Lebensgeschichte: Spiegelwelten

SpiegelMit meiner Mutter zu leben, war wie in einer Parallelwelt zu existieren. Die Bedeutung und Wertigkeit von Dingen und Handlungen war in das Gegenteil verkehrt. Meine Mutter war besonders stolz auf die Verkehrungen und pflegte sie mit einer neurotischen Wehemenz.

So waren Hochzeiten, Weihnachtsfeste und Familienfeste etwas extrem Schlechtes. Meine Mutter hatte einen regelrechten Hass darauf. Auf Beerdigungen und in bedrohlichen Notfallsituationen ging sie hingegen förmlich auf. Sie empfand Spaß dabei und liebte das, was in diesem Moment für alle anderen einfach nur schrecklich war.Es war verstörend und sogar beängstigend zu sehen, wie meine Mutter eine innere Befriedigung und Glücklichkeit erlangte, wenn andere litten, und wie sie litt, wenn andere sich aufrichtig freuten. Ihre eigenen Geburtstage hatten keine Bedeutung für sie, aber trotzdem drängte sie sich einem mit extremen Geschenken und Gesängen auf, wenn man selbst Geburtstag hatte.

Sie hasste Vögel, die sie abgrundtief ekelten, und lachte mich aus, wenn ich eine Spinne nicht anfassen wollte. Sie hasste Latschen aller Art und Menschen die diese trugen. Sie hasste die Schlümpfe, Micro Maschines, Puppen und He-Man-Figuren und eigentlich alles, was normale Menschen zum Spielen hatten. Sie hasste Fernsehen. Sie hasste Computer. Sie hasste Deutsche die in Deutschland Urlaub machten. Sie hasste Boxershorts. Sie hasste Gewinner und liebte Verlierer. Sie hasste Zelten. Sie hasste Kochen und liebte Fast Food und Tiefkühlessen. Sie hasste Alkoholiker und feierte trotzdem endlose Saufgelage, an deren Ende sie völlig zugedröhnt war. Sie hasste es „Rückwärts“ zu schaun und erinnerte sich niemals an irgendetwas von alleine, dass sie anderen an Leid zugefügt hatte. Sie hasste Schrebergärten. Sie hasste gemeinsames Essen. Sie hasste mich, wenn ich sie „Mama“ nannte. Sie hasste Gewalt und schlug mich, wenn sie überfordert war. Sie hasste Rollenklischees und kleidete mich wie ein Mädchen. Sie hasste ihre Mutter. Sie hasste meinen Vater. Sie hasste die Kirche. Sie hasste Vereine und zwang mich selbst jahrelang dazu in einem zu bleiben. Sie hasste verschlossene Türen und verschloss ihre eigene jede Nacht, damit ich nicht zu ihr konnte. Sie hasste Lügen und log selbst, um sich Vorteile zu verschaffen. Sie liebte die Freiheit und zwang mich zu allem, was ich nicht wollte. Sie hasste das Militär. Sie hasste Kartenspiele. Sie hasste Hosenträger. Sie hasste glückliche Familien. Sie hasste Skifahren. Sie hasste Wanderungen. Sie hasste Salat.

Sie liebte Unmengen von Butter und fettiges Schweinefleisch. Sie liebte es sich nackt zu zeigen. Sie liebte es Menschen zu manipulieren und weihte mich schon als Kind in ihre Techniken ein. Sie liebte es hemmungslos ihre Flatulenzen rauszulassen. Sie liebte es laut zu Rülpsen. Sie liebte versaute Witze. Sie liebte Sex, von dem sie wie besessen war. Sie liebte Menschen, die schlecht zu mir waren. Sie liebte sich selbst. Sie liebte ihren Vater, der ihre Mutter betrog und nie Zeit für sie hatte.

Zwischen all diesen Irrungen und Wirrungen aus Hass, Liebe und niemals endenden Widersprüchen, wuchs ich auf. Mir blieb nichts übrig, als meinen eigenen Weg zu finden, denn es stellte sich heraus, dass das Wertemodell meiner Mutter, welches sie uns Kindern ununterbrochen aufzuzwängen versuchte, in der Realität nicht funktionierte. Es machte einen krank und es entsprang ihrer Krankheit. Ich blieb gefangen zwischen den Welten meiner Mutter, in denen sie selbst sich für mich scheinbar orientierungslos hin und herbewegte, ohne ein konretes Ziel zu verfolgen. Es ging vielmehr darum, durch die Gegenpositionen und Widersprüche ihre Wut nach Außen zu tragen und das Gefühl von sozialer Isolation zu kompensieren, das ironischer Weise ein Resultat eben jenes Bewältigungsversuchs zu sein schien. Als Kind verstand ich die extremen Meinungen, die Anfeindungen, die Agression nicht, die von meiner Mutter ausgingen. Erst als Erwachsener wurde mir klar, dass es bei dem Verhalten meiner Mutter nicht um den Inhalt ging. Meine Mutter tat etwas, dass ich selbst als perfide bezeichnen würde: Sie nutzte ihre eigene emotionale Abspaltung dazu, andere Menschen gezielt zu verwirren. Ihre Meinungen basierten nicht auf Erfahrunswerten oder Gefühlen, sondern dienten einem Zweck. Sie wähte ihre Worte und Positionen so, dass sie andere Menschen damit verletzen konnte, Aufmerksamkeit erhalten, um sie an sich zu binden oder sich Macht und Befriedigung zu verschaffen. Ich selbst war mitten drin, in diesem exzessiven Gemetzel an extremen Pseudoideologien. Mich zum eigenen Schutz und für den Schutz der Menschen, die mit mir zusammen lebten, von meiner Mutter zu distanzieren, war die einzige Lösung, die es gab. Denn meine Mutter reagierte nicht auf meinen Wunsch nach friedlicher Normalität.

Ein Gedanke zu “Lebensgeschichte: Spiegelwelten

  1. jnbender schreibt:

    Traurig…
    „Mir blieb nichts anderes übrig, als meinen eigenen Weg zu finden“ – auch wenn das in deinem Fall einen viel zu extremen Grund hat: das ist doch genau das, was einen Menschen letztendlich zu dem macht, was ER selbst will. Ihr extremes Anderssein hat dich letzten Endes zur Distanzierung gezwungen, was (meiner Meinung nach) absolut nötig war, oder? Lg 🙂

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