06.02.2017 – Der Traum vom Massaker

Als ich aufwache muss ich als erstes an die Eltern meiner Frau denken. Sofort schiessen mir Bilder in den Kopf, wie sie sie zwingen ihr Kind abzutreiben. Augenblicklich schlägt mein Herz wie wild. Alles hat sich in meine Seele eingebrannt. Offenbar kann ich es nicht verarbeiten, so wie die Dinge in meiner Familie. Aber warum nicht? Ich versuche verzweifelt herauszufinden, warum mich alles so sehr destabilisiert, warum ich nicht mehr zur Ruhe komme und warum ich gar nicht mehr leben kann, ohne alle paar Stunden deswegen innerlich zu kollabieren.

Nachdenken … In Gedanken im Halbschlad schreie ich die Eltern und den Bruder an: „Ihr scheiß Mörder! Ihr verdammten Psychopathen! Fühlt ihr denn nichts? Was habt ihr euch dabei gedacht? Ihr wahsinnigen Mörder!“ Mein Herz schlägt wie wild. Bilder von meiner Frau mit ihrem Kind, wie sie es liebevoll versorgt. Bilder von meiner Frau, wie sie stattdessen alleine in der Psychiatrie steckt, zugedröhnt so dass ihr halber Körper gelähmt ist und sie sich nicht bewegen kann. „Ihr kranken Idioten!“, schreie ich in Gedanken. Die Tränen bleiben in mir stecken, von der Wut zerdrückt.

Ich öffne die Augen. Mein Herz rast immer noch. Irgendwann sterbe ich an einem Herzinfarkt, wenn das so weiter geht. Ich stelle mir vor ich habe eine Pistole und erschiesse unsere Familien. Familien, die keine sind. Menschen, die keine sind. Gefühllose, kranke Lebewesen ohne Bezug zur Realität, die in dem Leben meiner Frau und in meinem plündern und morden und uns danach wegwerfen. Ab und zu mal zu Besuch kommen und kleine Heftpflasterchen auf die klaffenden Wunden in unseren Seelen kleben. Dann wieder verschwinden, sich amüsieren und wieder amüsieren. In Gedanken feuere ich will um mich … Ein Massaker. „Endlich bekommt ihr, was euch zusteht.“ Bam, bam, bam, die Patronenhülsen fliegen herum, Blut spritzt, bis alle tot sind. Ruhe … Eigentlich sollte mich ein Gefühl überkommen, das alles falsch war, aber in mir kommt endlich alles zur Ruhe. Ich habe den Ursprung allen Wahnsinns ausgelöscht, auf Nimmerwiedersehen. Ich habe eiskalte Mörder ins Jenseits befördert und die Menschen, die die Mörder morden lassen und nicht weniger gestört sind. Egal, was danach kommt. Ein Gefühl von Sicherheit überkommt mich. Ich werde von der Polizei abgeholt und sehe mich im Gerichtssaal.

„Fühlen Sie denn gar keine Reue?“, fragt mich die Richterin am Ende der Verhandlung, in der ich endlich über all die grausame Gewalt in unseren Familien sprechen kann. Alle Augen im Saal sind auf mich gerichtet. Langsam hebe ich meinen Kopf, Traurigkeit ist in meinen Augen, aber auch Bestimmtheit: „Ich könnte niemanden umbringen.“, sage ich. „Ich könnte nicht einmal eine Fliege töten, nichtmal jemandem rine Ohrfeige geben. Aber diese Menschen haben Dinge getan, die mein Herz, mein Leben, das meiner Frau zerstört haben. Sie waren gefährliche Menschen, die selbst getötet haben. Ich konnte die Gewalt nicht mehr aushalten. Ich konnte nicht aushalten, dass sie morden und zerstören dürfen, ohne jemals aufgehalten zu werden, ohne jemals dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ich bereue von ganzem Herzen, dass alles das passieren musste, aber ich bereue nicht, dass ich es getan habe. Ich akzeptiere die volle Schuld und ich akzeptiere, dass ich den Rest meines Lebens nicht mehr frei sein werde. Aber ich bereue es nicht, endlich frei zu sein, von der Gewalt und dem Hass, die diese Menschen in meine Welt gebracht haben.“ Die Handschellen klicken und ich werde aus dem Gerichtssaal geleitet. Ich bemühe mich nicht, mein Gesicht zu verbergen. Ich trage die vollen Konsequenzen und ich verstecke mich nicht. In der Zelle im Gefängnis werde ich alt. Jetzt bin ich wieder da, wo mein Leben begonnen hat. Einsam, eingesperrt, ohne Ausweg, keine Liebe. Jetzt bin ich frei und doch nicht frei. Für immer.

Fast wäre ich noch mal eingeschlafen. Ich ziehe die Augenlieder nochmal hoch. Neben mir liegt meine Frau. Mein ganzer Körper ist angespannt. Die Atmung ist schwer. Meine Brust drückt. Fast ist es so, als wäre alles wirklich passiert. Irgendwie mischt sich Leichtigkeit dazu.

Früher wusste ich nicht wirklich, was es bedeutet, wenn in einem Film ein Mensch seinem Entführer oder potentiellen Mörder zitternd die Mündung einer Pistole ins Gesicht hält, nachdem er ihn in letzter Minute überwältigt hat. Der Polizist stürmt herein und schreit ihn an, redet auf ihn ein: „Tun Sie das nicht. Das wollen Sie nicht wirklich! Denken Sie an ihre Frau, an ihr Leben. Lassen Sie das den Richter erledigen. Legen Sie ganz langsam die Waffe weg. Es ist vorbei!“ Die Tränen kullern dem Opfer über die Wange, die Waffe bebt in der Hand. Die Versuchung abzudrücken, die Vorstellung, dass Frieden einkehrt, wenn das Böse beseitigt wird kämpfen gegen den Instinkt nicht zu töten. Der Konflikt der Moral, das Böse zu vernichten und weitere Gewalt sicher zu stoppen und der Wunsch keine weitere Gewalt zu produzieren. Heute weiß ich genau, wie sich das anfühlen würde.

Langsam stehe ich auf, hebe mich aus dem Bett. Einen ganzen Tag arbeiten. Uff. Ich bin jetzt schon völlig fertig. Mein Kopf tut weh. Ich weiß, dass ich niemals jemanden erschiessen könnte. Aber die Vorstellung, der Traum im dösenden Wachzustand, ich kann sagen, dass er mich befreit. Und er sortiert mich. Ich weiß mit jedem Mal, dass ich ihn träume mehr, dass ich diese Menschen niemals lieben könnte, dass sie gefährlich und krank sind und dass ich mein Leben nur retten kann, wenn ich weit weg bin von ihnen.

Erstmal ein Bad einlassen … Eukalyptusduft reintun … Die Sinne anregen … Mich selbst wieder fühlen …

Noch 12 Stunden, bis ich wieder zuhause sei werde. Dieser Tag wird hart.

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