Lebensgeschichte: Wie ein Hamster im Rad

Meine playing parentsEltern spielten nicht gerne mit uns, außer selten im Urlaub. So erzählte es meine Mutter. Ihr selbst waren die Spiele ihrer Aussage nach zu langweilig. Als wären die Spiele das wirklich wichtige für die Eltern. Ging es nicht vielmehr darum, dass man den Kindern liebevolle Aufmerksamkeit zukommen ließ und dass man mit ihnen die Freude teilte, die sie empfanden, wenn die Eltern sich ihnen zuwendeten?

Es zeigt sich das klare Muster, dass sich auch bei den Misshandlugen, bei dem Verlassen der Familie von meiner Mutter und dem Selbstmord meines Vaters zeigte: Meine Eltern hatten für ihre Kinder keine Gefühle oder waren an deren Wohlergehen im besten Falle sekundär interessiert, vermutlich aber gar nicht. Beide Eltern waren der Überzeugung es wrde ausreichen, die Kinder zu zeugen und mit dem materiell notwendigen zu versorgen. Eine Fehlinterpretation, die schon im Verhalten ihrer eigenen Eltern zu finden war.

Meine Eltern hatten also kein Interesse mit uns zu spielen, weil ihnen dabei langweilig war und sie die Spiele nicht mochten. Wie immer ging es nur um das Wohlbefinden und die Bedürfnisse unserer Eltern. Wir als Kinder waren so etwas wie unbelebte Materie für sie. Und sie nahmen unsere Wünsche nach Nähe und gemeinsamem Spielen als lästig und nervig war. Vor allem meine Mutter sagte dann: „Ihr müsst lernen euch mit euch selbst zu beschäftigen. Das machen andere Kinder auch so. Ich musste das auch lernen. Ich habe jetzt keine Zeit!“

Sich mit sich selbst zu beschäftigen war dabei nur eine Euphemie, die den wahren Kern der Aussage kaschierte: „Lass mich in ruhe! Du nervst!“ Die Art wie meine Mutter mit uns redete, machte dies noch einmal deutlicher. Wie immer war es eine aggressive, wütende und nervöse Stimme, die uns entgegenschlug. Als Kind nahmen wir uns das zu Herzen und ich sah den Fehler bei mir. Dass ich einfach so mit meinen Eltern spielen wollte, erschien mir doch sehr aufdringlich. Wenn ich heute daran denke, dass niemand mit mir gespielt hat und ich fast immer alleine war, werde ich traurig und wünschte mir, dass ich andere Eltern gehabt hätte. Solche, die mich lieb haben. Solche, für die ich mit meinen kindlichen Wünschen nicht nur lästig war. Eigentlich habe ich mich auch mit meinen Eltern immer alleine gefühlt.

Letztendlich denke ich, dass Eltern die mit ihren Kindern nie spielen, weil ihnen dabei langweilig ist, ein ernsthaftes Problem haben. Wenn ich junge Eltern in meinem Freundeskreis sehe, dann erscheint es mir geradezu absurd, dass meine Eltern kein Interesse an uns hatten. Es erscheint mir sogar pathologisch. Das Grundproblem in der Beziehung meiner ELtern zu uns Kindern wird in diesem Zusammenhang deutlich. Wir sollten usn nicht wie Kinder benehmen und wir sollten unseren Eltern nicht zu nah kommen. Wir sollten aufwachsen, ohne Ansprüche zu stellen und ohne unglücklich zu sein. Glückllichkeit sollten wir aus uns selbst heraus erzeugen. Einsamkeit wurde uns förmlich antrainiert, indem wir uns immer nur mit uns selbst beschäftigen sollten.

Dass unsere Eltern sich überhaupt keine Gedanken um unsere Erziehung machten, ihnen unser Wohlergehen und Aufwachsen unter ihrer liebevollen Fürsorge nicht im Ansatz wichtig war, zeigt sich in folgendem Mitschnitt. Es herrschte Chaos, Unorganisiertheit und ein genereller Unwille sich mit uns Kindern zu befassen und auf unsere Gefühle einzulassen:

„Man will ein Kind und dann kriegt man ein Kind und dann denkt man das wird schon alles irgendwie laufen …“

Diese Einstellung meiner Eltern fasst mit wenigen Worten das Dilemma zusammen, in dem wir uns befanden. Wenn die Dinge nicht „irgendwie liefen“ wurden wir ignoriert, beleidigt, alleine gelassen, für unnormal erklärt oder geschlagen. Das wichtigste war, dass wir keine Ansprüche hatten, allen Befehlen folgten, keine Gefühle zeigten, die eine Beschäftigung mit uns erfordert hätten und einfach funktionierten, ununterbrochen. Dazu gehörte auch das Spielen. Es war überflüssig  mit uns zu spielen, denn es war nie ein Teil des „es wird schon irgendwie laufen“ Plans. Es war nie einkalkuliert, dass wir Kinder spielen möchten. Wir sollten diese lästige und als unreif empfundene Entwicklungsphase sowie viele andere einfach überspringen, aus dem einfachen Grund, weil meine Eltern keinen Spaß dabei hatten, diese Zeit und Erlebnisse mit uns zu teilen.

Gerne hätte ich ihnen manchmal zugerufen: „Hallo, hier sind wir! Wir existieren! Schaut uns doch an. Spielt doch mit uns. So als wären wir eine Familie. Nur ein kleines bisschen.“ Aber selbst wenn sie in ganz seltenen Fällen mit uns spielten, reagierten sie überhaupt nicht auf unsere Wünsche und Gefühle, sondern brachten es entweder einfach hinter sich oder änderten die Spiele nach ihren Vorstellungen.

Es gab weder Zeit noch Raum für uns Kinder, obwohl es problemlos möglich gewesen wäre diesen zu schaffen. Wir lebten nach dem Prinzip niemals auszuruhen, immer beschäftigt zu sein, mit uns selbst. Unser Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Nähe blieb konsequenz unerfüllt. Wir mussten uns selbst beschäftigen, auch um Nähe und Interaktion zu vermeiden. Wir mussten ununterbrochen funktionieren, und zwar alleine, von uns aus.

Eine Selbstbeschäftigung wie von einem Hamster im Rad. Laufen, laufen, laufen. Futter bekommen und wieder laufen. Hätten wir gestoppt, inne gehalten, hätten unsere Eltern die Gefühle von uns gefühlt. Dass wir ihre Liebe und Zuwendung brauchten. Aber das war einfach zuviel, was wir verlangten. Es war eine ungeheure, ja fast undenkbar unangebrachte Forderung an unsere Eltern. Wie konnten wir nur?!

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Lebensgeschichte: Das letzte Mittel

Wenn meine Eltern von uns überfordert waren und selbst Schläge uns nicht unter Kontrolle brachten, dann griffen sie zum ultimativen Mittel: Sie drohten damit die Familie zu verlassen oder uns auszusetzen.

Meine Mutter verwendte gerne erstere Methode, in der sie uns anschrie, dass sie nicht mehr könne und uns am liebsten verlassen würde. Sobald wir volljährig wären, würde sie sofort weggehen. Das erzeugt in uns Kindern natürlich das von ihr gewünschte Gefühl, sie wünschte uns zu verlassen, was als Druckmittel wirken sollte. Übersetzt hiess es unmissverständlich: „Wenn ihr nicht das tut, was ich sage, verlasse ich euch sobald ich kann. Es handelte sich offensichtlich um eine Erpressung. Nicht nur emotional, sondern auch phsysich. Denn ohne Eltern konnten wir als kleine Kinder nicht überleben.

Wenn das nicht funktionierte, dann wurde zum Beispiel im fahrenden Auto gedroht, uns auszusetzen. Meine Schwester machte sogar einmal die furchtbare Erfahrung, dass sie tatsächlich am Straßenrnd ausgesetzt wurde, ohne zu wissen, dass sie wieder abgeholt werden würde.

Eine viel seltenere aber ebenfalls drastische Drohung meiner Mutter lautete wie folgt: „… dann bringen wir euch ins Heim, das ist gleich hier um die Ecke!“

Diese Mittel meiner Eltern erschrecken mich noch heute. Jetzt verstehe ich, welche Gewaltbereitschaft und Wut notwendig gewesen sein muss, um Kinder mit dem Verlassen oder Aussetzen gefügig machen zu wollen. Für mich offenbart sich in diesen Drohungen und Umsetzungen der kranke Charakter meiner beiden Eltern und deren gestörte Beziehungswünsche an uns Kinder.

Es handelt sich eindeutig um Erpressung und Vertoßungsdrohungen durch Schutzbefohlene.

Lebensgeschichte: Wellenzeiten

badblubZusammen mit meiner Schwester gingen wir oft ins „Blub“, ein Erlebnisschwimmbad. Für mich waren es Erlebnisse, auf die ich gerne verzichtet hätte. Exemplarisch schildere ich eine Erinnerung:

„Wir liegen als Familie in einer der hinteren Ecken auf Liegen neben dem Wellenbad. Im Wellenbad gibt es jede volle Stunde starke Wellen, die am tiefen Ende des Beckens sehr hoch sind und vorne abflachen, im seichteren Wasser. Meine Schwester ist schon im Wasser, denn sie liebt schwimmen. Der Wellengang beginnt sich aufzubauen. Meine Mutter will ins Wasser. Ich sage, dass ich einfach liegen bleibe. Sie ist nicht zufrieden damit und redet auf mich ein. Ich schäme mich für meinen fast nackten Körper und komme mir schutzlos vor, seit wir in der Umkleidekabine und ich mich ausziehen musste. Meine Mutter kann oder möchte meine Scham nicht fühlen. Sie möchte schwimmen. Ich soll auch schwimmen. Sie meckert mich immer mehr an. Ich fühle, wie sie mich am Arm zieht und ich hinter ihr herlaufen muss. Sie reißt an meinem Arm. Es ist ein bekanntes Gefühl. Es bedeutet sie ist kurz davor mich zu schlagen. Ich muss mitmachen, wenn ich nicht geschlagen werden will. Sie zieht mich hinter sich her, ich schreie.

Irgendwann kommen wir im Wasser an und ich bin schon jetzt völlig verängstigt, verstört und immer noch nackt. Ich verstecke meinen Körper im flachen Wasser, den ich so hasse. Die Wellen kenne ich schon. Ich hasse sie. Ich weiß, dass ich gleich hinein muss, obwohl ich nicht gut genug schwimmen kann. Meine Mutter drängt mich auf die Wellen zu, immer weiter ins tiefe Wasser. Meine Schwester hat viel Spaß. Das wird mir vorgeworfen, wieso es ihr denn Spaß macht und mir nicht. Wasser kommt in meine Augen und ich verliere in den Wellen immer mehr den Kontakt zum Boden. Ich muss schwimmen, habe keine andere Wahl. Meine Mutter passt auf, dass ich ja nicht umgekehre. Ich soll nun Spaß haben. Wasser schwappt in meinen Mund. Ich versuche zu überleben, mich über Wasser zu halten, habe Angst unterzugehen und zu sterben.

tumblr_static_e8ak5blaizsoscoo4wgs0ok0gEndlich lassen die Wellen nach! Erschöpft darf ich zurück ins seichte Wasser, wo ich noch bleiben muss, weil es angeblich so schön ist. Ich zittere und habe keine Kraft mehr. Ich hasse es im seichten Wasser zu liegen. Mir ist kalt und ich bin immer noch nackt. Es fühlt sich an als hätte ich einen großen Penis in meinen After gerammt bekommen, von meiner Mutter, während alle Menschen, die mich umgeben, nichts tun. Ich fühle mich vergewaltigt und leer. Es ist ein extremes und vernichtendes Gefühl. Ich bin wertlos, machtlos. Ich bin ein Objekt. Mein nackter Körper fühlt sich geschunden an. Wieder habe ich nichts dagegen tun können.

Irgendwann habe ich die Zeit geschafft, die ich im seichten Wasser noch absitzen musste, um meine Mutter damit zufrieden zu stellen. Zurück auf der Liege verkrieche ich mich unter mein großes Handtuch. Meine Mutter schüttelt die Haare und das Wasser fliegt heraus. Sie reibt sich mit dem Handtuch ab und ist überglücklich. Sie strahlt mich an. Jetzt soll ich ihr noch den Rücken eincremen. Ich kann nicht mehr schrein, bin zu erschöpft. Irgendwie erledige ich nich diese eine Sache, von der ich fühle, dass sie nicht zu mir passt. Erschöpft schlafe ich auf meiner Liege ein. Es war sicher nicht der letzte Wellengang und in die Sauna muss ich auch noch …“

Lebensgeschichte: Unfreie Körperkultur

Verständlicherweise wollte ich mich nach den deprimierenden, verletzenden, erniedrigenden undverwirrenden sexuellen Verstrickungen im Kindergarten nicht nackt zeigen. Die Scham, die ich dann empfand, kam dem Gefühl zum Zeitpunkt des Missbrauchs in etwa gleich. Das schlimmste was mir bei Tageslicht passieren konnte, war für mich der Verlust der Textilhülle, die mich umgab – ganz egal wie hässlich sie war.

Meine Mutter liebte es, sich nackt zu zeigen. Sie schleifte mich an FKK Strände wann und wo immer sie konnte. Sie war sogar besessen davon. Ohne das Gefühl ihre Sexualität und ihren Körper offensiv zu leben, verspürte sie selbst das Gefühl von Unfreiheit. Sie nutzte ihre Sexualität, um Macht und Grenzenlosigkeit zu erleben. Sobald meine Mutter das Gefühl bekam, in ihren eigenen Freiheitsgraden eingeschränkt zu sein, wurde sie zur Bestie. Es bedrohte sie existenziell. Vermutlich hätte sie eine auf sie gerichtete, geladene Waffe nicht einmal halb so sehr verunsichert, wie das Gefühl nicht alles tun zu können, was ihr beliebte. Selbst eine sich im Anflug befindende Atombombe hätte sie nicht aus der Ruhe bringen können. Wenn sich ihr aber jemand widersetzte, ihre Ansichten nicht teilte oder sich bemühte sie darauf hinzuweisen, dass bestimmte Handlungen im Sinne der Allgemeinheit lieber zu unterlassen wären, dann war Godzilla ein keines Prinzesschen im rosa Tütü im Vergleich zu dem was meine Mutter wurde.

Ähnlich wie beim Zahnarztbesuch ohne Betäubung, galt der Grundsatz: Was für mich so ist, ist auch für meine Kinder so!

Sie übertrug ihr Weltbild direkt auf unseres, vor allem auf mich. Sie duldete keine andere Betrachtungsweise. Noch heute zeigt sich dasselbe Muster. „Ich verstehe gar nicht, wieso du das nicht magst. Ich könnte niemals so verklemmt sein. Man kann seinen Körper doch zeigen. Nackt sein bedeutet Frei zu sein. Zieh dich endlich aus.“, waren die ungefähren Wortlaute ihrer repetitiven Sprachelemente, die in beliebiger Reihenfolge auszutauschen waren.

Wie so ziemlich immer, weinte ich bitterlich und wehrte mich dagegen mich auszuziehen, zum Teil stundenlang. Denn ich hatte das Gefühl, dass die Entscheidung darüber bei mir selbst liegen sollte. Dieses Gefühl hatte ich nicht verloren, trotz des Missbrauchs und trotz der konsequent übergriffigen Verhaltensweisen meiner Mutter. Im Gegenteil, es wurde immer stärker mit jeder gewaltvollen Nötigung.

2012BerlinWannsee1Aber es war ihr egal, wie sehr ich mich beim Entblößen schämte. Was auch dem Standard entsprach. Ich musste mich ausziehen, vor den Augen aller. Dabei erzählte sie mir, dass es Pädophile gäbe, die sich an Kindern ergötzten. Es hatte für mich etwas bedrohliches, aber ich spürte, dass sie irgendetwas daran faszinierend zu finden schien und ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihnen gegenüber eine Sympathie aufbrachte. Zudem schien sie sie zu verstehen, denn sie erklärte mir nicht selten, was pädophile tun und woran sie selbst sie erkennt. Sie war stolz darauf sie zu erkennen. Denn sie hielt sich für die Meisterin der Menschenkenntnis. Für meine Person gab es hingegen keine ernsthaften bemühen Verständnis aufzubringen.

Ich wusste nun also, dass es Menschen gibt, die sich auch unmittelbar um mich befanden, die sich meinen Körper anschauen und dabei erregt seien würden. Deren Anwesenheit musste addiert werden, zu der Berechnung der Schamintensität. Die Schamintensität wurde wie auf einer Art innerem Barometer angezeigt. In die Berechnung flossen also Altersgenossen, Erwachsene und Pädophile mit ein. Und potentielle Kidnapper, die ja auch immer unterwegs sein konnte, wie ich von meiner Mutter wusste.

Da die Kinder im Kindergarten so über mich und mein kleines Genital gelacht hatten, war jede Sekunde der Nacktheit in einer endlosen Horde von Menschen – man betrachte hierzu beispielsweise Bilder von Strandbad Wannsee, um ein Gefühl für die Situation zu bekommen – eine höllische Qual für mich. Ich wäre lieber im Fegefeuer verbrannt, als mein Genital und meinen Körper ungeschützt zu offenbaren.

Die Menschen um uns herum kamen mir vor wie Walrosse, die dicht gedrängt auf einem Vorsprung an der Küste liegen. Sie rieben ihre fetten Körper aneinander und stießen grunzende Laute aus. Ich selbst war mittendrin. Klein wie ein Mariechen Käfer in einer Herde von beleibten Nackten. Walrosse liegen für gewöhnlich genau so in der Sonne und braten sich faul ihren Wanzt. Wenn ein Walross ins Wasser will, rutscht es einfach über die anderen hinweg. Die Walrosse unter ihm Stoßen nur einen kurzen dumpfen Schrei aus. Eine Art tiefes „Muuuh“. So zieht sich eine Linie von „Muuuhs“ bis zum Wasser hinab, wo das dicke Walross dann hereinstürzt, mit großen Getöse. Die Wellen schlagen aus und die Gischt spritzt gen Himmel. Die anderen Walrosse liegen schon längst wieder in Ruheposition.

Genauso verhielten sich eigentlich auch die Menschen am FKK Strand des Stadtbad Wannsee. Ein Verhalten, das mir nicht unbedingt eigen und zu jedem Zeitpunkt verständlich war. Menschen, die über einen hinweg stiegen und rannten, während ihre baumelnden Genitalien den Schweiß vom Sonnenbaden in alle Windrichtungen verteilten. Der Sand den sie aufwirbelten flog einem direkt ins Gesicht und blieb einem in den Augen kleben. Manche stellten sich vor einen und stellten ihre sekundären Geschlechtsmerkmale zur Schau oder musterten einen intensiver als einem lieb war. Vielleicht sogar beides zugleich.

Sich körperlich liebende Paare wurden nichtignoriert, sondern wurden mir von meiner Mutter immer wieder gezeigt. Ich sollte sie sehen und anschauen. Sie fand es toll, wie sie sich so hemmungslos im nassen Sand begehrten. Und sie hat es genossen mich in die Welt der versauten und schamlosen Sexualität einzuführen. Ich denke, sie hatte den innigen Wunsch ihre eigene Sexualität mit mir zu teilen. Doch das war aus Gesellschaftlichen Gründen nur schwer umsetzbar. Gründe die meiner Mutter, entgegen ihrer eigenen Aussagen, unendlich wichtig waren.

Besuche am Strandbad Wannsee brachten also nicht nur die üblichen Probleme mit sich, wie die Frage ob es Haie im Wasser gab oder wie die von heißen Sand verglühenden Fußsohlen. Der FKK Strand hat nachhaltig dafür gesorgt, dass meine vorhandenen Schreckensbilder mit Liebe zum Detail in meine kindliche Seele eingraviert wurden.

Für die Formen von negativer Prägung und der resultierenden Unfähigkeit mich nackt zu zeigen oder nackte Menschen zu sehen, wurde ich in der darauf folgenden Zeit und bis heute dankenswerter Weise regelmäßig bestraft und beleidigt.

Der Körper eines Menschen sollte zu jedem Zeitpunkt sein Eigentum sein. Er sollte selbst darüber bestimmen dürfen, ob und in welches Verpackungsmaterial er ihn einwickelt. Er sollte darüber entscheiden dürfen, wer ihn berühren darf und wer nicht. Er sollte darüber entscheiden können, welche Körper der Anderen er selbst in welchem Zustand sehen möchte. Das muss nicht beinhalten, dass der andere Mensch nicht sein darf, wie er möchte. Aber es muss dem Betrachtenden möglich sein, sich der Nacktheit zu entziehen, wenn er es wünscht.

Die Menschen, die sich selbst an sogenannten Freikörperkulturstränden in ihren Adams- und Evakostümen präsentieren, habe ich selten als Frei erlebt. Oft waren sie unfrei und unbefriedigt in ihrem Bedürfnis nach Grenzenlosigkeit und Grenzüberschreitung. Nur wenige machten den Anschein, als seien sie normal, als könnte man ihnen vertrauen. Der FKK Strand war für mich ein Minenfeld der sexuellen Übergriffigkeit und Bedrohung.

Für jede Träne, die ich dort geweint habe, musste ich später eine Minute Psychotherapie ertragen. Für jeden Schlag, den ich bekommen habe eine Stunde. Es summierte sich einiges.

Lebensgeschichte: Unbetäubt

4126366-80582423443fd215f4ed0fd787dec4a5_large Da meine Mutter eine direkte Nachfahrin von John J. Rambo zu sein schien, brauchte sie selbst bei schwersten Zahnbehandlungen keinerlei Betäubung. Eine andere Erklärung wäre ihre martialische Art mit Vorliebe zum Masochistischen. Es galt schon bei meinem ersten Zahnarztbesuch die einfach Regel, dass ich als Sohn kein Selbstbestimmungsrecht hatte und keine eigenen Gefühle. Meine Mutter teilte dem Zahnarzt mit, dass ich keine Betäubung benötigen würde, weil sie selbst ja auch keine brauchte.

Der Zahnarzt schätze sich selbst entweder als machtlos ein oder teilte ihre Anschauungen. Er bohrte drauf los und ich schrie wie am Spieß. Die Behandlung dauerte mehrere Stunden und ich erlebte unausstehliche physische Schmerzen, die eigentlich nur durch mein seelisches Leid übertroffen werden konnten. Meine Mutter bestand inständig darauf, dass ich lernen müsse das auszuhalten und dass sie selbst das Maß aller Dinge sei. Mein Widerstand war erbittert, wurde aber minütlich abgeschmettert. Ich wurde Assistentinnen festgehalten, damit ich mich nicht weiter wehren konnte.

Zahnarzt_19916466.original.large-4-3-800-72-0-1808-1300Die folgenden Jahre hatte ich täglich Schmerzen und konnte weder Eis essen noch auf der Seite meiner Zahnbehandlung kauen. Jede Fahrradfahrt wurde zur Herausforderung, da ich beim Einatmen der durch den Fahrtwind abgekühlten Luft, starke Schmerzen verspürte.

Ich bemühte mich den Arzt bei wiederholten Terminen davon zu überzeugen, dass ich wirklich Schmerzen hatte. Aber es fiel doch allen sichtbar schwer mir einfach zu glauben. So lebte ich also einige Jahre vor mich hin, bis endlich ein Röntgenbild gemacht wurde. „Oh mein Gott, da hast du ja eine richtig schlimme Wurzelentzündung“, sagte mir der Arzt mit einer Verwunderung, die für mich absolut nicht nachvollziehbar war. „Der muss sofort gezogen werden“, bemühte er mich zu überzeugen und auf den Eingriff vorzubereiten. Der Zahn wurde unverzüglich gezogen, denn die Entzündung war ziemlich heftig. Was ja auch kein Wunder war nach all der Zeit die vergangen war.

Ich war erleichtert, denn ich konnte nach einem weiteren Jahr endlich wieder anfangen auf der kaputten Seite meines Gebisses zu kauen. Bis ich mich daran gewöhnt hatte dauert es allerdings noch deutlich länger.

Ich denke, dass eine Betäubungsspitze einiges hätte einfacher machen können. Deshalb nehme ich diese dankend an, wenn sie mir als Erwachsener Mann angeboten wird.

Es lohnt sich vermutlich nie, von sich selbst auf andere zu schließen oder anderen seine eigene Doktrin aufzuzwingen, egal worum es geht.

Lebensgeschichte: Pinksuit – Die Macht der Farben

pinksuit-1Ein Highlight meines modischen Erscheinungsbilds, das Teil eines Gesamtkonzepts zur Zerstörung meiner sexuellen Identität war, war der durchgängig pinke Freizeitanzug, der mir im Zuge einer fehlgeleiteten Gleichberechtigungsvorstellung übergestülpt wurde.

Ermutigt wurde ich auch einen Zopf zu tragen und mir meine Fingernägel lackieren zu lassen, sowie meine Socken so anzuziehen, dass sie nicht zueinander passten. Ich gehe davon aus, dass es sich bei der Interpretation meiner Eltern im besten Fall um eine überzogene Interpretation des Country Klassikers „A boy named Sue“ gehandelt haben muss. In selbigem Lied erzählt der einzigartige Johnny Cash die Geschichte eines jungen Mannes, der den Namen Sue trägt. Seit Beginn seines Lebens wird er gehänselt und hat als Waisenkind kaum eine Chance zu überleben. Aber durch die frühe Diskriminierung und die Herausforderungen, die mit seinem Mädchennamen verbunden sind, lernt er sich durchzuschlagen und ein ganzer Mann zu werden. Es stellt sich heraus, dass sein Vater, den er zufällig in einer Bar trifft, wusste, dass er nicht für ihn da sein konnte. Er beschloss also ihm mit besagtem Mädchennamen das Leben so richtig schwer zu machen, damit er für alles gewappnet seien würde.

„A Boy Named Sue“

My daddy left home when I was three
And he didn’t leave much to ma and me
Just this old guitar and an empty bottle of booze.
Now, I don’t blame him cause he run and hid
But the meanest thing that he ever did
Was before he left, he went and named me „Sue.“Well, he must o‘ thought that is quite a joke
And it got a lot of laughs from a‘ lots of folk,
It seems I had to fight my whole life through.
Some gal would giggle and I’d get red
And some guy’d laugh and I’d bust his head,
I tell ya, life ain’t easy for a boy named „Sue.“

Well, I grew up quick and I grew up mean,
My fist got hard and my wits got keen,
I’d roam from town to town to hide my shame.
But I made a vow to the moon and stars
That I’d search the honky-tonks and bars
And kill that man who gave me that awful name.

Well, it was Gatlinburg in mid-July
And I just hit town and my throat was dry,
I thought I’d stop and have myself a brew.
At an old saloon on a street of mud,
There at a table, dealing stud,
Sat the dirty, mangy dog that named me „Sue.“

Well, I knew that snake was my own sweet dad
From a worn-out picture that my mother’d had,
And I knew that scar on his cheek and his evil eye.
He was big and bent and gray and old,
And I looked at him and my blood ran cold
And I said: „My name is ‚Sue!‘ How do you do!
Now your gonna die!!“

Well, I hit him hard right between the eyes
And he went down, but to my surprise,
He come up with a knife and cut off a piece of my ear.
But I busted a chair right across his teeth
And we crashed through the wall and into the street
Kicking and a‘ gouging in the mud and the blood and the beer.

I tell ya, I’ve fought tougher men
But I really can’t remember when,
He kicked like a mule and he bit like a crocodile.
I heard him laugh and then I heard him cuss,
He went for his gun and I pulled mine first,
He stood there lookin‘ at me and I saw him smile.

And he said: „Son, this world is rough
And if a man’s gonna make it, he’s gotta be tough
And I knew I wouldn’t be there to help ya along.
So I give ya that name and I said goodbye
I knew you’d have to get tough or die
And it’s the name that helped to make you strong.“

He said: „Now you just fought one hell of a fight
And I know you hate me, and you got the right
To kill me now, and I wouldn’t blame you if you do.
But ya ought to thank me, before I die,
For the gravel in ya guts and the spit in ya eye
Cause I’m the son-of-a-bitch that named you „Sue.'“

I got all choked up and I threw down my gun
And I called him my pa, and he called me his son,
And I came away with a different point of view.
And I think about him, now and then,
Every time I try and every time I win,
And if I ever have a son, I think I’m gonna name him
Bill or George! Anything but Sue! I still hate that name!

Wenn ich nun also davon ausgehe, dass meine Mutter nicht nur darauf aus war, mich sexuelle zu verwirren und mir die Entwicklung einer eigenen Identität zu erschweren, könnte ich darauf hoffen, dass sie mir die Qualen auf als Resultat meiner Andersartigkeit auferlegt hatte, um mich richtig abzuhärten. Was nebenbei bemerkt zwar irgendwie geklappt, aber im Zuge der Entwicklung leider mein Innerstes zerfetzt hat.

pinksuit-2Mit meinem heutigen Verständnis kann ich mit guter Wahrscheinlichkeit mutmaßen, dass meine Mutter ein Machtproblem hatte und dies vor allem mit Männern. Sie bemühte sich also mit mir eine Generation Mann heranzuzüchten, die keine männlichen Eigenschaften mehr hatte, sondern stark weiblich geprägt war. Sie wollte allerdings trotzdem, dass ich ein Beglücker der Frauen werde. Alles sollte perfekt sein. Ich sollte einfach das liebste Kind der Welt sein und ich musste die Emanzipation ausbaden, indem ich Pinke kleidung trug und wie ein Mädchen aussah, nur um zu beweisen, dass es keine Stereotypen gab. Ironischerweise beweist die krampfhafte Verkehrung ins Gegenteil aber eigentlich deren Existenz und Macht. So ähnlich wie die Jeans früher ausdruck von Emanzipation war und heute der Rock als selbes gilt, weil die Jeans eben jene Unterwerfung durch die Klischees verkörpert.

Also trug ich den pinken Anzug, den Zopf und die lackierten Fingernägel und bemühte mich darin so unauffällig wie möglich auszusehen, was mir ganz und gar nicht gut gelang und später in einem Dauermobbing auf dem Schulhof seinen traurigen Höhepunkt fand.

Lebensgeschichte: Schlägermusik

Zu den wohl eher verwirrenden Berichten meiner Mutter, zählen die Erzählungen von harmonischem Sitzen auf der Couch beim Kinderlieder hören. Wieso sie mich dann öfter geschlagen hat, daran kann sie sich gar nicht mehr richtig erinnern. Schade, denn es gab ja sicherlich einen sehr guten Grund dafür, mir den Musikgenuss auf diese liebevolle Art und Weise schon im Kindesalter schmackhaft zu machen.

Dass ich später eine Oberschule mit musikalischem Schwerpunkt besucht habe und eine Gitarre mein einziges „emotionales“ Bezugsobjekt in einer langen und schweren Lebenskrise sein würde, werte ich im Allgemeinen als eine ironische Fügung des Schicksals.

Lebensgeschichte: Das kleine Arschloch

An einige Situationen erinnere ich mich sehr genau, in denen mein Vater mich ansprach mit „Na, du kleines Arschloch“, oder mich als solches einfach nur beschimpfte. Der Moment, der mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist, spielte sich wie folgt ab:

Wir saßen im Auto, er vorne am Steuer und ich auf der Rückbank. Wie üblich wollte ich nicht in den Kindergarten gehen und weigerte mich auszusteigen. Verutlich aus guten Gründen, denn ich denke es war der Zeit nach meiner sexuellen Verstrickungen im Kindergarten. In Abwesenheit meiner Mutter traute er sich öfter, seine Wut an mir auszulassen, als wenn sie dabei war. Meine Weigerung in den Kindergarten zu gehen, vielleicht auch aus Angst vor den sexuellen Interaktionen der Kinder dort untereinander, führte dazu, dass er mit mir zu schimpfen begann und mir sagte, dass ich „ein kleines Arschloch“ sei. Er fuhrwerkte an meinem Sitzgurt herum und zwang mich aus dem Auto zu steigen, nachdem er mich beleidigt hatte. Ich fühlte mich schlecht, war aber selbst unfähig mich anders zu verhalten, denn ich wollte auf keinen Fall in diesen Kindergarten gehen. So wie jeden Tag…

Lebensgeschichte: Zerklärung

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Sexual Power

Meine Aufklärung begann eigentlich fast unmittelbar nach meiner Geburt. Meine beiden Elten arbeiteten in der Gynäkologie und meine Mutter war besessen von Sex, Körperlichkeiten und dem „offnen“ Umgang mit beidem. Bevor ich die Chance hatte, mich selbst zu entdecken, wurde mir bereits erklärt, das ich einen Penis habe. Hätte man mich ja auch mal selbst drauf kommen lassen können …

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Im Alter von drei Jahren begann meine Mutter damit, mir aus dem „Aufklärungsbuch“ von Thaddäus Troll vorzulesen, das merkwürdige Abbildungen enthielt und sich bemühte, die Befruchtung und das Liebe machen zu erklären. Liebe sei wie Seilspringen und Sex fühlte sich an wie gekitzelt werden. Alle hatten viel Spass dabei! Angeblich.

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Ich selbst wusste nicht so richtig etwas damit anzufangen und irgendwie kam mir dieses Buch anders vor, als alle anderen. Die Menschen auf den Bildern waren nackt und ich fand sie sahen etwas eklig aus. Die Spermien waren überdimensioniert und grinsten mich an. Sie sahen fast aus wie kleine Zufriedenheitsmonster, die nur darauf warteten die unschuldige und bewegungsunfähige Eizelle zu attackieren und zu belästigen. Mir war nicht klar, warum das alles wichtig sein sollte. Meine Mutter sagte selbst, sie hätte mir das Buch hunderte von Malen vorgelesen. Für sie sei es ein Buch wie jedes andere gewesen. Für mich nicht.

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Egal wie sehr ich auswich, meine Mutter hörte mit der Aufklärung einfach nicht mehr auf. Es verging Jahr für Jahr, in dem ich Tag ein Tag aus aufgeklärt wurde. Bevor ich Fahrrad fahren konnte, wurde ich bereits über den G-Punkt der Frau informiert. Mir wurde an diverse Gemüsesorten gezeigt wie man ein Kondom benutzte, ganz egal, ob ich es wusste oder nicht. Auch aus meiner Sicht als Kind war die Anwendung eines Kondoms ziemlich selbsterklärend, wenn man nicht total dämlich war. Die Worte Penis, Vagina, Geschlechtsverkehr und Preservativ dominierten mein Leben und meine Ängste. Alles drehte sich um Genitalien und wie man sie benutzte. Um die Unterschiede zwischen Mann und Frau, die doch eigentlich ziemlich offensichtlich waren, und um Befriedigung. Immer wieder und wieder und wieder hämmerte meine Mutter mir sexuelle Begrifflichkeiten in meinen Kopf, unter dem Vorwand der Aufklärung. Da ich noch ein Kind war, konnt ich ihrem scheinbaren Wünsche nach dem Ausleben meiner Sexualität doch aber nicht nachkommen!?

Vor dem Hintergrund der sexuellen Erlebnisse im Kindergarten wirkten die Worte auf mich wie Schläge in mein Gesicht. Meine Mutter behauptete später: „Die Aufklärung dauert lebenslang.“ Ich dachte mir: „Aha!? Das ist mir neu!“ Egal wie oft ich ihr sagte, dass ich doch alles schon weiß, sie hörte nicht auf. Dabei hatte sie oft ein kindlich-schelmisches Lächeln der Genugtuung in ihren Augen. Es macht ihr so viel Spaß „versaut“ zu sein, wie sie selber nicht müde wurde zu betonen. Sie liebte „schweinische Witze“ und kicherte, fast wahnsinnig, in sich hinein. Meine Mutter erschien mir dann wie eine Irre, die den Verstand verloren hatte und ich wusste nicht, wieso sie diese, für mich ekligen, Dinge mit mir teilte. Jedes Bitten darum zumindest die Witze zu lassen, führte dazu, dass sie erst recht noch einen erzählte. Sie war selbst wie ein Kind, das versuchte mit mir sexuellen Kontakt aufzunehmen. So als wären wir auf dem Schulhof in einer Pause. Sie konnte nicht zwischen mir als Kind und ihr selbst als Erwachsene unterscheiden. Sie suchte einen „Spielpartner“ und manchmal dachte ich sogar, dass sie eigentlich eine erste wirkliche Liebe in mir suchte. Im Gegensatz zum Leben auf dem Schulhof, konnte ich mich dem Einfluss eines übergriffigen Kindes, also meiner Mutter, zuhause nicht entziehen. Zumal sie als Erwachsene die von ihr selbst ausgesprochene, totale Bestimmungsgewalt über mich hatte.

Einmal fragte ich meine Mutter, was ich als Kind denn für Fragen zu meiner Aufklärung hatte. Es war einer der seltenen Momente in denen sie kurz nachdenklich schwieg und antwortete dann, sogar etwas verwundert über diese Tatsache: „Keine. Gefragt hast du eigentlich nie etwas.“ Ist ja merkwürdig! Es stellte sich heraus, dass ich nichtmal zu ihren Erzählungen Fragen hatte, obwohl ich ihrer Daueraufklärung ausgesetzt war. Das entspricht meinen Erinnerungen, in denen ich mich extrem bedrängt und überfordert fühlte. Eigentlich wollte ich damals am liebsten schreiend weglaufen, aber diese Option hatte ich nicht zur Verfügung, also Schwieg ich und akzeptierte die Penisse und Vaginas, die aus ihrem Mund auf mich geworfen wurden sowie ihre Deutungen auf mein Genital und sämtliche damit verbundenen Details.

Meine Mutter sprach Preservative später sogar vor meinen Freundinnen an und sagte Sätze wie: „Aber wenn ihr Sex habt, dann müsst ihr eine Preservativ benutzen, ja?!“ Ich dene da war ich erst ungefähr 10 oder 12 Jahre alt. Wenn ich als Jugendlicher aus der Tür ging fragte sie permanent: „Hast du auch einen Preservativ in deinem Portemonait?“.

Nach zehn Jahren der „Aufklärung“ und perversen Witze, war ich so paralysiert, dass es mir unmöglich erschien jemals Sex zu haben. Obwohl es mir vorkam, als wäre ich nur zu dem Zweck geboren worden, um andere Menschen mit meinem Penis zu „befriedigen“, war ich gelähmt von allen Erwartungen und Erzählungen meiner Mutter. Gleichzeitig wusste ich, dass meine Mutter von mir erwartete Sex zu haben und ich hätte mein Leben darauf verwettet, dass sie am liebsten dabei gewesen wäre und mir dabei Tips gegeben hätte – einfach so, aus technischen Aspekten versteht sich! Sie war besessen von der Entwicklung meiner Sexualität und konnte es nicht erwarten dabei zu sein.

Es wurde mir unmöglich, mich auf Mädchen einzulassen. Der sexuelle Missbrauch, der sich als Aufklärung tarnte, hatte mich bis in mein Innerstes angeekelt, verwirrt und emotional verstört. Ich blieb alleine und konnte meine eigene Sexualität nicht erfahren. Auch die Nähe und Liebe, die damit verbunden gewesen wäre, blieb mir dadurch verwehrt. Ich fühlte mich minderwertig und unbeteiligt an dem Leben und Erleben der anderen. Während alle mit ihren Leben begonnen und Paare bildeten, blieb ich scheinbar chancenlos mit mir alleine, obwohl sich Mädchen für mich interessierten. Was für die anderen gerade begonn und Spaß machte, kannte ich schon seit meinem dritten Lebensjahr bis ins letzte Detail, natürkich hypothetisch, und war mit Furcht, Macht, Kontrolle und Ekel verknüpft.

Meine Mutter fuhr unbeirrt mit der Aufklärung fort, während ich in mir verschwand und mich nach echter Liebe und Berührung sehnte. Für diese Art der Aufklärung, die eigentlich nur Zerstörung in der natürlichen Entwicklung des Kindes anrichtet, definiere ich einen neuen Begriff:

Es handelte sich eindeutig um eine schwere Form von „Zerklärung“!

Lebensgeschichte: Das Du-bist-ich-Spiel

Zwischen meiner Mutter und mir gab es ein unvereinbartes Spiel, das ich von Anfang an zu spielen hatte. Wenn ich es nicht spielen wollte, wurde ich beschimpft, bedrängt und gezwungen mitzumachen. Meine Mutter wendete enorme Mengen an Energie und Zeit auf, und Gewalt, um mich zum mitspielen zu zwingen.

Das Spiel würde ich heute das „Du-bist-ich-Spiel“ nennen.

Dabei ging es darum, dass ich das tun musste, was meine Mutter als Kind, Jugendliche oder Erwachsene gerne getan hatte oder tat. Dabei sollte alles möglichst genauso ablaufen wie in ihrem Erleben und ich sollte die selben Gefühle wie sie empfinden und ihr zeigen. Es war mir verboten und führte zu Entrüstungen und Wut, wenn ich bei dem was sie als Kind getan oder sich für mich ausgedacht hatte keine Freude empfand. Üblicher Weise waren dies Tätigkeiten von Erwachsenen oder von älteren Kindern, die zu meiner Entwicklung nicht passten.

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Ihre Eltern hatten ein Restaurant, wo sie selbst Erwachsenenaufgaben zu erledigen hatte. Meine Mutter berichtete mir, dass sie als Kind gerne abgewaschen hat. Sie fand es toll, mit umgebundener Schürze Gläser zu spülen. Das beigefügte Bild von mir als Kind im Alter von zwei Jahren spricht für sich selbst.

Ich lernte, dass mein eigener Charakter und meine Gefühle keinen Platz hatten und ich stattdessen, zum eigenen und allgemeinen Frieden, meine eigene Mutter spielen musste. Nur dann bekam ich ein Minimum an Akzeptanz und Liebe, die ich als Kind dringend brauchte. Das dies ein fauler Deal war, der nur dazu dienen konnte zu überleben anstatt zu erleben, war mir selbst als Kind schon bewusst. Denn es fühlte sich nicht gut an, wenn man andauernd so tun musste, als wäre man jemand anders.

Christine Ann Lawson beschreibt dies in ihrem Buch „Borderline-Mütter und ihre Kinder“ als den narzistischen Gebrauch des Kindes, welches als eine Erweiterung der Mutter von sich selbst erlebt wird. Das Kind soll die Eigenschaften und Erlebnisse der Mutter spiegeln, um ihr inneres Gefühl von Leere auszugleichen. Karl Haag beschreibt in seinem Buch „Wenn Mütter zu sehr lieben“, dass die Kinder die Erwartungen der Mutter wahrnehmen und deuten können. Sie werden nicht selten von alleine damit beginnen die Wünsche der Mutter von sich aus durch ihr Verhalten zu befriedigen. Aus der Perspektive der Mutter sollen die Kinder die Handlungen dann oft von sich aus und gerne ausgeführt haben. Karl Haag erläutert, dass die Kinder zwar bemerken, dass sie für die Zwecke der Erwachsenen benutzt werden, gleichzeitig aber schon allein aus Eigeninteresse und Abhängigkeit dazu neigen werden den Wünschen der Eltern bald unaufgefordert, scheinbar von sich aus, nachzukommen. Vielleicht schon deshalb, weil so, zum Teil schwere, Konflikte vermieden werden können.

Ich für meinen Teil kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich im Alter von zwei Jahren selbst davon überzeugt war Geschirr abzuwaschen, mit Schürze, und dazu alleine auf einen Stuhl geklettert war. Ganz offensichtlich war ich nicht in der Lage mir mit einer Schleife eine Schürze unzubinden oder auf meinen Hochstuhl zu klettern. Dass alles noch per Foto festgehalten wurde, spricht für die Inszenierung der Situation, in der ich mich selbst – ja, ich denke ich kann mich erinnern – gefragt habe, was ich da eigentlich tat und warum ich es tat.

Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, breitete sich in diesen Situationen immer aus. Es war das Gefühl von Zwang und fühlte sich damals genauso an, wie mein Gefühl als Erwachsener, wenn ich unter Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen leide.