20.02.2017 – Back To The Past

Manche Menschen wünschten sich, sie hätten eine Zeitmaschine. Viele würden damit in die Zukunft reisen, viele vermutlich auch zurück in die Vergangenheit. Neues sehen, Dinge ändern, die schief gelaufen sind.

Aber es ist ein wenig so wie bei „Back to the future“, der berühmten Trilogie mit Michael J. Fox in der Hauptrolle. Man darf sich nicht selbst begegnen und man darf keine essentiellen Veränderungen machen, weil selbst kleinsten Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum eine Kaskade großer Ereignisse auslösen können.

Klar, meine Reise in die Vergangenheit hat eigentlich schon vor langer Zeit begonnen, aber heute werde ich einen echten Zeitsprung machen. Keine bloße Erinnerung, kein Testlauf. Heute ist die Maschine nach einem halben Leben, das ich an ihr gearbeitet habe, bereit für den Einsatz:

Ich werde meinen Jugendtherapeuten treffen, der mich von meinem zehnten Lebensjahr bis ich 22 Jahre alt war, betreut hat. Teilweise mit drei Stunden pro Woche. Jetzt ist ungefähr der Moment, in dem Michael J Fox das Kabel an die Turmuhr hängt und darauf wartet, dass der Blitz einschlägt um den DeLorean aufzuladen und durch die Zeit zu befördern. Ausgang ungewiss …

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Ich, kurz bevor ich losgehe und mich in meine Vergangenheit stürze. Alles kann schief laufen, aber mein Wissensdrang ist größer, als die Angst vor dem Desaster.

Nur noch wenige Stunden, bis ich im Stuhl meinem alten Therapeuten gegenübersitze, der sich wohl an einiges erinnern wird und der weiß, dass ich komme, um aus Aufzeichnungen Informationen zu gewinnen, die er hoffentlich noch hat. Ein Protokoll über 12 Jahre meines Lebens. Eine Reise in meine Kindheit und Jugend, als mein Leben als junger Erwachsener. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich nicht Vieles erfahre, das ich gar nicht mehr weiß, an das ich mich schlichtweg nicht mehr erinnern kann. Mein Herz schlägt schneller, wenn ich nur daran denke, was mich erwartet. Vorausgesetzt es gibt noch Aufzeichnungen, wer kann dann schon behaupten, dass sein Seelenleben, oder vielmehr das, was ich preisgegeben habe, detailliert über 12 Jahre aufgezeichnet wurde? Was immer noch da ist, selbst wenn es nur die Erinnerungen des Therapeuten sind oder alte Berichte an die Krankenkasse … Um ehrlich zu sein, ich habe ausnahmsweise mal überhaupt keine Ahnung was auf mich zukommt. Es kann alles sein oder nichts. Aber vermutlich eher alles. Panik mischt sich mit Entschlossenheit und Neugier.

Es kommen Erinnerungen auf, an die erste Therapiestunde meines Lebens, in der ich ein Bild gemalt habe, mit meiner Familie als Tiere. Soweit ich weiß, war meine kleine Schwester eine Giraffe und meine Mutter entweder ein Löwe oder eine Kuh, beides sollte passen. Irgendwer war vielleicht sogar ein Nashorn. Ich weiß es nicht mehr genau … Hat mein Therapeut dieses 25 Jahre alte Dokument noch? Ich würde einiges dafür geben, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen.

Was werde ich ihm für Fragen stellen? Was wird er mir für Fragen stellen? Wird er mich dabei unterstützen, die Wahrheit herauszufinden? Oder wird er selbst Angst davor haben? Ist er genauso neugierig, wie ich? Wie kann ich mit ihm sprechen, ohne dass er selbst sich unwohl fühlt, weil er vielleicht einiges nicht erkannt hat, was in meiner Familie parallel zur Therapie geschehen ist? Auf jeden Fall langsam vorgehen. Etwas in dem ich ganz und gar nicht gut bin, wenn ich einmal einen Plan gefasst habe. Disziplin ist gefragt.

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Auf dem Weg zur Praxis meines alten Therapeuten …

In zwei Stunden sitze ich in der Praxis, in der ich all diese Jahre gesessen habe, hunderte von Therapiestunden absolviert, mit einem Menschen, der mir schon am Telefon erschreckend vertraut und zum Glück immer noch sehr freundlich begegnete. Jemand, der mir das erste Mal beibrachte, wie ich wieder laufen, S-Bahn fahren und im generellen Sinne überleben lernen kann. Er weiß, dass ich (leider) ein ziemlich spezieller Typ bin. Nicht unsympathisch, aber jemand, der schon immer nach der Wahrheit gesucht hat, nach sich selbst. Am Telefon hat er sich wirklich sehr gefreut von mir zu hören. Und ich mich auch.

Jetzt muss ich ein Bad nehmen, bevor ich in meinen DeLorean steige und darauf warte, dass die Uhr 10 schlägt. Eine Regel werde ich allerdings brechen, ganz genauso wie Marty McFly: Ich werde mir in einer anderen Zeit selbst begegnen. Für den Protagonisten aus Back to the future ist das geradeso gut gegangen. Wird die Begegnung mit mir selbst in der Vergangenheit meine Gegenwart beeinflussen? Und wenn ja, zum positiven oder zum negativen? Wie Doc Brown richtig feststellte, kann alles passieren. Die Wirkung ist nicht vorherzusehen.

Und noch etwas anderes habe ich mit Marty McFly gemeinsam. Ich werde bei dieser Zeitreise meiner eigenen Mutter begegnen. Auch die Mutter von Marty McFly verliebte sich in ihn und brachte damit alles aus dem Gleichgewicht und Marty in große Probleme.

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Es ist soweit … Die Uhr zeigt sogar die korrekte Uhrzeit an. Wird die Zeitreise funktionieren? Werde ich zurückkommen?

Das ist meine ganz eigene Episode „Back to the past“. Ich habe keine Ahnung, wie viele Treffen es geben wird. Ob es vielleicht auch eine Trilogie wird? In nur einer Stunde sind 12 Jahre eines Lebens wohl kaum abzuhandeln. Wie weit wird mein Therapeut mit mir gehen?Ich hoffe weit. Diese Einblicke in meine Vergangenheit sind von enormer Bedeutung für mich. Und gleichzeitig sind sie eine enorme Gefahr.

Aber jetzt sitze ich schon im DeLorean und kann zugucken, wie der Blitz in die Uhr einschlägt. Es gibt kein Zurück mehr . Anschnallen, festhalten, durchstarten …

 

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