28.02.2017 -Gute Neuigkeiten, aber nicht für mich

Ja, es gibt mal wieder gute Neuigkeiten, allerdings nicht für mich.

Nachdem ich mich heute um 7 Uhr früh zur Arbeit gequält habe, nachdem ich erstmal um 6 Uhr heulend auf der Bettkante saß, bin ich am frühen Nachmittag nach Hause gefahren. Obwohl ich nicht sehr gläubig bin, wollte ich in die Kirche gehen, aber sie war zu. Warum hat ne Kirche zu? Naja.

Mit den üblichen Schuldgefühlen und Selbstmordgedanken habe ich mich im Schneckentempo durch die Stadt gekämpft. Zum Schluss bin ich eine halbe Stunde gelaufen, anstatt den Bus zu nehmen. Ich habe mich so traurig gefühlt, dass ich gar keine Lust mehr hatte irgendwas zu tun. Also bin ich einfach geradeaus gelaufen, bis ich Zuhause angekommen bin.

Dann habe ich mich kurz hingelegt, bis ich angefangen habe noch einmal nach den Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch zu recherchieren. Dabei habe ich herausgefunden, dass es vielleicht doch noch Wege gibt, eine Anzeige zu machen. Allerdings vermutlich nicht, ohne einiges an Geld aufzuwenden, was ich leider nicht habe, in dieser Dimension. Aber wer weiß, vielleicht finde ich einen Weg. Dabei geht es nicht nur um mich selbst. Es geht darum diese Dinge nicht einfach zu akzeptieren.

Nachdem ich eine Stunde lang Google ausgequetscht hatte, bin ich erneut auf die Website vom Beauftragten für Missbrauch der Bundesregierung gestoßen (www.hilfeportal-missbrauch.de). Also dachte ich mir, vielleicht kennen sie dort ja noch Stellen, die mir weiterhelfen können. Eine ganze Stunde haben wir dann gesprochen und es war ziemlich gut. Es hat gut getan mal mit jemandem zu sprechen, der sich auskennt. Es ist erstaunlich, wie einfach das ist, wenn die andere Seite tatsächlich über Missbrauch aufgeklärt ist.

Nach der Stunde ging es mir besser, bis die Nachricht von einem Freund kam, dass heute sein Kind geboren wurde. Zuerst kam schiere Freude, aber schon Sekunden danach das Bild, wie alle sich freuen, die ganze Familie von ihm und seine Frau und wie er sein Kind auf den Arm nimmt. Dann wurde ich traurig, weil ich beides nicht habe, kein Kind und auch keine Familie. Ich saß zu dem Zeitpunkt über den Notizen zum Telefonat über den Missbrauch und die Folgen, mit den üblichen Schmerzen in meiner Prostata. Super.

Sollte ich gratulieren? Ja, ich freue mich für ihn, aber ich bin einfach nur noch traurig und verzweifelt. Zunächst habe ich beschlossen einfach mal abzuwarten, bis ich wieder etwas mehr Distanz habe. Morgen kann ich immer noch schreiben. Irgendwas muss ich schreiben. Ich wünschte, ich könnte mich mehr freuen, aber ich bin einfach traurig. Meine Welt und die meiner Freunde entfernt sich immer mehr voneinander. Ihre Realität hat immer weniger gemeinsam mit meiner. Familien, Glück, Beziehungen, Liebe gegen unerfüllten Kinderwunsch, Schuldgefühle, Missbrauch und Traurigkeit. Was soll da noch zusammenpassen?

Ich weiß, dass die Beziehung zu meinen Freunden erst einmal schwieriger wird für mich und dass ich wieder, so wie nach dem Missbrauch in meiner Kindheit und dem Verbot eine Freundin zu haben, auch immer einsamer und trauriger wurde, mich durch die andere Entwicklung meines Lebens immer mehr von den Menschen entferne, mit denen ich so gerne zusammen bin. Es ist die gleiche Dynamik. Ich weiß, was passiert. Es ist auch nicht so, als hätte ich da eine große Wahl. Es gibt nun mal Dinge, die Menschen traurig machen. Missbrauch, Beziehungsprobleme und ein unerfüllter Kinderwunsch gehören auf jeden Fall dazu.

Ich freue mich sehr für meinen Freund. Ich bin nicht mehr neidisch, einfach nur traurig. Ich wünschte mir, dass ich auch ein Kind hätte, vor allem aber meine Frau. Aber alles ist so kompliziert. Es ist vor allem kompliziert wegen dem Missbrauch und den Folgen. Ohne alles das, wäre das weder für meine Frau, noch für mich so geschehen. Unsere Situation wäre eine ganz andere. Meine Frau hätte keine Angst gehabt vor Sexualität und ich mehr Erfahrung. Unsere psychischen Krankheiten wären nicht halb so schlimm gewesen und wir hätten nicht so viel Zeit damit verbracht verzweifelt gegen die Folgen des Missbrauchs, ihrem und meinem, zu kämpfen.

Gute Neuigkeiten also mal wieder für die anderen. Für mich bleibt nur morgen wieder arbeiten zu gehen, obwohl ich immer weniger Sinn darin sehe, die Selbsthiflegruppe zu leiten, Therapie zu machen und weiter zu kämpfen. Wofür mache ich das alles eigentlich noch? Für die Wahrheit und gegen Missbrauch. Das kann mir zumindest eine Weile weiter Kraft geben. Die Zeit füllen, in der ich hoffe, dass mindestens für meine Frau alles irgendwann gut wird.

Ein Gedanke zu “28.02.2017 -Gute Neuigkeiten, aber nicht für mich

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