30.01.2017 – Coming out und Schuldgefühle

Jetzt sitze ich in der Bahn auf dem Weg nach Hause. Der Arbeitstag war lang: Neun Stunden ohne Pause, uff! Aber ich muss noch einige Unterstunden abarbeiten.

Heute war der eine Kollege etwas wütend, hatte ich das Gefühl, weil ich nicht ganz so sauber gearbeitet habe, aber es ist auch sehr schwer, alles richtig zu machen, im ersten Monat im neuen Job. Ich hatte das Gefühl, dass es auch daran liegt, dass ich manchmal eben etwas anders bin und die Kollegen das nicht so gut einordnen können. Es sind die Nuancen, die die Atmosphäre machen.

Alao habe ich mich nach langem ringen dazu entschlossen, mein Coming out als psychisch Behinderter in der Firma voranzubringen. Ich habe dem Geschäftsführer, der mich eingestellt hat und sehr freundlich ist geschrieben. Er hatte sofort Zeit, was mich überrascht hat. Er hat mir sogar Tee mitgebracht zur Besprechung. Wo gibts denn sowas? Ich habe ihm grob erzählt, was los ist, also echt oberflächlich, weil er es wissen wollte: Krankenhausunfall, Depression, Zwänge, Gewalt in Kindheit.

Wow, krasse Nummer, aber irgendwie auch gut. Er hatte viel Verständnis und meinte, dass das kein Problem ist. Ich habe ihm gesagt, dass es durch die Behinderung vielleicht auch Vorteile für die Firma geben kann, was er bestätigte.

Alles in allem war es eine sehr gute Aktion und es hätte gar nicht besser laufen können. Aber es hat mich auch mal wieder einen ganzen Batzen Mut und Offenheit gekostet.

Kurz vor dem Nachhauseweg habe ich wieder Schuldgefühle, wegen der Psychose meiner Frau und dem Kinderwunsch und weil ich manchmal hin und hergerissen bin zwischen meine Liebe zu ihr und der totalen Überforderung, dem Wunsch neu mit jemandem anzufangen und dem Wunsch mit meiner Frau glücklich zu sein. Es zerfetzt mich nach und nach, bis ich die Tür aufmache um aus dem Büro zu gehen und am liebsten gleich aus dem Fester springen würde. Stattdessen rufe ich den Fahrstuhl und steige ein. Sind nur 4 Stockwerke, aber was solls. Schnell noch den Bus erwischt und dann mit nem Halloumi in die Ubahn, nass vom kalten Regen. Irgendwie muss ich einfach weitermachen. Bestimmt wird alles irgendwann gut? Panik, Herzrasen. Nicht nachdenken, einfach die Gedanken auf durchzug stellen. Klappt nicht.

Meine Frau will mich vom Bus abholen. Ich freue mich und gleichzeitig fühle ich mich so mies. Manchmal denke ich, ich bin ihr Ruin, aber irgendwie ist das ja auch nicht wahr. Oder doch? Vielleicht brauche ich einfach mal Urlaub? Ich bin völlig verwirrt. Mein Schädel dröhnt. Ich friere. Egal wie, ab nach hause!

3 Gedanken zu “30.01.2017 – Coming out und Schuldgefühle

  1. Seelenmomente schreibt:

    Sehr sehr mutig! Ich gratuliere Dir zu diesem Schritt und bewundere Dich dafür!
    Ich wünsche Dir sehr, dass es Dir bei der Arbeit dadurch besser geht.

    Versteh mich bitte nicht falsch…ich finde mich nur so sehr in Deinem Text wieder. In meiner Ex-Ehe hatte ich auch so viele Schuldgefühle gegenüber meinem Mann, habe immer wieder daran gedacht, wie es wäre, das alles hinter mir zu lassen.
    Als ich in der Tagesklinik so nach und nach erkannt habe, wie sehr ich mich im Kreis drehe und ehrlich mit mir gewesen bin, wurde mir klar, wie unglücklich ich eigentlich bin.

    Neu zu beginnen war so schwer. Ich habe einen wunderbaren neuen Mann an meiner Seite, mit dem ich endlich gesehen habe, dass ich zuvor aus falschen Gründen an Dingen und Beziehungen festgehalten habe.
    Ich bin noch immer krank. Meine Kindheit, meine Geschichte ist noch immer da. Aber es gibt endlich einen Bereich in meinem Leben, der echt ist. Der gut ist. Der all dem Stand halten kann.

    Keine falsche „Liebe“ mehr und vermeintliche Verantwortung für etwas, das mir nicht gut tat und unterm Strich auch nie meinem Ex-Mann.
    Loslassen ist aber immer so so so schwer. Und es kostet Kraft. Und Tränen. Verletzungen.
    Aber es befreit auch.

    Für Deinen ganz persönlichen Weg alles Gute…

    Gefällt 1 Person

    • briefabsender schreibt:

      Das ist ein schöner Text. Letztendlich ist es die Ehrlichkeit, die viel Wert ist. Wie viele Menschen fühlen so und machen einfach immer weiter? Wie viele Menschen sind gezeichnet von der Gewalt, die sie als Kind erleben mussten und finden niemals einen Weg zu sprechen oder sich zu befreien, es wenigstens zu versuchen?

      Ich liebe meine Frau und wünsche mir so sehr, dass wir zusammen eine Familie haben können. Der einzige Grund, warum alles so schwer ist, sind eben diese Folgen der Gewalt, die sie und ich erlebt haben. Die Tatsache, dass sie wegen der Vergewaltigung nie Sex haben konntex aus Angst und wegen dem Trauma. Oder meine 27 Jahre Einsamkeit, weil ich nicht lieben durfte, die mir die wichtige Erfahrungen vorenthalten haben, für unsere Beziehung. Wenn wir uns trennen würden, dann nicht, weil wir uns nicht lieben, sondern weil die Menschen, die nie wollten, dass wir eigenständig sind und frei lieben, erfolgreich damit waren uns einen mächtigen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Menschen, die nie wollten, dass wir glücklicher und selbstbewusster sind, als sie selbst. Die sich ausgeschlossen gefühlt haben, wenn wir jemand anders lieben, und insgeheim nie wollten, dass wir unsere Ziele erreichen, weil es ihnen offenbart hätte, dass sie selbst vieles nicht hatten oder konnten.

      Dass Du aus einer schlechten Beziehung losgekommen bist, ist wirklich gut. Es gibt nichts Schlimmeres, als darin gefangen zu sein und keinen Ausweg zu finden. Dadurch wird man so unglücklich, dass man vollkommen handlungsunfähig wird und sich selbst total verliert.

      Das Gute ist, dass man wirklich sprechen kann und je mehr man versteht, desto mehr kann man dazu beitragen, dass andere auch einen Weg zu sich selbst finden, sogar ganz ohne dabei wem zu schaden.

      Ich freue mich, dass Du schreibst, weil es auch mir Kraft gibt. Selbst wenn die Wahrheit manchmal weh tut, tut sie weniger weh, als sie zu verleugnen. Zu wissen, dass man nicht ganz alleine ist mit seinen Gedanken und Gefühlen, gibt manchmal neuen Mut, um weiterzumachen. Und es ist wichtig, dass wir weitermachen, weil es der einzige Weg ist etwas zu verändern, für uns selbst und für andere.

      Auch für Dich alles Gute. Vor allem mit Deinem Mann. Auf dass ihr viele glückliche Momente habt, die Dich auch ab und zu vergessen lassen, was davor gewesen ist.

      Lg

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  2. Seelenmomente schreibt:

    Danke…

    Weißt Du, letztlich sind es nur ein paar wenige Fragen, die man sich selber ehrlich beantworten muss.
    Was wünsche ich mir für mein Leben? Kann ich das so, wie es jetzt ist und in dieser Konstellation erreichen? Wenn nein, bin ich bereit meine Träume aufzugeben? Möchte ich glücklich sein? Aus welchen Gründen halte ich an der jetzigen Situation fest- Mitleid, Liebe, Selbstlosigkeit, weil es mein Herzenswunsch ist?

    Eine Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist, dass in einer Beziehung beide glücklich sein müssen und nicht nur einer. Denn für gewöhnlich bleibt dabei jemand auf der Strecke. Und mal ehrlich…wie viel soll man denn noch ertragen?
    Der Trotz von dem Du heute geschrieben hast, der war auch meine „Waffe“…ist sie bis heute, weil ich es nie anders gelernt habe. Dieser richtet sich aber manchmal auch gegen uns, zum Beispiel, wenn wir an Dingen festhalten, mit denen wir beweisen wollen „Ich mach das besser als du es je konntest.“…und dabei verletzen wir nur uns selber.

    Oft denke ich mir, dass Menschen wie wir unser Glück nie in vollem Umfang erreichen, weil wir uns mit „zu wenig“ zufrieden geben. Weil wir denken, dass das mehr ist, als wir je erhoffen konnten. Und dabei wartet so viel mehr auf uns….

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