19.06.2018 – 25%

Hallo Luke,

Gerade sind wir vom Musikgarten zurück gekommen. Trotz Schmerzen habe ich Dich und Mama begleitet und die Haushaltshilfe, die auch dabei war, warum auch immer.

Das EMG wurde nicht geschrieben, weil die Diagnose ja schon gestellt ist. Der Neurologe sagt, ich habe eine 25% Chance wieder gesund zu werden. Dazu muss ich aber jede Woche weit fahren, um Spritzen zu erhalten, die nur vielleicht überhaupt irgendwas bringen. Eine wirkliche Behandlung gibt es nicht. Entweder habe ich viel Glück oder eben nicht. Entweder habe ich ein Leben voller nicht auszuhaltender Schmerzen, die meine Persönlichkeit aushöhlen wie einen Schweizer Käse, oder ich habe Glück und werde wieder gesund.

Ich habe im Mon Bijou Park geweint, in der Stadtmitte. Vormittags ist er noch leer. Ich habe geweint, weil ich an Dich denken musste und weil ich mir so sehr wünsche, dass wir beide zusammen ein Team sein können im Leben, wenn Du es magst. Ich habe auch geweint, weil ich jetzt viel kämpfen muss mit einer kleinen Chance darauf, dass es überhaupt etwas bringt. Und weil ich alleine bin, wie ich hier ja schon oft geschrieben habe. Ich erinnere mich an all die Ärzte, die mich angeschrien haben und angegriffen haben, sogar Therapeuten. Dabei war ich die ganze Zeit ernsthaft krank ohne das mir irgendwer geholfen hat. Es ist sinnlos, dass ich jetzt in dieser Situation bin, und indirekt auch Du. Nur weil Menschen unprofessionell gearbeitet haben und impulsiv ihre Gefühle rausgelassen haben, ganz so wie ich es als Kind schon in meiner Familie gewöhnt war.

Als ich fertig geweint habe, bin ich zu besagtem Musikgarten gefahren. Ich wollte nicht alleine sein. Aber die ganzen Menschen dort, die sich über ihre kleinen Wehwehchen unterhalten haben, sind mir eigentlich nur auf den Keks gegangen. Migräne … wenn ich tauschen könnte, würde ich es sofort tun.

Jetzt sind wir wieder zuhause. Ich bin sehr erschöpft. Ich kann niemanden anrufen, weil niemand so reagieren wird, wie es mir gut tun würde. Keine Lust auf Floskeln, Pseudomitleid und unrealistischen Optimismus.

Mama spielt mit dir in der Küche. Ich werde nun versuchen zu schlafen. Danach muss ich der Arbeit schreiben, dass ich lange nicht mehr kommen kann, was immer das dann bedeutet.

Ich höre Dich plappern und etwas schreien. ich will bei Dir sein. Ich kann es nicht, ich bin total erledigt und meine Gefühle zerfetzen mich immer wieder, wenn ich Dich sehe. Ich versuche runterzukommen und auf die 25% zuhoffen …

Ich kann nicht mehr. Aber es muss weitergehen.

Ich liebe Dich und hoffe, dass ich später mit Dir zusammen noch etwas rausgehen kann, ob mit oder ohne Schmerzen.

Dein Papa

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