18.06.2018 – Mein Vater hatte keine Freunde

Hallo lieber Luke,

Jetzt schläfst Du. Deine Mama hat Dich eben in einem Kindergarten angemeldet. Gestern bist Du auf dein Gesicht gefallen, als ich nicht aufgepasst habe und hast sehr geweint. Es sah ziemlich schmerzhaft aus. Manchmal kann ich schwer nachvollziehen, wie meine Mutter mit solche Schmerzen absichtlich geben konnte und dabei nichts empfinden, außer vielleicht Genugtuung und Freude.

Es tat mir so leid, dass Du auf deine Nase gefallen bist und ich hab mich schlecht gefühlt, dass ich nicht achtsamer war. Aber es scheint nun ok zu sein.

Heute muss ich zum MRT, um zu gucken, ob der Tumor gutartig ist, in meiner Hand. Sehr wahrscheinlich ist er es, aber es ist wichtig, dass ich trotzdem die Untersuchung machen lasse, auch um dann zu operieren.

Die Schmerzen waren nachts ok und morgens, aber jetzt werden sie wieder etwas stärker. Trotzdem, ich bin in einem Zustand, in dem ich schreiben kann und auch etwas am Leben teilnehmen, etwas rausgehen. Ich hoffe, dass es mit der Zeit immer weiter besser wird, bis ich irgendwann wieder normal leben kann. Aber das wird vermutlich noch eine ganze Weile dauern, wenn es passiert.

Nachher gehen wir zusammen zum MRT. Ich freue mich darauf, dass ihr mitkommt, deine Mama und Du. Es ist schön, nicht ganz alleine zu sein und vielleicht können wir dann ja noch etwas zusammen unternehmen, wenn es mir weiter gut geht.

Ich möchte jeden Tag so gut es geht nutzen, um schöne Dinge zu machen. Um meine Zeit mit Euch beiden zu verbringen. Du bist mittlerweile sehr aufgeweckt und versuchst wie ein typisches Baby alles zu erkunden. Ab und zu beschwerst Du Dich, wenn nicht alles geht, aber an sich bist du sehr ruhig. Eben bist Du in meinem Arm eingeschlafen. Das war sehr schön.

Es ist gerade einmal 9:40 und es liegt noch ein ganzer Tag vor uns. Heute werde ich vielleicht schwimmen gehen, nach dem MRT, damit ich weiter daran arbeiten kann, gesund zu werden. Vielleicht hilft die Bewegung ja oder kann mir zumindest dabei helfen besser mit den Gefühlen zu arbeiten, die durch die Isolation und die Behinderung selbstverständlich aufkommen.

Im Moment ist jeder gute Tag ein Gewinn für mich. Immer weniger mache ich mir Sorgen darum, was langfristig geschieht, einfach weil ich es mir nicht mehr leisten kann. Ich weiß es nicht und es würde mich davon abhalten, meine Zeit bewusst mit Dir zu verbringen und für meine Gesundheit zu arbeiten.

Jeder Mensch hat letztendlich ein Schicksal. Zugegeben, es ist auch sehr viel durch andere bestimmt, besonders in meinem Fall. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht der Weg ist, den ich nun eben annehmen muss, sei er durch die Aggression anderer maßgeblich geformt oder einfach durch den Lauf der Dinge. Letzteres ist natürlich viel leichter zu verarbeiten.

Gestern habe ich aus einem Foto, das ich online gefunden habe, von meiner Schwester, wie sie vor einer Woche gefeiert hat, ein kleines Kunstwerk erstellt. Ich habe das Bild ausgedruckt und auf ein DIN 3 Blatt geklebt. Danach habe ich den Tagebucheintrag von diesem Tag, dem 11.06.2018, herausgesucht und einzelne Textstellen per Hand neben und um das Bild herum geschrieben. Anschließend habe ich mit einem Marker einige Worte hervorgehoben, etwas Tip-Ex für Korrekturen benutzt und dem Bild eine passende Bezeichnung verpasst.

Das hat gut getan, weil ich damit meine Gefühle ausdrücken konnte. Und weil ich das eigentlich Problem zeigen konnte, ganz deutlich, das meinem Vater und auch mir so viel Schmerzen verursacht hat: Alle machen eine Sause und scheißen darauf, ob jemand währenddessen kaputt geht.

Natürlich wollte ich keinen Kontakt mehr mit meiner Familie, aber nur deshalb, weil eben genau das immer so geschieht. Alle feiern, während einer in Arsch geht, ganz egal wer. Sich präsentieren, gesehen werden, seine eigenen Bedürfnisse nach Spaß, Sexualität und vielem mehr füttern, anderen zu zeigen, dass man ja so glücklich ist, gut auszusehen, attraktiv zu sein, erfolgreich zu sein, klug zu sein, lustig zu sein, … Alles das ist für die drei Frauen in meiner ursprünglichen Familie so wichtig, dass sie bereit sind dafür jedes Problem von mir, jedes Problem meines Vaters damals, jedes ungewünschte Gefühl, jede unbequeme Wahrheit wegzuwischen und stattdessen lieber tanzen oder Eis essen zu gehen oder mit Freundinnen heiße Selfies zu schießen oder irgendwo pseudo-klugen und tatsächlich wenig reflektierten Kram daherzuplaudern, um sich in Gesellschaft überlegen zu fühlen.

Mein kleines Kunstwerk drückt zumindest einen Teil davon aus.

Oft denke ich daran, wie es nach dem Selbstmord meines Vaters war. Fast alle Menschen haben meinen Vater anders dargestellt, als er war. Sie haben die Intention seine Selbstmordes vollkommen falsch interpretiert, meistens um sich selbst der Verantwortung zu entziehen. Sie dachten er sei krank gewesen, weil Depression ja eine Krankheit sei. Ich habe mit meinem Vater zusammen gelebt, bis an den Tag vor seinem Selbstmord. Er war nicht krank, er war nicht unnormal. Niemand hat ihn geliebt zu diesem Zeitpunkt. Nicht einmal ich. Wir alle waren gemein zu ihm, angestachelt von meiner Mutter, die nur gehetzt hat und uns als Kinder auch dazu benutzt. Als mein Vater starb, war er traurig und alleine, weil er wirklich allen Grund dazu hatte und tatsächlich niemand für ihn da war. Weder seine Geschwister, noch sein Vater, noch seine Frau, noch seine Kinder, noch seine Kollegen, noch seine Freunde. Mein Vater hat sich umgebracht, weil er vollkommen zu Recht traurig und verzweifelt war und einsam. Klar, hätte er an mich und an meine Schwester denken und durchhalten müssen. Aber so, wie die anderen es darstellen, nachdem er selbst nichts mehr dazu sagen kann, ist es nicht geschehen – sicher nicht.

Auch deshalb schreibe ich so viel, weil, sollte mir doch etwas passieren, die Geschichte von meiner Familie umgedeutet und verzerrt wird und Du als Sohn niemals die Wahrheit kennen würdest, weil Du noch zu klein bist.

Nach dem Tod eines Menschen, schaffen sich die Hinterbliebenen oft eigene Versionen dessen, was der Verstorbene wohl gefühlt hat, sich gewünscht hat und warum es dazu kam, dass er gestorben ist.

In meinem Fall würde meine Familie vermutlich ungefähr so reagieren:

  • Er war ja immer sehr krank
    • was nicht stimmt, denn ich war Leistungssportler und bis ich 25 war kerngesund
  • Die Depression lag ja in der Familie
    • Allerdings ist sie sicher nicht genetisch, da es keine rein genetische Depression gibt, das ist ein Fakt. Und die Depression ist eher durch die Weitergabe katastrophaler Familienzustände zu erklären, durch Gewalt Unterdrückung und Herzlosigkeit
  • Er hatte einfach so ein Pech, dass er den Krankenhausunfall hatte
    • Entgegen meines eigenen Wunsches, habe ich auf aggressives Drängen meiner Mutter hin die Operation durchführen lassen
    • Niemand hat mir wirklich geholfen oder sich für meine Krankheit interessiert, nachdem ich kaputt gemacht wurde
    • Niemand hat mich im Krankenhaus vor der ärztlichen Gewalt verteidigt
    • Durch familiäre Ausgrenzung in Konsequenz der kollektiven Leugnung des Missbrauchs hatte ich keine Möglichkeit mich als Student einfach krank oder arbeitslos zu melden. Stattdessen musste ich arbeiten gehen, trotzdem ich Blut gepinkelt habe und nicht sitzen konnte
    • Meine Familie hätte hunderte von Male helfen und mein Problem mit lösen können.
  • Der Tod seines Vaters hat ihn kaputt gemacht
    • Der schlimmere Faktor war die Gewalt und Rückkehr meine Mutter
    • Schlimmer war, dass ich den Tod und vor allem auch die Aggression meiner Mutter, die dazu geführt hat, nie verarbeiten durfte. Und dass ich von meinen Schwester und meiner Mutter unter Aufwand extremer Wut und regelmäßiger Angriffe aktiv und wiederholt daran gehindert wurde, um ihn zu trauern und meine Gefühle aufzuarbeiten.
    • Das Wissen, dass meine Mutter meinen Vater bis in den Tod gemobt hat, ohne jemals dazu zu stehen oder sich rechtfertigen zu müssen oder irgendeine Konsequenz zu erfahren. Stattdessen wurde sie von meinen Schwester, entgegen der Tatsachen und trotzdem sie auch mich genauso gemobt hat, verteidigt und glorifiziert. Was wirklich geschehen ist, wird bis heute mit allen Mitteln bekämpft.
  • Er war oft wütend
    • Ziemlich sicher nicht. Die Menschen haben oft ganz absichtlich Wut mit scharfer Kritik verwechselt. Auch um die Kritik abzuwerten, weil sie ansonsten Aktion erfordert hätte. Die Wut anderer Menschen, die andere und mich selbst verletzte hat, zum Teil eben auch in den Tod getrieben, habe ich immer deutlich und ohne Kompromisse kritisiert. Weil man es muss. Es darf dafür keine Entschuldigung geben, die keine Konsequenzen für die Zukunft mit sich bringt.

Wenn ich manchmal daran denke, was andere reden würden, wenn ich gestorben wäre und sie einmal zusammenkommen würden, um danach zusammen Kuchen zu essen oder was weiß ich, dann wird mir oft einfach nur übel. All die Leute, die dann erzählen was lustig war und diese und jene Situation. Aber keiner wird sich hinstellen und sagen: Der Kerl wurde kaputt gemacht und misshandelt und deswegen ist er nun tot.

Sie werden so tun, als wäre alles unvermeidbar gewesen und als hätte niemand von Ihnen irgendetwas tun können. Die Wahrheit wird sein, dass sie hunderte oder gar tausende von Gelegenheiten hatten etwas zu verändern, insbesondere wenn ich über die Gewalt gesprochen habe oder während ich hunderte von Arztbesuchen alleine absolviert habe.

Ganz ehrlich: Als mein Vater starb, war niemand auf dieser Beerdigung sein Freund. Niemand hatte das Recht sich noch als seinen Freund zu bezeichnen. Die Leute hatten all seine Probleme ignoriert und auch die Gewalt meiner Mutter gegen ihn, jahrelang. Keiner der Menschen dort war sein Freund. Vielleicht ist es niemals jemand gewesen. Aber alle haben so getan, als wären sie es gewesen. Die Beerdigung hätte mit meinen Schwestern und mir alleine stattfinden sollen. Wir waren die letzten und einzigen, die noch bei ihm waren, bevor er sich umgebracht hat. Alle anderen haben sich nur um sich selbst gekümmert und hatten keinen Bock auf die Themen, die meinen Vater beschäftigt haben.

Jetzt muss ich zum Zahnarzt gehen, weil mir eine Füllung fast rausfällt. Ich schreibe später wieder.

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