23.11.2016 – Die Männlichkeit, Der Anwalt und das Buch

Vorgestern war ich bei einem neuen Urologen/Andrologen. Ich wünschte dort wäre ich bereits 4 Jahre vorher angekommen. Er hat mich mehr als eine Stunde lang beraten und behandelt, freundlich und mit viel Fachwissen. Gestern erhielt ich dann einen Anruf: Meine Testosteronwerte sind zu niedrig.

Könnte das auch eine Ursache für die geringe Zeugungsfähigkeit sein? Gleich muss ich noch einmal hingehen, um Blut abnehmen zu lassen und die Werte ein zweites Mal zu prüfen.

Gestern hatte ich auch einen Termin bei einem Anwalt, der mich sehr gur beraten hat, ob eine Anzeige möglich ist. Leider verjährt das meiste 10 Jahre nach dem 18 Lebensjahr, also mit 28. Allerdings gilt dies nur für Menschen in meinem Alter (1983 geboren). Menschen, die später geboren sind, haben vielleicht länger Zeit. Der Anwalt sagte, dass es sich bei dem Zwang, mit 8 Jahren an der Brust meiner Mutter zu säugen, definitiv um sexuellen Missbrauch handelt. Ebenso sagte er ist es ein sehr häufiger Fall, dass Vorhautverengungen als Vorwand zu sexuellem Missbrauch genutzt werden, wie es mir passiert ist.

Hilfreich bei einer Anzeige ist es, wenn man sich an Details erinnern kann. Zum Beispiel in welchem Raum es stattgefunden hat und unter welchen Bedingungen. Je klarer man den Zeitraum benennen kann, um so vorteilhafter. Ich persönlich habe ein volles Geständnis meiner Mutter in einer Email. Das ist natürlich am besten. Der Anwalt prüft nun nochmal genau, ob es tatsächlich verjährt ist, aber die Chancen stehen schlecht.

Im Nachhinein wünschte ich mir, ich wäre schon früher hingegangen und hätte mich beraten lassen. Eine Beratung ist ja noch keine Anzeige. Aber ich war von meiner Mutter selbst bewusst getäuscht worden und hatte die Erfahrung gemacht, auch in den Therapien, dass mir niemand glaubt. Zuviel Rücksicht habe ich auf meine Schwestern genommen, die ich sehr liebe, die die Aufklärung des Missbrauchs aber durch ihre Unterstüzung meiner Mutter und ihrer Bagatellisierung aktiv mit verhindert haben. Das bereue ich.

Sollte eine Anzeige doch noch möglich sein, werde ich sie auf jeden Fall veranlassen. Diese Chance auf Gerechtigkeit würde ich mir nicht entgehen lassen, schon alleine, um ein Zeichen zu setzen, gegen mütterlichen Missbrauch.

Übrigens benötigt man nicht zwangsläufig für alles Beweise und muss sich, glaube ich, auch nicht davor fürchten, den Prozess zu verlieren und Kosten tragen zu müssen. Denn dies ist nur bei zivilrechtlichen Klagen der Fall. Man würde allerdings bei Missbrauch und Misshandlung eine strafrechtliche Anzeige erstatten, wodurch man im Verfahren ausschliesslich die Rolle eines Zeugen hat und man neben Beweisen auch von der eigenen Zeugenaussage gebrauch machen kann. So zumindest die ungefähre Aussage des Anwalts.

Selbstvertändlich ist eine Anzeige ein Schritt, den man wohl überlegen sollte. Ich persönlich möchte jedem dazu raten sich mindestens einmal beraten zu lassen, für 200 Euro (Der Weisse Ring zahlt die Kosten, wenn man nicht genug Geld hat). Auf keine Fall sollte man ohne eine vorherige Beratung durch einen spzialisierten Anwalt (Auch hier hat der Weisse Ring eine Listeban Adressen) Anzeige erstatten. Die Anzeige wird am besten mit dem Anwalt vorbereitet und von selbigem eingereicht.

Informiert euch, tut etwas für euch selbst und für die Menschen, die indirekt auch unter eurem Leid mitleiden müssen. Missbrauch und Misshandlungen sind Strafdelikte, nicht umsonst. Habt Mut, verlasst die passive Rolle und werdet aktiv.

Heute Nacht bin ich wieder aufgewacht, um 3 Uhr nachts, schreiend und zitternd. Nicht wegen der Anzeige, sondern wegen den Erinnerungen, die sowieso kommen, wie immer. Das Gefühl, mehr als 30 Jahre lang um mein Leben gekämpft zu haben, gegen Gewalt, Isolation und Ausgrenzung in meiner Familie … es ist ein furchtbares Gefühl. Es fühlt sich an, als wäre ich gekidnapped worden und hätte es erst nach 30 Jahren geschafft zu entkommen.

Der Anwalt sagte, dass alles besser wird, wenn ich eigene Kinder habe. Das habe ich bestätigt und ihm gesagt, dass das für mich so leider vielleicht nicht möglich sein wird. Ich bin der Gewalt zu spät entkommen, auch weil niemand mir geholfen hat.

Jeden Tag breche ich mehrmals zusammen und versuche mein Schicksal dennoch zum Positiven zu wenden. Das Buch, an dem ich schreibe, über alles was ich erlebt habe, kostet mich sehr viel Kraft. Es sind bereits 150 Seiten zusammengekommen, aber ich habe sie wieder auf 70 reduziert. Es ist ein schwieriger Prozess. Wie soll die Geschichte erzählt werden? In welchem Stil? Chronologiach oder thematisch strukturiert? Wie sortiere ich die Themen und in welcher Reihenfolge sollen sie stehen?

Es ist nicht das erste Buch, dass ich schreibe, aber keinem zuvor habe ich mich so intensiv gewidmet und keines hat mich so viel Mut gekostet. Wo mir ansonsten die Worte leicht aus den Fingern kamen, ringe ich teilweise tagelang darum, die Datei überhaupt zu öffnen. Und wenn sie offen ist, starre ich oft nur darauf und würde alles am liebsten vergessen. Am liebsten würde ich den Computer gegen die Wand werfe und durch ein Wurmlich durch die Zeit zurückreisen, mit dem Wissen, das ich jetzt habe. Dann würde ich als Kind die Polizei und das Jugendamt rufen. Dann hätte ich eine Chance, auf ein Leben.

Aber wenn ich vor m Gericht keine Gerechtigkeit mehr bekommen kann, muss ich weiter schreiben. Wenn ich es schaffen kann, dass auch nur ein Mensch dadurch vor dem selben Schicksal wie meinem bewahrt wird, dann gibt es keine andere Wahl für mich. Wenn ich genug Kraft finde, werde ich eine Anlauf- und Beratungsstelle für Menschen einrichten, die von ihren Müttern Gewalt erlebt haben. Denn si etwas gibt es, soweit ich weiss, noch nicht. Aber das schaffe ich nur, wenn ich eine eigene Familie gründen kann. Wenn nicht, wird mich die Traurigkeit alle Kraft kosten, für immer.

Es ist jetzt 8:07 Uhr. Ich fürchte mich vor dem Tag, vor den Erinnerungen, die kommen werde, im Bus, bei der Arbeit, mitten auf der Straße. Ich fürchte mich vor dem Gefühl anders zu sein und dsvor, dass mich in mitten der Masse das Gefühl der Verlassenheit überkommt. Nicht dazuzugehören – das Gefühl meiner Jugend. Ich wünschte, die Zeit würde schneller vergehen. Im Moment erscheint mir jeder Tag wie ein ganzer Monat.

Aber ich habe keine Wahl, ganz egal, wie vielr Schmerzen ich fühle: Ich darf nicht aufgeben … noch nicht …

2 Gedanken zu “23.11.2016 – Die Männlichkeit, Der Anwalt und das Buch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s