Lebensgeschichte: Die erste Krise

Meine erste Krise entstand meinem Empfinden nach aus meiner Entwicklungsverzögerung und der Unaufgelöstheit meiner Gefühle zu meinen Eltern.

Die vermeindlichen oder tatsächlichen Liebesempfindungen zu der Portugiesin beinhalteten auch die selben Gefühlsspannungen, wie meine Beziehung als Kleinkind zu meiner Mutter. Die Schwierigkeit bestand in der Distanz und der Unerreichbarkeit, sowei der Unauflösbarkeit meiner Gefühle oder was ich dafür hielt. Meine Mutter hatte mich schon früh sexuell Überladen und die Sexualität spielte eine enorme Rolle in dem ganzen Geflecht aus verwirrenden Gedanken und Emotionen, die mich immer mehr fertig machten.

Da ich daran gewöhnt war, dass ich mich nicht abgrenzen durfte, wegen der Probleme meiner Mutter mit diesem Thema, entstand parallel zu meinen Sehnsüchten nach Liebe und dem Gefühl selbige zu verlieren, so wie als Kind mit meiner Mutter, ein Problem in der Schule, als ein neuer Mitschüler in unsere Klasse kam. Er war in den USA aufgewachsen und schon deshalb von seiner Art anders. Zudem war er aber ohnehin anders und ich bin mir heute fast sicher, dass er homosexuell war. Was für mich kein Problem gewesen wäre, wenn er nicht damit begonnen hätte mir alles nachzumachen und mich zu bedrängen.

Wie früher mit meinen beiden Eltern entstand zunehmend ein Konflikt zwischen meiner gewünschten Beziehung zu einer weiblichen Person, nämlich der Portugiesin, und einer für mich schwer einzuordnenden und überfordernden Beziehung zu einer männlichen Person, dem Mitschüler, die ebenfalls eine sexuelle Aufladung zu enthalten schien.

Der Druck, der von dem MItschüler ausging, wurde für mich immer größer. Er saß im Unterricht bald immer neben mir, suchte immer mehr meine Nähe und begann Machtspiele mit mir, um meine Grenzen auszutesten. Einmal bestand er darauf seine Hand auf meinem Tisch abzulegen und weigerte sich, sie wegzunehmen. Irgendwann wurde mir alles zuviel und ich pikte ihn mit einem Stift in die Hand, damit er selbige von meinem Tisch nehmen würde. Er tat es aber nicht und ließ die Hand auf meinem Tisch. Also pikte ich noch einmal. Er sagte es würde ihm alles nichts ausmachen. So steigerte sich die Situation, bis ich ihm kräftig in die Hand pikte, bis er gezwungen war, sie wegzunehmen, woraufhin er mich anmeckerte, wie ich sowas tun könnte. Es bot sich für mich ein ähnliches Szenario wie mit meiner Mutter. Eine agressive Grenzüberschreitung und Missachtung meiner Gefühle und Wünsche in Kombination mit einer Schuldzuweisung auf meine erzwungener Maßen agressiven Versuche der eigenen Grenzverteidigung.

Bald wusste ich nicht mehr, wie ich mit ihm reden sollte und nach einigen gegenseitigen Besuchen, gegen die ich mich damals nicht zu wehren vermochte, begann meine Panik zu explodieren, auch dadurch, dass ich das Gefühl bekam, dass ich absorbiert werde, durch die Imitation meiner Vorlieben und Hobbie und die Nähe, gegen die ich mich, wie als Kind, nicht wehren konnte.

Zeitgleich schrieb ich bald fast täglich mit der Portugiesin und war in meiner Gefühlswelt dadurch selbst stark aufgeladen. Meine Welt drehte sich um sie und uns und um das endlich eingetretete Gefühl, mit einem Mädchen in emotionalen, liebevollen Austausch getreten zu sein. Es war letztendlich auch die freundschaftliche Komponente, die ich so lange vermisst hatte. Die Beziehung zu ihr war für mich wie der Heilige Grahl meiner Glückseeligkeit, obwohl ich von heute aus betrachtet denke, dass ich mit meinen Gefühlen einfach nicht umgehen konnte.

Zunehmend spielten auch Themen wie der Selbstmord meines Vaters, ihre Ängste und meine Ängste, Wut, Verzweiflung und Verwirrtheit eine große Rolle. Da sie drei Jahre jünger war als ich, was zu der Zeit ein großer Unterschied war, überlud ich sie zunehmend mit meinen Problemen, sie gab mir aber auch einige von ihren Preis und so begannen wir gemeinsam um unser Schicksal zu kämpfen und hatten im jeweils anderen immerhin ein Pendent, dass uns nicht alleine fühlen ließ und zumindest Raum und Platz gab, auch für die negativen Empfindungen. Auch die Distanz half dabei sicherlich, so offen zu sein.

Bald schrieb ich ihr auch von dem Typen, der mich verfolgte, denn es hatte sich ein ausgewachsener Verfolgungswahn etabliert. Meine Panik, dass der Mitschüler unter unserem Küchenfenster lauern oder meine Identität klauen würde, war bald allgegenwärtig und in meinen Gedanken mischte sich der Gedanke an die Portugiesin mit den Gedanken an ihn. Sehr bald mischten sich auch sexuelle Fantasien und es fühlte sich an, als würde ich von dem Mitschüler regelrecht vergewaltigt werden. Ich fühlte mich infiltriert, schmutzig, kaputt, missbraucht, wie Dreck behandelt und ausgenutzt. Die Gefühle brachten mich fast um und kamen denen einer echten Vergewaltigung möglicher Weise sehr nah. Nur dass ich mich nicht wehren konnte und deswegen immer mehr mit agrressiven Gedanken reagierte. Ich stellte mir immer öfter vor, wie ich ihn mit einem Messer umbringen oder vergewaltigen würde. Ich versuchte mich krampfhaft gegen die Vergewaltigungsszenarien in meinem Kopf zu wehren. Manchmal fühlten sie sich so echt an, dass ich heute glaube, dass ich als Kind vielleicht etwas ähnliches erlebt haben muss, als ganz kleines Kind. Oft habe ich dann ein konkretes Gesicht von einem Mann mit Schnauzbart vor mir.

Durch die Vorkommnisse stieg mein Agressionslevel ins unermessliche. Bald war ich der Überzeugung ein gefühlskalten Killer zu sein und erzählte überall herum, dass ich jemanden umbringen würde, nur um Stärke zu zeigen und mit den Demütigungen in meinem Alltag zurecht zu kommen. Auch die Portugiesin bekam immer mehr meines Wahns ab, via email.

Ich wollte in die Psychiatrie gehen, um mir helfen zu lassen, aber meine Mutter redete im Vorraum selbiger auf mich ein, dass dies doch kein Ort für mich sei. Heute bin ich mir sicher, dass sie mich hätten runterbringen und stabilisieren können. Ohne die Psychiatrie aber, war ich auf mich selbst gestellt, mit einer extremen Psychose. Ich brach fast jeden Tag zusammen, konnte bald nicht mal mehr zur Schule gehen, weil ich in Räumen mit vielen Menschen herumzitterte und Schweißausbrüche bekam. Meine Einsamkeit und Hilflosigkeit, auch bezüglich meiner Gedanken zerstörte mich mehr und mehr und mehr. Ich machte Sport, lief zum Teil 20 km am Tag, nur um 30 Minuten Ruhe in meinem Kopf zu bekommen. Dann begann ich zu trinken, was vielleicht sogar Sinn machte, da Alkohol, ebenso wie Neuroleptika, die Dopaminausschüttung reduzierte.

Meine Heulkrämpfe und inneren Gewaltausbrüche zerfetzten meine Seele zur Unendlichkeit. Der Alkohol tat den Rest mit seinen Nebenwirkungen, um mich innerlich zu ruinieren.

Ich befand mich in eine mächtigen Psychose, von der ich nicht alleine herunterkam, und hatte keine Hilfe. Ich kämpfte mich alleine durch und zerbrach täglich daran.

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Lebensgeschichte: Die Trennung und der Selbstmord

Es gab wenige Dinge, mit denen ich als Kind nicht gerechnet hatte. Ich betete jeden Abend dafür, dass meinen Eltern und uns Kindern nichts passieren würde, dass wir nicht getrennt werden würden. In neurotischen Gebeten versuchte ich der Angst der Verlusts entgegen zu wirken, den ich als Kind unaufhaltbar stark spührte, trotzdem oder gerade weil meine Eltern für mich nie richtig da waren, mir gefühllos und kalt erschienen. Zwei Sachen allerdings hatte ich in all meinen Gebeten vergessen: Dass sich jemand selbst unbringen könnte und dass meine Eltern sich trennen würden. Beides sollte passieren …

Meine Eltern stritten sich über den Verlauf einiger Jahre immer häufiger und meine Mutter begann meinen Vater zu hassen. Sie warf ihm vor, sie einzuengen, obwohl er eigentlich nicht viel von ihr verlangte, wie ich fand. Er wurde immer depressiver und meine Mutter schien ihn auch dafür immer mehr zu verachten, so wie sie es später auch bei mir tat. Depressive Menschen schien meine Mutter regelrecht anzugreifen, so als wären sie ihr schlimmster Feind, der sie bedrohte. Vielleicht, weil sie selbst ihre Traurigkeit bis ins letzte Hinterstübchen ihres eigenen Gehirns vedrängt hatte.

Mein Vater setzt sich nicht mit seinen Problemen auseinander und meine Mutter verabschiedete sich langsam vom Familienleben. Sie schrieb sich in einem Fitnessstudio ein und erlebte einen wahren Fitnesswahn. Wie alles bei meiner Mutter, so war auch diese Phase mehr als extrem. Sie strotze vor Stolz und neuer Kraft, von der sie schon immer deutlich zu viel hatte und die nur ein Zeichen ihrer verletzten Seele waren. Nach einigen Monaten lebte sie eigentlich im Fitnesscenter und war nur noch mit den Menschen dort beschäftigt, den sie half, sie verehrte, zu beeindrucken versuchte und sie abgöttisch liebte. Sie steigerte sich wie immer in etwas hinein, bis zum absoluten Exzess. Wir Kinder und mein Vater spielten immer weniger eine Rolle in ihrem Leben. Sie liebte es „aktiv“ zu sein. Nach all den Jahren mit meiner Mutter wusste ich, dass sie die Familie eher als Pflicht erlebte und die anderen Menschen ihr in Wirklichkeit wesentlich wichtiger waren, auch wenn sie sich stets bemühte einen erfolglos dazu zu zwingen es genau andersherum zu interpretieren. Ähnlich wie in Billy dem Heimkind, fand sie nun in Ugur, dem durch seine Spielsucht bankrotten Fitnesstrainer ein Fürsorge und Bezugsobjekt, während ich mit meinen Problemen kein Joule ihrer Energie würdig war. All die liebevolle Zuwendung, die Ugur erfuhr, wurde mir sicherlich niemals zu teil. Ugur wurde zum Mittelpunkt ihres Handelns und sie beschloss, ihm 20.000 Euro zu leihen. Mein Vater, der bis dahin alles irgendwie ertragen hatte, verbot dies, denn er wusste genauso wie ich, dass Ugur einfach nur neue Spielschulden machen würde und das Geld niemals wiederkommen würde. Es kam zu tagelangem Streit und mein Vater konnte den Wahnsinn zum Glück abwenden. Die Ugurphase hielt noch eine Weile an, ebbte dann aber langsam ab und wurde durch andere ersetzt.

Meine Mutter klagte immer mehr, dass sie angeblich nicht frei sei und mein Vater wurde immer verzweifelter umd trauriger. Als Kind war ich machtlos, denn der wahnhafte Zustand meiner Mutter nahm ein Ausmaß an, das selbst für mich neu war. Ich erlebte sie als wütend, hasserfüllt, egoistisch, rachsüchtig, herrschsüchtig, größenwahnsinnig und überdreht. Sie selbst erlebte sich immer noch als fürsorglich und liebevoll. In Wirklichkeit wollte sie die Familie scheinbar endlich hinter sich lassen, die ihr so sehr ihre Freiheit zu rauben schien.

Während meine Mutter damit beschäftigt war meinem Vater klarzumachen, dass er belastend, unfähig und als Mann ihrer nicht gerecht war, steigerte sich die Depression meines Vaters weiter. Eines Tages verkündte meine Mutter, dass sie nun in der oberen Wohnung leben würde, da sie eine Frau kennengelernt habe und nicht mehr mit meinem Vater zusammen sein wolle und könne. Ich verstand noch nicht genau, was es bedeuten sollte. Ich war ungefähr 13 Jahre alt. Noch bevor ich es begreifen konnte oder irgendwelche Fragen stellen, war sie auch schon verschwunden.

Sie kam gelegentlich einfach in die Wohnung zurück, denn nach ihrer eigenen Doktrin war es uns verboten die Tür abzuschließen. Wir waren sozusagen noch für sie erreichbar, sie für uns aber nurnoch, wenn sie halt bei sich in der Wohnung zuhause war. Für sie schien es ein einziges lustiges Spiel zu sein. Oft sagte sie später, sie wäre doch immer für uns da gewesen. Aber wie immer war sie nicht da, sondern lente die Welt nach ihren Bedürfnissen. Sie hatte Spaß.

Mein Vater war weiterhin der miese Typ, der nichts richtig machen konnte und an allem Schuld war. Sie liebte ihn sicher nicht mehr, wenn sie es jemals aufrichtig getan hatte. Mein Vater weinte bald täglich in der Küche und bemühte sich, die Ehe zu retten, bis er feststellte, dass es unmöglich war. Meine Mutter war schon lange unereichbar im „Ich-Modus“ verschwunden.

Meine Schwestern und ich blieben mit meinem schwer depressiven Vater alleine zurück, während meine Mutter mit ihrer lesbischen Freundin die vermutlich freiste und schönste Zeit ihres Lebens verbrachte. Beide Schwestern gingen meine Mutter ab und zu besuchen. Ich selbst konnte dies nie, denn sie hatte mich ohnehin so oft misshandelt und für ihre Zwecke missbraucht. Mein Vater war zwar ebenfalls nicht lieb zu mir, aber er ging in der Zeit ab und zu mit mir Golf spielen und sprach ab und zu mit mir. Er tat mir auch leid, weil er von meiner Mutter immer nur beschimpft und auch vor uns Kindern schlecht gemacht wurde. Der Hund der Freundin meiner Mutter lief oft durch den Gartenzugang in unsere Wohnung. Einmal machte er sein Geschäft im Bett meines Vater, also im alten Ehebett meiner Eltern. Das war schon ziemlich hart. Meiner Mutter fiel sowas nicht einmal auf. Sie kümmerte es nicht, was mit meinem Vater oder mir war.

Meine Eltern gingen irgendwann gemeinsam zur Mediation. Genau genommen nur ein einziges Mal. Meiner Mutter zufolge waren die Mediatoren überfordert. Mein Vater bat darum, dass die Freundin meiner Mutter nicht mehr ins Haus kam, was ich als eine dezente Bitte empfinde, im Verhältnis zu dem Maß an Agressivität, mit dem meine Mutter ihre neue „Freiheit“ lebte.

Die immer häufigeren Geschenke meiner Mutter konnte ich nicht mehr annehmen, da sie nur eine Kompensation für ihre Abwesenheit waren und eher ihr nützten als mir. Genau genommen beschenkte sie sich also selbst. Auch Geschenke ihrer Freundin nahm ich nicht gerne an. Für meine Mutter war das alles natüich absolut unverständlich. Bis heute nehme ich meine Geschenke von ihr an.

Mein Vater machte einen tollen Ausflug mit uns, nach Dänemark. Obwohl es mit seiner Traurigkeit anders war, gab er sich unendlich viel mühe und war erstaunlich lieb zu uns Kindern. Wir machten Dünenspaziergänge und schliefen zusammen in einem sehr schönen Appartment. Ohne meine Mutter war viel Frieden eingekehrt und ich beachtete sogar seine Tischregeln, was ihn sichtlich verwunderte. Ich wollte damit zugleich die Mädchen am Nachbartisch beeindrucken. Ich wusste ja nicht, dass das Einhalten von Tischregeln dazu wenig taugte. Seit meine Mutter mich und meine Beziehungen zu anderen Menschen nicht mehr vereinnahmte, konnte ich mir erstmals in meinem Leben vorstellen, dass ich ein Mädchen ansprechen könnte und eine Freundin finden. Es war wie ein Traum für mich. Ich begann mich selbst zu fühlen und so etwas wie Selbstbewusstsein aufzubaun. Es war so, als wäre ich frei von der Besetzung meiner Welt durch meine Mutter.

Mein Vater baute zunehmen ab und suchte bald immer mehr Kontakt zu uns Kindern. Wir waren 14, 11 und 7 Jahre alt. Genau erinnere ich mich, wie er oft zu uns kam und mit uns Fern sehen wollte. Er trug seinen Bademantel und legte sich zu uns aufs Bett. Wir Kinder waren irritiert, weil er so etwas fast nie tat. Wir distanzierten uns von ihm, weil wir überfordert waren und nicht wussten, was er von uns wollte. Etwas war anders und wir fühlten es. Meine Mutter war zu dieser Zeit kaum noch zu sehen und mit ihrer neuen Freundin beschäftigt. Einige Tage später kehret ich von der Schule zurück und mein Vater hatte sich in der Dachgeschosswohnung erhängt, wo ihn unsere Nachbarin zufällig fand..

Meine Mutter kam in die Familie zurück und meine Hoffnung auf eine eigene Beziehung wurde mit meinem Vater gemeinsam beerdigt. Ab diesem Zeitpunkt herrschte wieder Wut, Dominanz, Hass, Arroganz und Ignoranz. Vor allem für mich war die Rückkehr meiner Mutter der Beginn einer nicht endenden Terrorherrschaft, die ohne dem Gegenpol meines Vaters zu ihrer vollen Grausamkeit heranwuchs. Und das Ende jeglicher Chance auf eine eigene Entwicklung oder gar eine eigene Beziehung.

Lebensgeschichte: Tic-Tac-Attacke – Im Zeichen des Terrors

Cinnamon_Tic_TacIn der Zeit nach dem Selbstmord meines Vaters blühte ich auf, und zwar in äußerst negativer Weise, die selbst für meine Verhältnisse ziemlich schräg war. Meine nervige, destruktive und für andere doch leider für eine lange Zeit noch lustige Art, ließen mich allerhand Schwachsinn produzieren. Die Mitschüler amüsierten sich hervorragend, aber ich selbst glaube heute, dass ich einfach nur unzufrieden darüber war, wie mein eigens Leben zuhause verlaufen war.

Ich zeichnete unsere Lehrer als Wahrzeichen, als Krrikatur ihrer selbst, als Freiheitsstatue oder in der Quadriga des Brandenburger Tors. Die Zeichnungen waren sehr beliebt. Ich etablierte sozialen Druck und brachte die Mehrzahl der Mitschüler dazu Schuhe einer bestimmten Marke zu tragen – nicht, dass ich darauf stolz war, aber es ist ein trauriges Indiz meiner fragwürdigen Fähigkeiten, die ich später in meinem Leben zu etwas Besserem verwenden würde. Schwämme flogen aus meiner Hand quer durch das Klassenzimmer, Fenster wurden aus den Angeln gehebelt und kaputte Stühle wurden für Lehrer, als gefährliche Attrape präpariert, am Lehrerpult abgestellt.

Eines Tages tat ich das ganz gewöhnliche und bewarf einen befreundeten Mitschüler mit Tic-Tac. Eines davon, welches ich mit Daumen und Zeigefinger schnipste, blieb zur Verwunderung von uns allen direkt in seinem Augensack stecken, so dass er nicht mehr vermochte es herauszuholen. Es schaute halb hinaus und steckte dort fest. Noch während er sich verzweifelt damit abkämpfte, den Tic-Tac herauszubekommen, schlug sein Lachen in Wut um, und er verfolgte mich mit seinem gebrochenen Bein und den Krücken durch die Gänge der Schule, bis er mir mit einer der Krücken saures geben konnte. Die Reste der Narbe am Finger habe ich noch heute und sie erinnert mich stest daran, dass sich Tic-Tac-Attacken nicht auszahlen.

Lebensgeschichte: Kreuzfahrt vermeindlicher Liebe

Als ich 16 oder 17 Jahre alt war, machte meine Mutter mit uns eine Kreuzfahrt im Mittelmeer. Obwohl ich geneinsamen Urlaub schon nicht mehr so erstrebenswert fand, wollte ich mir dieses Erlebnis nicht nehmen lassen. Man kann meiner Mutter zugute halten, dass sie diese Reise auch unternahm, um uns Kinder nach dem Tod unseres Vaters etwas Gutes zu tun. Wir fuhren zusammen auf einem Schiff, das ungefähr sieben Stockwerke hatte, also eine kleine Stadt war, für sieben Tage entlang der Küste.

MSC Musica-visore_tcm19-2939An einem Abend sollte es ein Dinner mit dem Kapitän geben. Das gehörte zum Standardprogramm für Kreuzfahrten. In einer der Schlangen, in denen die Menschen standen, erspähte meine Mutter wie üblich ein junges Mädchen, und sagt: „Wow, hat die hübsche Beine! Die tanz bestimmt. So durchtrainiert und knackig!“ Für gewöhnlich wurde mir in diesen Momenten übel, von dem Ekel ihrer Art, sich mit dem Körper von anderen Jugendlichen auseinanderzusetzen. Diesmal hatte sie trotzdem Recht. Sie sah wirklich unfassbar gut aus, so wie auch heute noch. Ich starrte sie an. Schon kurz zuvor hatte ich beschlossen, dass ich nicht länger alleine sein wollte. Es war Zeit mein Leben endlich zu beginnen. Ich nahm all meinen Mut zusammen, und sprach sie in einen passenden Moment an. Nie zuvor hatte ich so etwas gemacht. Mein Herz raste und ich sah in ihr schönes Gesicht, um das die braunen Haare wehten und aus dem mich die ruhigen braunen Augen erwartungsvoll anglitzerten. Nach einiger Zeit willigte sie ein, sich mit mir zu treffen. Ich war aufgeregt.

Wir trafen uns heimlich, auf einem Zwischendeck und ich fragte sie, ob wir zusammen etwas trinken wollten, aber es war ihr zu auffällig, denn ihre Eltern waren ziemlich Streng, wie es für die meisten portugiesischen Familien wohl üblich war. Sie war zudem zwei oder drei Jahre jünger als ich, was ich heutzutage kritisch betrachte. Dennicb wollten wir uns letztendlich kennen lernen. Wir machten also einen Ausflug aufs oberste Deck, kletterten eine Leiter hinauf und waren alleine in der Nacht, starren auf das Wasser, das uns umgab und die Gischt, die um das Boot und unsere von der Sonne am Tag aufgeheizten Gesichter erfrischte, wenn ihr feiner Nebel bis zu uns in die Höhe getrieben wurde.

Wir sprachen eine Weile und verstanden uns sehr gut, auch wenn wir beide schüchtern waren. Schon immer hatte ich mir so einen Moment gewünscht. Wir sprachen über alles mögliche und beschlossen dann, uns Briefe zu schreiben und vielleicht sogar noch einmal zu treffen. Wir vereinbarten, dass wir beim nächsten Treffen unsere Addressen austauschen würden.

100_5569In den folgenden Tagen konnte ich an nichts denken, außer an unser Treffen und wann wir uns wiedersehen würden. Zwischendurch landeten wir in der Sommerhitze in Capri an und fuhren durch die von der Sonne orange eingefärbten Gassen von Tunis. Aber es kam fast nie dazu, dass wir uns begegneten. Sie wurde stets von ihrer Familie umringt. Irgendwann, in einem günstigen Moment, sprach ich sie, während ihr Familie abgelenkt war und sie drückte mir ihren Zettel und ich ihr meinen in die Hand. Ohne weitere Worte trennten wir uns, zufrieden über den Austausch unserer Addressen.

Oft versuchte ich sie wiederzusehen, aber es gab fast keine Gelegenheiten dafür. Irgendwann reiste sie ab und ich sah hinab auf die Treppe, von der alle hinabliefen aufs Festland. Dann sahen wir uns beide und winkten uns zu, aus großer Entfernung. Plötzlich empfand ich den Schmerz des Abschieds. Ich wollte ihr doch sagen, dass ich mich in die verliebt hatte, wie ich zumindest dachte.

Die Gefühle, waren mir in dieser Intensität zuvor nicht bekannt gewesen. Ich setzte mich in einen der leeren Aufenthaltsräume an Bord und begann zu weinen. So saß ich eine Weile da, bevor ich zum Schalter lief und unter Tränen erfragte, wo sie vermutlich seien konnte. Niemand konnte es mir sagen, also lief ich von Bord, hinab in die Halle, in der die Koffer verteilt wurden. Ich fühlte, dass sie irgendwo sein musste, aber ich konnte sie nirgendwo sehen. Nach einer Weile leerte sich die Halle und ich kehrte auf das Schiff zurück. Dort weinte ich wieder und fühlte mein Herz rasen. Es verstricht viel Zeit, bis ich entschloss hinauszulaufen, wir waren in Barcelona, und sie zu suchen, oder um einfach nur zu laufen. Damit ich das Gefühl bekam, nicht durchzudrehen.

Barcelona_-_Plaça_Reial

Ich lief durch die Gassen von Barcelona, auf und ab, für Stunden. Jedesmal, wenn jemand ihr ähnlich sah, kriegte ich einen Herzinfarkt vor Hoffnung und einen Herzensschmerz der darauf folgenden Enttäuschung. Fast würde ich heute sagen, dass ich mich bald schon in einer Art Psychose befand. Nach etlichen Stunden ging ich Sonnenverbrannt und mit blasen an den Füßen zurück an Bord. Es war fast Abend geworden und ich sank erschöpft in einen Stuhl, bevor ich in die Kabine einkehrte, um mich auszuruhen.

Die Kreuzfahrt endete auch für mich und meine Familie bald. Wir fuhren zurück nach Berlin, wo ich in der Schule an nichts anderes denken konnte, als an die Portugiesin. Nach einigen Tagen schrieb ich ihr einen Brief und sendete ihr darin eine E-Mail Addresse, die ich extra zu diesem Zweck eingerichtet hatte. Es waren dies später 90er und damals waren Internet und E-Mails gerade erst dabei sich in der Gesellschaft zu etablieren. Es gab nur knarzende, ringende und ratternde Modems, die für die Übertragung kleinster Datenmengen Äonen zu brauchen schienen.

Jeden Tag saß ich aufgeregt und mit Herzrasen im Unterricht. Auch das würde ich heute als eher psychotisch beschreiben, selbst wenn es der Erwartung entsprang, irgendwann eine Nachricht zu erhalten. Nach Schulschluß raste ich nach hause und konnte keine Schritt aushalten, den ich laufen musste. Ich konnte nicht schnell genug ankommen. Am Gartentor riss ich den Briefkasten auf und brach fast zusammen, wenn nichts darin war.

Als ich schon fast aufgegeben hatte, fand ich eines Tages eine Nachricht in meinem E-Mail Postfach. Sie konnte nur von ihr sein. Unfassbar! Ich tanze vor Glück. Tagelang lief ich durch die Stadt und tanzte umher, tatsächlich, lachte, freute mich und schrieb mit ihr Nachrichten aller Art. Schon bald gestand ich ihr, mich in sie verliebt zu haben. Zu beginn verstand sie mich nicht, entwickelte aber bald selbst Gefühle und wir begannen eine Fernbeziehung, die ausschließlich darquf beruhte uns auszutauschen und uns gegenseitig bei den sich für uns beide anbahnenden Lebenskrisen zur Seite zu stehen. Es gab keine sexuelle Komponente, obwohl sie wusste, dass ich sie sehr schön und attraktiv fand.

Mit der Zeit entstand bei uns beiden der Wunsch uns wieder zu sehen, aber in mir begann eine Entwicklunh einzusetzen, die mich in meinem Alltag vor immer größere Probleme stellte. Auch ihr ging es zunehmend schlechter. Meine Nachrichten wurden immer wirrer und belastender und ihre Welt schien auch immer mehr von ihren Erlebnissen in der Familie belastet zu werden. Spätestens jetzt hatte ich eine starke Psychose entwickelt und die täglichen Nachrichten, die wir schrieben wurden zunehmend einseitiger, denn ich wurde schon bald von den Traumen meiner Kindheit heimgesucht, die erst durch die Auflösung meines Gefühls zu ihr ihren Weg in die Freiheit meiner Gedanken gefunden hatten. Plötzlich fühlte ich den Selbstmord meines Vaters und hatte die ersten Erinnerungen an den Missbrauch, in den ich im Kindergarten verstrickt gewesen war. Bald konnte ich nichts mehr in ein sinnvolles System bringen, wurde von Halluzinationsartigen Gedanken und Erinnerungen torpediert und konnte meine Beziehung zu anderen Menschen nicht mehr einschätzen. Es sollte der Beginn meiner ersten Krise sein.

Die Portugiesin schrieb weniger, denn ich begann mit ihr über andere Mädchen zu schreiben, was sie zurecht verwirrte. Ich wusste damals noch nicht, dass ich mich einfach verhielt, wie ich es in meiner Familie gelernt hatte, und das meine Liebe auch von dem Wunsch nach Freundschaft geprägt war. Kurz gesagt: Ich kannte meine Gefühle nicht, denn ich hatte sie nie zuvor gespührt und ich würde die folgenden 10 Jahre damit verbringen ihre Deutung zu erlernen.

Trotzdem sie mich dann dennocb einmal sehen wollte, brach ich den Kontakt ab, denn ich hatte Angst vor einem Wiedersehen. Ich hatte Angst davor, dass wir uns nicht Küssen oder nah sein würden und ich fühlte, dass ich die Gefühle nicht aushalten würde. Einige Zeit später hatte sie einen Freund und ich fand es nachvollziehbar und gut, dass sie ihre Liebe in der „Realität“ erlebte. Ich schrieb ihr, dass es gut so sei, und dass sie für mich in der gemeinsamen Zeit alles geworden sei, ein Liebe, eine Freundin, vielleicht sogar wie eine Schwester. Es spielte keine Rolle mehr für mich was es war. Ich mochte sie sehr, das war das wichtigste. In meinem Anfall von neurotischem Aberglauben bat ich Gott und den Teufel darum, dass sie ihren Schmerz nehmen und mir auferlegen sollten, denn ich wusste, dass sie sehr schlimme Dinge erlebt haben musste, si wie auch ich. Offensichtlich taten sie dies dann auch, wie der Verlauf meines Lebens mit bald schon zeigen würde.

Erst fünfzehn Jahre später, fand ich sie in einem sozialen Netzwerk – ja, wir sind dort miteinander befreundet und sie hat sich scheinbar sehr gefreut, dass wir uns wiedergefunden hattrn – und weiß heute, dass sie glücklich verheiratet ist. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn sie sah zufrieden aus und schien eine ganze Menge guter Freunde zu haben.