17.01.2017 – Der Heimweg

Nach der Arbeit fahre ich nach hause. Ich bin ruhig, es fühlt sich an, als würde die Zeit stillstehen. Zum ersten Mal in meinem Leben gibt es niemanden mehr, der mich hasst, verletzt oder missbraucht, niemanden, für den ich mein Leben aufgeben soll oder muss. Stille …

Die Stadt liegt in abendlicher Beleuchtung, die das Schwarz der frühen Nacht durchbricht. Jetzt kann ich es fühlen, dass ich nie ich selbst sein durfte, nie lieben durfte. Nach 33 Jahren fängt mein Leben da an, wo andere es gleich nach ihrer Geburt beginnen. Wie ein Alptraum aus dem ich aufgewacht bin. Zwicken zwecklos. Es ist alles echt gewesen. Fast scheint es so, als hätte ich mein Bewusstsein zum Schutz einfach abgeschaltet. Wie überlebt man in einem System, in dem es keinen Ausweg aus der Gewalt gibt und keine Liebe? Ich wünsche mir, früher aufgewacht zu sein. Dass ich schon vor zehn Jahren aus diesem System entkommen wäre. Aber ich hatte nie die Chance mich zu entwickeln, weil es mir verboten wurde. Und so hatte ich nicht die Möglichkeit ich selbst zu sein, mich zu befreien.

Auf meinem Weg zur Bahn laufe ich an einem Kindergarten vorbei. Ein Poster ist im Fenster aufgeklebt, darauf steht: „Hurra! Wir sind Eltern!“ Ich denke daran wie ich vor zehn Jahren ein Kind haben wollte. Ich habe es auf einen Zettel geschrieben, den ich an meinem Schlüsselbund jahrelang mit mir herum getragen habe, als Erinnerung an meine größten Wünsche, für mein Leben. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich niemals eine Freundin gehabt, obwohl sehr, sehr viele in mich verliebt waren. Ich war sportlich, hübsch und durchaus charmant. Damals war ich so traurig, wie heute, so einsam, wie ich mich jetzt oft fühle. Mein einziger Wunsch, zu lieben, wurde mir verboten. Meine Schwestern und meine Mutter wollten nicht, dass ich ein selbstbestimmtes, sexuelles Wesen bin. Alle waren froh, dass sie nicht mit meiner Männlichkeit konfrontiert waren, dass ich nicht Selbstbewusst war. Es war so, als sollte ich jemand sein, der keine Gefühle hat, keine Beziehungen hat. Ich sollte sie als Frauen nicht daran erinnern, dass Männer auch kräftig sein konnten, auch glücklich sein konnten, dass sie lieben konnten und wollten.

Erst jetzt verstehe ich, dass alle drei Menschen, die von meiner Familie übrig geblieben waren, mich nicht wirklich geliebt haben. Denn sie wollten nicht, dass ich liebe. Einmal sagte meine Schwester zu mir:

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Du eine Freundin hast. Ich meine, Du bist mein Bruder, das ist total komisch für mich. Ich weiß gar nicht, ob ich das könnte.“

Ich denke daran, wie oft ich alles dafür getan habe, dass meine Schwestern Liebe finden, weil ich sie geliebt habe und wollte, dass sie glücklich sind, dass sie nicht alleine sind. Liebt man einen Menschen, wenn man nicht möchte, dass er glücklich und frei lieben kann? Lange und oft habe ich darüber nachgedacht und heute denke ich ganz klar:

„Nein, niemand wünscht einem Menschen, den er liebt, dass er einsam ist.“

Während ich durch das große Glasfenster am Poster vorbei in den Kindergarten schaue, verstehe ich, dass kein einziger Mensch in diesem System, das in und um meine Familie existiert hat, mich jemals wirklich geliebt hat. 33 Jahre nach dem Beginn meines Lebens, verstehe ich, was so offensichtlich hätte sein müssen. Aber solange ich in dem System war, ein Teil davon, hatte ich keinen Vergleich, wusste nicht, wie es sich anfühlt, wirklich geliebt zu werden, wirklich frei zu sein, wirklich ein Mensch zu sein, ich selbst zu sein. Erst jetzt erscheint mir alles so klar, passt so genau zu all den Gefühlen, die ich hatte, dass ich mir wie ein Idiot vorkomme, dass ich es nicht verstanden habe, dass ich nicht wusste, dass das Gefühl, dass ich nicht dort hin gehöre, eines der wichtigsten und echtesten Gefühle ist.

Aus dem Kindergarten scheint mir immer noch das helle Licht entgegen. Ein, zwei Kinder krabbeln noch herum, die anderen wurden schon abgeholt. Ich denke an meine Frau. Was würde ich dafür geben, dass wir uns jetzt kennen lernen würden, dass ich schon am Anfang unserer Beziehung gewusste hätte, was ich jetzt weiß. Alles wäre anders gewesen. Aber es war kein Zufall, dass ich so lange gebraucht habe, um zu verstehen. Es wurde viel getan, damit ich es nicht verstehen kann. Meine Gefühle wurden abgeschnitten, ich wurde einsam gemacht und mir wurde beigebracht, dass ich meine eigene Persönlichkeit niemals zeigen darf.

Langsam laufe ich zum U-Bahnschacht. Unten steht der Zug still und überall stehen Menschen. In der Bahn sind noch viele mehr. Auf dem Bahnsteig wütend ein Mann mit nacktem Oberkörper, schreit und droht. Eine Frau erklärt dem Schaffner, der aus seinem Häuschen hervorschaut, dass der Mann von drei anderen angegriffen und getreten wurde, es sei kein Wunder, dass er so wütend sei. Erst will ich helfen, wie immer, aber dann bin ich einfach zu leer in mir. Ich kann nicht mehr und drehe mich um, schlendere davon, während die anderen alle wie gebannt auf den Mann starren. Tränen rollen meine Wangen hinunter, als ich die Treppe hochsteige und der kalte Winde mein Gesicht streift. Ich verstehe und ich fühle, was passiert ist. 33 Jahre, in denen ich nicht ich selbst sein durfte, nicht das Kind, nicht der Junge, nicht der Mann, der ich bin. 33 Jahre ohne Recht, ohne Wünsche und Träume haben zu dürfen, ohne frei zu sein, ohne geliebt zu werden. Ich verdrücke nur wenige Tränen und bewege mich auf die Bushaltestelle in der Nähe zu. Irgendwie muss ich nach Hause kommen, obwohl ich mich so fühle, als würde ich am liebsten einfach stundenlang geradeaus laufen, ohne ein Ziel.

Jeden Tag versuche ich meinem Leben einen neuen Sinn finden, aber ich kann keinen finden, außer zu leben, um etwas dafür zu tun, dass andere nicht das selbe fühlen müssen, wie ich. Die Leere in meinem Herzen füllt sich immer wieder mit neuer Traurigkeit, wenn die Erinnerungen kommen, wenn ich sehe, dass ich keine Familie habe, keine Kinder. Warum musste ich einsam sein? Warum wollte niemand in meiner Familie, dass ich liebe?

Wie damals, als Kind, versuche ich jeden Tag zu überleben, immer weiter zu machen. Ich habe es damals geschafft und ich muss es auch diesmal schaffen. Eine Sache treibt mich immer wieder an, wenn ich kurz davor bin aufzugeben, weil ich keine Kraft mehr habe: Menschen, die anderen Menschen diese Dinge antun, die ich hier so oft beschreibe, muss das Handwerk gelegt werden. Es muss Wege geben zumindest einen kleinen Teil davon zu erkennen, aufzuhalten, denn sie werden nie von alleine stoppen. Ich denke daran, dass irgendwo da draußen Jungen in Familien stecken, wie meine. Ich denke daran, dass Männer durch diese Stadt ziehen, die immer noch schweigen, über die Dinge, die niemand hören will, die ihr ganzes Herz zerrütten und die sich nach nichts so sehr sehnen, wie endlich lieben zu können und geliebt zu werden.

Noch weiß ich nicht genau wie, aber ich weiß, dass ich den Rest meines Lebens dafür kämpfen werde, dass diese Menschen nicht mehr schweigen müssen, dass sie sprechen können, ernst genommen werden, Hilfe bekommen. Zugegeben, ich hatte mir mein Leben immer anders vorgestellt. Aber manchmal passieren Dinge, die einen im Herzen so sehr bewegen, die für einen selbst und mutmaßlich für viele andere von so essentieller, fast existenzieller Bedeutung sind, dass die Wahl Nichts zu tun, nur eine scheinbare ist.

Jeder Mensch braucht Liebe, jeder Mensch braucht Berührung. Jeder Mensch hat das Recht darauf, selbst zu wählen, wessen Nähe er annehmen möchte. Denn wer kann schon ohne wirkliche Liebe leben? Niemand.

 

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