03.10.2015 – Gedanken, Fragen und eine Pizza

Hallo Papa,

Jetzt bin ich zuhause und habe ein Bad genommen. Mit meiner Freundin kann ich sehr offen über alle Gedanken und Impulse sprechen. Das hilft mir sehr, weil ich nicht alleine damit bin. Sie ist unglaublich liebevoll zu mir. Sie hat sogar gute Laune und freut sich, dass ich da bin. Wir haben zusammen Pizza selbstgemachte vorbereitet und später kommt meiner Schwester, deine Tochter, vorbei und wir essen zusammen.

Gerade habe ich ein Bad genommen und sitze jetzt auf unserer Couch im schönen Wohnzimmer. Draussen vor dem Fenster sind die grünen Blätter der Bäume am tanzen im seichten Wind. Das beruhigt sehr. Insgesamt ist es wie immer sehr ruhig hier.

Manchmal frage ich mich, wie viel kann und sollte ich hier schreiben? Ist es überhaupt gut, dass ich es tue. Dann schreibe ich manchmal tagelang nichts, verkrieche mich, kämpfe vor mich hin auf einem Weg, der mir wie eine Sackgasse erscheint. Aber ich bin noch nicht am Ende der Sackgasse angekommen, fahre geradeaus im Schritttempo und bemerke langsam, wohin die Fahrt geht. Ab und zu denke ich mir geht der Sprit aus, oder mein Auto geht kaputt. Es ächzt und quietscht, während ich so fahre und mich umschaue. Wie lange hält es noch?

Also wieviel und wie ehrlich sollte ich hier schreiben, wenn ich es schon tue?
Ich muss gestehen: Ich weiß es nicht. Ich habe absolut keine Ahnung. Aber ich weiss auch, dass ich nicht der einzige auf diesem Erdball bin, mit meinen Problemen. Aber ich weiß nicht, wieviele davon über ihre Zustände und sich selbst schreiben, mit aller Welt.

Ich habe gesehen, wie du dich umgebracht hast. Habe deinen Verlust erlebt und deinen Leichnam gesehen, wie er so aufgebart und leblos da lag, vor der Beerdigung. Kalt und ohne eine Person darin. Einfach so, fremd und anders. Du hast keine Antworten geliefert, auf unsere Fragen. Du hast dich der Sache nicht gestellt, so wie ich jetzt gerade. Du hast dich umgebracht, anstatt ehrlich zu sein. Anstatt von schlechten Gedanken und Gefühlen und deinen Ängsten zu berichten. Anstatt dir Hilfe zu suchen, egal wie aussichtslos der Kampf ist.

Wir als Familie und auch deine Freunde, konnten nicht mit dir kämpfen, so wie es meine Freunde, meine Freundin und Mama und deine beiden Töchter jetzt mit mir tun können. Wir waren von einem Tag auf den anderen ohne dich. Und bis heute kennen wir den wahren Grund nicht, weswegen du es für die „vernünftige“ Entscheidung gehalten hast, dich umzubringen. Vielleicht war es sogar ähnlich wie bei mir.

Deshalb schreibe ich und deshalb schreibe ich auch Dinge, die man eigentlich nicht schreibt. Über Tabus, solange wie es vertretbar ist. Über meine Persönlichkeit, meine Fehler, meine unangenehmen Seiten. Über alles was ich selbst so verkraften kann. Stück für Stück.

Damit alle anderen da draussen wissen, dass sie auch sprechen können. Damit ich selbst das Gefühl habe nicht völlig machtlos zu sein, in Bezug auf meine Situation und Probleme. Damit ich mich nicht verstecke, wie fast alle anderen mit meinen Problemen. Damit die die mich liebe mit mir kämpfen können. Denn das ist ihr Recht und mein Glück. Dass ich nicht alleine bin.

Dein nachdenklicher und unsicherer Sohn

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