17.06.2018 – An mich selbst: Was die anderen so tun

Heute ist Luke mit seiner Mama unterwegs, sie sind zu einem Konzert gegangen, in Potsdam, für Kinder, zusammen mit einer Freundin und ihrer Tochter. Weil ich nicht sitzen kann, bin ich zuhause geblieben. Ich vermisse mein altes Leben. Oder überhaupt ein Leben.

Manchmal gibt es Tage, an denen ich mich kämpferisch fühle, Optimismus praktiziere. Aber an Tagen wie heute bin ich einfach nur traurig. Immer wieder versuche ich zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, dass ich immer weiter kaputt gegangen bin und auf dem Weg dahin so viel Wut anderer erfahren habe, obwohl ich durch die Fehler von den Ärzten erst in diese Situation gekommen bin. Eine für mich fast nicht zu bewältigende Situation.

Immer wieder versuche ich zu verstehen warum. Auf dem ganzen Weg habe ich meine Familie und die Ärzte so oft um Hilfe gebeten. Irgendwie hatte keiner von allen jemals eine wirkliche Verbindung zu mir. Die Verbindung wurde permanent abgelehnt oder reduziert, auf ein der Situation nicht angemessenes Level, so dass weder die gesundheitlichen, noch die emotional daraus entstehenden Probleme gelöst werden konnten. Darin besteht die eigentliche Gewalt, die ich zu lange nicht erkennt habe. Sie beruht auf der glasklaren Entscheidung aller Beteiligten, dass es sich nicht lohnt oder nicht notwendig ist, mehr Energie oder Zeit in mich als Person und mein Leben zu investieren. Selbst wenn dies bedeutet, dass ich alles verliere, Job, Sexualität, Familienplanung, die Möglichkeit mich uneingeschränkt um meinen Sohn zu kümmern, meine Fähigkeit zu sitzen.

Oft fühle ich, dass ich kurz davor bin, das ganze so zusammenzufügen, dass ich es nachvollziehen kann. Eigentlich ist es im Prinzip sehr einfach. Für die Menschen, die in meinem Leben behauptet haben, mich zu lieben oder professionell zu behandeln, gilt folgendes:

Mein Leben ist nicht wertvoll genug gewesen, um die notwendige Energie zu investieren, um es zu schützen oder zu reparieren.

Das erschreckende daran ist, dass man, rückblickend betrachtet, wirklich wenig Energie gebraucht hätte. Alleine die Entscheidung mich ernst zu nehmen – und es gab keinen einzigen Grund es nicht zu tun, denn ich habe niemals gelogen und alles was ich gesagt habe war klar nachvollziehbar – und die Entscheidung jeden Monat ein Kuchenessen oder einen Fernsehabend ausfallen zu lassen, hätten vermutlich gereicht, um mich jetzt gesund und munter mit meinem Sohn und meiner Frau in Potsdam ein Konzert zu hören.

Ich würde meine Frau in den Arm nehmen, wir würden lachen, ein bisschen tanzen. Ich hätte Luke auf dem Arm, würde ihn streicheln und für ihn mitsingen. Abends würden wir fröhlich ins Bett fallen, erschöpft aber einfach glücklich.

Das vermisse ich. Stattdessen liege ich im Bett und schaue eine Serie, die mich eigentlich nicht interessiert. Überlege jede Minute, was ich noch tun kann, um aus dieser tatsächlichen Hölle herauszukommen. Überlege wann ich meine Arbeit verlieren werden und dass es vielleicht besser ist, als die Heilung aufs Spiel zu setzen. Währenddessen schmerzt es in meinem Körper. Das Liegen macht mich fertig. Nicht nur psychisch, sondern auch weil es meinen Blutdruck beeinflusst, weil ich die Welt immer nur aus einer Perspektive sehe.

Während ich jetzt hier liege ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass meine Schwestern ihr Wochenende genießen oder ihr größtes Problem daraus besteht, dass sie sich nicht entscheiden können welches Kleid sie anziehen sollen oder welchen Mann sie nun gerade lieben möchten. Meine Mutter rennt vielleicht lachend durch die Welt und beeindruckt wie immer die Familie von ihrem aktuellen Partner oder befasst sich mit den Hunden, die 10000% mehr Zeit und Liebe bekommen, an jedem einzelnen Tag, als ich in meinem gesamten Leben von ihr ehrlich erhalten habe. Meine Freunde machen Familienausflüge, Fahrradtouren, Spielplatzbesuche, Familientreffen. Sie wurden nicht missbraucht, ihr Vater wurde nicht in den Selbstmord gemobt, sie wurden nicht in Krankenhäusern durch einen provozierten Operationsfehler behindert und dann vorsätzlich von Fachpersonal vernachlässigt und immer wieder angegriffen. Sie genießen einfach ihren Sonntag und es gibt für sie keinen Grund der Welt sich mit mir zu treffen oder mit mir gemeinsam zu kämpfen. Der Deal ist einfach nicht attraktiv für sie. Sie gewinnen nichts oder zu wenig, wenn sie mir helfen würden. Sie investieren aus freier Entscheidung in ihre eigenen Familien und Karrieren, und zwar kompromisslos.

Die Ärzte, die mich vorsätzlich und einfach aus Wut und Größenwahn kaputt gemacht und diskriminiert haben, sind vermutlich irgendwo Mountainbike fahren oder sitzen in ihrem Garten in irgendeiner Villengegend der Stadt, mit ihren Kindern, die sie besuchen, und tun so als wären sie liebevolle und großartige Menschen.

Meine Arbeitskollegen und Chefs genießen vermutlich ebenfalls den Sonntag Nachmittag und alles was sie wirklich interessiert ist ihr Gehalt, ihr Profit oder dass das nächste Projekt gut läuft.

Ich liege hier, überlege, wie ich weitermachen soll, wie ich es schaffen kann, dass meine Welt aus nicht auszuhaltenden Schmerzen sich trotzdem irgendwie aushalten lassen, körperlich und emotional. Schmerzmittel wirken bei Nervenkrankheiten leider nicht.

Von meinem Sohn getrennt zu sein, macht mich immer wieder völlig fertig. Aber ich weiß, dass ich keine Wahl habe und meine Frau nun die Hauptarbeit machen muss. Wenn ich es schaffe wieder gesund zu werden, dann kann ich wieder mitmachen. Ich vermisse sie beide. Aber wenn sie da sind, bin ich oft wie gelähmt, weil ich nicht weiß, wie es mit mir weiter geht und wie ich für sie da sein kann.

Gleich werde ich versuchen wie immer zu kämpfen, indem ich rausgehe und Skates fahre. Ich hoffe, dass die Bewegung mir helfen kann, aber es ist mehr eine Illusion, als eine wirklich funktionale Strategie. Zeit überbrücken. Etwas Normalität haben oder zumindest so tun. Das Gefühl haben aktiv zu sein, anstatt passiv.

Ich denke daran, wie alles geschehen ist, wie ich ganz allein im Krankenhaus um mein Leben gekämpft habe und dabei von den Ärzten nur angefeindet wurde und keine Hilfe bekommen habe.

Ich muss es schaffen, hier rauszukommen. Ich muss.

Und ich darf nie wieder jemandem vertrauen, der nicht mein Sohn oder meine Frau ist.

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