03.08.2015 – Immernoch

Hallo Papa,

Alles ist immer noch schwer. Meine Freundin hält zu mir. Sie ist wundervoll. Aber hier in der Psychiatrie wird es immer schwerer für mich. Meine Welt reduziert sich auf drei Gänge und einen Garten. Es gibt kaum Gespräche. Nur Beschäftigungsangebote und Visiten.

Die Medikamente helfen ein kleines bisschen, aber das eigentliche Problem können sie nicht beseitigen. Es fühlt sich an, als hätte ich mein Leben veloren. Trotzdem kämpfe ich weiter. Es muss doch einen Weg geben.

Mama hat sich seit Ewigkeiten nicht gemeldet. Sie ist herzlos und egoistisch wie immer. Sie erkennt nicht an, dass mein Leben schwer ist. Sie will es nicht wahrhaben und sie will auch nichts mit Dingen zu tun haben, die nicht in ihr Weltbild passen. Für sie muss alles immer einfach sein.

Hier drin fühle ich die Einsamkeit, wie damals als Kind, als Mama und Du beide nicht für mich da wart. Keine Berührungen, keine Umarmungen, kein Mitleid. Nur Routine. Jeden Tag routine, in der ich funktionieren soll. Es gibt kaum Platz für Gefühle.

Ein ganzer Tag liegt vor mir und ich weiss hier nichts mit mir anzufangen. Aber auch draussen komme ich nicht zurecht. Mein Herz zerreist sich in Stücke. Mama interessiert das nicht. Meine Schwestern fliegen um die Welt. Meine Freunde sind im Ausland und arbeiten und arbeiten und arbeiten.

Ich vermisse meine Freundin und das Leben mit ihr. Manchmal bin ich so wütend auf euch beide. Warum habt ihr mich so sehr vernachläasigt und gehasst, dass es mein gesamtes Leben zerstört hat? Es gibt keinen Grund. Ihr habt einfach gemacht, wonach euch gerade war.

Du bist weg und ich bin daran genauso zerbrochen, wie an den Misshandlungen.

Ich hasse dich dafür. Und Mama dafür, dass sie mit mir NIE getrauert hat. In eurer Anwesenheit gab es für mich nur Einsamkeit. Selbst jetzt wo ich euch los bin, ändert sich nichts. Ihr habt erreicht, was ihr beide wolltet: Mich zu demütigen und kaputt zu machen, weil ihr die Freude und die Nähe von mir nicht ertragen konntet.

Jetzt sitze ich in der Psychiatrie und nichts wird besser. Ich fange wieder an mich an die Einsamkeit zu gewöhnen, die ihr in mich hineingeschlagen habt.

Mein Kampf um mein Leben wird wohl niemals enden. Aber noch bin ich da … Wo bist du?

Dein verzweifelter Sohn

7 Gedanken zu “03.08.2015 – Immernoch

  1. jnbender schreibt:

    Ich weiß nicht, ob das jetzt blöd ist, aber hast du schon mal versucht, außerhalb des Blogs zu schreiben? Wenn ich irgendetwas verarbeiten, abschließen, mit etwas klarkommen will (wenn das auch viel weniger gravierende Dinge sind, als bei dir), fasse ich es in eine „Geschichte“. Man kann entweder aus der emotionalen Ich-Perspektive erzählen oder aus der auf alles hinabschauende, eine Art objektive Sicht vielleicht. Man kann Dinge verändern, weglassen, hinzufügen – und vor allem kann man aus der wahren Begebenheit, auf der alles aufgebaut ist, alles machen, was man will – mir persönlich hilft das (wie gesagt bei kleineren Sachen, weshalb ich mir nicht sicher bin, ob das überhaupt theoretisch bei dir möglich wäre) beim Nachdenken, weil ich es plötzlich bin, die alles in der Hand hat, genauso wie es eigentlich immer sein sollte beim eigenen Leben. Naja, mir ist das gerade eingefallen, als ich las, dass du nicht weißt, was du mit dir anzufangen weißt… Liebe Grüße und weiterhin viel Kraft!

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    • briefabsender schreibt:

      Ja, hab ich oft probiert, aber es sind ja nicht nur die Probleme der Vergangenheit sondern die realen Umstände, die mich rezent als folge derer plagen :/ Schreibe Tagebuch und Geschichten, male Bilder und mache Musik. Ohne das würde ichs ja garnicht schaffen. Du hast Recht, dass es hilft, aber es hat auch eine Grenze. Ich hoffe halt, dass die Medikamente mir helfen und dass ich irgendwann wieder mit meiner Persönlichkeit in seichtes Fahrwasser komme.

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  2. maramarin21 schreibt:

    Es ist sehr, sehr traurig, Deinen Text zu lesen. Und unvorstellbar, was Eltern ihren Kindern antun können, die sie doch ins Leben begleiten und ihnen Schutz bieten und Liebe geben sollen. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du weiter Kraft findest und nicht aufgibst, Dich auf die Menschen besinnst, die Dich lieben, und die übermächtigen Schatten der Vergangenheit irgendwann kleiner werden und Dein Leben von Licht durchflutet werden kann.

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    • briefabsender schreibt:

      Ja, ich besinne mich auf die Menschen, die ich liebe. Ich denke, das hilft mir von allem am meisten. Zum Glück gibt es davon so viele. Ohne diese Menschen wäre ich vermutlich total Hoffnungslos. Sie sind auch der Grund, wieso ich überhaupt in die Psychiatrie gegangen bin. Ich danke dir auf jeden Fall für die lieben Wünsche und dein Mitgefühl. Das ist auch etwas, das gut tut 🙂 Lg

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      • maramarin21 schreibt:

        Ich finde es ganz stark von Dir und bewundere es, dass Du in die Psychiatrie gegangen bist. Schlimm ist nur, dass nie die in die Psychiatrie gehen, die es „eigentlich bzw. ursprünglich nötig haben“ – wenn Du verstehst, was ich meine. Deine Eltern haben keine Einsicht gehabt und Du bist der Leidtragende. Aber daran siehst Du es schon: Du bist viel stärker als sie. Und Du kannst noch viel schaffen, um Dir ein schöneres Leben zu bauen. Ich wünsche es Dir und all‘ den Menschen um Dich herum, die an Dich glauben und Dich lieben.

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  3. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) schreibt:

    Wie sehr ich deine Gedanken nachvollziehen kann.

    Es mag jetzt kann simpel und naiv daher kommen, aber: du bist gut so, wie du bist – mit all deinen Gefühlen und Gedanken.

    Falls dir die Welt mal wieder zu klein vorkommen sollte, kannst du mir irgendwann demnächst mal eine Frage beantworten:

    Welche Farbe hat dein Topf?

    https://hochsensibel1753.wordpress.com/2015/06/26/welche-farbe-hat-euer-topf/

    Ganz liebe Grüße und viel Kraft wünscht dir
    Julia

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