25.09.2017 – Berufsunfähigkeit und selbstgefällige Ignoranz

Auch nach meinem letzten Eintrag kann ich nicht aufhören mir Gedanken darüber zu machen, wie ich arbeiten gehen soll. Kann ich sitzen? Nein. Kann ich mich mit den Schmerzen ausreichend konzentrieren, nach all den Monaten, um an komplexen informatischen Systemen zu programmieren? Nein. Bin ich eigentlich krank und berufsunfähig? Ja.

Aber niemand scheint das zu interessieren. Weder die Ärzte, noch Angehörige.

Soll ich versuchen mich irgendwie, unter Aufwand enormer Kraft und Schmerzen, bis zur Geburt meines Sohns zu quälen? Wie lange soll ich Elternzeit beantragen? Besser ein ganzes Jahr, um gesund zu werden? Ehrlich: Den Leuten auf der Arbeit bin ich doch eh scheissegal, solange ich keine Leistungen und Einkommen generiere. Selbst wenn sie im Geld schwimmen.

Eigentlich ist es an der Zeit eine Zäsur zu machen. Anzuerkennen, dass die Ärzte, meine Familie und der Operationsfehler mich bis zur Berufsunfähigkeit heruntergewirtschaftet haben.

Einfach die Bremse ziehen. Würde es dann einigen auffallen? Vermutlich nicht. „Das schaffst Du schon. Das wird schon wieder.“ Mehr als Floskeln, die dazu dienen, dass sich alle schnell wieder ihrem Alltag zuwenden können, in einem merkwürdig weit von der Realität entfernten Optimismus, werde ich sicher nicht erhalten.

Aber mir selbst könnte es gut tun. Und ich könnte mich in dem Zug gleich von all den Leuten trennen, die eh nie Zeit oder Lust haben an meinem Leben teilzunehmen, wenn es schwer ist.

Klar, wenn ich rausgehen kann, essen, ins Kino, besuche machen, Konzerte, Reisen, Geburtstagsparties. Dann ist es so schön zusammen rumzuhängen. „Was wollen wir denn machen?“, eine Frage, die ich seit Anbeginn der Zeit in Freundschaften für totalen Schwachsinn gehalten habe.

Meine Antwort: „Na gemeinsam Zeit verbringen!“

Warum muss man eigentlich immer irgendwas machen? Sind nicht die Freunde die besten, mit denen man auch einfach so zusammen sein kann, ganz ohne Grund und ohne Plan?

Im Moment kann ich nichts machen, außer liegen. Das reicht den meisten Menschen, um keine Motivation zu verspüren Zeit mit mir zu verbringen.

„Du bist so ein toller Typ. Du bist so lustig.“ Ich wusste immer, dass alles das Bullshit ist. Und es gilt nur dann, wenn man eben lustig und toll ist. Wenn man zerfetzt wurde und bettlägerig wird, ist die Tollheit und Lustigkeit sehr schnell verflogen.

„Ich muss noch Wäsche waschen, kann leider nicht.“

„Ach ne, muss heute mit meinem Sohn auf den Spielplatz.“

„Tante Erna kommt heute vorbei.“

Plötzlich ist alles spannender. Nein, ich kann nicht „Ja“ sagen, wenn ich gefragt werde, ob ich zum Essen komme, zum Koreaner. Oder wenn ich gefragt werde, ob ich gerne zur Party kommen möchte oder in den Schrebergarten.

Einen Vorteil hat das Ganze allerdings: Ich lebe endlich in einem Leben, das ehrlich ist. Die Leute sind ehrlich, wenn sie mich nicht besuchen oder wenn es ihnen Furz egal ist, was ich erlebe. Sie sind narzisstische Idioten, aber immerhin ehrlich. Ohne es zu wollen, zeigen sie, dass sie sich im Kern nur dafūr interessieren, oberflächlich vor sich hin zu leben und für sich selbst den meisten Spaß herauszuholen.

Morgen soll ich also wieder arbeiten gehen. Und niemand merkt, dass ich es einfach nicht kann …

In der Tat ist es verblüffend, wie hunderte von Menschen in meinem Leben alle ignorieren können, dass ich nicht sitzen kann. Dass ich seit mindestens drei Wochen gar nicht mehr gesessen habe und es auch in den nächsten Wochen nicht kann, bzw mit bestialischen, vernichtenden Schmerzen dafür bezahle.

Es ist irgendwie so surreal, dass es nur dadurch zu erklären ist, dass alle diese Wahrheit ausblenden, weil es Ihnen nicht passt. Sie wollen selber vorankommn und es passt einfach nicht in ihren Lebensentwurf oder Terminplan, dass ein naher Angehöriger oder ihr Patient mittlerweile so behindert ist nach dem OP Unfall, dass er den Beruf aufgeben muss und vieles mehr. Aber das passt eben nicht und deswegen existiert es auch nicht. Man bildet sich ein, alles würde irgndwie vorbei gehen. Es geht so nun seit fünf Jahren …

Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich aufhöre zu arbeiten, dass ich mich um mich kümmere, nur um mich und mein Kind. Dass ich den Leuten den Laufpass gebe, die ihn mir doch ohnehin schon vor Langem gegeben haben.

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