10.06.2018 – Die Kultur des Miteinanders

Guten Morgen Luke,

Du bist mit Mama draußen, ich bin erschöpft. Wieder ein tag im Liegen. Aber hey, ich bin noch am Start. Immer wieder geht mir durch den Kopf, dass ich meinen Job nicht mehr machen kann und ob ich es schaffen kann, wieder gesund zu werden.

Das viele Liegen und die gesellschaftliche Isolation machen mir zu schaffen und deprimieren mich. Es gibt keinen Menschen in meiner Umgebung, der versucht mir wirklich zu helfen. Dein Mama kümmert sich viel um Dich, aber so wie früher, hat sie noch keine Minute damit verbracht einmal nachzuschauen, was meine Erkrankung eigentlich bedeutet und ob es etwas gibt, was man tun kann. Aber ok, ich weiß, dass sie das nie gelernt hat. Und vielleicht versteht sie nicht, wie ernst die Situation ist. Ich liebe sie sehr, aber oft bin ich trotzdem alleine mit meinen Problemen.

Trotzdem bin ich froh, dass sie sich so gut um Dich kümmert. Obwohl ich traurig bin, dass sie nun alles mit Dir machen kann, das ich immer tun wollte. Wenn ich mich jetzt nicht schone, dann kann ich vielleicht nie wieder gesund werden. Also bleibt mir nicht viel außer die Medikamente zu nehmen und zuzusehen, wie alle anderen ihr Leben leben, an mir vorbei.

Oft frage ich mich, wie ich das alles alleine schaffen kann. Vermutlich lange, aber oft wird es schon knapp. Die Depression, wenn die Schmerzen wieder kommen, trotz allem, das ich versuche, wird immer stärker. Und es ist nicht mal verwunderlich, denn außer meiner Zeit mit Dir, die ich ab  und zu habe, gibt es nichts, das in irgend einer Weise Spaß machen würde. Es gibt wenig Abwechslung, keinen Kontakt mit Menschen, die sich die Mühe machen würden, sich in meinen Alltag herabzulassen. Es gibt Stunden um Stunden des Liegens, so wie damals direkt nach dem Operationsfehler. So wie damals ist niemand da, weil alles andere so viel mehr Freude bereitet. Wie damals, verstehe ich nicht, warum eigentlich keiner sich interessiert. Sobald ich sitzen kann, essen gehen kann, in Kinos, auf Parties gehen, auf Flohmärkten schlendern, in Schwimmbädern lungern, sind alle da und haben jede Menge Spaß mit mir. Aber je länger und schwerer ich krank bin, desto weniger ist irgendwer da. Ich beschwere mich nicht, aber ich stelle es fest. Und ich weiß, dass es einer der Gründe ist, warum ich alle Lösungen für meine Situationen finden muss.

Wie kann ich die Depression bekämpfen? Wie kann ich es schaffen, die Hoffnung nicht zu verlieren? Wie kann ich die ekelhaften und intimen und schmerzhaften und riskanten Behandlungen und Untersuchungen alleine überstehen? Wie kann ich alleine die richtigen Entscheidungen treffen? Dieses Mal muss ich alles noch besser machen. Im Gegensatz zu davor, sind die Chancen schlecht und ich muss sie steigern. Ich muss genau verstehen, was ich habe und was ich tun kann, bevor ich noch mehr Schaden nehme, wenn das überhaupt noch möglich ist.

Wird die Wirkung der Spritze bald nachlassen, wirkt sie überhaupt noch? Wird der Nerv die Entzündung überstehen und sich erholen, obwohl er ein Jahr lang trotzdem belastet wurde?

Es ist 10:30 Uhr morgens und schon befinde ich mich wieder in einer Welt der Ungewissheit. Ich wünscht, ich könnte der sein, der mit dir draußen ist. Mein ganzes Leben habe ich auf Dich gewartet, dafür geplant, ein guter Papa sein zu können. Was soll ich nun tun, mit dem Rest des Tages? Wohin mit meiner Angst? Wohin mit meinen Träumen? Wohin mit meinen Gefühlen?

Würde ich Familie oder Freunde anrufen, würden sie alles herunterspielen, vielleicht irgendwann kurz vorbeikommen, aufgedreht sein oder viel zu ruhig, irgendwas mitbringen, ein paar überoptimistische Floskeln verlauten und sich denken, dass ich zu wehleidig bin und alles irgendwie wieder gut werden wird. Es würde keine richtige Unterstützung geben. Und sehr bald würden alle wieder über kommende Kuchenessen, ihre Hunde und ihre Urlaube sprechen.

Kann es mir also etwas bringen, irgendwen anzurufen oder irgendwen zu sprechen? Die Antwort ist eindeutig: Nein.

Mein Vater hat sich umgebracht und ich kann sehr sicher sagen, dass es absolut niemanden interessiert hat. Oft denken die Menschen, auch weil sie es in Fernsehserien so sehen, dass, wenn ein Mensch stirbt, oder sich gar umbringt, alle viel trauern und diesen vermissen. Die Wahrheit ist, dass diese Phase erstaunlich kurz sein kann. Sobald jemand gestorben ist, gibt es ein Ritual, sehr kurz: eine Beerdigung, einen Leichenschmaus, standardisiertes gemeinsames Erinnern. Fast unmittelbar sind alle wieder zurück in ihrem Leben, zu dem der verstorbene nicht mehr gehört und nie wieder gehören wird. Er ist schneller vergessen, als man sich vorstellen kann. Bereits nach wenigen Tagen hat niemand mehr darüber nachgedacht, dass ich meinen Vater verloren habe, dass mein Vater sich entschlossen hatte sein sein eigenes Leben zu beenden, während ich in der Schule gesessen habe. Nicht nur hat jeder Verantwortliche meinen Vater so sehr vernachlässigt, dass es gar keiner mitbekommen hat, dass er diesen Plan hatte. Auch nach seinem Tod, waren alle anderen Dinge sofort wieder wichtiger.

So wie das gelaufen ist, läuft es auch seit jeher mit meiner Gesundheit. Nein, es bringt nichts, wenn ich jemanden anrufe, mit jemandem spreche. Erstens hört niemand zu und zweitens reagiert niemand auf die Situation. Vielmehr schreiben alle die Realität in ihren Köpfen so lange um, bis sie, wie mit meinem Vater, einen unschönen Schwenk nimmt und etwas furchtbares geschieht, das alle kurz betrauern und dann mit viel Übung ignorieren. Es läuft unter dem Motto: „Oh das ist so schrecklich! Aber das Leben muss weiter gehen!“

Aber welches Leben eigentlich? Das Leben aus Arbeit, eigener Familie und eigenen Träumen, das auf einmal so gar nichts mehr mit dem Menschen zu tun hat, der weg oder kaputt ist. Warum? Weil aus dem verstorbenen oder kranken Menschen kein persönlicher Vorteil mehr zu gewinnen ist. Weder Spaß noch Geld oder Gelegenheit. Er kostet Kraft, so denken zumindest viele, denn es gibt keine Kultur des Miteinanders in unserer schnelllebigen Gesellschaft, in der wir schon als Kinder lernen, dass kranke, alte und auch tote Menschen, keinen Anteil an unserem Alltag haben. Dass sie in Kranken- und Altenhäusern und auf Friedhöfen, die wir nie besuchen, verkommen. Mit etwas Glück, wenn sie noch leben, durchkommen. Alleine. Und dann freuen wir uns wieder, wenn sie gesund sind und gratulieren ihnen, so als wären wir immer für sie da gewesen. Oder als würden wir wissen, was sie erlebt, gefühlt und durchgemacht haben. So als hätte aber nie eine andere Option bestanden, als dass am Ende alles gut geht. Denn oft ist unsere Rechnung so: „Was ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass jemand kaputt geht oder stirbt? Für mich persönlich ist es besser, das Risiko einzugehen und statt in den Menschen zu investieren, in meine Familie, meinen Job, meinen Urlaub, mein Kuchenessen zu investieren.“ Manchmal ist es dieses eine Familienfest, auf dem man noch einmal angeben möchte oder noch einmal die Idee der eigenen Großartigkeit, die wir als Kinder eingeimpft bekommen, unter die Leute bringen möchte. Sich noch einmal integriert oder gar überlegen fühlen. Den anderen zeigen, wie einzigartig und erfolgreich man ist. Bewundert werden. Das alles erscheint so viel wichtiger, als gemeinsam mit den kranken und gebeutelten seinen Alltag zu planen, und etwas stabiles und echtes zu erschaffen, Leben zu verbessern, die dringend einer Besserung bedürfen.

Die Kultur unseres Miteinanders beschränkt sich oft auf eigene Ziele, auf alles, was lustig und amüsant ist. Aber in diesem Lustigen und Amüsanten liegt eine schwere Leere, die die Abwesenheit der Entschleunigung und herzlicher Verantwortung füreinander in unsere Leben einkehren lässt. Genau genommen, sind unsere Leben vermutlich leerer und bedeutungsloser, als die eines indigenen kleinen Stammes. Wir leben vielleicht länger, studieren und haben technisches Gerät, aber ich habe kaum jemanden gesehen in unserer Gesellschaft, der wirklich glücklich war, der das Gefühl hatte in seiner menschlichen Natur erkannt zu sein und ihr gerecht zu werden.

Die Kultur unseres Miteinanders hat entweder nie existiert oder wir haben sie verloren. Sie wurde übernommen von der Idee, besser zu sein, als andere. Mehr zu besitzen. Mehr zu tun. Mehr Anerkennung zu erfahren.

Manchmal möchte man rausgehen und rufen: „Stop! … Stop! Hört auf zu arbeiten, hört auch Achterbahn zu fahren, hört auf Urlaube zu planen, hört auf neue Technologien zu konsumieren. Bleibt stehen, dreht um, besucht Eure Großmutter, den kranken Freund, sprecht mit Eurem Kind. Wozu all dieses nutzlose Streben nach bedeutungslosen Dingen, die uns als wertvoll verkauft werden, damit sich andere an unseren Ressourcen bereichern können?“

Unsere Kultur des Miteinanders ist fast nicht existent. Und deshalb fühle ich mich in dieser Situation allein. Deshalb habe ich fünf Jahre nach dem Operationsfehler immer noch diese schweren Probleme, obwohl sie schon vor mindestens vier hätten gelöst werden können, hätte jemand sich wirklich dafür interessiert.

Als Kind habe ich gerne Zeit mit alten Menschen verbracht, mit ihnen gesprochen, von ihnen gelernt. Kranke Menschen haben mir keine Angst gemacht. Tote Menschen waren nicht einfach fort aus meinem Leben, sondern ich habe an sie gedacht, sie immer noch gefühlt.

Was ist aus uns geworden, durch Schule, Studium und Beruf? Durch den endlos bestehenden Vergleich und die Frage: „Bin ich besser als dieser und jener Mensch?“

Wenn ich gesund werde, will ich zurück dorthin, wo ich her gekommen bin. Als Kind, als ich noch ein Mensch war, der dachte, dass das Miteinander der wahr Grund ist, warum wir zusammen leben.

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