Lebensgeschichte: Der Kirchturm der Erlösung

Wenn ich nachts schlief und Albträume hatte, kam es n  icht selten vor, dass sich diese immer wiederholten. Schon als ich sehr klein war, vielleicht im Alter von vier Jahren, begannen die Träume in denen ich starb.

wpid-20121106_091437Es gab derer drei, und es war wie die Gameshow mit dem „Zonk“, die ich nicht oft gesehen habe, aber deren Prinzip sehr ähnlich war: Es gab drei Tore und die Kandidaten standen vor einem davon, dass sie sich aussuchten, um den dahinter verborgenen Gewinn zu erhalten. Sie wussten nicht was sie bekamen und die Spannung blieb bis zuletzt, wenn das Tor vor ihnen sich öffnete.

Hinter meinen Toren verbargen sich folgende drei Gewinne: Die Treppe, der Kirchturm oder die Klippe.

Die Treppe war die erste, die sich in meine Traumwelt einschlich. Ich stürtzte in Zeitlupe die hölzerne Treppe hinunter, die in unserer Dachgeschosswohnung befestigt war. Ich wachte in dem Moment auf, in dem mein Kopf auf eine der unteren Stufen aufschlug, um mir mein Genick zu brechen. Am Anfang war ich erschrocken und erwachte mit dem Gefühl, dass ich dem Tod zum Glück entronnen war. Je schlechter es mir in den Nächten und darauf DSCF1304folgenden Tagen und Jahren jedoch ging, desto öfter wiederholte sich die Treppe. Eines Tages, hatte ich verstanden, dass ich aufwachen würde. Und das Gefühl, zu stürzen und zu sterben, wandelte sich. Es wurde zu einem Gefühl der Befreieung. Die Chance im Traum zu sterben und meinem Alltag zu entkommen, war verlockend und sie fühlte sich an wie die große Genugtuung. Die Treppe war der einzige logische Ausweg, aus meinem kindlichen Erleben.

Nach der Treppe kam der Kirchturm, auf den ich aus größter Höhe stürzte und dessen Spitze mich auf dem Bauch aufspießte. Kurz bevor dies geschach wachte ich auf, aber es wurde sehr schnell so, wie bei der Treppe. Je mehr mich mein Alltag quälte, umso mehr genoß ich den Flug und mit der Zeit bereute ich es sogar, dass ich aufwachte, kurz bevor ich starb. Der zunächst erschreckend bedrohliche Kirchturm und seine spitze Spitze wurden, schneller als mir lieb war, zu einem willkommenen Ausweg.

3048_2013072245_p1010954Die Klippe kam als letztes und war seltener als die anderen Todesträume. Ich stürzte einfach nur hinab und flog, aber ich erinnere mich nicht an ein Ende. Die Klippe brachte mir selbst am wenigsten und fühlte sich niemals gut an. Vielleicht, weil es keine direkte Bedrohung, außer den Sturz an sich gab. Das Bild meines Todes war nicht gezeichnet und ich erwachte aus dem Sturz heraus.

So träumte ich diese Träume des Sterbens irgendwann schon fast bewusst. Als Kind kannte ich den Ausweg des Selbstmordes noch nicht. Es waren Träume des vom Schicksal herbeigeführten Todes, die mir das Gefühl von Erlösung gaben. Und je länger ich gezwungen war ohne verlässliche Liebe zu existieren, desto dankbarer war ich für die Erleichterung, die sie mir brachten.

3 Gedanken zu “Lebensgeschichte: Der Kirchturm der Erlösung

    • briefabsender schreibt:

      Hallo Cida,

      Freue mich, wenn dus teilst. Dafür schreibe ich es ja unter anderem, damit andere, die das auch kennen es nutzen können und auch gerne teilen. Letztendlich ist es gut, wenn die Menschen mehr über die Dinge wissen und verstehen oder sich einfach nicht alleine damit fühlen. Viele Lg

      Gefällt 1 Person

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