01.06.2018 – MRN, Analyse von Zugreisenden und das Baby

Zuviel Zeit ist vergangen, ohne dass ich schreiben konnte. Wöchentlich zwei, drei, manchmal sogar fünf oder sechs Arzttermine oder Untersuchungen.

Dem Baby aber gehts sehr gut. Es entwickelt sich hervorragend, ist in allem deutlich schneller als es sein sollte. Es lacht so gut wie jeden Tag und ich investiere jedes bisschen Energie in das Baby, neben Arbeit und Arztbesuchen. Diese Texte schreibe ich auch für ihn, damit er, auch falls es mir eines Tages noch schlechter geht, nachvollziehen kann, was ich erlebt habe. Für meinen Vater hatte ich dies nie und es hat viele Fragen offen gelassen.

Deshalb auch hier ein Gruß an Dich Luke. Du bist ein super Baby und auch wenn ich manchmal sehr traurig oder am schuften bin, um alles auszuhalten und gesund zu werden, bin ich sehr froh, dass ich meine Zeit auch mit Dir verbringen kann. Jeder Tag, den ich mit Dir verbringe, ist ein guter Tag, ganz egal, ob ich Schmerzen habe oder nicht. Ich versuche so viele ich kann davon aneinander zu reihen. Und ich versuche Dir Sicherheit und eine Menge Spaß zu geben. Ich glaube, bisher hat es geklappt. In Zukunft werde ich diese Briefe Dir widmen. Dies ist die sinnvollere Weise zu schreiben, denn mein Vater ist bereits lange tot und Du hast ein ganzes Leben vor Dir. Wenn ich jemandem schreiben sollte, dann Dir.

Ein Jahr lang kann ich nun schon nicht sitzen und lebe jeden Tag mit starken Schmerzen. Arbeiten geht nur halbtags und im stehen. Konzentrieren ist mittlerweile schwerer, die lange Krankheit hat mich sehr gefordert und meine Reserven sind deutlich reduziert.

Heute fahre ich nach Hamburg, um für 800 Euro eine Neurographie machen zu lassen. Es ist eine der letzten sinnvollen Dinge, die ich tun kann – und viel zu spät. Im MRN können Nerven dargestellt werden, auch wenn es für die Nerven im Beckenboden schwierig ist.

Die Zugfahrt nach Hamburg und zurück nach Berlin muss ich natürlich stehen. Aber es sind ja zum Glück nur zwei Stunden in jede Richtung. Dennoch fordert es mich.

Heute morgen musste ich weinen, weil ich mir so sehr wünsche, dass ich voll und ganz für Dich da sein kann. Mama freut sich immer, dass Du mich offensichtlich so sehr mag, aber für mich ist es zusätzlich oft auch traurig, wenn ich bei Dir sein will und mich vor Schmerzen an manchen Tagen kaum bewegen oder mich nicht auf Dich konzentrieren kann.

Anders als mein Vater bin ich nicht bereit aufhören daran zu arbeiten für Dich da zu sein. Im Moment ist es mein einziges Ziel.

An das Leben in MRT- und CT-Röhren habe ich mich leider schon gewöhnt. Die Belastung durch Kontrastmittel und Strahlung muss ich immer wieder in Kauf nehmen. Der Tumor an meiner Hand ist im Moment eher sekundär. Auch hierfür brauche ich demnächst ein MRT.

Ich bereue es nicht, dass ich keinen Kontakt mehr mit meiner Familie habe. Ohne Sie, und das ist schwer zu erklären, weil es viel Zeit braucht, wäre ich nie in der Situation, so schwer krank zu sein. Seit ich meine Familie nicht mehr sehe, fühle ich mich endlich nicht mehr irritiert durch die Selbstsucht, den Amüsierwahn und die tägliche emotionale Gewalt. Mittlerweile bezeichne ich diesen Zustand als Arroganz der Gesunden. Oder besser als Arroganz der nie-krank-gewesenen.

Was ich vermisse ist eine Familie, die ich nie hatte. Eine Familie, mich unterstützt, mich anhört, zusammen einen gemeinsamen Alltag gestalten kann. Eine Familie, die mir hilft, wenn andere mich angreifen oder Ärzte mich kaputt machen, nur weil ihr Budget aufgebraucht ist oder sie mir nicht glauben. Eine Familie, die sich genauso für die Themen interessiert, die mich bewegen, und für meine Wohlbefinden, wie ich es für sie oft bereit war zu tun.

Jetzt stehe ich im Restaurant des Zugs und mir tut mein Po sehr weh. Selbst im stehen. Ich stehe bereits seit einer Stunde und es werden noch viele weitere. Vielleicht kann ich mich nachher hinhocken. Es tut weh, aber ich muss diese Reise machen, um eine Chance zu haben, dass endlich jemand irgend etwas findet, auch wenn das dann nichts gutes wäre, aber wenigstens könnte ich dann mit der richtigen Diagnose die richtige Behandlung bekommen und die Menschen könnten mir endlich nicht mehr nicht glauben.

Immerhin habe ich in dem gesamten Jahr nicht aufgehört zu kämpfen. Ich habe mir viel Mühe gegeben, um alles das zu verhindern.

Das MRN wird eine Stunde dauern. Aber das ist kein Problem. Ich werde einfach eine Stunde lang still liegen. 40 Minuten habe ich schon oft geschafft. Ich hoffe, dass Du nie oder erst als Großvater in diese Röhren musst.

Langsam füllt sich das Bord-Restaurant. Auch Reisende sind oft verwirrte Menschen. In unserer Gesellschaft gilt es als mondän zu reisen, obwohl es eigentlich mittlerweile eine sehr plumpe und wenig reflektierte Sache ist, die fast schon billiger sein kann als ein einfacher Kinobesuch. Viele sind Stolz, werfen sich in Schale, flanieren durch die Gänge und reden lautes Gemurmel. Dazwischen vereinzelte demütige und zurückhaltende Menschen, die einfach nur von A nach B möchten. Heute zähle ich sicherlich zu Letzteren. Früher auch zu ersteren. Sehen und gesehen werden. Endlich einmal wahrgenommen werden. Der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz kurz entkommen, indem man das Gefühl halt ein besonders beschäftigter und angesehener Reisender zu sein. Reiseunternehmen, Bahn und Fluggesellschaften nutzen dieses Image schon lange, um Reisende zu locken. Kunden lassen sich bereitwillig locken.

Allein meine Familie, und zum Beispiel die Freundinnen meiner Schwester, die durch die Welt jetten, wie hirnlose Zombies, auf der Jagd nach dem eigenen Image als reiseerfahrene, lebensbejahende und aktive Frau. Eigentlich möchten, glaube ich, oft nur eigene Kinder haben und eine Familie, einen weniger nervigen Job und Anerkennung, Aufmerksamkeit von den Menschen, die sie lieben. Sie sehen in der Werbung oder in Filmen all die ganzen jungen Frauen, gespielt von Schauspielerinnen, die cool und erfolgreich sind und die Welt erobern. In Wirklichkeit denke ich, dass sie sich nach der Einfachheit des Lebens sehnen, nach den Grundbedürfnissen, die in einer schnelllebigen und – entgegen aller „We Love You“ Werbung –  wenig emphatischen Gesellschaft oft nicht einmal ansatzweise bedient werden.

Der Zug fährt und mein Akku sinkt auf 13%. Die Stadt wird zur Vorstadt und bald zum Land. Alle um mich herum sitzen. Gleich werde ich den Rechner zuklappen und mich ein wenig in das Zwischenabteil setzen.

Eine mir bekannte Person habe ich ignoriert, da ich keine Lust hatte mit ihr zu sprechen. Sie ist die Freundin einer ehemaligen Freundin, aber was hätte ich ihr schon zu erzählen? Ich mag sie nicht besonders, habe aber auch keine Antipathie. Sie ist einfach jemand, der für mein Leben im Moment keine Relevanz hat und ich brauche meine Energie heute für viele andere Dinge. Ihr Leben ist ohnehin vermutlich sehr anders als meins.

Ich schreibe Dir später wieder, wenn ich kraft dafür habe. Ich hab Dich sehr lieb Luke und ich wünsche mir, dass wir beide noch viel schöne Zeit zusammen verbringen können.

Bis bald,

Dein Papa

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