11.06.2018 – Fehleranalyse Teil 1

Hallo lieber Luke,

Du bist mit Mama gerade zur Tür raus. Es ist 8:11 und ein neuer Tag steht vor uns. Früher wäre ich duschen gegangen, hätte mich angezogen und wäre los zur arbeit. Ich hätte mich gefreut, im Bus Musik gehört, mich gut gefühlt. Ich stand mitten im Leben. Dann wäre ich irgendwann nach Haus gekommen, zu Deiner Mama, hätte ihr etwas leckeres zu Essen und vielleicht ein paar Blumen mitgebracht. Abends hätten wir einen Spaziergang gemacht und uns gut unterhalten. Wahrscheinlich wäre ich viel zu spät schlafen gegangen, hätte noch an eigenen Projekten programmiert und wie alle anderen Leute meines Alters daran gearbeitet Reichtum anzuhäufen und an meinem Lebenslauf zu feilen, damit ich stolz auf mich selbst sein konnte.

Jetzt ist alles anders. Die Balkontür ist offen. Ich bin alleine, weil ich zu krank bin, um Dich und Mama zu begleiten. Es ist kühler geworden, die sommerlichen Temperaturen gönnen sich eine Pause. Das Aquarium, das ich für Dich eingerichtet habe, blubbert im Flur vor sich hin. Eigentlich würde ich gerne aufstehen, aber ich kann nicht, denn wo oder wie sollte ich sitzen? Ich beschließe, gleich einen Spaziergang zu machen, damit ich einen Wechsel habe, nicht immer nur liege. Denn so ziemlich jeder Mensch, der nur liegt, bekommt früher oder später eine Depression davon. Ich übe mich weiterhin in Optimismus. Trotzdem schweifen meine Gedanken immer wieder ab und ich reflektiere das Leben. Oft denke ich mir: Wie kann ich Dich davor schützen, dass Du die gleichen Fehler machst wie ich es habe? Aber was waren eigentlich meine Fehler? Vielleicht versuche ich einmal, dies herauszufinden.

Mein erster und größter Fehler, so ungerne ich es wahrhaben möchte, war die Annahme, dass alle Menschen ein Interesse daran haben, wohlwollend und in Frieden miteinander zu leben. Seit ich ein Kind war ging ich davon aus, dass jeder Mensch in sich dieses Gefühl trägt, dass er möchte, dass es anderen Menschen auch gut geht. Heutzutage muss ich feststellen, dass diese Fehlannahme, von der ich nie bereit war abzulassen, dazu geführt hat, dass ich Menschen vertraut habe, die eine für mein Leben fast ausschließlich destruktive Intention hatten, die zum Teil grenzenlos war. Viele Menschen sind bereit gewesen, ohne wirkliche Notwendigkeit, sondern aus reiner, zum Teil schwer nachvollziehbarer, Wut, bedeutende Teile meines Lebens aktiv zu zerstören.

Mein zweiter Fehler war sicherlich, dass ich den Wert von Familie falsch eingeschätzt habe. Auch in einer Familie leben unterschiedliche Menschen, die nicht immer die Absicht haben, lieb zueinander zu sein, selbst wenn sie es aus Gewohnheit anders verkünden mögen. So wie mit allen anderen Menschen, kann es sein, dass Familienangehörige einem freundlich, neutral oder feindselig gesonnen sind. Und es gibt letztendlich keine Verpflichtung, füreinander da zu sein, außer die spärlich gesetzlich geregelte, die aber auch nicht effektiv gelebt werden muss, weil man sie kaum kontrollieren kann. Familie kann also wunderschön sein, aber sie kann auch dazu beitragen, dass an angegriffen oder vernachlässigt wird, einfach deshalb, weil die anderen Familienangehörigen einen nicht mögen, manchmal ohne dies einfach zuzugeben. Wie wichtig man einem Familienangehörigen wirklich ist, kann auch sehr unterschiedlich sein. Nur weil man verwandt ist, bedeutet dies nicht in jedem Fall, dass man jemanden hat, der einem zur Seite steht. Es kann genau so gut sein, dass einem Familienangehörigen sein Sportwagen, seine Katze oder ein Nachmittag in Erholungsbad wichtiger ist, als einem zu helfen, wenn wirkliche Not besteht. Viel zu lange habe ich daran festgehalten glauben zu wollen, dass meine Familie mich liebt. Oder überhaupt wirklich lieben kann. Der Schaden, den ich durch meine Familie genommen habe, ist so groß, dass ich sicher bin, dass ich niemals in meiner heutigen Situation wäre, hätte ich gleich nach dem Selbstmord meines Vaters die Familie verlassen, das Jugendamt angerufen, die Polizei eingeschaltet oder auf eine sonstige andere Weise dafür gesorgt, dass ich aus diesem Umfeld herauskomme. Familie ist eine tolle Sache, wenn man verantwortungsvolle und liebevolle Menschen darin hat, die auch genau so miteinander umgehen, achtungsvoll und mit dem Wunsch füreinander zu sorgen. Wenn aber die Familienangehörigen kein Interesse daran haben, wenn sie sich immer nur mit sich selbst befassen, sich selbst immer in den Vordergrund stellen, wenn sie selbst in Notsituationen nicht bereit sind auch auf Teile ihres Lebens für einen Moment zu verzichten, um das Leben eines anderen zu retten, dann ist es nicht so, dass man zu lange in dieser Situation verweilen sollte. Auch wenn man es nicht wirklich erkennen mag, ist es vielleicht angebracht in Erwägung zu ziehen, dass die Menschen in der Familie einen vielleicht schlicht nicht mögen, oder zumindest nicht genug, um mit einem zusammen an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Vielleicht ist es an der Zeit dann zu verstehen, dass auch Familienangehörige sozusagen „willkürliche“ Menschen sind, mit einem randomisierten Set an Eigenschaften, so wie auch Fremde, und aus diesem Grund möglicher Weise einfach ebenso wie Fremde einem wohlwollend, neutral oder abweisend gegenüber stehen können. Einfach gesagt: Ist es wirklich sinnvoll, die Familienangehörigen anders zu sehen, als alle anderen Menschen? Wenn sie einen verletzen, einem nicht zuhören, einen nicht mögen und das vielleicht selbst nicht eingestehen können, einen mobben, diskriminieren, vernachlässigen, beleidigen, gedankenlos auf einen einreden und niemals wirkliche Zeit und Ruhe haben, sollte man dann nicht einfach aufhören, Zeit mit ihnen zu verbringen? Meine Antwort ist eindeutig: Ja. Diesen Fehler habe ich 35 Jahre gemacht und er hat mich den Inhalt meines eigenen  Lebens gekostet. Während ich oft versucht habe, in meiner Familie gegen Verantwortungslosigkeit, Gefühlsarmut und Aggression zu argumentieren, hätte ich viel lieber akzeptieren sollen, dass die anderen Familienangehörigen sich für eben genau diesen Weg entschieden haben. Ich hätte dort verschwinden sollen, bevor mit mir das gleich geschehen ist, wie mit meinem Vater, nämlich dass ich in einem chaotischen und selbstfixierten Personenkreis untergehe, obwohl ich an anderen Orten vielleicht so viel Liebe und Unterstützung hätte finden können. Familie kann schön sein, aber wenn sie es absolut nicht ist, ist sie nicht mehr als eine Ansammlung von Personen, die man besser in Ruhe lassen sollte.

Dies sind schon einmal zwei Fehler, die ich gemacht habe. Zwei sehr bedeutende, die ich mir auch selbst zu schreiben muss. Es sind vielleicht die zwei bedeutendsten Fehler, die dazu geführt haben, dass ich heute nicht mit Dir und Mama rausgehen kann, dass ich stattdessen im Bett liegen muss, wie jeden Tag, und hoffen, dass irgendwann, eines Tages, die Schmerzen und und meine kaputten Nerven im Beckenboden ausheilen.

Aber es tut auch gut zu schreiben. Etwas, das ich richtig gemacht habe in meinem Leben ist Folgendes:

Wann immer etwas verloren gegangen ist oder ich die Fähigkeit verloren habe etwas zu tun, das ich liebe, habe ich etwas neues gesucht und gefunden, für das ich mich begeistern kann. Sei es der Verlust Sport zu machen, woraufhin ich als Trainer gearbeitet habe. Oder als ich mit dem Tumor nicht mehr Musik machen konnte und wieder angefangen habe zu programmieren.

Diesmal muss ich noch weiter zurückstecken, aber mir bleibt das schreiben. Ich kann vielleicht nur noch liegen und muss auf Zeiten ohne Schmerzen warten, aber ich kann dabei schreiben. Das ist besser als nichts. Das einzige, das mich oft traurig macht, ist die Tatsache, dass alles das nur deshalb so gekommen ist, weil niemand sich wirklich für mich interessiert hat, zumindest wenn es um Krankheit und Unfälle ging oder die Gewalt, die andere gegen mich gerichtet haben. Deprimierend ist, dass ich sozusagen vollkommen umsonst kaputt gegangen bin. Nichts davon hätte sein müssen und ich hätte heute, jetzt, bei Euch sein können.

Allerdings ist es auch das, was mich motiviert zu schreiben. Denn viele Menschen tun so, als gäbe es keine Aggression in unserer Gesellschaft, in unserem Alltag. Viele Menschen denken, dass sie keine Verantwortung für ihre Mitmenschen übernehmen müssten. Viele Menschen denken, dass sie gute Menschen sind – ich denke nicht , dass ich ein guter Mensch bin. Viele Menschen sind der Auffassung, dass Gewalt nur wenigen geschieht und im Prinzip ja auch irgendwie verarbeitbar ist. Viele Menschen schauen so lange weg, solange sie nicht selbst betroffen sind.

Nein, ich bin nicht krank, wegen einem Zufall, sondern weil sich in Arztberufen Menschen an Patienten bereichern, eigene Vorteile aus der Krankheit anderer ziehen. Obwohl es solche gibt, die ein ernsthaftes Interesse am Beruf haben, so sind doch viele lediglich in dem Job, weil er Anerkennung bringt, weil man auf der nächsten Party die heiße Olle abschleppen kann und am Wochenende mit dem Cabrio die Landstraße herunterbrettern oder durch angebliches „Helfen“ eine Dominanzposition schaffen, sich auch selbst für Gesund erklären kann. Meine Krankheit und Behinderung ist kein Zufall. Damals in den Krankenhäusern, wo unfassbar banale und vermeidbare Fehler gemacht wurden, haben sich die Menschen an mir bereichert und mich dabei kaputt gehen lassen, vorsätzlich. Dies allerdings fällt vielen Menschen schwer zu akzeptieren, weil es nicht mit ihrem Modell der Realität vereinbar ist, das sie sich selbst zum Schutz geschaffen haben.

Auch die Gewalt und Vernachlässigung durch meine Familie, hat die Krankheit verursacht, weil mich niemand damals verteidigt hat, als ich von den Ärzten nicht behandelt wurde. Weil niemand mir arbeit abgenommen hat, in Zeiten, in denen ich nicht laufen konnte oder kaum atmen oder fast nichts mehr essen. Weil niemand auch nur einen Finger gerührt hat, um mich finanziell zu entlasten, wenigstens die Gewalt der Vergangenheit aufzuarbeiten, oder mir zu helfen um meinen Vater zu trauern. Aus irgendeinem, mir bis heute unerklärlichen Grund, waren alle Menschen in meinem Leben der Überzeugung, dass sie absolut nichts tun müssten, abgesehen von ein paar Autofahrten oder der Frage, ob es mir denn nun besser ginge. Obwohl ich monatelang Blut gepinkelt habe, mit Opiaten zugedröhnt vor Schmerzen fast gestorben wäre, meine Niere gestaut war, mein Unterleib entzündet, ich wie erwähnt weder richtig laufen, noch essen, noch atmen konnte. Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund waren alle – und ich meine damit wirklich alle! – Menschen in meinem Leben der Meinung, dass ich keine aktive, konstruktive Unterstützung benötigen würde, und irgendwie, vermutlich wie durch ein Wunder, von alleine irgendwann wieder gesund werden würde. Dies zu beobachten, hat in mir nicht nur ein Trauma ausgelöst. Es hat mich Dinge über die Menschen gelehrt, die gleichermaßen wahr wie wenig wünschenswert sind.

Was ich gut gemacht habe ist also, dass ich selbst dann noch Wege gefunden habe Dinge zu tun, die mich erfreuen oder für die ich mich begeistern kann, wenn ich fast alles verloren habe, das mir zuvor wichtig war und selbst dann, wenn ich vielleicht nicht physisch, aber emotional und auf Grund mangelnder Wahrnehmung durch Andere, vollkommen alleine und auf mich gestellt war.

Ich denke, dass es für viele so aussieht, als würde ich die gleiche Dinge immer und immer wieder schreiben. Aber wenn man genau hinsieht, dann ist es ein Prozess, in dem ich immer mehr an Erfahrung gewinne, immer klarer benennen kann, was geschehen ist und warum es geschehen ist. Es ist wie eine Raffination. Das Bild zeichnet sich immer deutlicher, mit mehr Details, feiner. Die Zusammenhänge werden einleuchtender und langfristig wird nachvollziehbar sein, was eigentlich passiert ist. Daraus wird sich ableiten lassen, wie ich in Zukunft verhindern kann, dass solche Dinge weiter geschehen. Vielleicht auch, dass sie Dir geschehen. Es wird noch lange dauern, aber eines Tages werde ich auf nicht redundante Weise ein sehr zutreffendes Bild der Geschehnisse und Zusammenhänge zeichnen können, aus dem vermutlich nicht nur ich alleine eine Menge lernen kann.

Jetzt werde ich versuchen meine Krankschreibung abzuschicken, aber selbst das ist schwer. Die Schmerzen kommen langsam wieder und machen mir neue Angst, bringen neue Verzweiflung und Depression mit sich. Mich darauf zu konzentrieren zum Schreibtsich zu laufen, eine Briefmarke zu suchen, einen Briefumschlag, nicht dort sitzen zu können, sondern zu stehen, und dann im stehen alles zu beschriften und zu frankieren … das verdränge ich oft lieber. Aber nun habe ich keine andere Wahl.

Ich hoffe, dass ich später mit Dir rausgehen kann. Es ist so schön, mit Dir Zeit zu verbringen, selbst wenn ich immer aufpassen muss, dass ich nicht sitze oder zu viel laufe.

Ich hab Dich sehr lieb und freue mich, dich nachher zu sehen.

Dein Papa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s