13.01.2017 – Kämpfen gegen den Selbszverletzungsimpuls

Ich wache auf und in mir entsteht das Gefühl, mich selbst verletzen zu wollen, weil ich meine Verzweiflung nicht ausdrücken kann, weil niemand darauf reagiert. Wie immer konzentriere ich mich darauf es nicht zu tun. Viele Menschen verstehen nicht, warum sich so viele Frauen selbst verletzen. Dass diese Frauen fast alle missbraucht wurden, wissen nur wenige. Dass auch Männer unter Umständen einen Selbstverletzungsimpuls entwickeln, wenn sie missbraucht werden, wissen kaum Menschen. Ich bin einer davon.


Mich verletzen wollen:

Weil ich als Kind dazu gezwungen wurde mich selbst zu verletzen. Weil es keine Liebe gab, sondern nur Schmerzen. Eingesperrt, isoliert, ausweglos, Verzweiflung, Wut, Machtlosigkeit, Erniedrigung, Demütigung, das Gefühl, den Verstand zu verlieren aus Angst und vor allem aus unendlicher physischer Einsamkeit. Kein Hautkontakt, seit Jahren. Dunkelheit. Mich selbst verletzen, weil andere mich dazu zwingen. Mich selbst verletzen, weil niemand mich liebevoll berührt und ich mich selbst nicht mehr fühlen kann. Wo bin ich? Wer bin ich? Bin ich noch? Mich selbst verletzen, weil mein Kopf mich schützen will vor immer mehr Schmerzen. Mich selbst verletzen, um wenigstens über irgendwas in meinem Leben die Kontrolle zu haben. Mich selbst verletzen, um die Täterin zu bestrafen, die meinen Körper geschunden hat, um ihr meine Schönheit zu nehmen und um ihren Hass gegen mich auf meiner Haut zu zeigen, um zu zeigen, was sie mir angetan hat. Mich verletzen, um mich zu wehren, weil ich mich nicht anders wehren kann. Mich selbst verletzen, um meine Eltern, die mich quälen, die Macht über mich zu entziehen. Mich selbst verleten, damit andere sehen können, dass ich leide und es keine Worte gibt, um alles zu beschreiben. Mich selbst verletzen, um Distanz zu schaffen, zwischen meinen Eltern und mir. Mich selbst verletzen, weil mir eingeprügelt wurde, dass ich ein Nichts bin, ohne Rechte und ohne Freiheit, solange bis ich mich selbst verachte. Mich selbst verletzen, weil mir beigebracht wurde, dass ich es tun muss. Mich selbst verletzen, weil ich nichts anderes kenne, als verletzt zu werden. Es ist das einzige Gefühl, dass ich gelernt habe. 


Bis zur Selbstaufgabe darum kämpfen, dass ich mich nicht verletze: 

Innehalten, Hoffnung, meine Menschlichkeit, die überlebt hat, Instinkt, Rage und Wut, der Wunsch, zu überleben, trotzdem Menschen versucht haben mich in den Selbstmord oder den psychischen Tod zu treiben, Energie, Aufbegehren, Lebenslust, Freundschaft, Zärtlichkeit, Berührung … endlich Berührung! Ruhe, fühlen, mich selbst fühlen, Realität, kämpfen, nicht aufgeben, überleben um jeden Preis, überleben, überleben! Zeuge sein, etwas tun, etwas bewegen, das tun, was die größte Angst meiner Eltern war: Ich selbst sein! Nicht Schweigen! Meine Haut unversehrt lassen, nicht darauf reinfallen, den Verstand bewahren, zurechnungsfähig bleiben, um glaubhaft zu bleiben, um die Wahrheit zu erzählen. Mich nicht verletzen, weil ich gut bin. Mich nicht verletzen, weil ich ein Herz habe. Mich nicht verletzen, weil ich ein ganz normaler Mensch bin oder zmindest war. Mich nicht verletzen, weil ich Verantwortung habe. Mich nicht verletzen, weil jeder Tag zählt, jede Minute. Mich nicht selbst verletzen, weil es nur scheinbar ein Ausweg ist, weil es eine Illusion ist. Mich nicht selbst verletzen, weil ich neue Gefühle gelernt habe. Liebe, ich bin so dankbar für Liebe, für Nachsicht, für Hilfe, dafür, dass ich trotzdem leben kann. Mich nicht verletzen. Mich nicht verletzen! Warten, bis der Schmerz im Alltag erstickt ist, wie ein Roboter, weiter machen, hoffen, hoffen, hoffen, aber nicht den Kontakt zu mir selbst verlieren, ein Drahtseilakt, gefährlich, anstrengend, kräftezehrend. Mich nicht selbst verletzen, weil ich gewinnen will, weil ich den Versuch mich für immer zu zerstören nicht akzeptieren kann. Weil ich irgendwie überleben muss. Weil ich ich bin.

Ich stehe auf, gehe ins Badezimmer und fange an mich für den Tag frisch zu machen. Meinen Körper kann ich nur wenig fühlen. Wie damals als Kind. Meine Haut, ein Organ, dass so lange eine seiner wichtigsten Funktionen nicht wahrnehmen konnte: fühlen. Ein bisschen fühle ich mich wie ein Mensch aus Pappe. Dumpf, leicht einzudrücken, mürbe, grau, faserig, ein merkwürdiger Flaum umhüllt mich.

Ein Blick in den Spiegel. Erschöpfung. Traurigkeit. Unverständnis. Ich schüttele den Kopf, seufze, und putze mir die Zähne. Acht Stunden Quellcode schreiben. Ich vermisse meine Gefühle. Aus Erfahrung weiß ich, dass mein Geist in den Überlebensmodus gewechselt hat, wahrscheinlich für eine lamge Zeit. Meine Gefühle werden flacher, weil sie zu stark sind und weil ich sie nicht annehmen und nicht auflösen kann. Ich habe keine Wahl, als die Reise anzunehmen, im Strudel der Zeitn zu versxlchwinden, zu sehen, wohin sie mich bringt. Die Taubheit des Missbrauchten. Wie so viele Male zuvor. Ich kann nicht mehr, weiss was kommt, und bin so erschöpft. Nicht noch einmal. Nicht noch einmal …

Mit aller Kraft, die ich habe, hieve ich mich aus der Tür. Die Stadt ist voll mit Menschen. Für alle fängt der Tag gerade an. Ich fühle mich, als hätte ich heute früh ein ganzes Leben gelebt.

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