Lebensgeschichte: Die Trennung und der Selbstmord

Es gab wenige Dinge, mit denen ich als Kind nicht gerechnet hatte. Ich betete jeden Abend dafür, dass meinen Eltern und uns Kindern nichts passieren würde, dass wir nicht getrennt werden würden. In neurotischen Gebeten versuchte ich der Angst der Verlusts entgegen zu wirken, den ich als Kind unaufhaltbar stark spührte, trotzdem oder gerade weil meine Eltern für mich nie richtig da waren, mir gefühllos und kalt erschienen. Zwei Sachen allerdings hatte ich in all meinen Gebeten vergessen: Dass sich jemand selbst unbringen könnte und dass meine Eltern sich trennen würden. Beides sollte passieren …

Meine Eltern stritten sich über den Verlauf einiger Jahre immer häufiger und meine Mutter begann meinen Vater zu hassen. Sie warf ihm vor, sie einzuengen, obwohl er eigentlich nicht viel von ihr verlangte, wie ich fand. Er wurde immer depressiver und meine Mutter schien ihn auch dafür immer mehr zu verachten, so wie sie es später auch bei mir tat. Depressive Menschen schien meine Mutter regelrecht anzugreifen, so als wären sie ihr schlimmster Feind, der sie bedrohte. Vielleicht, weil sie selbst ihre Traurigkeit bis ins letzte Hinterstübchen ihres eigenen Gehirns vedrängt hatte.

Mein Vater setzt sich nicht mit seinen Problemen auseinander und meine Mutter verabschiedete sich langsam vom Familienleben. Sie schrieb sich in einem Fitnessstudio ein und erlebte einen wahren Fitnesswahn. Wie alles bei meiner Mutter, so war auch diese Phase mehr als extrem. Sie strotze vor Stolz und neuer Kraft, von der sie schon immer deutlich zu viel hatte und die nur ein Zeichen ihrer verletzten Seele waren. Nach einigen Monaten lebte sie eigentlich im Fitnesscenter und war nur noch mit den Menschen dort beschäftigt, den sie half, sie verehrte, zu beeindrucken versuchte und sie abgöttisch liebte. Sie steigerte sich wie immer in etwas hinein, bis zum absoluten Exzess. Wir Kinder und mein Vater spielten immer weniger eine Rolle in ihrem Leben. Sie liebte es „aktiv“ zu sein. Nach all den Jahren mit meiner Mutter wusste ich, dass sie die Familie eher als Pflicht erlebte und die anderen Menschen ihr in Wirklichkeit wesentlich wichtiger waren, auch wenn sie sich stets bemühte einen erfolglos dazu zu zwingen es genau andersherum zu interpretieren. Ähnlich wie in Billy dem Heimkind, fand sie nun in Ugur, dem durch seine Spielsucht bankrotten Fitnesstrainer ein Fürsorge und Bezugsobjekt, während ich mit meinen Problemen kein Joule ihrer Energie würdig war. All die liebevolle Zuwendung, die Ugur erfuhr, wurde mir sicherlich niemals zu teil. Ugur wurde zum Mittelpunkt ihres Handelns und sie beschloss, ihm 20.000 Euro zu leihen. Mein Vater, der bis dahin alles irgendwie ertragen hatte, verbot dies, denn er wusste genauso wie ich, dass Ugur einfach nur neue Spielschulden machen würde und das Geld niemals wiederkommen würde. Es kam zu tagelangem Streit und mein Vater konnte den Wahnsinn zum Glück abwenden. Die Ugurphase hielt noch eine Weile an, ebbte dann aber langsam ab und wurde durch andere ersetzt.

Meine Mutter klagte immer mehr, dass sie angeblich nicht frei sei und mein Vater wurde immer verzweifelter umd trauriger. Als Kind war ich machtlos, denn der wahnhafte Zustand meiner Mutter nahm ein Ausmaß an, das selbst für mich neu war. Ich erlebte sie als wütend, hasserfüllt, egoistisch, rachsüchtig, herrschsüchtig, größenwahnsinnig und überdreht. Sie selbst erlebte sich immer noch als fürsorglich und liebevoll. In Wirklichkeit wollte sie die Familie scheinbar endlich hinter sich lassen, die ihr so sehr ihre Freiheit zu rauben schien.

Während meine Mutter damit beschäftigt war meinem Vater klarzumachen, dass er belastend, unfähig und als Mann ihrer nicht gerecht war, steigerte sich die Depression meines Vaters weiter. Eines Tages verkündte meine Mutter, dass sie nun in der oberen Wohnung leben würde, da sie eine Frau kennengelernt habe und nicht mehr mit meinem Vater zusammen sein wolle und könne. Ich verstand noch nicht genau, was es bedeuten sollte. Ich war ungefähr 13 Jahre alt. Noch bevor ich es begreifen konnte oder irgendwelche Fragen stellen, war sie auch schon verschwunden.

Sie kam gelegentlich einfach in die Wohnung zurück, denn nach ihrer eigenen Doktrin war es uns verboten die Tür abzuschließen. Wir waren sozusagen noch für sie erreichbar, sie für uns aber nurnoch, wenn sie halt bei sich in der Wohnung zuhause war. Für sie schien es ein einziges lustiges Spiel zu sein. Oft sagte sie später, sie wäre doch immer für uns da gewesen. Aber wie immer war sie nicht da, sondern lente die Welt nach ihren Bedürfnissen. Sie hatte Spaß.

Mein Vater war weiterhin der miese Typ, der nichts richtig machen konnte und an allem Schuld war. Sie liebte ihn sicher nicht mehr, wenn sie es jemals aufrichtig getan hatte. Mein Vater weinte bald täglich in der Küche und bemühte sich, die Ehe zu retten, bis er feststellte, dass es unmöglich war. Meine Mutter war schon lange unereichbar im „Ich-Modus“ verschwunden.

Meine Schwestern und ich blieben mit meinem schwer depressiven Vater alleine zurück, während meine Mutter mit ihrer lesbischen Freundin die vermutlich freiste und schönste Zeit ihres Lebens verbrachte. Beide Schwestern gingen meine Mutter ab und zu besuchen. Ich selbst konnte dies nie, denn sie hatte mich ohnehin so oft misshandelt und für ihre Zwecke missbraucht. Mein Vater war zwar ebenfalls nicht lieb zu mir, aber er ging in der Zeit ab und zu mit mir Golf spielen und sprach ab und zu mit mir. Er tat mir auch leid, weil er von meiner Mutter immer nur beschimpft und auch vor uns Kindern schlecht gemacht wurde. Der Hund der Freundin meiner Mutter lief oft durch den Gartenzugang in unsere Wohnung. Einmal machte er sein Geschäft im Bett meines Vater, also im alten Ehebett meiner Eltern. Das war schon ziemlich hart. Meiner Mutter fiel sowas nicht einmal auf. Sie kümmerte es nicht, was mit meinem Vater oder mir war.

Meine Eltern gingen irgendwann gemeinsam zur Mediation. Genau genommen nur ein einziges Mal. Meiner Mutter zufolge waren die Mediatoren überfordert. Mein Vater bat darum, dass die Freundin meiner Mutter nicht mehr ins Haus kam, was ich als eine dezente Bitte empfinde, im Verhältnis zu dem Maß an Agressivität, mit dem meine Mutter ihre neue „Freiheit“ lebte.

Die immer häufigeren Geschenke meiner Mutter konnte ich nicht mehr annehmen, da sie nur eine Kompensation für ihre Abwesenheit waren und eher ihr nützten als mir. Genau genommen beschenkte sie sich also selbst. Auch Geschenke ihrer Freundin nahm ich nicht gerne an. Für meine Mutter war das alles natüich absolut unverständlich. Bis heute nehme ich meine Geschenke von ihr an.

Mein Vater machte einen tollen Ausflug mit uns, nach Dänemark. Obwohl es mit seiner Traurigkeit anders war, gab er sich unendlich viel mühe und war erstaunlich lieb zu uns Kindern. Wir machten Dünenspaziergänge und schliefen zusammen in einem sehr schönen Appartment. Ohne meine Mutter war viel Frieden eingekehrt und ich beachtete sogar seine Tischregeln, was ihn sichtlich verwunderte. Ich wollte damit zugleich die Mädchen am Nachbartisch beeindrucken. Ich wusste ja nicht, dass das Einhalten von Tischregeln dazu wenig taugte. Seit meine Mutter mich und meine Beziehungen zu anderen Menschen nicht mehr vereinnahmte, konnte ich mir erstmals in meinem Leben vorstellen, dass ich ein Mädchen ansprechen könnte und eine Freundin finden. Es war wie ein Traum für mich. Ich begann mich selbst zu fühlen und so etwas wie Selbstbewusstsein aufzubaun. Es war so, als wäre ich frei von der Besetzung meiner Welt durch meine Mutter.

Mein Vater baute zunehmen ab und suchte bald immer mehr Kontakt zu uns Kindern. Wir waren 14, 11 und 7 Jahre alt. Genau erinnere ich mich, wie er oft zu uns kam und mit uns Fern sehen wollte. Er trug seinen Bademantel und legte sich zu uns aufs Bett. Wir Kinder waren irritiert, weil er so etwas fast nie tat. Wir distanzierten uns von ihm, weil wir überfordert waren und nicht wussten, was er von uns wollte. Etwas war anders und wir fühlten es. Meine Mutter war zu dieser Zeit kaum noch zu sehen und mit ihrer neuen Freundin beschäftigt. Einige Tage später kehret ich von der Schule zurück und mein Vater hatte sich in der Dachgeschosswohnung erhängt, wo ihn unsere Nachbarin zufällig fand..

Meine Mutter kam in die Familie zurück und meine Hoffnung auf eine eigene Beziehung wurde mit meinem Vater gemeinsam beerdigt. Ab diesem Zeitpunkt herrschte wieder Wut, Dominanz, Hass, Arroganz und Ignoranz. Vor allem für mich war die Rückkehr meiner Mutter der Beginn einer nicht endenden Terrorherrschaft, die ohne dem Gegenpol meines Vaters zu ihrer vollen Grausamkeit heranwuchs. Und das Ende jeglicher Chance auf eine eigene Entwicklung oder gar eine eigene Beziehung.

4 Gedanken zu “Lebensgeschichte: Die Trennung und der Selbstmord

  1. jnbender schreibt:

    Du hast deinen Vater erhängt aufgefunden? 😮 … Man sollte nicht glauben, dass einem Kind (bzw ja dreien) so viel Unglück passieren kann … All das hört sich an, als käme es direkten Weges aus einem fiktiven Drama – das ist verdammt erschreckend 🙈

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  2. briefabsender schreibt:

    Oh nein, das könnte man echt so denken. Zum Glück blieb mir wenigstens das erspart. Mein Vater hat es ziemlich „sauber“ über die Bühne gebracht. Er hat sich in der Dachgeschosswohnung erhängt und die Nachbarin hat ihn gefunden. Als ich aus der Schule kam war er dann auf jeden Fall bereits von der Polizei abgeholt worden. War trotzde ziemlich beschissen. Wenigstens hat er daran gedacht, dass wir irgendwann nach hause kommen und ihn ansonsten finden würden. Vermutlich wollte er, dass meine Mutter ihn eher findet. Sicherlich auch einfach, um sie damit nochmal zu verletzen, so wie sie ihn vorher verletzt hatte. Alles in allem kann man sagen, dass meine Mutter und mein Vater beide alles gegeben haben, um das letzte bisschen Stabilität im Leben von uns Kindern gezielt und nachhaltig zu vernichten :/

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  3. briefabsender schreibt:

    Was allerdings ziemlich krass war, war die Leichenschau dann. Also meinen Vater so aufgebart zu sehen, wie er tot im Sarg liegt. Darüber schreibe ich auch nochmal. Das ist auf jeden Fall etwas, dass ich niemandem wirklich uneingeschränkt raten würde. Dazu muss man echt mal ne Grundstabilität mitbrinen.

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