07.08.2015 – Auf und ab

Hallo Papa,

Gestern hatte ich einen extremen Anfall. Es ging mir total schlecht. Habe gezittert, geweint und Panik bekommen. Irgendwas stimmt einfach nicht. Habe dann Beruhigungsmittel bekommen und eine der Schwestern hat sich sehr lieb mit mit unterhalten.

Mama und meine kleine Schwester waren gestern da. Du solltest sehen, wie schwer alles das für uns ist. Immerhin war Mama da und hat es geschafft halbwegs normal zu sein. Vielleicht versteht sie langsam, dass alles mein Spaß ist. Ich denke sie hat selbst sehr viel mitgemacht und alles immer abgespalten. Meine Wut auf sie wird weniger. Vielleicht war es gut, alles irgendwie nochmal aufzuarbeiten, oder es zumindest irgendwie zu thematisieren.

Morgen gehe ich nach hause zu meiner Freundin. Darauf freue ich mich sehr, hab aber auch sehr viel Angst. Ich bin dann zum ersten Mal wieder zuhause, seit meiner Krise und übernachte auch dort. Morgen wird gleichzeitig auch mein Antidepressivum erhöht. Ich finde, dass der Zeitpunkt ungünstig ist, gleichzeitig mit meiner Übernachtung. Habe es angesprochen, aber ich denke, sie möchten mich auch in ein oder zwei Wochen entlassen, deshalb soll alles etwas schneller gehen. Die Ärztin hat bisher sehr gute Arbeit gemacht und war sehr einfühlsam. Deshalb kann ich mich darauf einlassen.

Gerade geht es mir etwas besser. Vielleicht liegt es daran, dass es bewölkt ist, oder die Medikamente beginnen immer mehr zu wirken. Gestern wurde auch das Tarvor abgesetzt. Vielleicht ist dadurch auch noch einmal ein Einbruch passiert.

Jetzt habe ich das Schreiben unterbrochen, um zur Depressionsgruppe zu gehen. Das war intensiv, aber gut. Die neue Psychologin ist sehr viel besser, als die vorige, weil sie viel mehr auf die Gefühle und individuellen Probleme eingeht. Ich fühle mich verstanden und habe manchmal die Hoffnung, dass ich Hilfe bekommen kann, wenn die Menschen wissen, was wirklich mit mir los ist.

Gerade schreibt Mama, dass ich sie immer an meine Seite nehmen kann, wenn ich möchte. Das ist lieb gemeint, aber wie immer ist es übertrieben und zu nah. Es gibt für sie nur „immer“. Sie versteht nicht, dass es darum nicht geht. Als Kind hätte sie mal immet da sein sollen. Jetzt als Erwachsener und vor dem Hintergrund der Vernachlässigungen wirkt es irgendwie wie gezwungen und unpassend. Zumal ich weiss, dass es bei der kleinsten Besserung sofort wieder Situationen gibt, in denen sie nicht immer da ist, sondern mich sogar angreift oder meine Gefühle und Persönlichkeit zermalmt. Trotzdem freue ich mich, dass sie ansatzweise mehr Verständnis zeigt. Vielleicht ist das auch etwas, das zu mehr Stabilität beitragen kann. Und sowieso schreibe ich dir das hier eh nur, um es zu verarbeiten.

Naja, hoffentlich schaffe ich es, alles irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Es ist schon komisch, wie wichtig andere Menschen sein können, wenn wir in Krisen stecken. Gespräche und liebevolle Zuwendung oder die richtige Medikation können einem das Leben retten, zumindest erstmal für die unmittelbar kommende Zeit.

Auch wenn du ein Arsch warst zu mir: Ich hab dich lieb und du fehlst mir.

Eine Psychiatrie wie diese hier hätte dir geholfen. Das kann ich sicher sagen. Es war dumm von dir es nicht einmal auszuprobieren. Es war arrogant und rücksichtslos. Aber du musst auch sehr hilflos gewesen sein. Noch hilfloser als ich oder genauso hilflos.

Wir alle leiden sehr, seit du dich umgebracht hast. Es war nicht fair zu gehen, ohne uns eine Chance zu geben die zu helfen. Jetzt stehen wir vor Tatsachen. Und vermissen dich.

Dein dich liebender Sohn

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