19.12.2016 – Erleichterung, die italienische Frutchbarkeitskampagne und Überlegungen zum Thema Kinderwunsch

Seit mehr als zwei Jahren waren meine Fruchtbarkeitswerte enorm im Keller und wurden immer schlechter, bis mir sogar die Unfruchtbarkeit attestiert wurde. Dieser letzt Befund kam dankenswerter Weise an einem Samstag per Post, inklusive Rechnung. Was soll man dau sagen: „Herzlichen Glückwunsch, sie sind unfruchtbar. Wir haben zwar keinen Bock mit Ihnen darüber zu sprechen, aber überweisen Sie uns einfach 50 Euro.“, sinnbildlich gesprochen. Natürlich stand das nicht wirklich im Brief.

Jetzt auf einmal sind die Werte angeblich wieder normal. Der Arzt sagte, wenn man eine Schulnote vergeben würde, würde man eine 2, also ein „gut“, vergeben. Was für eine Erleichterung. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, was für eine Erleichterung.

Ich meine, natürlich kann es trotzdem nicht klappen. Natürlich kann es sein, dass die Werte irgendwann wieder schlechter sind. Manchmal denke ich: „Sie müssen die Ergebnisse vertauscht haben.“ So unmöglich kommt es mir vor, dass plötzlich alles wieder in Ordnung sein soll. Aber ich habe extra nochmal die Daten und Patientennummern abgeglichen, als ich die Probe abgegeben habe, denn es ist schon einmal in meinem Leben vorgekommen, dass Laborwerte vertauscht oder verfälscht waren und ich wegen einer Krankheit behandelt wurde, die ich gar nicht hatte, während eine andere ziemlich übel ihr Unwesen trieb und mit niemand mehr glaubte, dass ich wirklich krank war. Ja, auch das ist schon vorgekommen. Das war schon eine ziemlich absurde Zeit damals. Schließlich dauert es ziemlich lange, bis irgendwann jemand herausfindet, dass es ein Laborfehler ist. Bis dahin ist man dann entweder schon halb tot oder es ist unter viel Schmerzen von selbst geheilt.

Naja, also einen Laborfehler wird es nicht gegeben haben. Wäre zumindest eher unwahrscheinlich. Ich glaube, ich kann es einfach nicht fassen. Einige der Werte waren sogar deutlich über der Norm. Irgendwie bin ich nicht in der Lage das zu begreifen. Ich denke die ganze Zeit: „Irgendwas kann da doch nicht stimmen.“ Aber ich versuche es anzunehmen und mich zu freuen.

Es fühlt sich so an, als hätte sich der Würgegriff gelöst und ich kann endlich wieder atmen. Und vor allem wieder klar denken. Das Gefühl, dass ich Schuld bin, dass es nicht klappt mit dem Kinderwunsch, war für mich kaum auszuhalten. Ich habe mir so große Vorwürfe gemacht. Ich bin froh, dass ich trotzdem irgendwie durchgehalten habe und keine falschen Entscheidungen getroffen habe, mir sogar nen neuen Job organisiert habe in der schweren Depression und meinen alten durchgezogen, immer in der Hoffnung, dass irgendwann alles gut wird. Oft habe ich mich so gefühlt, als wenn ich nicht mehr Leben wollte, aber ich war nicht bereit aufzugeben, war ich noch nie. It ain’t over till it’s over.

Jetzt werde ich genüsslich schlafen und mich erholen. Meine Frau ist auch vollkommen erschöpft. Sie liegt dösend neben mir. Es tut mir leid, dass sie das alles mitmachen musste. So vieles gibt es, das mir noch Leid tut. Aber immerhin wissen wir nun, dass auch bei ihr alles in Ordnung ist. Ich denke, das ist viel wert.

Ob wir die Kinderwunschpraxis noch einmal brauchen werden, ist ungewiss. Ich hoffe natürlich, dass das nicht der Fall sein wird. Und ich hoffe für meine Frau und für mich, für uns, dass die Familienplanung doch noch klappt, irgendwann. Auf jeden Fall haben wir wieder Hoffnung gewonnen und etwas Entspannung für unseren Alltag und unsere Beziehung.

In der Praxis, auch bevor ich die Ergebnisse bekommen habe, war ich sehr traurig. Nicht nur wegen unserer Situation, sondern weil ich mir gewünscht habe, dass die Menschen, die mit uns im Wartezimmer sitzen irgendwann ihren Traum vom gemeinsamen Kind erfüllt bekommen. Es tat mir so leid, dass sie für das, was sie sich so sehr wünschen, so hart kämpfen müssen. Ich bewundere den Mut der Menschen, die offen dazu stehen, wenn es schwierig wird und Hilfe annehmen können. Ich finde, sie sind sehr mutig. Denn das ist alles andere als leicht, vor allem, wenn es über eine lange Zeit geht. Leider ist es außerhalb meiner Macht ihnen zu helfen. Aber vielleicht, wenn sich unser Wunsch irgendwann erfüllt, dann kann ich mit meiner neuen Kraft etwas tun, um Menschen dabei zu helfen.

Vor einigen Jahren gab es in Italien eine Aktion, bei der Frauen öffentlich darauf hingewiesen wurden, dass die Umsetzung ihres Kinderwunschs nur bis zu einem bestimmten Alter möglich ist. Während es viel Kritik hagelte und die Kampagne leider auch fragwürdige Slogans einsetzte, die zu reißerisch waren (http://ze.tt/sexistische-kampagne-italien-erinnert-frauen-daran-kinder-zu-kriegen-und-feiert-tag-der-fruchtbarkeit/), finde ich die Intention löblich. Viele Menschen landen einfach aus Unwissenheit irgendwann in Kinderwunschpraxen, oft zu spät, wenn alles eigentlich hätte einfacher sein können, hätten sie mehr darüber gewusst. Aufklärung ist, wie ich finde, eine feine Sache. Sie sollte nur richtig gemacht werden. Wer keine Kinder möchte, ist ja deshalb kein schlechter Mensch, selbst wenn manche junge Familien so tun, als wären sie durch ihre Zeugungsfähigkeit besonders tolle Menschen. Was für ein Schwachsinn …

Nur diejenigen, die eben welche möchten, sollten auch die Möglichkeit haben welche zu bekommen. Das ist aber in unserer Gesellschaft mit Arbeits- und Ausbildungsstress nicht immer ganz einfach. Meine Frau hat oft gesagt: „Ich wusste gar nicht, dass ich so wenig Zeit habe. Ich dachte immer bis 45 ist das gar kein Problem.“ Und sie ist wohl bemerkt sogar Ärztin. Selbst meine Mutter, die als Hebamme arbeitete pflegte selbige Fehlinformation zu verbreiten: „Bis 45 ist das alles gar kein Problem!“, erzählte sie uns immer wieder und trug damit auch dazu bei, dass wir den Kinderwunsch nicht rechtzeitig umsetzten.

Nach meinen persönlichen und äußerst ausführlichen Recherchen und einer Vielzahl an professionellen Beratungsgesprächen würde ich zusammenfassend sagen: Bei einer gesunden Frau und einem gesunden Mann, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie zwischen 35 und 38 innerhalb eines halben Jahres ein Kind bekommen. Angeblich liegt sie bei 80%, aber das kann ich nicht ausreichend verifizieren. Nur einige Quellen bestätigen diese Zahl, die auch oft von Ärzten genannt wird. Alles in allem ist es nicht so wie früher, wo man den Frauen ab 35 Jahren desaströseste Szenarien geschildert hat. Meiner Recherche nach stammen die Zahlen für diese alten Forschungen zum Teil aus Geburtsregistern aus dem 19. Jahrhundert und erscheinen wenig repräsentativ. Also würde ich allen Frauen ab 35 Jahren definitiv viel Mut machen, ihnen aber auch empfehlen, nicht länger zu warten, wenn sie einen ansatzweise brauchbaren Partner haben oder sich vorstellen können das alleine durch zu ziehen.

Allerdings gelten diese Zahlen natürlich nur dann, wenn beide Partner gesund sind, ihre Fruchtbarkeit dem altersgemäßen Durchschnitt halbwegs entspricht. Deshalb würde ich allen Paaren, die sich Kinder wünschen und bei denen die Frau älter als 35 Jahre ist dazu raten, die Fruchtbarkeit testen zu lassen, wenn es nach einigen Monaten nicht klappen will. Denn nur so kann man eventuell etwas nachhelfen, wenn selbiges notwendig ist und um Erfolg führen kann. Damit meine ich definitiv auch die Fruchtbarkeit des Mannes. Dort kann man zwar wenig nachhelfen, aber etwas. Und es ist die Verantwortung, die man als Mann einer Frau in diesem Alter trägt, sich der Frage der eigenen Fruchtbarkeit zu stellen, selbst wenn es schwer oder einem peinlich ist.

Generell würde ich auch jüngeren Menschen dazu raten mit solchen Tests nicht zu lange zu warten. Man sollte sie auch nicht zu schnell machen, weil die Ergebnisse beim Mann sehr schwanken können und negative Ergebnisse auch sehr deprimieren können. Trotzdem, so wie bei den Untersuchungen meiner diversen Tumore muss ich eines festhalten: Aus meiner Perspektive ist es in den meisten Fällen deutlich besser zu wissen, ob etwas nicht stimmt, anstatt etwas zu verschleppen. Nur wenn man weiß, das etwas nicht stimmt, kann man etwas tun, um die Lage zu verbessern. Da lohnt es sich meistens, sich den eigenen Ängsten zu stellen.

So, jetzt werde ich mich hinlegen und erholen.

2 Gedanken zu “19.12.2016 – Erleichterung, die italienische Frutchbarkeitskampagne und Überlegungen zum Thema Kinderwunsch

  1. sweetkoffie schreibt:

    Ich wünsche Euch alles Gute!
    Meine Freundin wartete über 20 Jahre auf Nachwuchs. Das heißt, sie hatten irgendwann mit Mitte 30 den Wunsch begraben. Mit 42 wurde sie plötzlich, einfach so, schwanger und konnte es nicht glauben. Sie bekam die Lütte mit 43 und stell dir vor: mit 44 kam noch ein kleiner Junge hinterher.
    Hier in Köln sagt man: Et kütt wie et kütt:-)

    Gefällt 1 Person

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