24.01.2017 – Arbeiten und Geld: Was brauche ich wirklich?

Sofort nach dem Aufwachen versucht mein Gehirn Lösungen für meine Situation zu finden. Ich fühle mich schuldig. Schuldig, weil ich alles zu spät verstanden habe und weil meine Frau mit mir mitten drin steckt. Sie sagt zwar, dass ich alles richtig gemacht habe, aber meim Gefühl ist ein ganz anderes.

Wie jedem Tag bin ich vor Erschöpfung in meinem Hemd eingeschlafen. Ich stehe auf und gehe ins Bad, drehe den Wasserhahn auf und flute die Badewanne mit warmem Wasser. Das Rauschen beruhigt mich. Ausnahmsweise fühle ich mich nicht einmal müde. Auf die Arbeit habe ich trotzdem keine Lust. Alle die Menschen, die so verwirrte Dinge tun: Programmieren, Projekte leiten, Firmen managen, … auf der Suche nach Geld und Anerkennung, vielleicht sogar Selbstachtung. Wenige stellen in Frage was sie tun. Und oft habe ich das Gefühl, sie haben nie eine richtige Verbindung mit sich selbst gehabt. Von Anfang an sind sie Teil dieses Systems, mit Schule, Studium und Arbeit. Alternativlos soll alles das angeblich sein. Oft denke ich darüber nach, etwas wirklich Sinnvolles mit meinem Leben zu machen, mit dem, was noch davon übrig ist. Manchmal möchte ich am liebsten aussteigen, in einer kleinen Hütte mit mir selbst leben. Keine Technik, keine tausende von Menschen jeden Tag, kein Druck, kein Wahnsinn. Nur ich als Mensch, in der Natur, die mein Ursprung ist. Keine Lügen, keine Erwartungen, keine Wut. Ich gehöre niemandem außer mir selbst. Keinem Chef, keiner Firma, keinem Staat, keinem menschengemachten System.

Aber alles das ist weit weg. Ein Traum. Der Traum von einem friedlichen Leben ohne Menschen, die sich selbst in einer Automatik des Alltags verloren haben. Was macht mich als Mensch glücklich? Ja, Freunde, Liebe, eine eigene Familie. Ruhe, Natur, Wertschätzung, für einander und für das, was die Natur uns schenkt. Manchmal, wenn ich esse, dann empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Ich geniesse jeden Bissen, jeden Schluck. Frisches Wasser! Sehr selten Milch. Brot oder Nulden! Was immer es ist. Ich esse bewusst und ich esse maßvoll. Irgendwann in meinem Leben habe ich bemerkt, dass die Geschwindigkeit und der Überfluss in unserer Gesellschaft mir keine Freude bringen, mich nicht glücklich machen. Schon als kleines Kind habe ich nicht verstanden, warum alle um mich herum so besessen waren nach immer mehr. Sie hatten doch einander? Reden, zusammen spielen, laufen, Geschichten erzählen. So viele Dinge, die Spaß machen und nichts weiter kosten als die Fähigkeit sich auf das nackte Leben einzulassen.

In meiner Familie gab es alles immer im Überfluss. Mein Vater als Arzt und Informatiker und meine Mutter als Hebamme mit gutem Immobilienerbe haben viel mehr Geld gehabt, als sie für eine fünfköpfige Familie gebraucht hätten. Oft habe ich mir schon als jugendlicher gewünscht, in einer Mietswohnung zu wohnen und wenig Geld zu haben. Einfach leben, anstatt sich im Besitz zu ersticken. Geld gegen Menschlichkeit tauschen, Arroganz gegen Demut, Erfolg gegen Liebe.

Jetzt gehe ich jeden Tag in die Firma. Baue Software für Unternehmen. Aber oft frage ich mich, ob mein Leben dafür nicht viel zu wertvoll ist, wie das Leben jedes Menschen. Ob diese Schiffe ihre Reisen nun fahren oder nicht, die ein Unternehmen mit unserer Software plant, who cares? Wäre die Welt nicht mit weniger Frachtverkehr besser bedient? Weniger billige Elektronik aus China. Weniger Avocados aus Südamerika und weniger Äpfel aus Afrika. Weniger Profit für Unternehmer und mehr regionale Diversität und eine Stärkung der regionalen Wirtschaft. Mehr Unabhängigkeit, weniger Luxus, mehr Unweltschutz. Also macht alles das, was ich tue einen Sinn? Sind die acht Stunden meiner Lebenszeit am Tag das alles wert?

An der Firmenspitze sind freundliche Menschen, die an die Firma und das was sie tun glauben und vermitteln: „Was wir tun ist wichtig und von hoher Qualität!“ Aber ist das wirklich die Wahrheit? Oder folgen alle Angestellten dem Lebensentwurf Einzelner, weil sie Geld oder Anerkennung in Aussicht gestellt bekommen? Endlich den Freunden beim Brunch den eigenen „Erfolg“ unter die Nase reiben oder das eigene Kind mit Technik überschütten. Reisen ans andere Ende der Welt machen, für tausende von Euros, nur um im gehetzten Dilirium nach Entspannung und Ausgleich zu suchen, und um wieder den Freunden beim Brunch zu erzählen, wie toll doch Mauritius ist! Da muss man unbeding mal gewesen sein! Ein Traum! 14 Tage, hin und zurück, wer kann da schon irgendetwas über ein Land oder eine Region wissen? Also wozu das Ganze? Verpasse ich etwas? Oder bin ich nur nicht mehr bereit, war es noch nie, einfach zu glauben, was mir vorgelebt und vorgesprochen wird? Brauche ich als Mensch all diese Dinge?

Das neuste Iphone, das in einem halben Jahr schon wieder veraltet sein soll? Nein, danke! Die Kreuzfahrt zur Südsee, die mehr Müll und Treibgas produziert als der Tagesverbrauch einer Kleinstadt? Nein, danke! Einen SUV von Mercedes, der locker einen herkömmlichen Gefechtspanzer überrollen könnte? Nein, danke! Einen neuen 50 Zoll Fernseher, den ich zwei Meter vor meinem Sofa aufstellen und mir damit die Augen zermartere? Nein, danke! Eine 250 Quadratmeter-Wohnung, in der ich mein eigenes Echo hören kann? Nein, danke! Ein Luxusfitnesscenter, in dem ich angeblich Outdoorsport mit einem Laufband ersetzen kann? Nein, danke!

Mein Wunsch ist ein Schaukstuhl. Ein gebrauchter Schaukelstuhl. Der einfach vor und zurück schaukelt. Aus Holz. Von mir aus schaue ich darin auch auf meinem 10 Jahre alten Flatscreen Nachrichten, die mein gebraucht gekaufter Gamingcomputer ausspuckt. Oder ich lese ein einfaches Buch, oder zeichne etwas.

Aber was kostet so ein gebrauchter Schaukelstuhl? Vielleicht ein paar Euro über die Kleinanzeigen. Was mache ich mit dem Rest des Geldes? Die mehr als 1000 Euro die übrig bleiben pro Monat? Spenden? Ausgeben, um die Hilfsorganisstion zu gründen? Aber mehr als ein Monatsgehalt brauche ich dafür gsr nicht. Also Sparen? Nein, nicht sparen. Wenn man irgendwann tot ist hat man nichts von gespartem Geld. Geld ist dazu da, um etwas damit zu machen.

Sind die acht Stunden meiner Lebenszeit sm Tag alles das wert? Ich glaube kaum.

Ich liege in der Badewanne und habe noch zehn Minuten, bevor ich wieder acht Stunden an etwas Arbeite, dessen Nutzen für die Welt ich mehr als in Frage stelle. Klar, das Programmieren macht mir einfach Spaß. Aber ich muss mir gut überlegen, was ich mit dieser Fähigkeit machen möchte. Einfach nur Geld zu verdienen macht mich nicht glücklich. Manchmal möchte ich sogar um eine Gehaltskürzung verhandeln. Einfach um diesen Überfluß los zu werden, um mich freier zu fühlen, mehr bei mir zu sein, weniger jemandem zu gehören, der mich mehr oder weniger einfach kauft.

Jetzt ist mein Badewasser nur noch lauwarm. Zeit loszugehen … Aber warum?

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5 Gedanken zu “24.01.2017 – Arbeiten und Geld: Was brauche ich wirklich?

    • briefabsender schreibt:

      Danke. Wie wars bei Dir? Es ist schade, dass Arbeiten sone Art Volkssport ist. Die meisten plagen sich, entweder für das Gefühl etwas wert zu sein oder für Geld. Ab und zu arbeiten, oder etwas arbeiten, das einem Spaß macht, das ist super. Aber so viele Menschen machen absolut sinnlose Jobs in einem Ausmaß, das einfach nicht gut tut. Naja, mal sehen ob ich son Schaukelstuhl irgendwo her bekomme 🙂 lg

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      • Seelenmomente schreibt:

        Bei mir war es so, dass ich so schwer depressiv wurde, dass ich nicht mehr funktionieren konnte. Und es wurde und wurde nicht besser. Deswegen war ich dann in einer Psychiatrischen Tagesklinik und in dieser Zeit habe ich schlichtweg alles, was vorher für mich Sinn gemacht hat, als „Unsinn“ erkannt. Ich habe mein ganzes Leben umgekrempelt, habe meine Ehe beendet, mich von allem materiellen Ballast befreit und kämpfe seitdem mit den Folgen meines Lebens, das ich bis zu diesem Wendepunkt geführt habe.

        Für den Schaukelstuhl wird sich hoffentlich eine Lösung finden 😉

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      • briefabsender schreibt:

        Oh man, manchmal denke ich, das habe ich auch noch vor mir. Vielleicht nicht unbedingt das mit der Ehe, weil meine Frau wirklich sehr lieb zu mir ist, aber den ganzen Rest. Ich beschäftige mich viel damit, wie das Leben eines Menschen von seinem eigentlich gesunden Weg abgebracht werden kann und wie schlimm die Folgen sind. Ich glaube das ist ein Gebiet, das bisher kaum erforscht wird und es bietet so viel Potential, weil die Ursache für viel Krankheit und auch Selbstmorde und so weiter genau darin begründet liegt. Wenn man die Dinge genau betrachtet, dann ist es oft so, dass man erkennt, dass die Menschen selten selbst die Veränderung induziert haben, die sie von dem Weg abgebracht haben. Ich wünsche Dir viel Kraft, weil ich glaube, dass man die wirklich braucht, um so einen Turnaround hinzubekommen. Lg

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  1. Seelenmomente schreibt:

    Es ist ja meistens so, dass das Leben das man führt, bevor so ein Knall kommt, schon der Versuch ist, etwas zu kompensieren. Meine Kindheitstraumata will ich jetzt gar nicht ausbreiten, aber ich war so schön als Teenager depressiv, nur hat das keiner gesehen (sehen wollen?). Das ganze Leben hat sich darum gedreht, reinzupassen, individuell zu sein, etwas darzustellen, was man nicht ist. Materielle Dinge waren Trost für die Seele.
    Und irgendwann ging nichts mehr. Der Knall war unausweichlich.
    Die Konsequenzen für alles was davor war zu tragen, sind trotz Turnaround oft nicht zu ertragen.

    Schwierig. Deine Gedanken sind auf jeden Fall interessant. Und darin steckt, denke ich, viel Wahres. Interessant wäre ja auch, zu wissen, ab welchem Zeitpunkt die Weichen für den „ungesunden“ Weg gestellt werden.

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