Lebensgeschichte: Erbschleicherei und ein unsittlicher Küsser

Eines Tages kam meine Mutter ganz aufgebracht nachhause, sie war völlig aufgelöst und es dauerte nicht lange, bis sie mir berichtete, dass ein alter Mann sie am Arm gepackt hatte und versucht hatte sie zu küssen, gegen ihren Willen.

Dabei handelte es sich nicht um irgendeinen alten Mann, sondern um einen alten Mann, der ziemlich wohlhabend war. Meine Mutter hatte beschlossen, sich sein Erbe zu erschleichen, indem sie ihn umgarnte, ihn pflegte und ihm bei den Aktiengeschäften half, indem sie die Zeitungen nach relevanten Nachrichten aus der Welt der Wirtschaft absuchte. Sie berichtete mir oft stolz, dass sie das alles nur tue, damit er ihr sein Geld vererben würde, wenn er bald sterben würde, wie sie es vorraussagte. Für mich war die kriminelle und herzlose Art meiner Mutter bereits so sehr zum Alltag geworden, dass ich mich nicht weiter darum gekümmert hatte. Sie hätte nie eingesehen, dass das was sie tat moralisch verwerflich und eine menschliche Katastrophe war.

Insgesamt erscheint es nicht allzu verwunderlich, dass der einsame, alte Mann ihre Ambitionen als echtes Interesse an seiner Person misdeutete. Sie nutzte sein Bedürfniß nach menschlicher Nähe aus, um ihn um sein Vermögen zu erleichtern.

Meine Mutter motovierte mich oft dazu einen alten Mann zu besuchen, um ebenfalls dessen Erbe zu erschleichen. Es war ein Mann, der mich liebte, wie sein eigenes Kind, da er selbst keine hatte.

„Der stirbt bald. Fahr nochmal hin, der hat keine Kinder und vielleicht vererbt er Dir sein Geld. Der hat sein ganzes Leben gespart und ist stinkreich.“, bedrängte meine Mutter mich immer wieder aggressiv. Ich war hingegen traurig, dass er sterben würde, weil er ein sehr liebenswerter und treuer Mensch war, der sich aufmerksam und rücksichtsvoll um mich gekümmert hatte. An seinem Geld hatte ich überhaupt kein Interesse, selbst, wenn es Millionen gewesen wären. Deshalb beschloss ich ihn nicht zu besuchen und sah ihn nie wieder bis er tatsächlich gestorben war. Leider. Ich erfuhr, dass er dement geworden war und andere Menschen ihn auf die selbe Weise um sein Erbe gebracht hatten, wie meine Mutter es geplant hatte. Ich habe die Welt noch weniger verstanden, als zuvor. Ein armer alter Mann, der dement geworden war und seine Frau vermisste. Anstatt ihn zu pflegen, wollten alle nur sein Geld, und haben es sich zum Schluss einfach genommen. Ich war allerdings froh, dass ich an diesem Betrug nicht teilgenommen hatte, trotz dem beständigen Drängen meiner Mutter.

Nun, als der andere alte Mann meine Mutter festgehalten hatte und versucht hatte sie zu küssen, war sie außer sich vor Wut. „Wie kann er es wagen mich einfach küssen zu wollen!“ Sie fluchte und zeterte und fühlte sich unendlich gekränkt in ihrer Würde. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich meine Mutter in einem Zustand, in dem sie verletzbar war. Es würde auch das letzte Mal sein.

Zugegeben, er hatte nur versucht sie zu küssen, und ihre Reaktion entsprach sicherlich ihrem Charakter. Jemand hatte sie entmachtet. Und Macht war alles, wovon sie lebte.

Ironischer Weise kannte ich das Gefühl missbraucht zu werden, wenn gegen den eigenen Willen körperlicher und sexueller Kontakt erzwungen wird, weil sie selbst mich in meiner Kindheit rücksichtslos und reulos missbraucht hatte, auf viel grausamere Weise, als sie es nun erlebt hatte. Trotzdem begann ich mit ihr zu sprechen, ihr halt zu geben, und sie dabei zu unterstützen eine Anzeige zu erstatten. Denn ich wusste sehr genau, wie sie sich fühlte. Und anders als sie selbst, war es mir egal, wer der andere Mensch war, der mir gegenüber saß. Selbst dem Menschen, der mich sexuell missbraucht, geschlagen, eingesperrt, beleidigt, ausgelacht und gedemütigt hatte, wollte ich helfen. Ich würde es wieder tun. Meine Mutter fand Halt und Trost und Mut in meinen Worten. Ich war für sie da, obwohl sie nie für mich da war und auch nie für mich da sein würde.

Sobald ihre ursprüngliche Macht wieder hergestellt war, setzte sie ihre Aggression gegen mich fort, so als wäre nie etwas geschehen. Jegliche Versuche mit ihr über den sexuellen Missbrauch zu sprechen, den sie selbst mir angetan hatte, wurden durch Leugnen und Geschrei erstickt. Im Gegenteil, je mehr ich darüber sprach, umso mehr versuchte sie mich zu demütigen und zum Schweigen zu bringen, erklärte mich sogar für verrückt. Das, was sie selbst in Rage versucht hatte wieder herzustellen, ihr Selbstwertgefühl, gestand sie mir nie zu. Sie behauptete noch viele Jahre später, mich niemals sexuelle missbraucht oder belästigt zu haben.

Der alte Mann jedenfalls hatte sich selbst einen Gefallen getan, ohne es zu wissen. Er wurde zwar angezeigt, aber immerhin wurde ihm nicht sein Vermögen geraubt. Er konnte so hoffentlich einen anderen Menschen finden, der ihn begleitete und pflegte.

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Lebensgeschichte: Schlechte Zahlen und brutale Farben

Im Verlauf meines Lebens entwickelte sich eine regelrechte Angst vor Dingen, die mit meiner Mutter zu tun hatten.

Dinge dir sie berührt oder benutzt hatte, entwickelten einen unerträglichen Ekel. Die Farbe rot, die ihre Lieblingsfarbe war, konnte ich nicht mehr benutzen, weder wenn ich als Porgrammierer ein Interfacr benutzte, noch, wenn ich eine roten Pullover im Kleiderschrank hatte. Ich wich auf Orange- und Pinktöne aller Art aus und vermied die Farbe rot, wann immer ich konnte.

Zahlen, die mich an meine Mutter erinnerten, konnte ich nur unter Schmerzen benutzen. Alles Zahlen zwischen 30 und 50, also ihre Geburtstage, die ich miterlebt hatte, verwirrten und ängstigten mich. Ich bildete sie im Quellcode durch Additionen oder Multiplikationen ab, wenn es mir unmöglich war sie zu verweden.

Lange versuchte ich jedes Detail meines Lebens vor meine Mutter zu verstecken. Ich hatte panische Angst, sie könnte erfahren, was ich tat, fühlte oder plante. Wie immer hätte sie es vereinnahmt, für sich beansprucht oder ins bodenlose kritisiert.

Mein gesamtes Leben wurde von der Angst vor den Misshandlungen meiner Mutter durchzogen. Wie durch tiefe klaffende Wunden, die mich übersähten, war ich gezeichnet von den mehr als zwanzig Jahren des sexuellen, psychischen und emotionalen Missbrauchs. Bis zur Unkenntlichkeit traumatisiert versuchte ich zu leben und schaffte es nur schwer.

Lebensgeschichte: Die zweite Krise, Franz Kafka und World of Warcraft

245129da964110f9b9b97e08b3c583ccMitten in meinem Studium entstand meine zweite schwere Krise. Die unerfüllte Liebe zu einer Frau ließ mich verzweifeln. Bis dahin hatte ich nur einige flüchtige Knutschereien und eine äußerst fragwürdige Fernbeziehung gehabt, trotzdem ich schon 25 Jahre alt war und meine Sehnsucht nach Liebe und Sexualität meine Gedankenwelt erfüllte, wie die anderer Menschen in meinem Alter. Trotzdem es vielleicht sogar alles hätte funktionieren können, wäre ich etwas selbstbewusster gewesen, war mein Respekt vor der Entscheidung der Frau, die noch eine Fernbeziehung führte, der Grund dafür, mich zurückzuziehen. Ich merkte, dass sie entweder nicht an mir interessiert oder in ihren eigenen Gefühlen verstrickt war. Vielleicht war es ja gut so. Einige Zeit später kam sie mit einem anderen Mann zusammen. Sie war vermutlich einfach schon viel weiter als ich und oft wünschte ich mir ich wäre es eben auch gewesen. Denn dann hätte mit etwas Glück eine schöne Zeit für uns beide daraus entstehen können.

411417c824c7bfb054f431892aa299f5Dennoch hatte ich das Gefühl, sie zu lieben, und die Zerwürfnisse über die nicht erfüllte Liebe wurden so groß, dass ich mich vor der Intensität meiner Gefühle zu fürchten begann. Ich denke, dass diese Sorge nicht sehr berechtigt war, denn ich hatte einfach das Gefühl, dass meine Liebe etwas schlechtes sei und litt darunter, ihr nicht ehrlich sagen zu können, was ich empfand. So wie immer, in meinem Leben.

Die Situation erinnert mich heute daran, wie ich mich als Kind gefühlt habe, wenn ich meine Mutter vermisst habe. Ja, ich weiß, das klingt ziemlich bescheuert, aber es ist mein Wunsch so erhlich zu schreiben, wie ich kann und letztendlich spielt für uns alle die Entwicklung mit unseren Eltern ein bedeutende Rolle für unser Gefühlserleben als Erwachsene, ob einem dies nun gefällt oder eben nicht. Als Kind stand ich jedenfalls oft am Gitter unserer Treppe und weinte bitterlich, wenn meine Mutter ging. Ich wollte ihr nah sein, vermutlich, weil ich zuvor mein Bedürfnis nach Nähe zu ihr nicht genügend stillen konnte, weil ich ihr ja „zu warm“ war oder sie „überforderte“. Ähnlich war es auch in Bezug auf meine Gefühle zu dieser Frau. Ich hielt es damals für Liebe und hatte auch ein starkes sexuelles Interesse an ihr. Sicherlich lag ich damit nicht falsch. Heute finde ich zusätzlich eine Durchmischung von Gefühlen vor, wenn ich mich zurück erinnere, die sich aus dem Wunsch nach Sexualität mit einer für mich äußerst attraktiven Frau, dem Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit, dem Entdecken meiner eigenen Sexualitt, der Selbsterfahrung meiner eigenen männlichen und weiblichen Wesenszüge, und der Auflösung des Gefühls von Einsamkeit, welches initial durch die elterliche Vernachlässigung erzeugt wurde, zusammensetzt. Damals allerdings, konnte ich nur dieses intensive Gemisch der Verliebtheit empfinden. Und vielleicht war es ja auch eben dieses, welches alles andere in mir hervorbrachte.

Nachdem die Liebe sich für mich wie immer nicht zu erfüllen schien, tat ich enimal mehr das, was ich auch als Kind erlebt hatte. Ich blieb zuhause zurück und war alleine mit meinen Wünschen und Bedürfnissen nach Nähe, Aufmerksamkeit und Liebe. Wie auch als Kind verschwamm die Realität mit wahnhaften Angst-, Verzweiflungs- und hilflosen Wutzuständen. Ich kämpfte wie früher gegen mich selbst, um mich davon abzuhalten die Liebe zu suchen, die mich innerlich so bewegte. Vielleicht war dies völlig unnötig und ein offenes sprechen mit der Frau meiner damaligen Träume hätte alles aufgelöst, was mich quälte. Immerhin mochte sie mich zu der Zeit sehr gerne und wir verbrachten viel schöne Zeit zusammen.

The_ScreamStattdessen zermaterte ich mich selbst, so wie als Kind, wenn meine Eltern und insbesondere meine Mutter für mich unerreichbar waren, sogar, wenn sie anwesend waren. Ich zwang mich zu dem, wozu ich als Kind von meinen Eltern gezwungen wurde: Einsamkeit und Selbstzerstörung. In sechs Monaten verließ ich nur zweimal kurz die Wohnung meiner Familie, in der ich leider immer noch lebte, denn es war das einzige, was mich scheinbar noch mit meinem toten Vater verband und es war Teil des von meiner Mutter initiierten Machtkampfes, die mich, so wie meinen Vater auch, aus der Familie zu verdrängen versuchte. Ihr Verlassen und anschließendes, notgedrungenes Zurückkehren in die Familie, nachdem mein Vater sich umgebracht hatte und ohne dass meine Mutter je um ihn trauerte, erzeugten in mir Fassungslosigkeit, Wut und das Gefühl meines eigenen Ursprungs beraubt worden zu sein – ob dies nun sinnvoll war oder nicht, sei mal dahingestellt, es war in jedem Fall ein Teil meines Erlebens. Auch meine Schwestern alleine zu lassen, mit dem Menschen, der so viel Aggression und Vernichtung in der Familie und in mir angerichtet hatte, erschien mir fahrlässlig und unverantwortungsvoll. Kurz gesagt: Ich war durch die Gesamtheit meines bisherigen Lebens schwer traumatisiert und durch die Beziehunsggeflechte in meiner Familie völlig verwirrt und überfordert.

Zu Beginn dieser sechs Monate, lag ich sprachlos und regungslos in meinem Bett und nahm immer mehr ab. Tage und Wochenlang war ich wie tot, schon fast apatisch. Ich fühlte mich leer, wie von Luft ausgefüllt und von einer zerbrechlichen, viel zu dünnen Hülle umgeben. Meine Gefühle zogen über mich hinweg wie damals als Kind. Ich spürte sie, aber ich konnte nicht auf sie reagieren. Irgendwann hielt keine Hose mehr an meinem Körper und ich konnte froh sein, wenn ich durch den endlos lang erscheinen Flur bis zur Toilette kam. Die Wohnung, die zugeben extrem groß war, erschien mir wie eine ganze Welt. Ohne Schutzanzug, war es für mich unmöglich das Universum, also alles was die Wohnung draussen umgab, zu betreten. Ich reduzierte mich selbst aus Unfähigkeit mit Liebe und Wut umzugehen und weil ich mich im Chaos meiner unaufgelösten Gefühle selbst zerrieb. Meine Situation war ausweglos. So wie als Kind. Ich hatte nie gelernt, auf meine Gefühle zu reagieren und funktionierende Handlungen zu deren Auflösung durchzuführen. Alles was ich konnte, war in eine Art tiefes Koma zu verfallen, in der Hoffnung, irgendwas oder irgendwer würde mich retten oder meine Gefühle von selbst verschwinden.

Mit der Zeit konnte ich wieder aufstehen,  denn meine Schwestern und einige Freundinnen meiner Schwester hatten sich einfach ab und zu zu mir ins Bett gelegt. Mit Sicherheit war ich in jüngeren Jahren in jede einzelne von ihnen einmal verliebt gewesen, auch wenn ich es niemals zeigen konnte, worunter ich selbst sehr litt. Ich bemühte mich auch, mich nicht in das Beziehunsgleben meiner Schwester einzumischen, denn wie sich das anfühlt, wusste ich doch nur zu gut. Vielleicht war es aber auch eine Fehlinterpretation, denn ich glaube, dass meine Schwester unter meinen Zusammenbrüchen deutlich mehr gelitten hat. Allerdings war ich auch einfach zu schüchtern und hatte nie gelernt mich Menschen, die ich mag, von mir aus zu nähern. Die Nähe der Berührungen war durch meine lebenslange Einsamkeit viel zu intensiv für mich, aber unendlich wohltuend. Es war ein Gefühl, das ich in meinen 25 Lebensjahren noch nie gefühlt hatte. Mein Körper bekam eine Grenze, die ich wahrnehmen konnte, durch die vorsichtige Berührung von liebevollen Menschen. Zum ersten Mal spürte ich mich wirklich selbst. Ich wünschte mir, dass ich auf sie hätte reagieren können, aber ich war gefangen in mir selbst und stand wie auch als Kind noch unter dem Schock von dem Missbrauch und den Übergriffigkeiten meiner Mutter, die ich mittlerweile mehr fürchtete, als alles andere auf der Welt. So wie Menschen die eine Spinnenphobie haben oder Angst vor Schlangen, so hatte ich Angst vor meiner Mutter. Ich versteckte mich täglich so lange in meinem Zimmer, bis ich sicher sein konnte, dass sie weg war, denn ich fühlte mich durch sie immernoch belästigt, bedrängt, ausspioniert und verfolgt. Manchmal dauerte es bis zum Nachmittag. Bis dahin musste ich so tun, als würde ich schlafen und lag im Bett, wartend, dass sie verschwand. Manchmal, wenn ich es nicht aushielt, saß ich im Dunklen am Schreibtisch und schrieb etwas oder schaute hinaus in as bisschen Sonne, das ich durch den Spalt am unteren Ende der großen Jalousie hindurch erkennen konnte.

Kafka1906Auch in meiner ersten Krise war es mir unmöglich gewesen, das Haus zu verlassen. Es war kein Zufall, dass ich einige Jahre zuvor meine einzige Eins in einer Deutscharbeit über Franz Kafkas „Die Verwandlung“ schrieb. Ich selbst war Gregor Samsa. Die Geschichte zu interpretieren forderte von mir nichts anderes, als aus meinem eigenen Leben und von meinen Gefühlen zu schreiben. Meine „Analyse“ von Kafkas Geschichte war so gut, dass die kritische und nörgelige Deutschlehrerin sie voller Bewunderung und Begeisterung allen Klassenkameraden in ihrer Gänze vorlas. Es sollte Erwähnung finden, dass ich sämtlichrn Unterricht seit der vierten Klasse boykottierte und in Deutsch zu der Zeit eine Fünf oder Sechs als Note hatte. Entsprechend verwirrt waren meine Mitschüler. Ich selbst freute mich, war es doch mein Leben, das sie vorlas. Niemand wusste, das ich nicht über Gregor Samsa schrieb, sondern einfach über mich selbst.

IMetamorphosisch konnte also wieder aufstehen, nachdem mich Schwestern, deren Freundinnen, ein paar meiner Freunde und eine gute Freundin besucht und umsorgt hatten. Mit Mühe hiefte ich mich jeden Tag auf meine Schreibtischstuhl und wurde – leider – einer der extremsten Onlinegamer, die World of Warcraft jemals gesehen hatte. Ganz alleine und ohne eigenen Clan, züchtete ich perfektionistisch einen Charakter, streng nach meinen intensiven Berechnungen, die ich zuvor auf Papier brachte. Dabei kombinierte ich Eigenschaften und Gegenstände, die allgemein als wenig oder mittelmäßig wirksam galten zu einer verblüffenden Gesamtheit. Mein Charakter war einmalig und ich erlangte eine echte Berühmtheit unter den tausenden von Spielern. Andere Spieler, die sich die teuersten Sets mit echtem Geld kauften, besiegte ich in Duellen ohne einen Punkt Energie zu verlieren. Bald kannte mich jeder und ich war von den meisten geschätzt. Es bildeten sich echte Freundschaften und ich begann wieder soziale Kontakte zu pflegen, obwohl es nur virtuelle waren. Ich konnte die Stimmen der anderen Spieler hören und mit ihnen sprechen und wir verbrachten Stunde für Stunde, Tag für Tag und Woche für Woche mit viel Aufregung und Lachen. Man könnte fast sagen, ich hatte sogar etwas Spaß. Ich tat bald nichts außer zu  spielen, denn es war die einzige Art zu leben, in dem einen Zimmer, das mir geblieben war. So musste ich die tiste Gleichheit jedes einzelnen Tages und des sich nicht verändernden Raumes nicht ertragen, konnte entkommen ohne mich bewegen zu müssen, was ich fast nicht mehr konnte. Es half mir scheinbar zu überleben, obwohl ich heute wünschte, ich hätte damals nie die Möglichkeit gehabt online zu spielen, sondern wäre gezwungen gewesen mich direkt mit meinen Gefühlen auseinander zu setzen. Aber vielleicht wäre das auch zu viel für mich gewesen, denn ich fühlte mich in der Wirklichkeit schutzlos und inkompatibel. Doch war ich es wirklich? Oder war das meiste davon erlernt, durch die erzwungene Einsamkeit meiner frühen Kindheit und den elebten Missbrauch, der mir so früh das Gefühl für meine eigene Identität raubte.

In der Wirklichkeit sehnte mich jedoch nach allem anderen als dem was ich im Onlinespiel fand und fühlte mich schlecht für meine neue Sucht. Aber wie als Kind, konnte ich den tiefsten meiner Gefühle nicht nachgehen. Ich empfand meine Gefühle als unberechtigt. So wie früher, wenn ich Nachts zitternd im Bett lag oder meine Mutter mich verließ und ignorierte. Ich schämte mich für mein Bedürfnis nach Liebe, denn ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht wert war geliebt zu werden. Ich empfand mich selbst als unausreichend und war der Überzeugung, dass andere Menschen durch meine Liebe zu ihnen nur leiden würden. So wie ich es bei meiner Mutter empfand, wenn ich zu Beginn ihre Nähe noch suchte und oft mit Wut bestraft wurde, für die Zeit und den Schlaf, derer ich sie ihrer Aussage nach beraubte. Ich wollte niemanden mit meinen Gefühlen belästigen, obwohl ich heute weiß, das sie normal und vielleicht sogar etwas Gutes waren. Mein Bild von mir selbst schien verzerrt zu sein, was ich damals nicht wusste. Oft empfand ich mich als nicht hübsch genug oder als zu unmännlich und versuchte meine Unsicherheit durch die Simulation von Selbstbewusstsein zu verstecken. Ein deprimierender Klassiker, möchte man sagen. Ich denke heute, dass meine Empfindungen ein trauriges Resultat des Missbrauchs und meiner daraus folgenden, verzögerten Entwicklung sind. Gerne hätte ich damals ein anderes Bild von mir gehabt. Ich denke, dass die meisten Menschen, die mich kannten, eine andere Wahrnehung von mir hatten. Von meinen Eltern hatte ich gelernt meine eigenen Gefühle und Probleme zu cachieren und möglichst normal zu wirken. Wenn ich mich „unnormal“ verhielt, wurde ich dafür oft scharf kritisiert und gezwungen mich den Normen entsprechend zu verhalten. Nur zählten dazu leider nicht die Normen, die es einem ausdrücklich erlaubten, seine „negativen“ Gefühlszustände mit anderen zu teilen. Nach außen hin prsentierten sich meine Eltern hingegen, wie gute Schauspieler, als liberal und tolerant.

Nachdem ich Monat für Monat in meinem Zimmer verbacht hatte, in Verdrängung und zerissen von dem Kampf gegen mein eigenes Bedürfnis zu lieben, verfrachtete meine Mutter mich zu einer Informationsveranstaltung einer Therapieklinik. Es war vielleicht das sinnvollste, was sie je getan hat, und eine der wenigen Dinge, für dich ich fast dankbar gewesen wäre, wäre ihr Anteil an dem Entstehen der Situation nicht so enorm gewesen. Wenige Wochen später konnte ich die Therapie beginnen und auf der Hinfahrt weinte ich und schrie, wie ein kleines Kind. Ich fürchtete mich vor dem Leben, so wie ein Gefangener, der nicht mehr mit der Realität außerhab seines Gefängnisses klar kam. Die Angst davor, wieder zu leben, war zu groß. Zu tief war ich gefallen, zu stark waren meine Gefühle und Zerwürfnisse. Heutztage würde ich sagen, dass ich eine schwere Psychose hatte, die nie erkannt und viel zu spät behandelt wurde. Vielleicht war es sogar ein guter Instinkt, mich selbst ruhig zu stellen. Es schien für ich jedenfalls keine Hilfe zu geben und vor der Hilfe die es dann doch zu geben schien fürchtete ich mich mehr als vor meinem eigenen Tod. Trotzdem: Innerlich wollte ich raus. Innerlich wollte ich, dass sich etwas ändert. Denn ich wusste, dass ich ansonsten nicht mehr viel Zeit hätte, bevor ich völlig verrückt werden oder tatsächlich sterben würde, an Einsamkeit oder an der wütenden Verzweiflung über meine Unfähigkeit zu lieben.

Ich ließ es über mich ergehen und landete in der Klinik. Was dann geschah, ist eine Geschichte für sich.

An dieser Stelle möchte ich meiner Familie und meinen Freunden danken, dass sie mir damals geholfen haben. Ohne diese Hilfe, hätte ich es nicht geschafft. Danke.

Lebensgeschichte: Der Tumor

Als ich aus der stationären Therapie entlassen wurde und gerade begann mein Studium fortzusetzen, bemerkte ich anhaltende Ohrenschmerzen, wie bei einer Ohrenentzündung und eine Veränderung meines Hörens. Beim ersten Arzt erhielt ich einen Antibiotikastreifen. Wochen später machte der nächste Arzt einige Hörtests und sagten, alles sei normal. Nach vielen Monaten kam ich wieder zu ihm, mit den selben Beschwerden und dem selben Ergebnis. Ich wie darauf hin, dass ich nicht schlechter, sondern anders hören würde, dumpf, so als wäre ich unter Wasser. Es erbrachte mir nicht mehr als skeptische Blicke.

Einige Monate später suchte ich einen neuen Arzt auf, der mir wieder eine Antibiotikastreifen einlegte.

Als ich Monate später wiederkam erhielt ich nicht vielmehr als Tips im Umgang mit Ohrenentzündung.

Weitere Monate später lachte mich sein Kollege in der selben Praxis aus, als ich ihn dazu nötigte den stetig wachsenden „Gnubbel“ unter meinem Ohr zu tasten. „Hahahaha! Sie meinen den Kochen! Das ist doch nur ein Knochen! Vermutlich ne Trigeminusneuralgie!“, schrie er mir arrogant entgegen und fuchtelte wild mit seinen Händen vor meinem Gesicht herum.

Inzwischen war schon mehr als ein Jahr vergangen, als die nächste Ärztin mir erneut einen Antibiotikastreifen einlehte.

Ebenso wie die Ärztin, die ich nach weiteren Monaten konsultierte.

Ich beschloss eine Allgemeinmediziner aufzusuchen, der mich über den Verlauf eines Jahres an verschiedene Spezialisten überwies, ohne selbst jemals meinen immer noch wachsenden „Gnubbel“ zu tasten, während ich über zunehmendes Ohrrauschen klagte.

Zur Abklärung eines Aneurismas wurde ich an den Chefarzt eines Krankenhauses überwiesen. Nach langem warte auf den Termin huschte dieser mit seinem Ultraschallgerät über meinen Hals und kam dem „Gnubbel“ sehr nah. Meine Bitte darum, noch einen Zentimeter nach oben zu rutschen und den „Gnubbel“ zu schallen, wurde ignoriert mit der Aussage, die Frage nach dem Aneurisma sei geklärt. Ich erhielt eine Empfehlung ein Angio-MRT machen zu lassen, um die Kopfarterien abklären zu lassen.

Ich erhielt eine Überweisung für ein Angio-MRT, auf das ich wochenlang wartete und das die Blutbahnen des Kopfes zeigte, wobei keine Auffälligkeiten festzustellen waren.

Erneut suchte ich einige Male den Allgemeinmediziner auf. Er überwies mich an einen weiteren HNO-Arzt, der mich zwei oder drei Mal untersuchte. Er sagte, dass ich eine Beissschiene bräuchte, was ich für Schwachsinn hielt.

Trotzdem besorgte ich mir eine bei einem Zahnarzt, der den „Gnubbel“ auch nicht tasten wollte, sondern einfach nur den Abdruck für die Schiene machte.

Nach dem Testen der Schiene, wurde keine Besserung festgestellt. Im Gegenteil: meine rechte Wange begann taub zu werden und ich konnte nicht mehr schmerzfrei kauen. Der Ohrenarzt taste endlich den „Gnubbel“ und befand, dass er nur einem Zentimeter Durchmesser hatte und deshalb unbedenklich sei, denn „Lymphknoten seien erst ab einem Zentimeter Durchmesser bedenklich“. Ich sollte warten und ansonsten müsste man ein CT machen.

Der Allgemeinarzt überwies mich an eine Krebsspezialistin, die auf Lymphknoten spezialisiert war. Es waren bereits mehr als zwei Jahre vergangen. Die Ärztin taste schnell und lustlos am „Gnubbel“, nachdem ich ihr selbiges nahelegte. Sie wiederholte die Lymphknotentheorie des HNO-Arztes und entließ mich wieder.

Schon bald konnte ich nicht einmal mehr auf der rechten Seite liegend schlafen und konnte meinen Mund kaum noch schließen.

Ich kehrte zum HNO-Arzt zurück, der mir das CT versprochen hatte. Dort erfuhr ich, dass er mir angeblich nicht mehr helfen konnte.

Auch in der Allgemeinarztpraxis teilte man mir mit, dass ich kein MRT mehr erhalten würde, da bereits eins gemacht wurde. Allerdings war das ja nur ein Angio-MRT.

Mein Umfeld wirkte zunehmend auf mich ein, dass es doch auch der Stress sein konnte. Und tatsächlich wurden die Schmerzen erträglicher, wenn ich mich entspannte. Ich fing an daran zu glauben, dass es nur ein psychisches Problem war, obwohl ich mir zunächst so sicher war, dass es eine physiologische Ursache gab. Der „Gnubbel“ wuchs doch beständig.

Bei der Arbeit saß ich in Meetings nur noch mit der Hand vor dem Mund, da ich ihn nicht mehr schließen konnte. Die Kopfschmerzen und Lähmungserscheinungen nahmen weiter zu. Der Schlaf wurde immer wieder durch die Schmerzen gestört. Das Rauschen in meinem Ohr lief synchron mit meinem Herzschlag. So wusste ich immerhin, wann mein Puls zu hoch war.

Dann nahm ich Kontakt zu meiner Mutter auf, den ich jahrelang abgebrochen hatte, denn meine kleine Schwester hatte Recht: Ich musste etwas tun. Die Ohren meiner Schwester waren seit ihrer Geburt fast nicht vorhanden. Sie hatte fast keine Ohrmuscheln und keine Gehörgänge. Und deshalb hervorragende HNO-Ärzte.

Meine Mutter sah den „Gnubbel“, tastete ihn, und sagte: „Das ist die Speicheldrüse. Du musst dringend zum Arzt!“ Sie erzählte mir von ihrer Freundin, die kürzlich an einem Speicheldrüsentumor verstorben war. Ich erhielt die Addresse einer jungen Ärztin.

Nach einigen Wochen ging ich in die Praxis und die Ärztin schaute mich freundlich an. Damit war sie die erste, die das tat. Sie hörte zu, taste, und zückte das Ultraschallgerät, so wie es auch der Chefarzt im Krankenhaus getan hatte. Nur dass sie diesmal gezielt den „Gnubbel“ beschallte. „In drr Tat!“ , sagte sie. Ihre letzte Skepsis war ausgeräumt und sie schaute mich leicht verwundert an. Sie sagte, dass es klar zu sehen sei und dass ich MRT machen müsse. „Danke!“, ich sackte erschöpft im Stuhl zusammen. Es waren bereits mehr als drei Jahre vergangen. „Endlich!“, sagte ich zu ihr und verließ die Praxis mit der Angst vor dem Tumor und der Erleichterung, dass mir endlich jemand geglaubt hatte.

Nun wartete ich einige Monate auf das MRT, in denen ich hoffte, es würde etwas anderes als ein Tumor sein, aber es war einer.

Es folgten mehrere Monate, in denen ich mich zerfleischte, mit der Frage ob es ein gutartiger oder bösartiger Tumor war. Ich wartete auf die Operation.

Vor der Operation wollte ich noch sagen: „Ich kenne meinen Körper, er wird sehr empfindsam sein und sich wehren.“ Aber ich unterließ es, um nicht verrückt zu wirken. Tatsächlich war ich während der Operation wach, ohne dass es jemand bemerkte. Ich hörte die privaten Gesspräche der Assistenten an meinem Kopfenden und was sie am Wochenende so gemacht hatten. Die Stimmung schien gut zu sei. Dann hörte ich die plötzlichen, panischen Durchsagen meines Steigenden Blutdrucks. Meine Ärztin intervenierte: „Jetzt bleiben sie alle mal ganz ruhig, das kriegen wir schon hin.“ Ich roch die Verbrennungen der Verödung meiner Blutgefäße. Dann verlor ich wieder das Bewußtsein.

Nach dem Aufwachen spürte ich sofort, dass der Tumor draussen war. Es war unfassbar. Ich fühlte es unmittelbar als erstes, obwohl ich von der Narkose betäubt war. Ich fühlte mich leicht und frei, obwohl mir ein Schlauch mit einem Behälter zum Auffangen aus der Wange hing. Als nächstes wurde mir Übel, alles drehte sicj und ich verlor wieder mein Bewußtsein. Ich wachte auf, sah meine Freundin, rollte mit den Augen und verlor wieder das Bewußtsein. Das wiederholte sich viele Male. Die Narkose hatte mir sehr zugesetzt. Später stellte sich heraus, dass ich eine Unverträglichkeit des Narkosemittels hatte. Im Delirium erzählte ich meiner Mutter vom Wachzustand. Sie schrieb gab es an die Narkoseärzte weiter.

Trotzdem man mir glaubte, wich die Skepsis erst, als ich meine Erinnerungen erzählte und man anhand des Protokolls sogar die genauen Zeitpunkte feststellen konnte, an denen ich aufgewacht und wieder eingeschlafen war. Die Überraschung war recht groß, da niemand so etwas zuvor erlebt hatte.

Mein Herz schlug durch die Narkosemittel unregelmäßig. Es fühlte sich an, als würde es zerplatzen und zerbersten, aber ich bekam keine Hilfe,  und schlug mich die Tage alleine durch, bis es besser wurde.

Der Tumor war gutartig! Er lag aber direkt auf dem Stamm des Gesichtsnervs, weswegen ich so starke Schmerzen und die Lähmungen hatte. Um den Tumor herum war zudem alles entzündet. Die Operation dauerte zwei Stunden. Die Ärztin schaffte es den Nerv nicht zu verletzen, was eine enorme Herausforderung war. Ansonsten hätte ich eine Gesichtslähmung gehabt oder Kauschwitzen bekommen können. Bei Letzterem verbinden sich Nerven so, dass man beim Kauen jedesmak Schweißausbrüche bekommt, was sehr anstrengend sein soll.

Glülicherweise blieb mir all dies erspart, obwohl ich noch knapoe zwei Jahre extreme Schmerzen in der Halsregion hatte.

Aus dieser Erlebnissen lernte ich, dass es sich lohnt auf das eigene Gefühl zu hören, wenn es um die Gesundheit geht. Und dass man Ärzte braucht, die zuhören, tasten und einem glauben.

Lebensgeschichte: Der Doppelgänger und der Ich-Modus

Zeit meines Lebens wurde ich das Gefühl nicht los, dass meine Mutter sich nach einer Beziehung zu mir sehnte oder durch mich ihre eigenen Beziehungswünsche erfüllte und erlebte. Ihre Sätze wie „Wenn ich in deinem Alter wäre, wäre ich total verknallt in dich“ oder „Du hast so einen knackigen Hintern, den finden alle Mädchen sicher toll“, haben dazu nicht unwesentlich beigetragen.

Meine Vorwürfe, dass sie nach dem Tod meines Vater ihre Beziehungswelt auf mich projiziert hat, wies sie immer aggressiv zurück, obwohl sie mit mir über die gleichen Themen stritt, wie mit meinem Vater und von mir Zuwendung er watete, wenn sie krank war.

Eines Tages begannen sich ihre Wutanfälle, Erniedrigungen, Hasstiraden, Befehle, Zurechtweisungen und Erwartungen konstant zu reduzieren, obwohl sie nie verschwanden. Es gab lediglich Momente, in denen sie scheinbar vergaß, mich als Ziel ihrer Emotionswelt zu identifizieren. Wenig später fand ich heraus warum: Sie hatte einen „Freund“.

Aber es war nicht irgendwer, denn bei meiner Mutter war niemals etwas so, wie man es eigentlich erwarten würde. Der werte Mann war nur geschätzte drei Jahre älter als ich, hatte meinen Namen, die selbe Haarfarbe, die selbe Körpergröße, die selbe Statur und mochte wie auch ich Computer und Gitarren, er war auch charakterlich ein gutes Abbild meiner selbst.

Da wir ja beide denselben Vornamen hatten, unterschied meine Mutter uns, entgegen meines konsequenten Einspruchs, nur anhand der Initialen unserer Familiennamen. So wurde ich „P“ genannt und mein Doppelgänger – also ihr Liebhaber – wurde „H“ gerufen. Dies alleine machte offensichtlich, dass wir beide für sie dasselbe waren, nur eben mit anderem Anfangsbuchstaben im Nachnamen. Allerdings mit einem Unterschied: Ich hatte mich über den Verlauf meines gesamten Lebens gegen ihre sexuellen Übergriffe und erotischen Vereinnahmungen verteidigt, so gut ich konnte. All ihre Wünsche mich zu kontrollieren und mit mir in einer Art symbiontischer Beziehung zu leben, lehnte ich sehr früh ab und zog mich zurück. So wie beim Heimkind, das sie irgendwann adoptierte und das sich nach einiger Zeit auch ihrem Einfluss entzog, weil es vermutlich merkte, das etwas nicht stimmte, fand sie nun tatsächlich einen Ersatz für ihre an mir unbedfriedigbaren Bedürfnisse in einem Ebenbild meiner Selbst. Diesmal dauerhaft. Ungeachtet meiner Einwände und Wünsche, dass sie mir diese Beziehung ersparen würde und sich einen gleichwertigen Partner suchen solle, der keine Kopie von mir ist, hielt die Beziehung gute sieben oder acht Jahre.

Trotz der verstörenden Situation, dass meine Mutter mit meinem Ebenbild vor meinen Augen eine Beziehung führte, entstand eine minimale Erleichterung, die es mir ermöglichte kleinste Entwicklungsschritte durchzusetzen, die lange überfällig waren. Ich nutzte die Chance unter anderem, um in günstigen Momenten unbemerkt mein Studium fortzusetzen – meine Mutter erfuhr nicht einmal von meinem Abschluss – und um Freundschaften aufzubauen. Sie war abgelenkt und verpasste ihre Gelegenheit sich unerwünscht einzumischen. Ich konnte beobachten, wie sich alle Streitthemen, Wutanfälle, Übergriffigkeiten und Manipulationsversuche plötzlich detailgetreu in der Beziehung zu meinem Ebenbild „H“ reproduzierten.

Zu Beginn dachte ich darüber nach, ihn zu warnen, denn ich wusste, was geschehen würde: Er würde am Ende in die Enge getrieben, in materielle und emotionale Abhängigkeiten verstrickt und von Hilflosigkeit und Wut erfüllt sein, über die Angriffe und Vereinnahmungen, die ihm nach seinem Selbstbewusstsein und nach seiner Eigenständigkeit trachteten. Doch zum ersten Mal in meinem Leben entschloss ich mich dazu mein eigenes Wohl an erste Stelle zu setzen und opferte ihn für den Spielraum, den ich durch seine Verstrickungen mit meiner Mutter gewann. Ohnehin war er ja ein junger Mann, wie ich. Obwohl er ein lieber Typ war, bemühte ich mich trotzdem mich von ihm zu distanzieren, obwohl er oft meine Nähe und Freundschaft suchte, wozu er sich meiner Interessen bediente. Dennoch kam es dazu, dass wir irgendwann kurz in einer gemeinsamen Band und zusammen Computerspiele spielten. Es entstand die paradoxe Situation, dass wir als gleichaltrige eine Freundschaft aufbauten und er zudem der Mann meiner Mutter war. Mit der Zeit wurde er immer depressiver, so wie mein Vater, und ging zusätzlich in eigenen Familienzerwürfnissen unter, so dass ich dann damit begann, ihn aufzubauen. Es hat also doch nicht immer so ganz geklappt, die Distanz zu wahren. Dass ich aber immer darauf geachtet habe, Grenzen zu setzen, erwies sich als äußerst wichtig.

Manchmal wünschte ich mir, dass meine Mutter nach allem, was in unserer Familie schon passiert war, endlich nicht noch mehr Neues und Fremdes mit hineinbringen würde. Aber für meine Mutter gab es diese Grenze zwischen unserer Familie und der Umwelt nicht, wenn sie etwas interessierte. Anstatt sich um ihre eigenen Kinder zu sorgen oder einen gleichwertigen Partner zu finden, der etwas Stabilität mitbrachte – vermutlich würde ein solcher meiner Mutter permanent Grenzen setzen und das würde sie einfach nicht aushalten ohne völlig auszurasten – erledigte sie nur die materiellen Aspekte ihrer Elternrolle und lebte ihr eigenes Leben in größter möglicher Freiheit so aus, wie es ihr in den Kram passte. Wenn ich selbst mir vorstelle, ich wäre mit einem Ebenbild meiner fiktiven Tochter zusammen, das fast genauso alt ist wie sie, ähnlich aussieht und ihren Namen trägt, würde ich spätestens nach einigen Wochen die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen.

Meine Mutter hingegen beschimpfte mich, wenn ich ein Anliegen hatte und sie sexuell mit meinem Doppelgänger befasst war. Ihre Wut brach dann über mich herein, wenn sie aus dem Schlafzimmer kam. Meistens wusste ich, also „P“, nicht einmal ob „H“ überhaupt da war. Woher auch, wenn ich stets versuchte Begegnungen mit meiner Mutter zu meiden wie den Tod persönlich. Einmal fragte ich sie, was eigentlich in sie gefahren sie und wieso sie mich so anschrie. Daraufhin antwortete sie mir wutentbrannt: „Gar nichts ist in mich gefahren, eben genau gar nichts, das ist es ja! Ich wünschte es wäre etwas in mich gefahren, aber wegen dir geht das ja einfach nicht! Wie du weißt nicht, was ich meine? Ich wollte gerade Sex haben mit H!“.“Uargh, danke Mama!“, das war einfach zu viel des Widerlichen. Ich musste mir vorstellen, wie mein Ebenbild und indirekt ich selbst sexuellen Kontakt mit meiner Mutter praktizierte. Ausnahmsweise war ich sprachlos und versuchte den Ekel, der mich überkam sich nicht ausbreiten zu lassen. Die Tür flog zu und meine Mutter widmete sich wieder der Sache, in der ich sie und „H“ offensichtlich ungewollt unterbrochen hatte. Und dann bemerkte ich, dass es die gleiche Art von unvorhersehbarer Wut war, die mich als Kind jede Nacht ereilt hatte, oder tagsüber, wenn ich alleine sein musste, während meine Eltern im Schlafzimmer waren oder meine Mutter irgendeines ihrer sonstigen Bedürfnisse befriedigte. Es war das Gefühl von etwas, das ich nicht verstand und des Ausgeschlossen seins, das sich vermischte mit ihrer Wut, die ich nicht greifen konnte und die mich so oft so hart traf.

Es traf mich auch das manische glitzern und aggressive Starren in den Augen meiner Mutter, das sie immer bekam, wenn sie im „Ich-Modus“ – so würde ich ihn nennen – war. Mir ist heute klar, dass meine Mutter schon damals nur auf die Befriedigung ihrer eigene Bedürfnisse aus war und da man ihre Sexualität getrost als neurotisch einschätzen kann, sah sie in diesen Momenten alles, was sie dabei stören konnte, als ihren Todfeind an. Wenn jemand meine Mutter daran zu hindern versuchte, gewollt oder ungewollt, irgendeines ihrer Bedürfnisse zu befriedigen, wurde er zwangsläufig vernichtet, bis er mit seiner Existenz in eine anderen Galaxie zurück gedrängt wurde und aus dem Wahrnehmungsradius meiner Mutter gänzliche verschwunden war. Auch ich als Kind. Und so wie irgendwann mein Vater …

Der „Ich-Modus“ war ein Verhaltensprogramm meiner Mutter, das man an der Veränderung ihres gesamten Wesens, und vor allem in ihrem Gesicht, erkannte. Selbst wenn sie eine Minute vorher noch ansatzweise ruhig war, konnte sich alles in wenigen Sekunden zu totaler Überdrehtheit wandeln, die oft schon wahnsinnig anmutete. Wie bei einer Aufziehpuppe, die eben noch ruhig in der Ecke lag und plötzlich strampelte, sang und ratterte. In diesem Modus war jeder Mensch machtlos in Bezug auf meine Mutter. Jeder Versuch auf sie einzuwirken glich dem heftigen Ziehen an der Strippe der Aufziehpuppe: Es intensivierte und verlängerte die unmittelbare Aktivität.

Im „Ich-Modus“ ging es ausschließlich um die Gefühle und Ziele meiner Mutter, selbst wenn sie sich in der Interkation mit anderen Menschen manifestierten. Sie wollte beeindrucken, strahlen, die Beste sein. Sie wollte wahrgenommen werden und in den Augen der anderen Menschen als wundervolle und starke Person erscheinen. Sie wollte sich an den intensiven Gefühlen laben, die sie erzeugte und sie wollte ihr inneres Gefühl von Leere befriedigen. So wie ein durstender in der Wüste, der endlich die Wasserquelle erreichte. Sie labte sich voll davon und trank sich satt daran, bis sie zu platzen drohte. Was für andere aussah wie ein ungesundes Vollstopfen mit Überschwänglichkeit war für meine Mutter eine willkommene und langersehnte Ekstase. Es war ihr ­Equilibrium, das so anders war und funktionierte, als das aller anderer Menschen, die ich kannte. Im „Ich-Modus“ gab es keine Grenzen, keinen Respekt. Es gab das Gefühl in meiner Mutter, alles zu dürfen und das Recht darauf zu haben, sich alles zu nehmen, egal wem es gehörte, wenn es ihr innere Erfüllung versprach. Und das tat sie auch uneingeschränkt und ohne Bedenken.

Der „Ich-Modus“ konnte nur wenige Minuten oder manchmal auch monatelang andauern. Es gab Zeiten, die mir wie Jahre erscheinen, in denen ich meine Mutter erlebte wie eine zweite Person, die sich in ihr eingenistet hatte. Es waren Zeiten, in denen sie mir noch fremder war als sonst und in denen eine Wand aus Milchglas zwischen ihr und der Welt, die sie umgab, zu sein schien. Vielleicht konnte sie deshalb nicht wahrnehmen, was sie anrichtete.

Im „Ich-Modus“ verließ meine Mutter meinen Vater und uns Kinder für eine Frau, verbot mir meine erste Liebe, Zwang mich als Junge an ihrer Brust zu säugen, holte Billy das Heimkind in die Familie, lag mit meiner Klassenlehrerin barbusig in unserem Garten, beschuldigte mich ihr ihre Beziehung und Freundschaft zu meiner Partnerin kaputt zu machen in der nichts zu suchen hätte, schlug mich und bezeichnete mich als verrückt und lebensunfähig. Als sie die Familie verließ, dominierte sie selbst der Wunsch nach mehr Freiheit, obwohl sie sich mit uns ohnehin immer alle Freiheit genommen hatte, die sie brauchte. Kurz gesagt: Sie wollte Sex mit einer Frau haben und hat nicht lange gezögert. Der „Ich-Modus“ setzte ein und kurz später war sie auch schon ausgezogen.

Mein Doppelgänger blieb lange in der Familie und wurde irgendwann, so wie vorhergesagt und von mir selbst am eigenen Leib erlebt, von meiner Mutter nahezu vollständig absorbiert. Sie war wie ein Virus, der sich einnistete, unbemerkt verteilte und zum Schluss von innen zerstörte, nur um sich einen neuen Körper und Geist, einen neuen Wirt zu suchen. Mein Ebenbild lebte in der Wohnung unseres Hauses, die sie ihm fast kostenlos überließ. Dafür begab er sich in eine absurde Abhängigkeit, die nur durch meine eigene übertroffen wurde. Sie ging bei ihm ein und aus wie sie wollte und befahl ihm Rasen zu mähen, Hausarbeiten zu erledigen und so ziemlich alles was man sich vorstellen kann, um seine Miete zu kompensieren. Das war zwar der zwischen ihnen vereinbarte Deal, aber meine Mutter nutzte die Abhängigkeit wie immer, um Macht auszuüben. Es ging nicht primär um den Rasen, sondern es ging darum, einen Menschen zu besitzen. Es ging darum jemanden zu kontrollieren und dadurch zu erleben, das man Einfluss hatte und gebraucht wurde. Sie schrie ihn so wie mich an, wenn er am Computer saß, dass Computer das Schlimmste sein das es gäbe, und zwang ihn immer wieder dazu sich Regeln zu unterwerfen, wann und wie lange er am Computer arbeiten oder spielen durfte. Sie regte sich immer mehr über ihn auf, dass er unordentlich und verantwortungslos sei und sein Leben nicht selbst regeln konnte. Sie echauffierte sich bei ihm und uns Kindern übertrieben über Dinge, die er angeblich falsch machte oder nicht könne. Es gab ihr, wie bei mir, das Gefühl der Genugtuung, wenn sie bei ihm angebliche Unzulänglichkeiten entdeckte. Es kam zu immer häufigeren Streits. Er versuchte sich abzugrenzen und meine Mutter stieß auf das, was sie am meisten fürchtete und bedrohte: Eine verschlossene Tür!

Ohne es zu ahnen, katalysierte „H“ damit den absoluten Super Gau – man kann es getrost so bezeichnen, denn meine zurückgewiesene Mutter war nicht weniger gefährlich, als ein Atomkraftwerk im Ausnahmezustand. Sie maßregelte, kritisierte und bedrängte ihn zunehmend in einer Intensität, die andere Menschen sich nicht einmal vorzustellen vermochten. Sie begann ihn zu demütigen und die Abhängigkeiten, die sie geschaffen hatte fast täglich gezielt auszunutzen. „H“ bemühte sich weiterhin sich abzugrenzen, steckte aber bereits fest in dem System, dass meine Mutter über Jahre hinweg etabliert hatte, ohne dass es ihm aufgefallen war. Er nutzte ihr Auto, wohnte in ihrer Wohnung, machte eine Ausbildung bei ihr – wobei sie sich kennengelernt hatten – hatte seine sozialen Beziehungen vernachlässigt und sich emotional an sie gebunden.

Wie alle Türen in unserer Wohnung, war auch unsere Wohnungstür nie verschlossen, sondern durch einfachs drücken zu öffnen. Eines Tages sprengte „H“ die Tür auf, stritt mit meiner Mutter und nach kurzer Zeit ging er auf sie los, schubste sie und drohte ihr. Er war außer sich. Trotz meines Wissens darum, dass meine Mutter einen Menschen so unter Druck setzen und provozieren konnte, dass man tatsächlich keinen anderen Ausweg sah, außer sich physisch zu wehren, schritt ich ein und unterbrund weitere Ausschreitungen. Ich stellte mich vor „H“ und legte ihm mit entschlossenem Nachdruck nahe, die Wohnung umgehend durch die noch offene Tür zu verlassen, die ich anschließend hinter ihm verschloss. Meine Mutter bedankte sich nicht und machte sich keine Mühe zu erklären, wieso der Rest unserer einstigen Familie von Handgreiflichkeiten ihres Liebhabers heimgesucht wurde. Es war mir auch fast gleichgültig, denn ich selbst war auch schon in die Situation von „H“ geraten und daran gewöhnt, dass es in meinem Leben, durch eben solche Vorkommnisse, keine Normalität gab.

Letztendlich hat sich für mich die Möglichkeit ergeben, die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir als Außenstehender zu betrachten, obwohl die Situation mit meinem Ebenbild für mich als Sohn auch einen stark verwirrenden Charakter hatte. Am liebsten wäre ich natürlich geflohen, doch ich hing noch an der Wohnung, in der ich zuvor mit meinem Vater gewohnt hatte, und an meinen beiden kleinen Schwester. Immerhin war es auch mein zuhause. Durch die Beziehung von „H“ und meiner Mutter haben sich die sexuellen und erotischen Beziehunsgwünsche meiner Mutter an mich deutlich offenbart. Was ich seit meiner frühen Kindheit durch Übergriffe und getarnte Aufklärungsarbeit schon erfahren hatte, bekam ein lebendiges Gesicht und wurde greifbar. Ich konfrontierte meine Mutter mit meinem Befinden, dass sie zu mir als Sohn mehr als nur ein mütterliches Verhältnis suchte, was sie wütend zurückwies. Ich für meinen Teil verstand ultimativ, wieso ich schon mit drei Jahren verstehen sollte, wie Sex funktioniert, wo der G-Punkt einer Frau ist, weshalb sich meine Mutter mir immer nackt zeigte und mich zur Nacktheit zwang, warum ich sie an intimen Stellen berühren musste und wieso sie sich erfolgreich bemühte, sämtliche meiner Beziehungen zu selbst ausgesuchten Freundinnen zu unterbinden.

War es nicht eine klare Schlussfolgerung, dass ein Mensch der die eigenen sexuellen und erotischen Bedürfnisse zu seinem Kind leugnete, derjenige war, für den der Missbrauch überhaupt erst möglich wurde? Wäre es je geschehen, dass meine Mutter mich missbraucht hat, wenn sie sich selbst den Tatbestand des Missbrauchs vor Augen geführt hätte? Es war nur logisch, dass sie es nicht zugeben würde, ganz egal wie offensichtlich alles wurde. Denn sonst wäre es nie zum Missbrauch gekommen.