen frage ich mich, wie ein einjähriges Kind das verstehen soll und zweitens, wie es dem dann auch noch zustimmen soll? Des weiteren war es typisch für meine Mutter, die Verantwortung auf mich als Kind abzuwälzen und damit ihren Drang nach „Freiheit“ zu rechtfertigen, den sie gegen mein Kindeswohl ausleben wollte. So wurde mir die logischerweise resultierende, extreme Nachtangst – ich wachte auf und niemand war da – vorgeworfen. Anstatt mich zu beruhigen und zu Erkennen, dass meine Reaktion normal war, wurde ich aggresiv angefeindet, wenn ich mich beim Einschlagen sorgte, ob meine Mutter beim Aufwachen noch da sein würde.

Die Vorwürfe meiner Mutter, dass ich als Einjähriger kein Verständnis für die Handlung meiner Eltern hatte, emfpinde ich als einen deutlichen Beweis für die krankhaft verzerrte Wahrnehmung und Gefühlswelt meiner Mutter. Schon alleine die Erwarung, dass ein Einjähriges Kind einem Erwachsenen Verständnis entgegenbringt, ganz gleich wofür, erachte ich als einen Beleg für die ungesunde Erhebung des Kindes zum Erwachsenen. Diese Erhebung bildet die Grundlage für den Missbrauch.

Erfreulich ist auch immer wieder der Hinweis, es könne sich um einen genetischen Defekt handeln, der meine Probleme auslöste. Selbiges halte ich für wenig wahrscheinlich. Es ist die letzte Bastion, die einen als Täter vor einem Zugeständnis schützen kann, wenn alle anderen Wege aussichtslos erscheinen. Als Biologe kann ich dazu nur anmerken, dass die genetische Variabilität hierbei eine bedeutende Rolle spielt. Die Veranlagung zur Depression oder Angsterkrankung, erfordert gleichzeitig auch entsprehende Umwelteinwirkungen, um selbige zu „aktivieren“. Wie auch die Körpergröße eines Menschen einer genetischen Variabilität unterliegt und erst durch die Ernährung, psychologsiche Komponenten und mehr ihre exakte Ausprägung erfährt, so entstehen auch Depressionen bei ungünstiger genetischer Konstitution erst durch begünstigende Aussenfaktoren.

Schlußfolgernd kann man also mit Sicherheit anegeben: „Ein Kind mit eventueller ungünstiger genetischer Disposition bezüglich einer Depression und/oder Angsterkrankung sollte erst Recht nicht unbeaufsichtigt alleine gelassen werden, da die Folgen dessen noch weitaus gravierender sein können, als sie bei einem Kind mit günstigerer genetischer Disposition ohnehin bereist wären.“

Mitschnitt: Großeltern und Selbsteinschätzung der Kindheit

Meine Mutter spricht über ihre Großeltern und Verwandten und gibt eine Selbsteinschätzung ihrer Kindheit.

Für mich bedeutet dies, dass meine Mutter weder Großeltern noch Eltern hatte, die sichum sie gekümmert haben, sondern lediglich einige Tanten. Meiner Einschätzung nach ergibt sich dadurch ein erheblicher Mangel an Zuwendung der eigentlich dafür zuständigen Personen.

Dass meine Mutter selbst sagte, sie habe eine schöne Kindheit gehabt, löst in mir ein merkwürdiges Gefühl aus. Immerhin hat sie selbst maßgeblich dazu beigetragen, dass ich eine solche nicht haben konnte.

Mitschnitt: Kindermädchen

Meine Mutter spricht über ihre Kindermädchen.

Aus meiner Perspektive hat sie noch als Erwachsene die Menschen „so lange geärgert“ bis sie sie los war. Dieser Weg war leichter, als die Wahrheit auszusprechen oder in die direkte Auseinandersetzung  zu gehen, vor allem, wenn es einfach die Launen meiner Mutter waren, die den Anderen, für mich oft plötzlich, als Störenden einordneten.

Dieses Muster fand sich in vielen Beziehungen und auch in der Beziehung zu mir und meinem Vater wieder. Was sie als Kind als erfolgreich gelernt hatte und durch den Vater als legitime Lösung bestätigt wurde, wurde als angemessenes Verhaltensmuster etabliert. Das Gefühl meiner Mutter, von jemandem in Bedrängnis gebracht zu werden, sei es nun dessen Absicht oder einfach nur das Erzeugen einer Situation, die dieses Gefühl in meiner Mutter auslöste, gab ihr (Vergleiche Karl Haag „Wenn Mütter zu sehr lieben“) das Recht, selbst unangebrachteste Mittel anzuwenden, um sich aus ihrer scheinbaren Notsituation zu befreien und den anderen Menschen auf distanz zu bringen oder zu kontrollieren.

Mitschnitt: Körperkontakt und physische Gewalt

Ein Mitschnitt zu den Schilderungen meiner Mutter bezüglich dem Körperkontakt zwischen mir und meinen Eltern, insbesondere mit ihr.

Für mich schon fast traumatisch, ist das typische Lachen in Verbindung mit Wut und Grenzüberschreitungen: Sie lacht, während sie erzählt, wie sie mich geschlagen hat. In einem früheren Gespräch sagte sie einmal „sie wüsste heute gar nicht mehr genau, warum sie mich eigentlich geschlagen hätte“, zum Beispiel während sie mit mir Musik hörte. Das Lächeln und Lachen hatte sie oft, während sie Dinge tat, von denen sie wusste, dass sie falsch waren und es schien mir oft so, als würde sie sie innerlich genießen, ohne es nach außen hin zugeben zu wollen. Meistens relativierte sie alles, wenn man sie darauf ansprach.

Ebenfalls auffällig ist ihre Erzählung, dass ich selbst den Körperkontakt eher „geduldet habe“ und ihn von mir aus nie gesucht. Gleichzeitig schildert sie in einem anderen Gespräch, dass sie wusste, dass ich michnach Nähe sehne. Sie beschreibt, dass ihre eigene Überforderung der Grund für ihre Schläge waren. Dies erklärt, wieso ich oft das Gefühl hatte nicht genau zu wissen, wieso ich geschlagen wurde.

Sie scheint mittlerweile zu verstehen, dass man jemanden nur schwer lieben kann, der unvorhersehbare Schläge an einen austeilt und dass ihre sexuellen Übergriffigkeiten durch die angebliche Aufklärung und die körperlichen Übergriffe auch dazu beigetragen haben, dass ich mich mehr vor ihr fürchtete und ihre Nähe etwas bedrohliches für mich entwickelte.

Mitschnitt: Erziehungskonzept

Meine Mutter antwortet auf die Frage, ob es ein Erziehungskonzept meiner Eltern gab.

Besonders interessant finde ich selbst ihre Auffassung, dass man in normalen Familien nicht über die Erziehung nachdenkt, sondern Kinder einfach bekommt. Entweder läuft es oder eben nicht, sagt sie, und es scheint von vorne herein kein Drama zu sein, wenn es nicht funktioniert und das Kind halt kaputt geht, wie in meinem Fall. Es scheint für sie so eine Art hinnehmbarer Kollateralschaden zu sein und den Aufwand eines Erziehungskonzepts nicht wert. Das reflektiert in jeder Hinsicht meine Erinnerungen an meine Kindheit und erklärt den Umgang mit mir, den sie bis heute noch hat, nämlich, dass alles überhaupt nicht schlimm ist und man sich eigentich über nichts was man tut vorher oder hinterher Gedanken machen müsste.

Mitschnitt: Trennungsmotivationen

Meine Mutter über die Motivationen zu ihrer Trennung von meinem Vater, der zu der Zeit depressiv war und sich später umgebracht hat. Während dieser Zeit lebten wir mit meinem Vater alleine in der Wohnung. Meine Mutter ließ uns also mit einem Mann zusammen, der nicht einmal für sich selbst sorgen konnte, wie sie selbst sehr deutlich darstellt.

Auffällig sind aus meiner Perspektive zwei Dinge: Meine Mutter scheint uns durch das Verlassen der Familie offensichtlich auch noch etwas Gutes getan zu haben, sie hat sich sozusagen für uns Kinder geopfert. Zudem schienen wir Kinder meine Mutter, so wie mein Vater, das angebliche „vierte Kind“, zu überfordern, so dass wir nicht „auszuhalten“ waren.

Hier findet sich indirekt die Bestätigung für meine eigene Einschätzung, dass meine Mutter von mir als Kind überfordert war und es in ihrem Erziehungsansatz prinzipiell fast ausschließlich darum ging mich „auszuhalten“. Dies wird durch die frühere Aussage meiner Mutter, ich sei ihr „zu nah und zu warm“ gewesen weiter unterstützt. Das Gefühl zu meiner Mutter war üblicher Weise durch das Gefühl geprägt, für sie zu anstrengend und nervig zu sein. Solange ich nicht absolut ruhig war und keine Ansprüche hatte, wurde ich als störend empfunden.