18.06.2018 – Kein Brief

Hallo Luke,

Du bist mit Mama zu einer Freundin weitergefahren, nachdem wir zusammen beim MRT waren. Wie immer konnte ich nicht mitkommen, weil ich nicht sitzen kann und Schmerzen hatte. Jetzt liege ich wieder zuhause und versuche zu warten, bis es mir hoffentlich irgendwann besser geht.

Das Ergebnis des MRT bekomme ich erst am Donnerstag. Es heißt also wie üblich warten. Deine Mama hat heute überlegt einen Brief an meine Familie zu schreiben, weil es mir schlecht geht, aber wir haben zusammen nachgedacht und beschlossen, dass das nichts helfen wird. Es würde vielleicht ein paar Wochen dazu führen, dass meine Familie aufgedreht anrufen oder vorbeikommen würde, zwischen Freunden, Hunden und Feierei, aber es würde auch sicherlich wieder darin enden, dass niemand zur Ruhe kommt, meine Probleme als nichtig oder weniger wichtig deklariert werden und alles als „eigentlich doch ganz einfach“ bezeichnet wird, obwohl das halbe Internet voll ist von verzweifelten Menschen, die ganze Kontinente wechseln, um eine wenig chancenreiche Behandlung für ihre nicht auszuhaltenden Schmerzen zu finden. Meine Schwester würde wieder aufgesetzt lächeln und sagen: „Aber es geht schon ja?“

Dann schweige ich und denke mir: „Nein, es geht nicht!“

Wenn ich mutig bin sage ich es und ernte nur einen angepissten, abgehobenen, angewiderten, überheblichen Blick aus dem Augenwinkel, der eigentlich sagt: „Ich wünschte ich könnte Dir in die Fresse hauen, du arroganter Arsch, dafür, dass Du mich nicht einfach in Ruhe lässt in meiner Welt, mit deinen scheiß Problemen.“

Ich denke dann an meinen Sohn und daran, dass all diese Wut und Ignoranz mir und indirekt ihm weh tun und unser Leben direkt angreifen. Meine Schwester, meine Mutter, meine andere Schwester, sie fühlen nur wütende Überlegenheit und fühlen sich unfair behandelt. Obwohl ich nichts dafür kann, dass ich krank bin und nie gesund werden konnte, weil niemand mir geholfen hat, außer mir selbst. Aber selbst dafür, dass ich sie zu Recht indirekt oder direkt danach frage: „Warum?“ Nicht nur aus Wut, sondern weil ich es logisch und emotional nicht verstehen kann, selbst dafür nehmen sie sich selbst das Recht wiederum wütend auf mich zu sein, anstatt ehrlich zu antworten. Ehrlichkeit scheint leider nicht ihre ausgeprägteste Tugend zu sein.

So oder ähnlich würde es enden, bis alle mich wieder anschreien oder mich belehren, mit nachweislichen Unwahrheiten, und ich dafür, dass ich Wut erfahren habe und Verletzung neue Wut bekomme, damit ich endlich schweige, die Fresse halte, sie endlich in Ruhe lasse. Dafür würden sie mich wieder und wieder und wieder verletzen, alleine lassen, angreifen. Und wieder würde ich keine Antwort haben und sowieso keine praktische Unterstützung, die mich nicht vollkommen aus der Ruhe bringt, weil niemand kurz die Stopptaste drücken und wirklich mit mir zusammen leben kann.

Also haben wir beschlossen, dass es nichts bringt zu schreiben. Und sind beide traurig gewesen.

Immer wieder sehe ich das Bild meiner feiernden Schwester, die schon als Kind nie mit mir spielen konnte, weil es immer darum ging ausschließlich das zu spielen, das ihr Spaß macht und die aus unserer Existenz früh einen Wettkampf gemacht hat, wessen Hobbies besser sind, die sich als Kind schon nie dafür interessiert hat, was ich oder meine Schwester oder ihre Freunde fühlen oder sich wünschen.

Nein, es bringt nichts, wenn meine Frau schreibt. Meine Familie hat nach dem Tod meines Vaters nie nachgedacht oder Ruhe gefunden. Und auch nicht nach meinem Tumor oder meinem Aufenthalt in der Psychiatrie. Auch nicht, nach dem Operationsfehler oder als meine Frau die Psychose hatte. Wie hoch sind die Chancen, dass meine Familie diesmal ruhig, angemessen verständnisvoll oder hilfreich reagiert? In Anbetracht des schier unfassbaren Ausmaßes an vorsätzlicher Ignoranz und Bagatellisierung würde ich sagen: nicht existent.

Also wird sie nicht schreiben. Wir werden weiter versuchen alleine zurecht zu kommen. Das ist trotz nicht auszuhaltender Schmerzen und doppelter Berufsunfähigkeit immer noch besser als impulsive Wut, aktive Ausgrenzung, wiederholte Leugnung vergangener Aggression, unhaltbaren Vorwürfen und wirrem, hyperkativem und überheblichem Gebrülle gepaart mit unreflektierten und unsensiblen Verallgemeinerungen, die ohne jegliche eigenen Erfahrungswerte mit schwerer Krankheit oder Gewalt spontan getätigt und selbstgerecht niemals bereut werden.

In der Welt gibt es kein Problem, das groß genug ist, um zu rechtfertigen, dass ich Hilfe brauche. Aber es gibt auch kein Problem, das klein genug ist, das sie sofortige Hilfe brauchen.

Also kein Brief.

Ich hoffe, dass ich alleine durch komme, es in einigen Jahren aufhört weh zu tun, und ich dann für immer ohne die Menschen leben kann, die mich überhaupt erst mit in diese Situation gebracht haben.

Jetzt werde ich weiter liegen, vielleicht etwas schlafen. Ich bin erschöpft. Etwas traurig, aber froh, am leben zu sein und Dich später zu sehen.

Dein Papa

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s