17.06.2018 – Vorm Abholen vom Bus

Hallo Luke,

Gleich hole ich Dich und Mama ab, von dem Ausflug zum Babykonzert. Ich war Skaten, bin etwas gefahren. Jetzt liege ich wieder und habe Schmerzen. Denke nach.

Ich schreibe meine Gedanken für Dich auf. Damit Du weißt, was mich bewegt hat. Als mein Vater sich umgebracht hat, nicht mehr bei mir sein konnte, wusste ich nichts über ihn. Weder was er gedacht hat, noch was er gefühlt hat. Bis heute weiß ich so gut wie nichts. Nur kleine fetzen. Du sollst die Möglichkeit haben, herauszufinden wer ich bin und war, selbst wenn alles irgendwie anders läuft als ich es mir jetzt wünsche und immer noch plane.

Du bist mein absolutes Wunschkind. So lang in meinem Leben haben ich mir gewünscht, dass ich einen Sohn haben kann, wie Dich. Eben genau Dich. Ich wusste immer, dass ich lieb zu Dir sein würde und dass ich gut für Dich sorgen würde, wenn ich es könnte. Meine eigene Mutter hat mir oft gesagt, dass ich es genauso schlecht machen würde wie sie, dass ich auch aggressiv sein würde, die gleichen Fehler machen. Nichts davon ist wahr gewesen oder ist es jetzt. Ich liebe Dich sehr.

Mein Atem ist schwer und ich weine, auch weil traurige Musik in der Serie spielt, die ich gerade nebenbei gucke ^^ Aber ich weiß, dass ich sehr stark sein muss, und dass Du vielleicht auch stark sein musst. Nicht wegen einem Zufall oder weil die Welt an sich besonders hart ist, sondern weil meine Mutter wollte, dass ich nicht ehrlich glücklich bin. Und leider hat sie es so übertrieben mit ihrer blinden Wut, dass ihr Wirken durch meine Verletzung bis in Dein leben getragen wird, selbst wenn ich alles tue, um dies zu verhindern, mit aller Kraft, die ich habe.

Jeden Tag will ich dafür arbeiten, dass Du eine neue Chance bekommst, ein Leben, das frei ist von dem Gefühl gehasst oder verlassen zu sein. Jeden Tag gebe ich alles, selbst hier im liegen, um es für Dich schön zu machen, um gesund zu werden, auszuheilen, die kleinste Chance zu nutzen, um zu verhindern, dass alles so wie mit meinem Vater in einer Tragik endet, die eigentlich nie zu meinem Leben gehört hätte – und auch nicht zu Deinem gehört.

Ich bin froh, dass ich Dich habe, denn es hätte genauso gut sein können, dass ich in dem Krankenhaus sterbe oder mich aus Verzweiflung durch die Unterdrückung durch meine Mutter umbringe, oder aus Traurigkeit meinen eigenen Vater nie mehr wieder zu sehen und zu wissen, dass er gestorben ist, weil meine Mutter nicht aufhören konnte ihn für jede Faser seines Wesens zu hassen und es ihn spüren zu lassen, immer und immer wieder. Es ist ein komisches Gefühl, wenn man Zeuge ist, wie ein Mensch einen anderen dazu bringt sich umzubringen, indem er ihn selbst dann noch verletzt, wenn er schon am Boden zerstört ist und eigentlich aufgegeben hat. Wenn ein anderer Mensch, entgegen aller üblichen Erwartungen, keine echte Trauer empfindet, sondern zufrieden damit ist, dass der eigene Vater tot ist. Wenn die Beerdigung mehr ein soziales Event ist. Wenn es keinen Grabstein gibt und nur Fertigtorte.

Ich gehe jetzt los, Euch abholen. Ich gebe wie immer nicht auf. Ich verstehe jetzt, dass alle Menschen in meinem Leben, außer deiner Mama und ein paar sehr wenige, alle keine Freunde waren. Denn niemand hat sich je darum gekümmert, was aus mir wird, ohne meinen Vater.

Ich will leben und da sein. Für Dich.

Bis gleich

Dein Papa

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