Lebensgeschichte: Ein Brief an mich selbst

Hallo kleiner Martin,IMAG0685

Heute schreibe ich dir, weil es an der Zeit ist, mich an dich zu wenden. Ich weiß, ich habe dich enttäuscht, so wie die anderen Erwachsenen, die um dich waren. Natürlich habe ich mich bemüht, alles richtig zu machen, so wie du es gerne gewollt hättest. Du wusstest schon sehr genau, was gut für dich ist und was nicht. Eigentlich war es auch das, was jeder hätte wissen können, dass Du Liebe und Fürsorge brauchtest und Menschen mit einem offenen Ohr und offenen Herzen für die Fragen und kleinen Sorgen, die Du als junger Mensch hattest.

IMAG0702 Wenn ich mir heute deine Fotos ansehe, erinnere ich mich an dich. Du hattest oft dieses Gefühl von Fröhlickeit in dir, aber um dich herum gab es dafür viel zu wenig Platz. Dein Lachen erinnert mich an Zeiten voller Hoffnung und Unbeschwertheit. Selbst wenn deine Welt sehr früh von uns Erwachsenen angegriffen wurde und wir versucht haben dich aus deinem natürlichen Gefühl als Kind herauszulösen, hast Du deinen sorglosen Kern für eine ganze Weile wohl behütet. Du wusstest damals schon, dass nur daraus ein kräftiger, gesunder Mensch werden konnte. Eigentlich wäre das unsere Aufgabe gewesen. Du hättest lieber weiter spielen sollen und die Welt erkunden, während wir Erwachsene auf dich aufgepasst hätten. Es tut mir leid, dass ich alles erst so spät verstanden habe. Viel früher hätte ich begreifen müssen, was Du als gesundes Kind ganz instinktiv gesoürt hast.

IMAG0705Oft bist du so hilflos gewesen, obwohl Du so stark warst, in dir. Wie sehr haben dich die ersten Schläge getroffen und die Wut von deiner Mutter und deinem Vater. Es ist als ob ich es fühlen kann. Ja, wir beide erinnern uns nicht, wann es begann. Vielleicht schon bevor du ein Jahr alt wurdest. Du warst überrascht von der Kälte deiner Eltern, von dem Widerspruch und dem Wechsel der Gefühle, wenn sie dich umsorgten und gleichzeitig so viel Distanz in ihrer Nähe verborgen war. Ja, Du hast Recht, dass du ein Recht auf Liebe hattest. Als Kind kontest du die wütenden Grimassen deiner Eltern oft nicht verstehen, wenn sie dich wegen Dingen anschrien und ihren Zorn entluden, den Du noch gar nicht verstehen konntest. Am Anfang hattest Du dieses fragende Gesicht und die Erwartung, dass es vorüber gehen würde. Aber je älter Du wurdest, desto mehr hat sich dieses Fragezeichen in ein Ausrufezeichen verwandelt, ein viel zu großes. Du hast IMAG0706angefangen dich zu wehren, aber das hat alles nur noch viel schlimmer gemacht. Ich habe dich im Stich gelassen. Ich wäre kräftig genug gewesen. Und wortgewand genug. Aber ich war nicht da. Es war dein kleiner Körper, der dich daran hinderte deine Grenzen aufrecht zu erhalten und dein kindlicher Verstand, der nicht ausreichte, um gegen die Macht deiner Eltern erfolgreich aufzubegehren. Ich war schon weit voraus geeilt und dachte es würde ausreichen auf dich zu warten. Das war ein Fehler und deine Enttäuschung darüber kannich verstehen. Du hast dich immer an diese eine Hoffnung geklammert, dass Du mich irgendwann erreichen und Sicherheit sein würdest. Aber auch ich habe dich so bitter enttäuscht, vielleicht, weil es mir genauso erging wie dir. Ich habe dann so getan, als würde ich dich beschützen können, als würde ich dir zeigen können wie die Welt funktioniert und dich an sie heranführen, so langsam und behutsam wie du es brauchtest, nach allem was du erlebt hattest. Doch in Wirklichkeit war ich auch nur ein verlorenes Kind, dass nicht aufhören konnte daran zu glauben, dass es eines Tages gerettet werden IMAG0701würde.

Tagsüber hast Du so schwer gekämpft, um die Liebe und Aufmerksamkeit deiner Eltern zu gewinnen und gleichzeitig dein kindgerechtes Leben zu leben. Nie wolltest Du Dinge tun, die Du nicht wolltest. Wenn ich sehe, wie Du von uns Erwachsenen trotzdem dazu gezwunge wurdest, dann zehrt es auch an meiner eigenen Kraft. Nachts hast Du dann über so entsetzlich viele Jahre die schlimmsten Schmerzen erfahren, die ich mir vorstellen kann. Wenn ich manchmal fühle, was Du gefühlt hast, dann spüre ich die Dunkelheit, die Einsamkeit, die Ausweglosigkeit und die Verzweiflung, die niemals abgebaut und immer nur aufgebaut wurde. Ich sehe deine Mutter, wie sie zornig vor Dir steht, so viel größer und stärker als Du selbst, und dich anschreit. Ich sehe Deine hilflosen Augen und ich weiß, dass Du es nicht verstehen kannst. Du hast so eine andere Reaktion erwartet. Mit der Zeit hast Du aufgehört Liebe zu erwarten und es ging Dir nur noch darum nicht mehr leiden zu müssen. Die Einsamkeit hat sich jede Nacht in Dich gebohrt wie ein brennendes Schwert. Sie hat Dich von innen ausgehöhlt. Ja, ich weiß, dass Du nicht übertreibst. Ich war dabei. Du warst kein Kind, das ängstlich war, selbst wenn es alle so erzählen. Die Angst wurde dir beigebracht. Sie wurde dir antrainiert. Dass wir Erwachsene Dir die Schuld für deine Angst gegeben haben und vieles immer noch tun, wirkt für mich ebenso absurd, wie es für Dich wirken muss. Wir beide wissen, dass Du mehr als nur ein paar kleine Schläge bekommen und mehr als nur einige Nächte alleine geschlafen hast. Der Marathon deiner Qualen hat nie ein Ende gefunden. Erst dadurch, dass Du alles, auch dein Leben, aufgeben hast, konntest Du dich befreien.

Als ich mit 17 Jahren davon erfuhr, dass du im Kindergarten diese schrecklichen Dinge erlebt hattest, habe ich zu lange gebraucht um die Bedeutung für dein Leben und deine Entwicklung selbst fühlen zu können. Seit diesem Zeitpunkt dachtest Du, dass deine Liebe anderen Menschen nur weh tun könne und dass du nie ein Mädchen küssen könntest. Du warst so verletzt und so verstört, von dem, was Du erlebt hattest. Obwohl dich so viele Menschen mochten, hast Du Dich immer mehr zurück gezogen. Deine Eltern hatten keine Verbindung zu Dir, denn Du konntest ihnen schon lange nicht vertrauen und der Missbrauch, dem Du Zuhause ausgesetzt warst, begann fast zur selben Zeit.

IMAG0689Ja, ich hätte Dir helfen müssen. Es ist mir bis heute kaum nachvollziehbar, wie Niemand etwas merken konnte. Vielleicht lag es daran, weil deine Eltern Dir verboten haben Dich auffällig zu benehmen. Um genau zu sein, haben sie Dich dafür hart bestraft. Selbst der Therapeut, bei dem Du als Kind über so viele Jahre warst, hat nie bemerkt, dass Du kaputt gehst, dass es auch Deine Eltern sind, die psychisch schwer krank sind.

IMAG0687Später wird alles das eintreffen, wovor Du dich gefürchtet hast, als Du klein warst. Fast so, als hättest Du es schon gespürt. Deine Eltern werden Dich beide verlassen und Du wirst dabei keine Rolle spielen. Und Du wirst dich vor deiner Mutter fürchten, selbst noch als Mann. Vielleicht auch wegen all der Dinge, die Du erlebt hast, wirst Du viel zu lange einsam sein, bis Du 27 Jahre alt bist. Und dann wirst Du feststellen, dass es ganz natürlich ist zu lieben. Ganz anders, als deine Eltern, hassen Dich andere Menschen nicht für deine Zuneigung und erdrücken Dich nicht mit ihrer. Du wirst bemerken, dass alles was deine Eltern Dir über die Liebe beibringen wollte, nicht stimmt. Du wirst bemerken, dass sie ganz anders und viel gnädiger ist, als sie dir vorgelebt wurde. Sie fühlt sich genau so an, wie Du sie Dir von anfang an vorgestellt hast.

An den Wunden deiner Kindheit wirst Du irgendwann sterben, das muss ich Dir diesmal leider mittelen. Vielleicht kann ich so etwas wieder gut machen, was ich vorher verpasst habe. Ja, das ist hart, aber Du weißt es doch ohnehin schon, tief in deinem Inneren. Die Schläge, die Einsamkeit und der Missbrauch werden Narben hinterlassen, die immer wieder aufbrechen und sich irgendwann entzünden werden. Du wirst den Preis für die Befriedigung deiner Eltern bezahlen. Dein Vater kauft sich seinen Tod und seine Stärke mit dem einen Teil deiner Seele zurück, während deine Mutter ihre eigene Entwicklung an dir nachholen wird und dabei den anderen Teil deiner Seele für verbraucht, und für das Aufrechterhalten der Illusionen ihrer eigenen Kindheit. Du wirst stellvertretend für sie bezahlen. Und deine Freunde und die Menschen, die dich lieben. Ja, Du hast auch diesmal Recht: Es erscheint nicht fair. Aber glaub mir, ich habe alles was ich konnte versucht, um deine Eltern zur Einsicht zu bewegen, um sie zur Vernunft zu bringen. Sie werden nie in der Lage sein, dich so anzunehmen, wie Du bist. Sie werden Deine Bitten und deine Gefühle nie in Betracht ziehen.

Wenn Du magst, denk an mich. Spätet werden wir uns treffen und Du wirst mir von damals erzählen. Ich werde Dir zuhören und wir werden zusammen versuchen zu retten was zu retten ist.

Ich sende Umarmungen und ein symbolisches Licht, für die vielen Nächte der Einsamkeit.

Bis bald und in Liebe

Dein Erwachsenes Ich

3 Gedanken zu “Lebensgeschichte: Ein Brief an mich selbst

  1. jnbender schreibt:

    Angenommen dein junges Ich könnte das lesen, angenommen es gäbe eine Möglichkeit der zeitgespaltenen Verbindung im Sinne von Kommunikation, denkst du wirklich, er wäre enttäuscht? Ich glaube das nämlich nicht! Denn du kämpfst, Tag für Tag, du liebst, du WIRST geliebt, du hast nicht aufgegeben. Und das ist es wohl, was ein Kind mitunter am wenigsten versteht: warum man aufgibt. Dieser kleine Junge hat Wunden und du trägst die Narben noch heute, aber um die ein für allemal zu verschließen, musst du all das loslassen, die Trauer dieses zerstörten Jungens, all das was „schiefgelaufen“ ist, all das was du nicht ändern konntest und immer noch nicht kannst. Wenn hinter dir der Teufel steht, mit dem kleinen Martin an seiner Hand, und vor dir steht ein Engel – wohin setzt du deinen Schritt? Den ersten, den letzten? Du bist jetzt stark genug, dir dein Leben nicht vom Schmerz nehmen zu lassen. DA wäre dein junges Ich stolz, oder?

    Gefällt 2 Personen

    • briefabsender schreibt:

      Ja, auf jeden Fall gute Aspekte 🙂 Ich denke, dass ich selbst oft das Gefühl habe, ich hätte mir selbst helfen müssen, was aber natürlich genau nicht so war. Ich will damit ausdrücken, dass ich mich oft ärgere, dass ich als Kind nicht in Worte fassen konnte, was ich heute formulieren kann. Und ich will dem Teil in mir, der die Einsamkeit in mir immer noch nachfühlt Kontakt anbieten. Viel zu spät, weil ich es vorher nie konnte, aber immerhin. Dass ich jetzt allea gebe, um ein notwendiges Minimum an seelischer Gesundung zu erwirken, ergibt sich ja schon aus der Tatsache, dass ich überhaupt schreibe, finde ich. Und ja, es hat sich auch einiges zum Positiven gewendet. Das ist der Unterschied, zwischen damals und heute.

      Gefällt 1 Person

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