Lebensgeschichte: Erbschleicherei und ein unsittlicher Küsser

Eines Tages kam meine Mutter ganz aufgebracht nachhause, sie war völlig aufgelöst und es dauerte nicht lange, bis sie mir berichtete, dass ein alter Mann sie am Arm gepackt hatte und versucht hatte sie zu küssen, gegen ihren Willen.

Dabei handelte es sich nicht um irgendeinen alten Mann, sondern um einen alten Mann, der ziemlich wohlhabend war. Meine Mutter hatte beschlossen, sich sein Erbe zu erschleichen, indem sie ihn umgarnte, ihn pflegte und ihm bei den Aktiengeschäften half, indem sie die Zeitungen nach relevanten Nachrichten aus der Welt der Wirtschaft absuchte. Sie berichtete mir oft stolz, dass sie das alles nur tue, damit er ihr sein Geld vererben würde, wenn er bald sterben würde, wie sie es vorraussagte. Für mich war die kriminelle und herzlose Art meiner Mutter bereits so sehr zum Alltag geworden, dass ich mich nicht weiter darum gekümmert hatte. Sie hätte nie eingesehen, dass das was sie tat moralisch verwerflich und eine menschliche Katastrophe war.

Insgesamt erscheint es nicht allzu verwunderlich, dass der einsame, alte Mann ihre Ambitionen als echtes Interesse an seiner Person misdeutete. Sie nutzte sein Bedürfniß nach menschlicher Nähe aus, um ihn um sein Vermögen zu erleichtern.

Meine Mutter motovierte mich oft dazu einen alten Mann zu besuchen, um ebenfalls dessen Erbe zu erschleichen. Es war ein Mann, der mich liebte, wie sein eigenes Kind, da er selbst keine hatte.

„Der stirbt bald. Fahr nochmal hin, der hat keine Kinder und vielleicht vererbt er Dir sein Geld. Der hat sein ganzes Leben gespart und ist stinkreich.“, bedrängte meine Mutter mich immer wieder aggressiv. Ich war hingegen traurig, dass er sterben würde, weil er ein sehr liebenswerter und treuer Mensch war, der sich aufmerksam und rücksichtsvoll um mich gekümmert hatte. An seinem Geld hatte ich überhaupt kein Interesse, selbst, wenn es Millionen gewesen wären. Deshalb beschloss ich ihn nicht zu besuchen und sah ihn nie wieder bis er tatsächlich gestorben war. Leider. Ich erfuhr, dass er dement geworden war und andere Menschen ihn auf die selbe Weise um sein Erbe gebracht hatten, wie meine Mutter es geplant hatte. Ich habe die Welt noch weniger verstanden, als zuvor. Ein armer alter Mann, der dement geworden war und seine Frau vermisste. Anstatt ihn zu pflegen, wollten alle nur sein Geld, und haben es sich zum Schluss einfach genommen. Ich war allerdings froh, dass ich an diesem Betrug nicht teilgenommen hatte, trotz dem beständigen Drängen meiner Mutter.

Nun, als der andere alte Mann meine Mutter festgehalten hatte und versucht hatte sie zu küssen, war sie außer sich vor Wut. „Wie kann er es wagen mich einfach küssen zu wollen!“ Sie fluchte und zeterte und fühlte sich unendlich gekränkt in ihrer Würde. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich meine Mutter in einem Zustand, in dem sie verletzbar war. Es würde auch das letzte Mal sein.

Zugegeben, er hatte nur versucht sie zu küssen, und ihre Reaktion entsprach sicherlich ihrem Charakter. Jemand hatte sie entmachtet. Und Macht war alles, wovon sie lebte.

Ironischer Weise kannte ich das Gefühl missbraucht zu werden, wenn gegen den eigenen Willen körperlicher und sexueller Kontakt erzwungen wird, weil sie selbst mich in meiner Kindheit rücksichtslos und reulos missbraucht hatte, auf viel grausamere Weise, als sie es nun erlebt hatte. Trotzdem begann ich mit ihr zu sprechen, ihr halt zu geben, und sie dabei zu unterstützen eine Anzeige zu erstatten. Denn ich wusste sehr genau, wie sie sich fühlte. Und anders als sie selbst, war es mir egal, wer der andere Mensch war, der mir gegenüber saß. Selbst dem Menschen, der mich sexuell missbraucht, geschlagen, eingesperrt, beleidigt, ausgelacht und gedemütigt hatte, wollte ich helfen. Ich würde es wieder tun. Meine Mutter fand Halt und Trost und Mut in meinen Worten. Ich war für sie da, obwohl sie nie für mich da war und auch nie für mich da sein würde.

Sobald ihre ursprüngliche Macht wieder hergestellt war, setzte sie ihre Aggression gegen mich fort, so als wäre nie etwas geschehen. Jegliche Versuche mit ihr über den sexuellen Missbrauch zu sprechen, den sie selbst mir angetan hatte, wurden durch Leugnen und Geschrei erstickt. Im Gegenteil, je mehr ich darüber sprach, umso mehr versuchte sie mich zu demütigen und zum Schweigen zu bringen, erklärte mich sogar für verrückt. Das, was sie selbst in Rage versucht hatte wieder herzustellen, ihr Selbstwertgefühl, gestand sie mir nie zu. Sie behauptete noch viele Jahre später, mich niemals sexuelle missbraucht oder belästigt zu haben.

Der alte Mann jedenfalls hatte sich selbst einen Gefallen getan, ohne es zu wissen. Er wurde zwar angezeigt, aber immerhin wurde ihm nicht sein Vermögen geraubt. Er konnte so hoffentlich einen anderen Menschen finden, der ihn begleitete und pflegte.

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