08.02.2017 – Katatonie

Gestern Abend ist alles zuviel. Die Erinerungen, die emotionalen Widersprüche, all meine Gefühle, die Überforderung durch den neuen Job, die Schmerzen und dir Angst in mir. Als ich nach hause komme lege ich mich ins Bett. Aus dem Zuviel wird plötzlich eine Art volle Leere, die mich einfach verschluckt.

Ich kann mich nicht mehr bewegen, meine Muskeln verkrampfen, ich kann nicht mehr mit meiner Frau sprechen, die direkt neben mir liegt. Ich will etwas sagen, aber ich kann nicht. Schon bei der Arbeir musste ich kämpfen, weil ich immer wieder kurz in eine Starre gefallen bin, aber niemand hat es bemerkt. Während ich daliege verkrampf mein Körper immer mehr, bis ich ihn gar nicht mehr bewegen kann. Zwischendurch immer dieselben Anfallartigen, sinnlosen Bewegungen mit Armen und Beinen. Ich degradiere zum Hirntoten, Kommunikation nach Außen nicht mehr möglich.

Aus der Leere wird immer stärkerer Schmerz, so als würde ich in mir immer größer werden und gegen meine eigenen Grenzen drücken, die ich nicht durchbrechen kann. Ich will meiner Frau sagen, dass ich keine Medikamente will, falls ich ins Krankenhaus muss, aber ich kann meine Lippen nicht bewegen, ich gucke sie an, aber meine Augen bewegen sich von selbst, ich kann sie nicht fixieren. Irgendwann steht mein Körper von alleine auf und läuft völlig verkrampft in die Küche, setzt sich auf einen Stuhl. Aus irgendeinem Grund hat er den Stofftiger mitgenommen und versucht ihn zu streicheln, vielleicht um irgendwas zu fühlen, aber die ganzen Finger sind verkrampft, die Hände können den Tiger geradeso festhalten, während sie in wirren, sich wiederholenden, Bewegungen ruckartig hin und her sausen. Mein Kopf ist verdreht, aber manchmal, wenn er sich bewegt, kann ich aus dem Fester sehen. Meine Frau kommt mir nach und berührt mich, aber ich kann nicht reagieren, mein Köroer gehört nicht mehr mir selbst. Ich habe die Kontrolle über ihn verloren. Meistens sind wir ein Team, aber in diesen Momenten sind wir zwei Personen, die sich überhaupt nicht mehr verstehen.

Meine Frau lässt mich eine Weile sitzen, sie hat das schon oft mit mir erlebt und weiß, dass es irgendwann wieder aufhört. Dann kommt sie wieder und zieht so lange behutsam an meinem Arm, bis mein Körper sich in Bewegung setzt. Es ist wichtig, dass sie es eine Weile versucht, weil es klappt, wenn mein Körper in einen Zustand wechselt, indem er auf Signale positive reagiert, anders als nicht zu reagieren, oder durch Gegenbewegung zu reagieren. Nach einem Moment klappt es und mein garstiger Körper folgt ihr langsam. Mit dem verkrampften Muskeln schlurfe ich hinter ihr her. Sie schiebt mich aufs Bett und ich strampele hin und her, bis ich irgendwann in meiner Hälfte zum Liegen komme. Jetzt ist vielleicht eine halbe Stunde oder eine Stunde vergangen, seit alles angefangen hat. Die Berührung hat gut getan. Meine Verkrampfungen lockern sich ein wenig. Ich versuce zu sprechen, aber es geht nicht. Der Tiger klemmt zwischen meinen Händen, ich liege auf dem Rücken und kann mich nicht von alleine bewegen.

Es vergeht eine ganze Menge Zeit, dann schaffe ich es irgendwann wieder die Lippen zu bewegen. Bis ich sprechen kann dauert es eine Weile. Es ist so, als wären sie eingefroren gewesen und würden langsam auftauen. Zuerst kommt nur ein kleines Blubbern und Säuseln. Aber auch mein Geist muss wieder richtig funktionierw. Obwohl ich alles wahrnehme, kontrollieren kann ich es nicht. „Ich muss nicht meine Familie sehen, oder?“, ist das erste, was ich sage. „Nein, sagt meine Frau. Willst Du sie sehen?“ „Nein, ich habe Angst vor meiner Familie“, sage ich. Während ich in meinem eigenen Körper gefangen war, hatte ich Angst, dass ich ins Krankenhaus gebracht werde und falls ich nicht zurückkomme aus dem Zustand, meine Familie zu Besuch kommen würde, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Aber so richtif klappt es mit dem Sprechen noch nicht. Noch befinde ich mich in einem Zustand, in dem ich irgendwo zwischen einem Kleinkind und einem Schwachsinnigen herummutiere. „Willst Du einen Tee?“, fragt meine Frau mich. Bis ich antworten kann dauert es eine Weile. „Aber keine Orange!“, sage ich. What the Fuck labert mein Gehirn da? Keine Orange? Ich versteh es selber nicht. „Was meinst Du?“, sagt meine Frau. Sie ist nicht verwundert, sie weiß, dass ich während und nach so einem Anfall manchmal noch eine Weile wirres Zeug rede. „Keine Orange in dem Tee!“, sagt mein Mund wie von alleine. Oh man, ich gebe erstmal auf. Bis ich wieder reden kann wird es noch einige Stunden dauern. Immerhin spricht meine Frau mit mir und hat keine Panik. Das ist gut. In meiner Familie wurde ich ausgelacht oder angeschrien, von meinen Eltern, oder einfach liegen gelassen für viele Stunden.

„Zahlen und Zeichen, müssen alke zusammenkommen. Viele Zahlen und Zeichen.“, immer wieder wiederholt mein Mund die Worte, bis ich irgendwann einschlafe.

Heute morgen tut mir alles weh, von den Krämpfen. Ich liege im Bett und bin froh, dass es aufgehört hat, zumindest halbwegs. Sprechen kann ich immer noch nur schwer. Gleich muss ich in die Uni, weil ich immer noch für den Masterstudiengang Biologie eingeschrieben bin. Notendurchschnitt aktuell bei 1,2. Aber was bringt mir das? Ich soll ein Beratungsgespräch besuchen, weil ich über die Regelstudienzeit hinaus bin. Auch für den Bachelor habe ich wegen meiner Behinderungen 18 Semester gebraucht. Ich habe nie aufgegeben. Viel Hilfe habe ich aber auch nicht bekommen. Ich beschließe ein Semester auszusetzen. Wie soll ich so studieren? Auch noch neben dem Job?

To be co

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