Lebensgeschichte: Das Pausenbrotdilemma

„Warum ißt du dein Pausenbrot nicht?“, fragte mich meine Mutter fast täglich. In der Schule hungerte ich den ganzen Tag, während die anderen in den Pausen ihre zerebrale Funktionalität durch die Zuführung von Nahrung wieder herstellten. Ich kam ohne aus. Wegen der nächtlichen Vernachlässigung konnte ich zwar nicht schlafen und war total übermüdet und der Nahrungsmangel tat sein übriges, um mich zu zermürben. Dennoch habe ich es irgendwie geschafft die endlos langweiligen Schulstunden zu überleben.

Standardmodell_mit_Butter,_Wurst_und_zwei_Scheiben_BrotWarum aß ich meine Pausenbrote nicht? Bei Kenntnis meiner Vorbelastung wird es schnell verständlich, wenn ich erwähne, dass meine Mutter mir täglich meine Brote schmierte und dabei nackt war. „Mama, kannst du dir etwas anziehen, wenn du in der Küche bist?“, fragte ich sie mehrmals. „Nackt zu sein ist etwas Tolles! Und ich nackt sein, wann immer ich es möchte! Du hast ein Problem!“, erwiderte sie mir, kratzte sich mit der Hand am Hintern und griff danach zum Messer, um Butter auf mein Brot zu schmieren. „Bitte nicht so viel Butter, das mag ich nicht“, fügte ich todesmutig hinzu. Ich hasste die unverhältnismäßig fette Schicht Butter, die sie jedes Mal aufstrich. „Butter ist etwas Tolles! Butter kann man gar nicht genug auf dem Brot haben. Ich könnte eine ganze Butter einfach so essen.“, beantwortete sie mir meine schon fast flehende Frage.

Diese selben Sätze sagt sie übrigens noch heute. Dabei schwillt ihre Brust an, als wäre sie die erste Frau auf dem Mond, und ihr Gesicht überzieht ein wahnhaftes, Zähne fletschendes Grinsen.

Natürlich wusste ich, dass sie auch morgens Sex mit meinem Vater hatte, oft genug wurde ich ja mit Details zum Sexleben belästigt. Ich wusste auch, sie war kein Freund des übermäßigen Händewaschens, für welches sie mich oft so fertig machte. Das Kratzen am Hintern erschien mir also nur wie die Spitze eines Eisbergs an mikrobieller Kontamination. Ich war mir sicher, und bin es bis heute, dass sie sich zuvor manchmal noch ganz woanders gekratzt hatte.

Hinzu kam der körperliche und psychologische, sexuelle Missbrauch durch meine Mutter, sodass das Pausenbrot eine kaum zu übertreffende Widerlichkeit entwickelte.

Meine Mutter setzt sich durch und blieb nackt, wenn sie mir mein Pausenbrot schmierte, entgegen ihrer heutigen Darstellungen. Sie kratzte sich weiter am Hintern und wusch sich nur die Hände, wenn sie dazu gerade Lust hatte. Ich blieb hungrig, jeden Tag, und brachte die mit massenhaft Butter beschmierten Brote originalverpackt wieder mit nach Hause. Es war mir genau genommen sogar eklig, sie in meinem Rucksack aufzubewahren. Die erstaunlicherweise trotz meiner zutiefst ehrlichen Antworten und Bitten immer wiederkehrenden Fragen und Vorwürfe, warum ich meine Pausenbrote nicht aß, ignorierte ich irgendwann im Zuge einsetzender Resignation.

Die Cafeteria der Oberschule sollte eine späte Rettung sein. Endlich konnte ich auf dem Ernährungsniveau der Mitschüler am Unterricht teilnehmen – oder ihm zumindest im Vollbesitz meiner kognitiven Kräfte beiwohnen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s