21.12.2016 – Wer ist verrückt?

Nachts bin ich aufgewacht. Es kommen immer mehr Erinnerungen. Erinnerungen aus allen möglichen Abschnitten meines Lebens. Aber es sind nicht einfach Erinnerungen. Damals, als die Dinge geschehen sind, musste ich überleben, einen Ausweg finden, mich selbst erhalten. Enormer Druck lastete auf mir und alles was ich tun konnte war zu hoffen, dass es irgendwann aufhört und ich es schaffe zumindest einen Teil von mir selbst zu schützen und daraus etwas Neues aufzubauen.

Je klarer meine Gedanken werden, je ruhiger ich in meiner Seele werde, desto mehr verstehe ich, dass ich damals bereits wusste, was passiert. Aber ich konnte nichts dagegen tun, ich war wie erstarrt seit dem Selbstmord meines Vaters, unfähig den Platz zu verlassen, an dem ich mit ihm gelebt hatte, an dem ich ihn das letzte Mal gesehen hatte.

Immer wieder schreit eine Stimme durch meinen Kopf. Es ist die Stimme meiner Mutter und ich sehe vor mir ihr Gesicht und wie ihr ganzer Körper zappelt, außer sich vor Wut:

„Ich bin die Bestimmerin! Ich kann über dich bestimmen!“ – meine Muter zu mir im Novemeber 2008

Diese Worte fand ich gestern auf einem Zettel. Damals fand ich es so unfassbar, dass ich dachte, ich müsste es aufschreiben. Dahinter habe ich Monat und Jahr notiert. Irgendwie hat der Zettel all meine Krisen überlebt. Ich hatte so etwas zwar in abgewandelter Form schon öfter von ihr zu hören bekommen, allerdings war diese Aussage genau das, was ihrem Verhalten entsprach und der Weise, wie sie mich behandelte, seit ich ein kleines Kind war.

„Du willst mich dominieren!“, höre ich noch heute ihre Stimme und dazu sehe ich den wahnsinnigen Blick in ihren Augen, der vor Energie sprudelt, als würde gleich alles aus ihr herausplatzen. Wenn Sie so etwas schrie hatte ich sie oft höflich um so etwas gebeten, wie an meine Tür anzuklopfen, bevor sie hereinkam.

Immer mehr wuchs das Gefühl in mir, dass meine Mutter nicht einfach nur gemein oder bösartig war. Sie betrachtete mich wirklich als ihren Feind, als jemanden der sie „dominieren“ will. Immer mehr versuchte Sie mich zu unterdrücken. Es ging nicht mehr um die eigentlichen Inhalte. Es ging darum einen angeblichen Aufstand gegen Sie niederzuschlagen. Über Jahre hinweg beobachtete ich, wie sich alles immer mehr zuspitzte. Trotzdem meine Mutter sich immer mehr in Widersprüche verstrickte, die offensichtlich waren, benutzte Sie gezielt Lügen, um mich anzugreifen. Es war nicht mehr als logische Reaktion zu verstehen, nicht einmal als emotionale Reaktion. Mir wurde langsam etwas ganz anderes bewusst: Meine Mutter war psychisch krank. Sie hatte eine leicht paranoide Störung, die anderen oft nicht auffiel, sich aber in Beziehungen, insbesondere mit Männern, deutlich genug zeigte. Sie war gerade krank genug, um enormen Schaden anzurichten und unterhalb des Radars der Gesellschaft zu fliegen.

Je öfter ich nachts aufwache und an umso mehr ich mich erinnere, desto unwirklicher kommt es mir vor, dass ich es erst ab dem Zeitpunkt gesehen habe, als meine Mutter es in den Worten, die ich zuvor zitiert habe, selbst ganz eindeutit formuliert hat. Ich selbst habe vielleicht auch ein paar ihrer verrückten Gene geerbt. In jedem Fall wurde aber zur Therapie geschickt, um eben jenes zu verhindert, dass man feststellte, dass meine Mutter mindestens ebenso psychisch krank war wie ich. Ich denke, als Kind war ich noch sehr wenig krank und ich bin es vor allem durch den Einfluss meiner Mutter geworden.

Ich glaube, dass ich kaum hätte Therapie machen müssen, wenn meine Mutter eine angemessene Behandlung bekommen hätte. Vermutlich hätten ihr bereits leichte Dosen eines Antipsychiotikums oder eines Stimmungsstabilisators helfen können und mein Leben und das meines Vaters schützen.

War mein Vater depressiv? Auf jeden Fall, weil er selbst eine scheiß Kindheit hatte und seine Frau ihn verlassen hatte.

War ich manchmal depressiv? Ja, aber nur weil ich einsam war und mein Vater tot.

War meine Mutter paranoid, psychotisch oder manisch? Mit ziemlicher Sicherheit.

Jetzt gehe ich zur neuen Therapiestunde. Ich erwarte nicht viel davon. Vermutlich wird mir ohnehin niemand glauben und ich bin wieder der Vollidiot.

Für Videoaufzeichnungen aus meiner Jugend würde ich mir ein Bein amputieren lassen. Einen Beweis für den Wahnsinn meiner Mutter zu haben, wäre sehr viel wert für mich.

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