06.05.2017 – Die Schwestern, der Missbrauch und die Planung einer Familientherapie

Heute habe ich endlich frei. Die arbeit hat mich viel Kraft gekostet. Immer wieder muss ich an meine Familie denken, an den letzten Streit mit meiner Schwester, in dem sie mir gesagt hat, dass sie alles das mit dem Missbrauch anders sieht, dass es gar kein Missbrauch ist. Sie wurde ziemlich wütend, meinte aber, sie wäre nur aufgebracht. Ich habe es auch als aggressiv erlebt. Klar, war ich auch wütend. Es ist verletzend, wenn die eigenen Geschwister alles immer anders sehen, obwohl sie die Situation gar nicht kannten, sie weder miterlebt haben, noch selbst erlebt. Seitdem haben wir nicht mehr gesprochen. Meine Schwester hat sich bis heute nicht über Missbrauch informiert, obwohl sie schon dabei ist ihre Masterarbeit in Psychologie zu schreiben. Wie kann man Psychologie studieren und aus einer Familie kommen, in der Gewalt und Missbrauch gegen mindestens ein Kind an der Tagesordnung waren und sind, ohne sich mit einem der Themen zu befassen, darüber gar nichts wissen?

Meine Schwester hat mir dann hinterher noch einmal geschrieben, dass ich doch mal an meine Frau denken sollte, wenn sie schwanger ist kann ich nicht so herumstreiten, wenn sie dabei ist, das sei extrem gefährlich. Für mich war das ziemlich gemein, denn ich will mich nicht streiten und habe versucht so ruhig wie möglich zu sein, während mir meine Schwester versucht hat wütend zu erklären, dass der Missbrauch, den ich erlebt habe gar kein Missbrauch war und dass meine Mutter ja bestimmt eine ganz andere Intention hatte. Ich habe ihr dann geschrieben, dass diese ganze Familie mich krank macht und dass dieses System von Gewalt etwas ist aus dem ich heraus muss. Seitdem, wie gesagt, kein Kontakt mehr. Meine Schwester meinte nur noch, sie müsse sich jetzt um ihr eigenes Herz kümmern. Es ist das typische Bild meiner Familie, in dem alle vor allem an sich selbst denken. Ich versuche immer wieder Kontakt aufzunehmen und werde angefeindet, weil ich zur Gewalt nicht schweige.

Trotzdem gebe ich nicht auf. Aber ich habe etwas erkannt: Ohne einen neutralen Ort, ohne einen Therapeuten der vermittelt und sich mit familiärer Gewalt und Missbrauch auskennt, kommen wir nicht weiter. Meine Schwester können nicht über die Gewalt sprechen ohne aggressiv zu werden, weil sie sie so weit wie möglich verdrängen wollen. Und weil sie nicht akzeptieren wollen, dass ich Dinge erlebt habe, die sie nicht kennen, von einem Menschen, den sie lieben. Aber ich kann nichts dafür, dass meine Eltern sich immer wieder für den Weg der Gewalt gegen mich entschieden haben.

Nun habe ich bei Tauwetter noch einmal nachgeschaut und es gibt eine Website zur Konfrontation mit dem Täter (http://tauwetter.de/de/betroffene/einzelberatung-betroffene/konfrontation.html). Darauf sind folgende Fragen, die ich beantworten werde, allerdings ersetze ich den Täter mit meinen Schwestern, da die Konfrontation mit dem Täter überhaupt nicht sinnvoll erscheint zum jetzigen Zeitpunkt:

  • Gibt es dafür einen zeitlichen (z.B. TäterIn könnte bald sterben) oder gefühlsbedingten Druck (Du hältst es nicht mehr aus; dir geht’s gerade so schlecht und erhoffst dir davon eine Lösung)?
    • Ja, gefühlsbedingter Druck. Der Ausschluss aus der Familie, die Aggression gegen mich, der Verlust der guten Beziehung zu meinen Schwester (Nur alles gut, wenn ich nicht über Missbrauch und meine Gefühle dazu spreche), Verantwortungsgefühl für meine Schwester. Traurigkeit, dass wegen der Gewalt meiner Eltern die ganze Familie kaputt gegangen ist
  • Wird von anderen psychischer Druck auf dich ausgeübt (z.B. von deinem/r Therapeuten/in, von Freund/in, PartnerIn, einer Gruppe)?
    • Nein
  • Was müsste passieren, damit du die Konfrontation für dich als erfolgreich durchgeführt siehst?
    • Der Missbrauch wurde als Missbrauch akzeptiert und es gibt ein bewusstsein bei meinen Schwester, dass meine Krisen auch eine Konsequenz der Gewalt gewesen sind, über die ich nie sprechen konnte und mit der ich alleine war.
    • In Zukunft werde ich nicht mehr angegriffen, wenn ich über den Missbrauch sprechen möchte, den ich erlebt habe.
  • Sind die Wünsche speziell angesichts dieses/r Täters/in realistisch?
    • Vielleicht, allerdings nur, wenn professionelle Unterstützung vorhanden ist.
  • Was für eine Reaktion erwartest du realistisch von dem/der TäterIn?
    • Wut, Widerstand, Widerspruch, Anfeindungen, Ausraster, Abbruch der gemeinsamen Gespräche
    • Nur langsame und wenige Veränderung
    • Im optimalen Fall eine nachhaltige Veränderung
    • Vermutlich aber langfristig nur eine minimale oder gar keine Verbesserung der Situation
  • Was erwartest oder befürchtest du vom Umfeld (Familie, EhepartnerIn) des/der TäterIn an (zusätzlichen) negativen Reaktionen?
    • Familie: Unverständnis, weitere Diskriminierung wegen erlebtem Missbrauch
    • Ehepartnerin: Unterstützung, aber keine direkte Hilfe, da selbst Missbrauchsopfer und keine Involvierung gewünscht von mir aus
    • Freunde: Wenig Unterstützung, wenig Interesse, bei einzelnen sinnvolle Hilfe, bei meisten eher keine konstruktiven Beiträge
  • Wie haben sie dir bisher geholfen, wie können sie dich weiter unterstützen?
    • Bisher haben sie mir bezüglich des Themas Missbrauch nicht geholfen. Im Gegenteil haben sie viel dafür getan, die Aufarbeitung zu verhindern
  • Glaubst du, dass sie auch bei einer Konfrontation zu dir stehen werden?
    • Nein, sie werden immer auch oder vielleicht auch nur die Positionen des Täters vertreten. Sie schützen den Täter meistens mehr als mich.
  • Welche Abhängigkeiten gibt es zur Zeit noch, die dir die Konfrontation erschweren (finanziell, gefühlsmäßig…)?
    • Emotionale Abhängigkeit
    • Verantworungsgefühl
    • Gemeinsame Vergangenheit
    • Verwandtschaft
  • Was für uneingelöste Wünsche, Erwartungen oder Forderungen hast du noch an den/die TäterIn (Unterstützung mit Geld zu deinem Lebensunterhalt; Erbschaft in Sicht; der/die TäterIn soll dir heute das geben, was dir als Kind zustand: z.B. Geborgenheit, Sicherheit, deine Grenzen respektieren, dich in den Arm nehmen, dich beschützen; TäterIn soll seine/ihre Tat zugeben und bedauern)?
    • Schwestern sollen die Tat akzeptieren und mich dabei unterstützen wieder ein Teil der Familie sein zu können, ohne angegriffen zu werden und ohne dass die Täterin neue Gewalt anwendet oder die Gewalt unkommentiert leugnen kann.
  • Wo wohnst du während dieser Zeit, falls die Begegnung nicht an deinem Wohnort stattfindet (In einem Hotel; bei Freunden; bei einem deiner verbündeten Familienangehörigen)?
    • Zuhause mit meiner eigenen Familie
  • Was soll dein/e HelferIn machen, um dir zu helfen (Nur dabei sein und möglichst wenig eingreifen; Dir immer wieder Mut zusprechen; Dich im geeigneten Augenblick – aber nur auf deine Bitte hin – in den Arm nehmen und trösten; Mit darauf achten, dass dich der/die TäterIn nicht verbal verletzt, als Lügner darstellt oder für verrückt erklärt; Dir das rechtzeitige Beenden der Konfrontation signalisiert)?
    • Fachlich über Missbrauch aufklären
    • Fachlich über die Folgen von Missbrauch aufklären
    • Fahclich über Kindesmisshandlung aufklären
    • Vermitteln, wenn unterschiedliche Standpunkte vertreten werden, damit beide Seiten die Motive der jeweils anderen besser verstehen können
    • Das Gespräch in einem friedlichen Rahmen halten
    • Helfen Regeln für die Kommunikation aufzustellen
    • Wege ausarbeiten, wie man mit dem Thema in der Familie umgehen kann
    • Wege ausarbeiten, wie man bei gemeinsamen Treffen mit dem Thema umgeht
    • Dabei unterstützen, dass ich das Recht habe auch öffentlich über den Missbrauch, den ich erfahren habe zu sprechen
  • Bei welche (negativen) Reaktionen des/der Täters/in brichst du das Gespräch besser vorzeitig ab?
    • Völlige und wiederholte Leugnung des Missbrauchs und der Gewalt
    • Starke Aggressionen
    • Langes Geschrei
    • Wenn ich ausgelacht werde
    • Wenn keine Aussicht mehr darauf besteht ein gemeinsames Verständnis für Missbrauch auch Kindesmisshandlung zu finden
    • Wenn von einer der Seiten kein Interesse mehr besteht den Prozess weiter zu führen

Letztendlich steht auf der Seite von Tauwetter auch folgendes:

Sei darauf gefasst, dass statt einer Schuldanerkennung, einer Bitte um Entschuldigung, oder gar einer Entschädigung gar nichts als Antwort kommt. Aber eher noch musst du mit wilden Angriffen, Verleumdungen und Beleidigungen rechnen. Es kann geschehen, dass der/die TäterIn gemeinsame Bekannte/Verwandte versucht gegen dich aufzubringen, dich für verrückt erklärt oder dir auf irgendeine Art droht. Je besser du darauf vorbereitet bist, desto weniger kann es dich schocken oder verletzen.

Dito, bisher oft so erlebt. Meine Mutter hat es sehr gut geschafft meine Schwester gegen mich aufzubringen, mich für verrückt zu erklären und mir auch zu drohen. Es ist sehr traurig, dass meine beiden Schwestern so sehr von ihr abhängig sind, dass sie selbst Missbrauch und Gewalt akzeptieren und die Tatsache, dass ich deswegen immer wieder zusammenbreche, keine Familie habe, kein familiäres Zuhause, keine Unterstützung und keine Chance auf gemeinsame Aufarbeitung, damit ich damit besser leben kann.

Klar, eine Therapie mit ihnen zu machen bedeutet auch, dass sehr wahrscheinlich wenig bis gar nichts besser wird. Oft frage ich mich, wieso keiner von beiden bereit ist irgend eine Form von Energie aufzubringen, um Missbrauch und Gewalt aufzuklären. Mit so wenig könnten sie mir so viel helfen. Und ich könnte ihnen auch so viel helfen. Wir könnten so gut zusammen Zeit verbringen. Der einzige Grund dafür, dass das nicht geht ist, dass sie beide den Missbrauch und die Gewalt leugnen. Lieber erklären sie mich für krank und bezeichnen meine Gefühle und Erinnerungen als falsch oder unwichtig, als dass sie ein paar Stunden in Ruhe gemeinsam darüber sprechen und mir vielleicht als Betroffener auch einmal helfen.

Die Therapie soll auf jeden Fall bei einem neutralen Therapeuten mit Fachkenntnis stattfinden, in einem neutralen Umfeld.

Naja, jetzt muss ich erstmal suchen, was es überhaupt für Angebote gibt und wieviele hunderte von Euro ich dafür ausgeben muss. Letztendlich muss ich dafür bezahlen, dass niemand sich für den Missbrauch interessiert und dass meine Eltern die Gewalt angewendet hat. Und dafür, dass meine Schwestern außer Ablehnung und Wut oft nicht viel als Reaktion hervorbringen. Dass sie etwas von selbst tun würde, sich darüber informieren oder auf mich zukommen, das wäre zwar logisch, menschlich, mitfühlen und gerecht, aber meine Schwestern haben keinerlei Lust sich auch nur ansatzweise damit zu befassen, nichtmal eine halbe Stunde, nicht mal zehn Minuten.

Also auf zur Therapeutensuche. Ich gebe nicht auf und das mindeste was passieren kann ist, dass ich herausfinde, dass die anderen sowieso gar kein Interesse haben. Dann kann ich wenigstens für mich beschließen, dass ich alles versucht habe, um unserer Familie, um uns Geschwistern eine Chance zu geben.

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28.02.2017 -Gute Neuigkeiten, aber nicht für mich

Ja, es gibt mal wieder gute Neuigkeiten, allerdings nicht für mich.

Nachdem ich mich heute um 7 Uhr früh zur Arbeit gequält habe, nachdem ich erstmal um 6 Uhr heulend auf der Bettkante saß, bin ich am frühen Nachmittag nach Hause gefahren. Obwohl ich nicht sehr gläubig bin, wollte ich in die Kirche gehen, aber sie war zu. Warum hat ne Kirche zu? Naja.

Mit den üblichen Schuldgefühlen und Selbstmordgedanken habe ich mich im Schneckentempo durch die Stadt gekämpft. Zum Schluss bin ich eine halbe Stunde gelaufen, anstatt den Bus zu nehmen. Ich habe mich so traurig gefühlt, dass ich gar keine Lust mehr hatte irgendwas zu tun. Also bin ich einfach geradeaus gelaufen, bis ich Zuhause angekommen bin.

Dann habe ich mich kurz hingelegt, bis ich angefangen habe noch einmal nach den Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch zu recherchieren. Dabei habe ich herausgefunden, dass es vielleicht doch noch Wege gibt, eine Anzeige zu machen. Allerdings vermutlich nicht, ohne einiges an Geld aufzuwenden, was ich leider nicht habe, in dieser Dimension. Aber wer weiß, vielleicht finde ich einen Weg. Dabei geht es nicht nur um mich selbst. Es geht darum diese Dinge nicht einfach zu akzeptieren.

Nachdem ich eine Stunde lang Google ausgequetscht hatte, bin ich erneut auf die Website vom Beauftragten für Missbrauch der Bundesregierung gestoßen (www.hilfeportal-missbrauch.de). Also dachte ich mir, vielleicht kennen sie dort ja noch Stellen, die mir weiterhelfen können. Eine ganze Stunde haben wir dann gesprochen und es war ziemlich gut. Es hat gut getan mal mit jemandem zu sprechen, der sich auskennt. Es ist erstaunlich, wie einfach das ist, wenn die andere Seite tatsächlich über Missbrauch aufgeklärt ist.

Nach der Stunde ging es mir besser, bis die Nachricht von einem Freund kam, dass heute sein Kind geboren wurde. Zuerst kam schiere Freude, aber schon Sekunden danach das Bild, wie alle sich freuen, die ganze Familie von ihm und seine Frau und wie er sein Kind auf den Arm nimmt. Dann wurde ich traurig, weil ich beides nicht habe, kein Kind und auch keine Familie. Ich saß zu dem Zeitpunkt über den Notizen zum Telefonat über den Missbrauch und die Folgen, mit den üblichen Schmerzen in meiner Prostata. Super.

Sollte ich gratulieren? Ja, ich freue mich für ihn, aber ich bin einfach nur noch traurig und verzweifelt. Zunächst habe ich beschlossen einfach mal abzuwarten, bis ich wieder etwas mehr Distanz habe. Morgen kann ich immer noch schreiben. Irgendwas muss ich schreiben. Ich wünschte, ich könnte mich mehr freuen, aber ich bin einfach traurig. Meine Welt und die meiner Freunde entfernt sich immer mehr voneinander. Ihre Realität hat immer weniger gemeinsam mit meiner. Familien, Glück, Beziehungen, Liebe gegen unerfüllten Kinderwunsch, Schuldgefühle, Missbrauch und Traurigkeit. Was soll da noch zusammenpassen?

Ich weiß, dass die Beziehung zu meinen Freunden erst einmal schwieriger wird für mich und dass ich wieder, so wie nach dem Missbrauch in meiner Kindheit und dem Verbot eine Freundin zu haben, auch immer einsamer und trauriger wurde, mich durch die andere Entwicklung meines Lebens immer mehr von den Menschen entferne, mit denen ich so gerne zusammen bin. Es ist die gleiche Dynamik. Ich weiß, was passiert. Es ist auch nicht so, als hätte ich da eine große Wahl. Es gibt nun mal Dinge, die Menschen traurig machen. Missbrauch, Beziehungsprobleme und ein unerfüllter Kinderwunsch gehören auf jeden Fall dazu.

Ich freue mich sehr für meinen Freund. Ich bin nicht mehr neidisch, einfach nur traurig. Ich wünschte mir, dass ich auch ein Kind hätte, vor allem aber meine Frau. Aber alles ist so kompliziert. Es ist vor allem kompliziert wegen dem Missbrauch und den Folgen. Ohne alles das, wäre das weder für meine Frau, noch für mich so geschehen. Unsere Situation wäre eine ganz andere. Meine Frau hätte keine Angst gehabt vor Sexualität und ich mehr Erfahrung. Unsere psychischen Krankheiten wären nicht halb so schlimm gewesen und wir hätten nicht so viel Zeit damit verbracht verzweifelt gegen die Folgen des Missbrauchs, ihrem und meinem, zu kämpfen.

Gute Neuigkeiten also mal wieder für die anderen. Für mich bleibt nur morgen wieder arbeiten zu gehen, obwohl ich immer weniger Sinn darin sehe, die Selbsthiflegruppe zu leiten, Therapie zu machen und weiter zu kämpfen. Wofür mache ich das alles eigentlich noch? Für die Wahrheit und gegen Missbrauch. Das kann mir zumindest eine Weile weiter Kraft geben. Die Zeit füllen, in der ich hoffe, dass mindestens für meine Frau alles irgendwann gut wird.

26.02.2017 – Disrespect of time

Manchmal denke ich an meine Eltern und daran, dass Sie sich nie gefragt haben: Wie wird das Leben unserer Kinder sein? Was wird die Zeit für sie bringen?

Oft scheint es mir so, als hätten sie gelebt, ohne sich jemals die Frage zu stellen: Was wird sein?

Wie oft habe ich schon versucht herauszufinden, was der wahre Kern des Missbrauchs ist. Was ist dieses Gefühl, das entsteht, in mir und in anderen? Was ist das Einzigartige? Was ist es, dass es so schwer greifbar, beschreibbar macht? Immer mehr habe ich alles eingekreist.

Ist es die Rücksichtslosigkeit? Ist es die Selbstsucht? Ist es die gefühlte Sinnlosigkeit? Ist es die Unfähigkeit, die Motivation nachzuempfinden? Ist es das Wesen der Gewalt? Ist es das Leid derer, die es erfahren?

Nach all der Zeit, die ich mich auf emotionale, psychologische und philosophische Weise mit dem Thema befasst habe … Nach all den Gedanken und Gefühlen, die ich zugelassen habe … bleiben nur noch zwei Dinge übrig, die den wahren Kern ausmachen: Die Missachtung des Lebens und die Missachtung der Zeit.

Klar, der Lebensweg ist das, was die Menschen ausmacht. An ihn sind all ihre Gefühle gekoppelt, all ihr Wesen, ihre Entwicklung, ihre Liebe, die nächste Generation. Aber es fühlt sich nicht richtig an zu sagen, dass Missbrauch im Kern die Missachtung des Lebenswegs eines Menschen ist. Es scheint das Größte zu sein und trotzdem ist es zu klein. Es gibt nur eine Sache, die größer ist, als der Lebensweg eines Wesens … Zeit.

Missbrauch, und das mag kryptisch klingen, ist im Kern die Missachtung von Zeit. Dem, was mit ihr verbunden ist. Zeit und die Gefühle des Menschen, die er in ihr empfindet. Schule, Beziehung, Familie, Beruf … Zeit. Das ganze Leben und all die, die damit verbunden sind, währenddessen und danach. Jemanden zu missbrauchen bedeutet die Zeit, die er in seinem Leben hat, zu missachten. Und die Zeit derer, die diesen Menschen lieben. Es bedeutet:

„Mir ist egal, wie viel Zeit Du damit verbringst glücklich zu sein oder traurig zu sein. Es ist mir egal, ob Du die Zeit Deines Lebens mit dem füllst, was Dir gut tut und was Du Dir für Dich und andere wünschst. Es ist mir egal, was mit der Zeit geschieht, die ich selbst nicht erleben muss. Alles das, was nach mir kommt. All die Zeit, die du verbringst, sie ist mir gleichgültig. Mich interessiert nicht die Zeit, sondern nur mein Gefühl, dass ich in jedem Moment unmittelbar selbst empfinde. Deine Zeit und die all der anderen ist mir gleichgültig.“

Das ist der wahre Kern des Missbrauchs. Zumindest halte ich ihn für diesen zu diesem Zeitpunkt meiner Arbeit an dieser Frage. Alles andere verfehlt jedes mal mindestens einen Faktor, der den Missbrauch ausmacht. Nur die Komponente der Zeit verbindet alle Elemente miteinander. Der englische Begriff „disrespect“ trifft es besser, als jeder deutsche Begriff.

Disrespect of time.

Die Missachtung von Zeit.

 

20.02.2017 – Back To The Past

Manche Menschen wünschten sich, sie hätten eine Zeitmaschine. Viele würden damit in die Zukunft reisen, viele vermutlich auch zurück in die Vergangenheit. Neues sehen, Dinge ändern, die schief gelaufen sind.

Aber es ist ein wenig so wie bei „Back to the future“, der berühmten Trilogie mit Michael J. Fox in der Hauptrolle. Man darf sich nicht selbst begegnen und man darf keine essentiellen Veränderungen machen, weil selbst kleinsten Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum eine Kaskade großer Ereignisse auslösen können.

Klar, meine Reise in die Vergangenheit hat eigentlich schon vor langer Zeit begonnen, aber heute werde ich einen echten Zeitsprung machen. Keine bloße Erinnerung, kein Testlauf. Heute ist die Maschine nach einem halben Leben, das ich an ihr gearbeitet habe, bereit für den Einsatz:

Ich werde meinen Jugendtherapeuten treffen, der mich von meinem zehnten Lebensjahr bis ich 22 Jahre alt war, betreut hat. Teilweise mit drei Stunden pro Woche. Jetzt ist ungefähr der Moment, in dem Michael J Fox das Kabel an die Turmuhr hängt und darauf wartet, dass der Blitz einschlägt um den DeLorean aufzuladen und durch die Zeit zu befördern. Ausgang ungewiss …

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Ich, kurz bevor ich losgehe und mich in meine Vergangenheit stürze. Alles kann schief laufen, aber mein Wissensdrang ist größer, als die Angst vor dem Desaster.

Nur noch wenige Stunden, bis ich im Stuhl meinem alten Therapeuten gegenübersitze, der sich wohl an einiges erinnern wird und der weiß, dass ich komme, um aus Aufzeichnungen Informationen zu gewinnen, die er hoffentlich noch hat. Ein Protokoll über 12 Jahre meines Lebens. Eine Reise in meine Kindheit und Jugend, als mein Leben als junger Erwachsener. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich nicht Vieles erfahre, das ich gar nicht mehr weiß, an das ich mich schlichtweg nicht mehr erinnern kann. Mein Herz schlägt schneller, wenn ich nur daran denke, was mich erwartet. Vorausgesetzt es gibt noch Aufzeichnungen, wer kann dann schon behaupten, dass sein Seelenleben, oder vielmehr das, was ich preisgegeben habe, detailliert über 12 Jahre aufgezeichnet wurde? Was immer noch da ist, selbst wenn es nur die Erinnerungen des Therapeuten sind oder alte Berichte an die Krankenkasse … Um ehrlich zu sein, ich habe ausnahmsweise mal überhaupt keine Ahnung was auf mich zukommt. Es kann alles sein oder nichts. Aber vermutlich eher alles. Panik mischt sich mit Entschlossenheit und Neugier.

Es kommen Erinnerungen auf, an die erste Therapiestunde meines Lebens, in der ich ein Bild gemalt habe, mit meiner Familie als Tiere. Soweit ich weiß, war meine kleine Schwester eine Giraffe und meine Mutter entweder ein Löwe oder eine Kuh, beides sollte passen. Irgendwer war vielleicht sogar ein Nashorn. Ich weiß es nicht mehr genau … Hat mein Therapeut dieses 25 Jahre alte Dokument noch? Ich würde einiges dafür geben, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen.

Was werde ich ihm für Fragen stellen? Was wird er mir für Fragen stellen? Wird er mich dabei unterstützen, die Wahrheit herauszufinden? Oder wird er selbst Angst davor haben? Ist er genauso neugierig, wie ich? Wie kann ich mit ihm sprechen, ohne dass er selbst sich unwohl fühlt, weil er vielleicht einiges nicht erkannt hat, was in meiner Familie parallel zur Therapie geschehen ist? Auf jeden Fall langsam vorgehen. Etwas in dem ich ganz und gar nicht gut bin, wenn ich einmal einen Plan gefasst habe. Disziplin ist gefragt.

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Auf dem Weg zur Praxis meines alten Therapeuten …

In zwei Stunden sitze ich in der Praxis, in der ich all diese Jahre gesessen habe, hunderte von Therapiestunden absolviert, mit einem Menschen, der mir schon am Telefon erschreckend vertraut und zum Glück immer noch sehr freundlich begegnete. Jemand, der mir das erste Mal beibrachte, wie ich wieder laufen, S-Bahn fahren und im generellen Sinne überleben lernen kann. Er weiß, dass ich (leider) ein ziemlich spezieller Typ bin. Nicht unsympathisch, aber jemand, der schon immer nach der Wahrheit gesucht hat, nach sich selbst. Am Telefon hat er sich wirklich sehr gefreut von mir zu hören. Und ich mich auch.

Jetzt muss ich ein Bad nehmen, bevor ich in meinen DeLorean steige und darauf warte, dass die Uhr 10 schlägt. Eine Regel werde ich allerdings brechen, ganz genauso wie Marty McFly: Ich werde mir in einer anderen Zeit selbst begegnen. Für den Protagonisten aus Back to the future ist das geradeso gut gegangen. Wird die Begegnung mit mir selbst in der Vergangenheit meine Gegenwart beeinflussen? Und wenn ja, zum positiven oder zum negativen? Wie Doc Brown richtig feststellte, kann alles passieren. Die Wirkung ist nicht vorherzusehen.

Und noch etwas anderes habe ich mit Marty McFly gemeinsam. Ich werde bei dieser Zeitreise meiner eigenen Mutter begegnen. Auch die Mutter von Marty McFly verliebte sich in ihn und brachte damit alles aus dem Gleichgewicht und Marty in große Probleme.

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Es ist soweit … Die Uhr zeigt sogar die korrekte Uhrzeit an. Wird die Zeitreise funktionieren? Werde ich zurückkommen?

Das ist meine ganz eigene Episode „Back to the past“. Ich habe keine Ahnung, wie viele Treffen es geben wird. Ob es vielleicht auch eine Trilogie wird? In nur einer Stunde sind 12 Jahre eines Lebens wohl kaum abzuhandeln. Wie weit wird mein Therapeut mit mir gehen?Ich hoffe weit. Diese Einblicke in meine Vergangenheit sind von enormer Bedeutung für mich. Und gleichzeitig sind sie eine enorme Gefahr.

Aber jetzt sitze ich schon im DeLorean und kann zugucken, wie der Blitz in die Uhr einschlägt. Es gibt kein Zurück mehr . Anschnallen, festhalten, durchstarten …

 

Du darfst traurig sein

Vielleicht geht es Dir auch manchmal so: Du fühlst Dich traurig und alle wollen, dass Du schnell wieder glücklich wirst. Aber die Traurigkeit gehört zu Dir und sie ist in diesem Moment, in dieser Lebensphase, ein Teil von Dir. Sie ist ein Teil Deiner authentischen Gefühlswelt und nur mit ihr bist Du komplett. Klar, wenn Du es Dir aussuchen könntest, würdest Du auch gerne gerade glücklich sein. Doch es gibt gute Gründe, warum Du es nicht bist. Vielleicht kennst Du sie oder Du hast nur das Gefühl und der Grund ist Dir noch verborgen.

Manchmal zerren Dann alle an Dir und möchten, dass Du schnell wieder „gesund“ wirst. Einige von ihnen, fühlen mit Dir und wünschen sich, dass du wieder fröhlich und mit Leichtigkeit leben kannst, so wie sie Dich vielleicht vorher lange kannten. Andere möchten, dass Du nicht mehr traurig bist, weil Sie selbst sich an ihre eigene Traurigkeit erinnert fühlen oder weil sie davon ausgehen, dass Du mit Deiner Traurigkeit ganz traurig bist. Aber vielleicht hast Du Dich auch ganz bewusst dazu entschieden traurig zu sein, der Traurigkeit nachzugehen, um sie zu fühlen, damit Du sie erleben und irgendwann hinter Dir lassen kannst.

Hab keine Angst, es ist völlig ok, dass Du traurig bist. Du darfst traurig sein.

  • Vielleicht bist Du traurig, weil Du jemanden verloren hast, der Dir besonders wichtig war, den Du vielleicht sehr geliebt hast. Das ist ok. Du darfst traurig sein.
  • Vielleicht bist Du traurig, weil jemand Dich schlecht behandelt hat. Das ist ok. Du darfst traurig sein.
  • Vielleicht bist Du traurig, weil Du etwas erlebt hast, dass Du noch nicht verarbeiten kannst. Das ist ok. Du darfst traurig sein.
  • Vielleicht bist Du traurig, weil eines Deiner sehnlichsten Ziele in weiter ferne liegt oder unerreichbar geworden scheint. Das ist ok. Du darfst traurig sein.
  • Vielleicht bist Du traurig, weil Du Dich mit Dir selbst gerade nicht wohl fühlst. Das ist ok. Du darfst traurig sein.
  • Vielleicht bist Du traurig und weißt gar nicht genau warum. Das ist ok. Du darfst traurig sein.

Irgendwann wirst Du vielleicht nicht mehr traurig sein. Manchmal, und da muss man ehrlich sein, kann es auch passieren, dass ein Mensch immer etwas traurig bleibt, wenn besonders wichtige Dinge in seinem Leben einfach nicht klappen wollen oder sehr schwer sind. Aufgeben war vielleicht auch nie Deine Stärke. Du möchtest leben, aber du möchtest ehrlich leben, in Einklang mit Dir selbst. Und dazu gehört auch eine Traurigkeit. Denn die Traurigkeit zu unterdrücken, macht Dich nur noch trauriger, als sie zuzulassen und ihr die Hand zu reichen, zu sagen: „Traurigkeit, Du bist jetzt gerade ein Teil von mir. Du und ich, wir werden gemeinsam einen Weg finden, miteinander klar zu kommen.“

Die Traurigkeit zu umarmen ist manchmal zielführender, als sie sich zum Feind zu machen. Sie zu verstehen, ihr einen Raum zu geben und dadurch auch Grenzen, kann der Traurigkeit ihre dunkle Kraft nehmen und sie in Licht verwandeln. Plötzlich kann man aus ihr sogar neue Kraft schöpfen, bis sie irgendwann vielleicht in einem aufgeht und sich wieder ganz sanft in die eigene Gefühlswelt integriert. Lass Dir diese Chance nicht nehmen. Du darfst traurig sein.

Auf den Spuren des Bösen: Mein Leben als „Ehemann“ eines Psychopathen oder das „pseudo-entführte“ Kind

 

Immer wieder muss ich an Szenen aus dem „Ehealltag“ mit meiner Mutter denken, als ich kein Kind, kein Jugendlicher, kein junger Mann war, sondern der „Ehemann“ meiner eigenen Mutter. Als ich dem allem entkommen war, war ich ein kaputter Mensch, der alles verloren hatte, in der kranken Beziehung, die ich gegen meinen Willen führen musste, weil ich unfähig war, als Kind den Selbstmord meines Vaters zu bewältigen und das Zuhause, das mich an ihn erinnert hat, und meine Schwestern zurückzulassen. Weil meine Mutter mich nicht verstoßen konnte, weil ich mich nicht verstoßen ließ, nutzte sie mich einfach als Ersatzehemann. Das ergab für sie viele Vorteile: emotionale Kompensation zum Nulltarif, also keine Investition notwendig, aber trotzdem konnte man das Kind so richtig schön ausbeuten, es zwingen einen zu unterhalten, die Wut zu fressen, die man auf die Welt hatte, Mitleid, Mitgefühl und Aufmerksamkeit einfordern. Wenn man das Kind schon nicht loswerden kann, dann kann man es ja wenigstens benutzen!

Wie konnte ich nur so dumm sein? Wie konnte ich zulassen, dass ein Mensch meine Seele, mein Herz, meine Gefühle missbraucht, Tag für Tag über so viele Jahre? Manchmal will ich es alles verstehen, aber der Schock und die Erinnerungen an diese kranke Beziehung bringen mich fast um den Verstand. Deshalb komme ich nur ganz langsam voran. Jeden Tag, ein kleines bisschen weiter. Aber ich lasse nicht locker, habe ich nie, ich muss herausfinden, warum das alles passiert ist. Warum ich nicht entkommen konnte und wieso es meine Seele bis in die tiefsten Abgründe der Hölle befördert hat.

Meiner Mutter habe ich oft direkt gesagt: „Ich bin nicht Dein Mann! Du musst Dir eine Beziehung suchen. Ich will nicht mit Dir streiten und ich kann auch nicht für Dich da sein. Es ist nicht meine Aufgabe, mich um Dich zu kümmern oder dich zu bewundern. Ich kann Dir nicht geben, was Du brauchst. Ich bin nicht Dein Ehemann.“ Für einen Jugendlichen ist das eine ziemlich präzise und mutige Weise gewesen, den Missbrauch auf den Punkt zu bringen. Aber ich habe mich nie getraut mit jemand anders darüber zu sprechen. Zu sagen: „Hilfe, meine Mutter führt mit mir eine Beziehung, bitte helft mir.“ Gedacht habe ich es tausende von Malen. Ich hab es nie geschafft mich zu trauen darüber zu sprechen, auch aus Angst vor der Gewalt meiner Mutter, die unglaublich geschickt darin war, vorsätzlich zu Lügen, um mich als kranken Idioten darzustellen, nur um danach mit dem Missbrauch knallhart weiterzumachen. Ich war immer der festen Überzeugung, dass mir Niemand glauben würde und ich habe mich geschämt dafür, dass ich dabei aussehen würde wie ein Muttersöhnchen, obwohl ich das nie war, sondern im Gegenteil doch immer nur entkommen wollte.

Klar, die Leute glauben oft nicht, dass es eine „Ehe“ war. Dass ich die Position von meinem Vater hatte, nach seinem Tod. Obwohl es perfekt Sinn ergibt, mal ganz abgesehen von den ziemlich authentischen Schilderungen, die ich dazu geben kann. Mit all dem Hass, all dem Streit, all den Ansprüchen, all den „Besitz“-Ansprüchen, all den Anzüglichkeiten, all dem Machtkampf und all der Wut. Es war eine Ehe. Mit all der Einmischung, all der Eifersucht, all dem Mobbing. Mit alle dem, das meinen Vater in den Selbstmord getrieben hatte. Meine fast panische Angst vor meiner Mutter und der Ekel durch ihre sexualisierte Gewalt und ihre infiltrative, kontrollierende Art haben so manches Mal dazu geführt, dass ich versucht habe mich in Alkohol zu ertränken und mich immer wieder auf Brücken und Fensterbänken wiedergefunden habe, um mich herunterzustürzen, um der Einsamkeit, in die ich gezwungen wurde zu entkommen und um dem Gefühl zu entkommen, dass meine Mutter meinen Körper, meine Seele, meine Gefühle, einfach alles besitzt und kontrolliert. Ok, sie hat mich nicht zu Sexualität gezwungen. Sie wusste, dass ich da niemals mitmachen würde und dass ich mich eher umbringen würde, als meine Sexualität herzugeben. Das hatte Sie mit mir als Kind erlebt, dass ich mich wehre so gut ich kann, wenn sie mich sexuell missbraucht. Sie wusste, dass ich mich wehren würde und sie wusste, dass damit alles vorbei sein würde. Sie wusste auch, dass ihr Image darunter leiden würde und vielleicht war es gar nicht so sehr auf den Sexualakt ausgerichtet, zumindest nicht im Bewusstsein, sondern es ging viel mehr darum, sich emotional zu befriedigen, die Unfähigkeit zu Beziehungen mit erwachsenen Männern zu kompensieren.

Manchmal denke ich, dass das der schlimmste Teil von all dem ist, was ich erlebt habe: Dass ich der Mann meiner Mutter sein musste. Und noch nicht einmal im Guten. Sondern ich war der gehasste Ehemann. Der, der nie gut genug ist und der, der ein dummer Versager ist. Aber der trotzdem niemand anders lieben soll, sondern der einfach gehorchen soll und da sein, wenn man jemanden anschreien will oder jemanden braucht, um sich über die Welt auszuheulen, oder wenn man Anerkennung braucht oder sonst irgendwas. Hauptsache man muss das nicht mit einem Erwachsenen Mann tun, denn der könnte ja irgendwann sagen: „Jetzt ist aber mal genug! Wenn Du so weitermachst, dann ist die Beziehung vorbei!“ Das eigene Kind kann das natürlich nicht ohne weiteres. Es ist eine gewalttätige und missbräuchliche, kranke Beziehung. Wie eine gescheiterte Ehe, die nach 25 Jahren in Hass und Zerstörung zerbricht. Es ist letztendlich die Ehe meiner beiden Eltern gewesen und plötzlich war ich mein eigener Vater, gefangen in dieser Ehe, mit 15, 16, 17, 18 Jahren. Mit 19 Jahren und 20 Jahren und mit 21 und 22 und 23. Und auch mit 24 und 25 immer noch. Wutausbrüche, Choleriken, Schreien … Dann wieder anzügliche Liebessäuselein und Komplimente. Intime Geschenke. Unterwäsche und Parfum. Dann wieder schreien, unkontrolliertes Schreien. Zwischendurch mal Zeiten, in denen sie mit einem Mann in meinem Alter, mit meinem Namen und meinen Interessen eine Beziehung führt und endlich ein bisschen von mir ablässt. Dann läuft es wieder schlechter und dann wird wieder geschrien. Ich bin unfähig, zu nichts zu gebrauchen und verrückt. Ich bin nicht fähig mein Leben zu leben, ich soll mich verpissen … Aber halt nein doch nicht! Sie ist immer für mich da! Sie liebt mich über alles. Plötzlich wieder schreien. Lautes trampeliges, polterndes und kindisches Schreien. Wahnsinn in den Augen. Ich will nur noch weg. Endlich weg! Papa, wo bist du nur hin? Rette mich doch vor dieser kranken Frau! Ich will selber lieben, eine Familie haben. Ich will endlich Frieden. Ich vermisse Dich so und ich kann nicht aus dieser Wohnung, weil ich mich immer daran erinnern muss, wie wir hier zusammen gelebt haben. Wo bist du nur hin? Schreien, Tür aufschmettern, noch mehr schreien. Mach dies, tu das, tu jenes. Auslachen. Dann werde ich mal benutzt, um mich vorzuführen vor Bekannten. In den Momenten bin ich der tollste. Danach wieder schreien und Wut. Schreien, schreien, schreien, SCHREIEN! SCHREIEN! SCHREIEN UND NOCH MEHR SCHREIEN! Wann hört diese Frau endlich auf. Wer ist diese Frau? Wer bin ich? Wieso bin ich hier?

Wenn meine Mutter in Urlaub ging, war das der einzige Moment, in dem ich jemanden hätte kennen lernen können, ohne dass ich Angst haben musste, dass Sie mir alles zerstört, mich bloßstellt, sich in die Beziehung einmischt, um meine Sexualität zu kontrollieren und nicht zuzulassen, dass ich Jemand anders liebe, glücklich bin ohne sie. Es erscheint fast paradox, dass meine Mutter mich gleichzeitig immer loswerden wollte, aber es ist genau dieser kranke Widerspruch, der eben diese „Ehe“ ausgemacht hat. Ich sollte gehen, verschwinden, nie wieder kommen, aber ich bin nicht gegangen, denn ich war ein Kind und ich hatte ein Recht auf ein Zuhause. Ein Zuhause, das ich kurz zuvor noch mit meinem Vater geteilt hatte. Dieses kranke Spiel aus Abstoßung und dem Wunsch mit dem eigenen Kind eine Beziehung zu führen. Es ist ein krankes Spiel gewesen, dass mich mehr als einmal an den Rand meines Verstandes geführt hat. Hin und her zwischen Hass und missbräuchlicher, sexualisierter „Liebe“. Der Wunsch geliebt und bewundert zu werden, und der Wunsch zu zerstören und Spaß dabei zu empfinden.

Klar, normale Männer wollten nie mit meiner Mutter zusammen sein. Spätestens nach ein paar gemeinsamen Abenden war jedem gesunden Menschen klar, mit der Frau stimmt was nicht. Letztendlich hat sie immer unterwürfige Männer und Frauen als Beziehungspartner gehabt, solche, die tatsächlich nach einer Beziehung mit ihrer Mutter gesucht haben und diese im übertragenen Sinne mit meiner Mutter auch gefunden haben. Einer von ihnen hat dies sogar offen zugegeben, dass er selbst eine gewalttätige Mutter hatte und nur nach glaubt selbst nur einen Ersatz gesucht zu haben.

Für mich war es die Hölle. Und es ist das furchtbarste Gefühl gewesen, dass ich je in meinem Leben gefühlt habe. Schlimmer als die Schläge. Vielleicht sogar schlimmer als der sexuelle Missbrauch. Das Gefühl, von der eigenen Mutter in eine Beziehung gezwungen zu werden und niemanden sonst lieben zu dürfen, hat meine ganze Seele erschüttert. Meine Mutter hat die selbe Beziehung mit meinem Vater geführt: Mein Vater, der sich verpissen sollte, ein Verlierer war und in den nächsten fünf Minuten wieder der tollste Mann der Welt, den man angeblich immer geliebt hat. Was für ein Wahnsinn.

Immer wieder stoße ich auf diesen Widerspruch. Die extreme Abstoßung und die sexualisierte, übertriebene Nähe, der Wunsch, den Menschen zu Besitzen und ihn zu zwingen nur einem selbst zu gehören. Wie erklärt sich dieser Widerspruch. Ist es wirklich ein Widerspruch? Wie kann es sein, dass eine Beziehung eines Menschen zu einem anderen nur von zwei Zuständen geprägt ist: Hass, Zerstörung, Abstoßung auf der einen Seite und Übersexualisierung, Missbrauch und Besitzansprüche auf der anderen Seite. Dazwischen nichts, keine Mitte, nur die beiden absoluten und kranken Extreme. Aber ist Missbrauch nicht auch ein Weg, jemanden zu verletzen? So wie die Verstoßung? Sind Besitzansprüch nicht auch nah am Hass? Verbirgt sich dahinter ein und das selbe Motiv? Oder ist es die Ambivalenz aus der Beziehung mit dem eigenen Vater, die meine Mutter in diesem Muster aus Gewalt festhält? Ihr Vater, der als schwerer Alkoholiker die Familie betrügt und manchmal tagelang verschwunden ist, als Ursprung der ewigen Verirrung zwischen ungesunder Nähe und Verstoßung?

Ich meine, es ist ja nicht so, dass die Liebe meiner Mutter zu mir echt war. Das war sie sicher nicht. Und es war mit Sicherheit nicht die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Ich war verfügbar. Vielleicht ist es das. Ich sollte weg, aber ich war nicht weg zu bekommen. Und wenn ich schon da war, dann konnte man mich hervorragend als Ehemann benutzen. Irgendeinen Vorteil musste das ganze ja haben … Wutausbrüche, die vor allem Aufmerksamkeit bringen. Tolles Herumagieren, um Anerkennung zu bekommen, wehleidiges Herumgesstöhne, wenn man krank im Bett liegt und gerne versorgt werden möchte, von dem Sohn, den man eigentlich sonst gerne verprügeln würde und ihm mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt. Dieser garstige, arrogante Typ, der es wagt einem zu widersprechen.

Es ist unmöglich, darüber zu reden, wenn man von der eigenen Mutter als Kind und junger Erwachsener in eine tatsächliche Ehebeziehung unter (zum Glück) Ausschluss von Sexualität gezwungen wird. Wenn andere Männer mir das erzählen, muss selbst ich darum kämpfen, sie nicht als Muttersöhne abzustempeln, obwohl ich genau weiß, wie furchtbar das ist, was sie berichten. Ich denke es ist die Tatsache, dass Männer schwach wirken, die von ihren eigenen Müttern missbraucht werden. Es ist so eine Art Instinkt, gegen den niemand ankämpfen kann. Aber wenn man mitten drin steckt, merkt man nicht den Unterschied. Ob es ein Mann wäre, oder eine Frau, der Vater oder die Mutter. In einer solchen Zwangsehe zu leben und niemanden anders lieben zu dürfen, nie darüber sprechen zu können und keinen Ausweg zu sehen, wegen finanzieller Abhängigkeit oder psychischer Behinderung oder weil man einfach ein Kind ist, das ist eine echte Hölle. Es fühlt sich an, als wäre man gekidnappt worden und immer wieder scheitern die Versuche auf sich aufmerksam zu machen oder zu fliehen. Man beginnt damit sich selbst zu hassen, für die Unfähigkeit zu entkommen und dafür, dass man nicht stark genug ist und sich missbrauchen lässt. Das Gefühl, dass ein anderer Mensch, vor dem man sich fürchtet, der einem schlimme Dinge angetan hat, einen besitzt und nach freiem Verfügen benutzen kann, um seine Emotionen, seine kranken, psychopathischen Wut- und Paranoia-Anfälle an einem abzuarbeiten, damit der Rest der Welt diese kranken Persönlichkeitsteile nicht mitbekommt … Dieses Gefühl bringt einen dazu sich umbringen zu wollen. Der Wunsch diesem Menschen endlich zu entziehen, wovon er sich ohne die eigene Zustimmung nährt, sich einfach rücksichtslos bedient an einem, um sich selbst in einer wahren Orgie selbst zu befriedigen, vollzustopfen, damit er den Rest des Tages alle anderen Menschen ausgeglichen umgarnen kann. Das eigene Leben verlieren, aber wenigstens ein bisschen Würde behalten. Sich gewehrt zu haben. Nicht aufgegeben zu haben. Wie oft wollte ich sterben, nur um dieser abscheulichen und perversen Gewalt zu entkommen, für immer.

Während ich schreibe wachen all die Gefühle wieder auf. Niemand weiß oder glaubt, dass ich das gleiche erlebt habe, wie bei einer Entführung. Es muss wirklich ähnlich sein. Die selben Emotionen, die selben Ängste, das erzwungene Einrichten mit dem Psychopathen. Das Verstecken, zurückziehen, das Parallelleben im Kopf und im Herz. Der Wunsch endlich zu entkommen und der Zwang mitzuspielen, wie in einem abgedrehten Puppsenspiel. Alles wirkt unecht und doch fühlt es sich so verletzend echt an. Kein Geld. Eine immer kranker werdende Psyche. Kein Ausweg. Keine Kraft. Alle Kraft wird gebraucht um zu überleben, den Psychopathen zu meiden, ihn ja nicht wütend zu machen, und sich gleichzeitig genug zu schützen, um nicht den Verstand zu verlieren. jede kleine Bitte, jeder Versuch sich ein bisschen zu befreien wird mit gnadenlosem Hass bestraft. Als würde ein Aufstand niedergeschlagen werden. Als würde eine alte Oma vor ihrem Supermarkt für faire Preise protestieren und von einer Hundertschaft Polizisten mit Tränengas niedergeschossen werden. Die selbe Verhältnismäßigkeit. Die Bitte, kurz einmal alleine sein zu dürfen, die Tür kurz abschließen zu dürfen, oder die Bitte darum, für die kleine Schwester zusammen Mittag zu essen. Jedes „aufbegehren“, jeder noch so normale Wunsch wird niedergeschlagen. Man wird bestraft, damit klar ist: „Du wirst nie das bekommen, was Du willst. Ich beherrsche Dich.“ Ein krankes Schauspiel, das Jahre oder Jahrzehnte aufrecht erhalten bleibt und einem die letzte menschliche Würde nimmt.

Wenn man als Kind in diese Situation hinein wächst weiß man zwar instinktiv, dass etwas furchtbar krankes passiert. Man weiß, da will jemand was von mir, was ungesund ist, mich kaputt macht, mein Leben bedroht. Aber weil es scheinbar keinen Ausweg gibt und man immer weiter hinein gezogen wird, ohne jemals zuvor erwachsen gewesen zu sein, wird man eine sehr lange Zeit in dieser kranken Beziehung gefangen bleiben.

Das zu schreiben ist hart. Das zuzugeben ist hart. All diese Dinge, über die ich nie sprechen konnte, weil es einem sowieso niemand glauben würde. Ich frage mich, wie viele Menschen das noch erlebt haben. Wie viele Menschen nicht nur „einfache“ Gewalt erlebt haben, sondern als Kind in eheähnlichen Beziehung mit tatsächlich psychopatischen Erwachsenen leben musste, aus denen sie nicht entkommen konnten und die mitten in der Gesellschaft stattgefunden haben? Da kaum jemand darüber spricht und die, die das gleiche erlebt haben vermutlich mindestens genauso starke Einschnitte in ihrem Leben hatten und ähnliche gesundheitliche Folgen, erscheint es mir fast unmöglich die Wahrheit darüber herauszufinden. Aber eins ist sehr klar. Was immer ich dafür tun kann, dass diese Dinge weniger passieren, ich werde es tun. Bisher ist das einzige was ich tun kann, die Wahrheit über mein Leben zuzulassen und sie hier aufzuschreiben, wenn ich stark genug bin, sie auszuhalten. Schon das allein, ist schwierig genug. Aber wenn man nicht spricht, dann trägt man dazu bei, dass diese Dinge auch bei anderen Menschen geschehen können. Damit könnte ich nicht leben. Deshalb muss ich verstehen, muss ich zulassen, muss ich schreiben. Stück für Stück. Bis die ganze Wahrheit irgendwann da ist.

 

Auf den Spuren des Bösen: Wenn das Kind „zu warm“ ist – Die große Bedeutung kleiner Worte

Immer wieder geht mir der Satz meiner Mutter durch den Kopf, den ich ihr vor einiger Zeit durch geschickte Fragen und viel Diplomatie entlocken konnte. Selten genug kommt es vor, dass sie, meist mehr aus Versehen oder wenn ich ihr das Gefühl gebe, mit ihrer Ehrlichkeit etwas brillantes, heroisches zu tun, einen Einblick in ihre wirklichen (!) Emotionen und Motivationen gibt. Es erfordert viel Geschick und die fast schon masochistische Fähigkeit, den Menschen, der die Misshandlung durchgeführt hat, immer wieder zu loben und zu bestätigen. Die Sucht nach Bestätigung und Großartigkeit kann in diesem Fall genutzt werden, um meine Mutter so lange zu schmeicheln, bis ihre Selbstverliebtheit größer ist, als die Angst vor der Wahrheit. Das einzige was sie benötigt, ist das Gefühl etwas ganz Großartiges zu tun, indem sie darüber spricht. Dieser Versuchung kann sie nicht widerstehen.

Diese kleinen Momente, in denen ein winziger Teil der Wahrheit durchkommt, nicht geleugnet wird, in denen ich sozusagen direkt an der Wurzel des „Bösen“ operiere, liefern immer wieder wertvolle Informationen über die tatsächlichen Gründe für manches ansonsten schwer nachvollziehbare Verhalten.

Sie sagte folgendes, und einige werden diesen Satz an anderer Stelle vielleicht schon einmal gelesen haben:

„Als Du geboren warst, warst Du mir einfach zu warm. Ich konnte es nicht ertragen, deinen warmen Körper an mir zu spüren. Deshalb habe ich Dich immer von mir weg gelegt.“

Erst vor kurzem erzählte mir jemand von einer Freundin, die in den ersten Monaten unfähig war, ihr Kind in den Arm zu nehmen, es bei sich zu haben, Körperkontakt mit dem Kind einzugehen. Klar, die logischen Reaktion für diese Frau war, dass sie bemerkte, dass es nicht die unbedingt zu erwartende Reaktion einer Mutter war und dass es irgendein Problem gab, über das sie sprechen musste und das sie irgendwie lösen musste, zum Wohle des Kindes. Diese Reaktion blieb bei meiner Mutter aus, bis heute. Meine Mutter verfügte nicht über die Fähigkeit den für den Säugling lebensbedrohlichen Missstand wahrzunehmen, oder doch? Primär gehe ich davon aus, dass meine Mutter eben nicht nur an einer Kontaktstörung litt, sondern auch an einer Persönlichkeitsstörung. Diese Kombination ist äußerst ungünstig, weil sie dazu führt, dass die Mutter unfähig ist, sich in die Gefühlswelt und Bedürfnisse des von ihr zu versorgenden Säuglings hineinversetzen zu können.

In einem Artikel auf der Website der Helios Kliniken (http://www.helios-kliniken.de/klinik/wiesbaden-hsk/aktuelles/ohne-beruehrung-kann-ein-mensch-nicht-leben.html) schreibt ein Arzt zum Weltknuddeltag, der übrigens am 21. Januar, und damit einen Tag nach meiner Geburt ist (!), folgendes zur Bedeutung von Berührungen für die kindliche Entwicklung in Abhängigkeit von Berührung:

Wenn man Menschen Berührungen verwehrt, kann das die Entwicklung stark beeinträchtigen und sogar zum Tod führen. Bei einem Experiment des Psychologen und Verhaltensforscher Harry Frederick Harlow wurden zwei Gruppen Rhesus-Äffchen gleichermaßen mit Milch ernährt, wobei die eine Gruppe lediglich ein Drahtgestell als Mutter vorfand, die andere Gruppe hingegen ein Drahtgestell im weichen, Fell ähnlichen Frotteemantel. Obwohl alle Äffchen gleich ernährt wurden, entwickelte sich die erste Gruppe schlecht und wurde verhaltensauffällig. „Körperkontakt ist nicht nur die Berührung der Haut, es geht auch um den Geruch, oder Wärme. Wir lernen über ganz viele Kanäle – übers Sehen, Riechen, Schmecken, Hören, aber eben auch durch taktile Reize. Die Haut ist das Organ, worüber wir am umfassendsten und stärksten mit der Umwelt in Kontakt stehen. Die Hirnreifung von Babys wird durch Berührung angeregt. Ohne Körperkontakt kommen normale Wachstumsprozesse nicht in Gang“, so Nickel. Bereits im 13. Jahrhundert zeigte sich in einem grausamen Experiment, wie sehr wir Menschen von Berührungen abhängig sind. Kaiser Friedrich II. befahl Ammen, die Babys nur zu füttern und zu waschen. Sprechen, Umarmungen und Zuneigung waren verboten. Nach der Überlieferung hat keines der Kinder das Experiment überlebt.

Hier wird auf die lebensbedrohlichen Folgen durch den Entzug von Körperkontakt bei Säuglingen und auch bei Menschen insgesamt eingegangen.  Wenn man es mit meinem Beitrag zu Isolation (23.01.20017 – Über die Folgen von Isolation und den Umgang mit resultierender psychischer Behinderung am Arbeitsplatz) vergleicht, findet man weitere Bestätigung für die Bedeutung von Körperkontakt und Kommunikation für die menschliche Entwicklung und die menschliche Gesundheit.

Festzuhalten gilt also, dass nach meiner persönlichen Aufklärungsarbeit für mich zunächst ein eindeutiges Bild blieb:

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung meiner Mutter hat dazu geführt, dass sie ihre eigene Kontaktunfähigkeit nicht als bedrohlich für mich als Kind wahrgenommen hat. Vor allem durch die Fähigkeit sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können, sind Eltern in der Regel dazu fähig, die Bedeutung von Körperkontakt für den Säugling, ihr Kind, angemessen einzuschätzen. Bei meiner Mutter schien diese Fähigkeit auf Grund ihrer Persönlichkeitsstörung nicht vorhanden zu sein.

Aber ist das wirklich so?

Hannah Arendt hat dazu einmal ein schönes Beispiel geschrieben: Oft sagt man, wenn jemand besonders „böse“ ist, dass er einen anderen behandelt, als wäre er ein Ding, ein Stein. Aber Hannah Arendt stellt richtig fest, wäre das tatsächlich so, dass der andere als „Stein“ wahrgenommen wird, würde die eigentlich „böse“ Handlung ausbleiben. Oder der Mensch könnte tatsächlich einen Stein dafür verwenden. In Wirklichkeit wird der andere Mensch nur deshalb „wie ein Stein“ behandelt, weil er eben ein Mensch ist. Und weil der Mensch, der die Handlung ausführt, genau weiß, dass es sich um einen Menschen, mit Gefühlen, handelt. Erst diese Menschlichkeit und das Bewusstsein, das der andere ein Mensch ist, führen zur „bösen“ Handlung. Selbst wenn sie „unmenschlich“ erscheint: Sie beruht auf dem Wissen des Täters, um die Menschlichkeit seines Opfers. Diese Menschlichkeit ist sogar der eigentliche Grund für die Wahl seines Ziels.

Deshalb ist die tatsächliche Vermutung, dass ich abgewiesen wurde und „wie ein Stein“ behandelt wurde, eben WEIL ich ein Mensch, ein Kind, ein warmes, lebendes Objekt war, und meine Mutter doch dazu fähig war, sich in mich hineinzuversetzen, berechtigt. War es vielleicht nicht nur die Unfähigkeit zum Kontakt? Denn mit meinem Vater und anderen Menschen konnte sie diesen problemlos eingehen.

Und was verbirgt sich eigentlich hinter der Aussage „zu warm“. Handelt es sich tatsächlich um die Körpertemperatur? Wäre eine Wärmflasche mit der selben Temperatur wie mein Körper genauso störend gewesen, wie ich? Oder wäre diese vielleicht sogar als angenehm wahrgenommen worden? Oder waren es auch mein Geruch, meine Bewegung, meine Kontaktaufnahme, meine Einforderung von Nähre als Säugling? War es vielleicht gerade das Menschliche, das Echte, das Lebendige, das dazu geführt hat, dass meine Mutter ganz bewusst den Kontakt mit mir vermieden hat? Hat sie bereits gespürt, dass sie missbräuchliche und gewalttätige Impulse gegenüber einem „warmen“ Menschen und Kind hat? War es der Konflikt zwischen der Kälte ihrer eigenen Kindheit und der wärme des neu geborenen Lebens? War es der Schmerz jemandem etwas zugeben, was man selbst nicht hatte, und dabei zuzusehen, wie ein anderer Mensch glücklicher und unbeschwerter ist, als man selbst? Obwohl einen das doch wiederum glücklich machen sollte? Oder war es eine schlichte Aggression gegen Kinder, die im Umfeld der eigenen Familie nicht mehr kontrolliert werden konnte, weil es keine Familien-internen Kontrollmechanismen gab, die die gesellschaftliche Kontrolle im heimischen ersetzten ? War es eine Wut, die in Abstoßung mündete? Nach dem Gefühl:

„Du sollst leiden, so wie ich gelitten habe. Du sollst fühlen, wie sich Schmerzen anfühlen. Ich habe das ausgehalten und Du musst das auch können!“

Die Schmerzen, die Einsamkeit, die Verletzung durch die Vernachlässigung und das familiäre Chaos mit den eigenen Eltern, die meine Mutter nie zulassen konnte, weil sie ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstliebe in Frage gestellt hätten … sollte ich diese stellvertretend erleben? Die Bestätigung, dass alles normal war, dadurch, dass man dem eigenen Kind das gleiche oder Schlimmeres antut, was man selbst erleben musste?

„Zu warm“, Eine einfache Aussage, hinter der sich eine lebensbedrohliche Situation für einen Säugling verbirgt, aus der er selbst nicht entkommen kann. Eine Aussage, hinter der sich ein gewaltiger Abgrund auftut, wenn man bereit ist, sich wirklich auf sie einzulassen, sie zu hinterfragen, zu verstehen. Dahinter verbirgt sich ein Mensch, der nicht sprechen, laufen oder krabbeln kann, dessen einzige Form der Kommunikation mit seiner Umwelt die Berührung seiner Haut ist. Ein kleines Wesen, das abgeschnitten ist von seiner Umgebung, noch unfähig sich selbst als Person zu begreifen oder wahrzunehmen, in einer vollkommenen Leere gefangen, stetig danach ringend die erlösende Berührung zu erhalten … Während die Mutter nur wenige Meter entfernt faul döst und ihr eigenes Kind nur als störend wahrnimmt, eine tiefe Wut gegen dieses Kind empfindet. So tief, dass sie bereit ist, es völlig zu ignorieren. Die Wahrheit hinter der Aussage „zu warm“, bildet den Grundstein aller Gewalt, allen Missbrauchs in meinem Leben. Jahrzehnte später kämpfe ich gegen Katatonien, Agoraphobie, Depressionen und Zwänge, die allesamt ihren Ursprung schon in diesen ersten Monaten meines Lebens finden. Der Kampf mit mir und gegen mich selbst, in den ich durch die Kontaktverweigerung und Isolation gezwungen wurde, manifestierte sich in diesen ersten Monaten bereits für den Rest meines gesamten Lebens.

„zu warm“ … Bis heute bin ich meiner Mutter zu warm. Zu Gefühlvoll, zu lieb, zu aufrichtig, zu nah. Die Abstoßung hat nie aufgehört und äußerte sich erst vor einem Jahr in der Aussage:

„Was willst Du eigentlich? Du bist jetzt erwachsen und kannst deine eigene Familie gründen. Lass uns in Ruhe!“

Mittlerweile besteht kein Kontakt mehr zu meiner Mutter. Die Aussage „Ich bin immer für Dich da.“, ist nur eine Aussage und genau genommen sogar eine bewusste Falschaussage. Sobald eine Annäherung stattfindet nutzt meine Mutter gezielt Gewalt, um mich, unter der Beteuerung mich lieb zu haben und spontanen Hassausbrüchen, wie oben zitiert, aus dem Familienleben zu entfernen. Die Aussagen von Liebe und Zuwendung erfüllen ausschließlich den Zweck, die Gewalt und die Verstoßung, die bereits in den ersten Tagen meines Lebens gewünscht und angestrebt war, zu verheimlichen.

Alles in allem stelle ich abschließend fest:

Wut, Abstoßung und bewusstes Verletzen waren schon in den ersten Tagen meines Lebens maßgebend für die „Beziehung“, die meine Mutter mit mir als Kind etablieren wollte. Distanz, erzwungene Depression und Isolation gehörten damals und gehören noch heute zu den prägenden Elementen. Dazu gehört auch das vorsätzliche zufügen von Schmerzen zur eigenen Befriedigung, vor allem durch psychisches Quälen und das bewusste induzieren von psychischer Krankheit. Die Macht, die meine Mutter über mich hatte, als ich ein Säugling war, versuchte sie im gesamten Verlauf meines Lebens beizubehalten und wieder herzustellen.

„Zu warm“, war ich sicher nicht. Meine Körpertemperatur wich von der eines durchschnittlichen Babies nicht ab. Die Wahrheit scheint wie immer anders dargestellt zu werden, als sie wirklich ist: Meine Mutter war zu kalt.

Auf den Spuren des Bösen: Das Zitat meiner Tante

Nachdem ich mir die Aufzeichnungen des Gesprächs mit meiner Tante, der Schwester meines Vaters, noch einmal angehört habe, möchte ich ein Zitat daraus veröffentlichen, das eigentlich alles sagt, was ich sonst mit so vielen Worten zu beschreiben versuche:

„Da war sehr viel Kälte, sehr viel Härte, menschliche Härte, die ich nicht kannte und die mir unheimlich war.“ – Die Schwester meines Bruders über meine Eltern und ihren Umgang mit Kindern aus der Familie

Dabei gilt zu berücksichtigen, dass meine Tante sogar Familientherapeutin ist. Ich gehe also davon aus, dass sie eine ganze Menge an Kälte und Härte aus ihren Sitzungen gewöhnt ist. Das ganze verdeutlicht eigentlich erst die Dimension dieser Feststellung.

13.12.2016 – Helges Geschichte

Auf der Website von Tauwetter stehen Berichte, von Männern, die sexuell missbraucht wurden. Ein Text stammt von einem gewissen Helge und beschreibt den sexuellen Missbrauch durch seine Mutter

Hier der Link:

http://www.tauwetter.de/ru/betroffene/texte/helges-geschichte.html

Darin sind viele Elemente zu finden, die auch in meiner Geschichte zu finden sind:

  • Anzügliche Bemerkungen der Mutter zum Sohn, die auch inhaltlich fast identisch sind
  • Der Versuch die Beziehungen des Sohns zu vereinnahmen
  • Der Versuch an der Sexualität des Sohnes teilzuhaben
  • Der Versuch, den Sohn beim Onanieren zu beobachten oder zu „erwischen“
  • Der Versuch den Sohn sexuell zu erziehen

Allerdings gibt es eine  bedeutenden Unterschied: Ich selbst habe mich von Anfang an so gut ich konnte gegen die Versuche meiner Mutter gewehrt. Das komische Gefühl, dass sie etwas von mir wollte, das ich nicht bereit war ihr zu geben, hat mich so sehr verstört, dass ich instinktiv versuchte mich zu schützen.

Ich denke, Helges Geschichte zeigt sehr deutlich wohin die „Beziehung“ mit meiner Mutter geführt hätte, wenn ich mich darauf eingelassen hätte. Stattdessen habe ich die Isolation und Einsamkeit gewählt. Ich glaube auch, dass meine Mutter deshalb tiefe Wut empfunden hat, weil ich es als Kind gewagt habe sie zurückzuweisen und aus meinem Sexualleben auszuschliessen.

Leider habe ich so auch weniger Beweise dafür, dass meine Mutter genau das mit mir vorhatte, was Helge geschehen ist. Aber anders als Helge habe ich mich lieber in die Hölle der Isolation begeben, als mich, meinen Körper und Geist, von meiner Mutter missbrauhen zu lassen. Ich habe mich immer gewehrt.

Auf den Spuren des Bösen: Das erste Telefonat mit meiner Tante

Mein Vater hatte zwei Geschwister, eine ältere Schwester und einen älteren Bruder.

Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Schritt gehen sollte, beide anzurufen, denn meine Mutter hat sie immer regelrecht verteufelt. Alles an unseren Verwandter war schlecht.

Nun, nachdem ich herausgefunden habe, dass meine Mutter mich mit so Vielem belogen und manipuliert hat, habe ich auch das begonnen in Frage zu stellen.

Auf der Suche nach der Wahrheit habe ich mich heute endlich getraut sie anzurufen. 20 Jahre haben wir uns weder gesehen noch gesprochen. Ihre Telefonnummer habe ich einfach im Internet gefunden. Super, dass sie sie dort eingetragen hat. Sie hatte eine freundliche Stimme und war gerade beim Keksebacken.

Zuerst konnte sie gar nicht zuordnen, wer ich bin. Aber als wir es dann geschafft hatten uns gegenseitig vorzustellen, haben wir sofort über meinen Vater und meine Familie geredet.

Sie sagte unter anderem, dass sie sich mit ihrem Mann dafür entschieden hat, unsere Familie nicht mehr zu besuchen. Ihr Sohn sei extremem Druck ausgesetzt gewesen und sie hatte gesehen, dass meine Eltern so brutal und kalt zu ihrem Sohn und uns Kindern waren. Sie sagte, dass sie noch nie zuvor so etwas gesehen hatte. Es gilt an diesem Punkt festzuhalten, dass meine Tante Familientherapeutin und ihr Mann Psychiater ist. Natürlich frage ich mich, was sie gesehen hat. Sie sagte, dass sie mir das noch erzählen wird.

Selbst heute, 30 Jahre später, klang sie noch aufgebracht und entsetzt.

Wie ich oft sage: Die Brutalität, insbesondere meiner Mutter, ist für die meisten Menschen nicht vorstellbar. Nicht einmal für Therapeuten. Wenige Menschen kennen einen Menschen wie meine Mutter. Wenige kennen einen klatblütihen Psychopathen dieser Größenordnung. Kleine Alltagspsychopathen ja, aber jemanden wie meine Mutter? Ich selbst habe noch nie einen vergleichbaren Menschen gesehen. Selbst die verwirrtesten und aggressivsten Menschen waren harmlos gegen meine Mutter.

Zum ersten Mal spricht jemand offen mit mir über die Gewalt. Einer der wenigen Menschen, der Einblick in die Familie hatte und zumindest kleine Teile dessen gesehen hat, was mein grausamer Alltag war.

Meine Tante wird mich noch einmal anrufen. Ich denke, es wird einiges geben, was sie mir berichten wird. Ich bin froh, dass sie nicht die scheußliche Person ist, als die meine Mutter sie uns verkauft hat. Sie scheint einen gesunden Instinkt zu haben, auch wenn es schade ist, dass sie damals nur die Verantwortung für ihr eigenes Kind übernommen hat.

Es bleibt spannend …