Lebensgeschichte: Mein nutzloses Ausnahmetalent und Ich

Bis zur vierten Klasse war ich ein durchschnittlicher Typ mit verborgenen Talenten, die gelegentlich und zur Überraschung vieler an die Öffentlichkeit durchbrachen. Neben meinem Talent zum Verfassen und Vortragen von Gedichten – dazu gehörten auch normale Gedichte, die nicht aus meiner Feder stammten – und meinen kreativen künstlerischen Ausbrüchen in allen Bereichen von Akrobatik bis Malerei, offenbarte sich ein wahrer Schatz meiner persönlichen Lern- und Leistungskraft. Im Grunde genommen war es der Moment, auf den alle die mich seit jeher kannten gewartet hatten, nur ich selbst nicht.

ballIch wurde zusammen mit dem Nachbarssohn Sebastian in die Basketball-AG geschickt. Der Trainer war ungefähr zwei Meter und fünf groß, also mindestens doppelt so groß wie ich und vermutlich bis zu zweihundertmal so kräftig. Er hatte lichtes Haar. Manch einer hätte gesagt er trug eine vom Sportschweiß glänzende Glatze mit dem Stolz eines Vokuhilabesitzers in den Achtzigern.

Was mir bis dahin noch nicht geläufig war, war die Tatsache, dass man beim Ballsport permanent wutentbrannt schreien musste. Und zwar in dem Maße, dass die blank polierte Glatze in einem feuerroten Farbton zu explodieren drohte, während sich Grimassen aller Art durch die aufgebrachte, fratzenartige Visage fraßen wie Termiten durch saftiges, altes Holz. Der Kopf, der sich zur Größe eines Planeten auszudehnen schien, ließ einen daran zweifeln, dass unser Sonnensystem nach Beendigung des aufgeheizten Vorgangs noch existieren würde.

Deshalb war es wenig ratsam einen Ball falsch handzuhaben oder ihn gar unkontrolliert fallen zu lassen. Einen Ball nach dem Pass nicht fest in beiden Händen zu halten war eine Garantie dafür, dass man den morgigen Tag höchst wahrscheinlich nicht mehr erleben würde.

Ich ging also nach Hause und berichtete meiner Mutter, dass Basketball nicht mein Ding sei, ich diese AG aber lieber nicht mehr aufsuchen würde. Natürlich kann man sich schon denken, was geschah, denn es geschah das, was immer geschah. Meine Wünsche und Meinungen wurden nicht erhört. „Du musst mindestens dreimal hingehen, bevor du aufhörst.“, wurde mir befohlen. Ich weigerte mich, hatte aber letztendlich keine Wahl. Der Psychoterror meiner Mutter erschien mir zu den Zeitpunkt sicherlich noch schlimmer, als wöchentlich von einem gewalttätigen Choleriker Bälle aller Art an den Kopf und in den Bauch geworfen zu bekommen.

Genau weiß ich nicht, wieso ich immer wieder zu der AG gegangen bin. Ich wollte eigentlich immer aufhören. Den Wunsch dazu habe ich oft geäußert. Meine Mutter überredete mich aber über Jahre hinweg jedes Mal dazu weiter zu machen und sogar in einen Verein einzutreten. Denn es stellte sich nach den drei erzwungenen Probestunden heraus, dass ich ein unvergleichliches Talent im Umgang mit dem Ball und dem Sport besaß, das dringend gefördert werden sollte. Ich verstand zwar nicht wozu das gut sein sollte, fügte mich aber meinem mir aufoktruierten Schicksal.

Wurde ich anfänglich wöchentlich nur zwei Stunden angeschrien, gemobbt, beworfen, beleidigt und körperlich und geistig überfordert, so ging ich einige Zeit darauf schon drei bis viermal in der Woche zum Training und wurde später in ein Elitekader gesteckt. Ich wurde zu Sichtungsspielen für die Auswahl gesendet und bemühte mich mit den älteren Kindern klarzukommen, deren Entwicklung schon weiter war und die es sichtlich genossen, mich dies bezüglich aufzuziehen, beim Duschen und Umziehen. Denn ich wurde dankenswerte Weise auf Grund meiner Fähigkeiten zu den älteren gruppiert. Unser Trainer schrie immer lauter, er war zudem der Trainer der Jugendnationalmannschaft, und sein Kopf explodierte jede Woche mehrmals. Er beschimpft uns als „Schwuchteln“, was er bis heute in seinem Training tut, und warf alle Gegenstände die man sich vorstellen kann auf uns. Immer wieder sackten Kinder zusammen, wenn sie vom Ball oder sonstigem schwer getroffen wurden, im Gesicht, im Bauch oder wo auch immer. Später wurde er von seinem Job als Trainer suspendiert und musst eine Therapie machen, die meine Einschätzung nach absolut gar nichts bewirkt hat. Irgendwann schaffte ich den Ausstieg als Jugendlicher und war froh, nie wieder zum Training gehen zu müssen! Trotzdem spielte ich über sehr viele Jahre täglich weiter, auf Freiplätzen, in einem Verein oder einfach so vor mich hin.

Meine Mitspieler nannten mich später oft „Incredible Mart“ oder „Oldschool“, auf Grund meiner Spielweise. Der Hookshot war eine Waffe, die ich beherrschte wie kaum jemand sonst in diesem Land oder vermutlich dem gesamten Globus, ohne zu übertreiben. Wenn ich zum freien Spielen ging sagten die anderen: „Ich spiele in deinem Team, dann weiß ich schon, dass ich gewinne“. Ich hatte viele Freunde. Für mich hingegen war es eine technische Sache und der Ball ersetzte mir das Fühlen eines menschlichen Gegenübers, ich konnte ihn berühren und die Grenzen meines Körpers wahrnehmen, konnte meine hochsensiblen Fingerspitzen nutzen, um der Physik des Balls mein Drehbuch zu schreiben. Die Ästhetik des Balls und des Spiels hatte mich fasziniert. Ich hatte trainiert wie ein Autist und der Ball war ein Teil meines Körpers, den ich insgesamt bis in die letzte Zelle trainierte, mental und physisch. Denn die zwischenmenschliche Ästhetik des Lebens blieb mir verwehrt und so blieb mir nur das Spiel mit dem Ball.

Noch heute bin ich in der Lage auf einem beliebigen Freiplatz ein, zwei oder drei Gegner alleine zu bezwingen. Nicht selten ohne einen einzigen Gegenpunkt zu erhalten, selbst wenn ich krank ud untrainiert bin. Was mich früher mit Spaß erfüllte, erfüllt mich heute jedoch oft mit Zorn, denn auf dieses Talent hätte ich gerne verzichtet. Ich wäre viel lieber normal gewesen und hätte meine Zeit mit absoluter Sicherheit so viel besser nutzen können. Zum Beispiel für meine eigene Entwicklung oder Dinge, die ich von mir aus einfach mochte. Denn was hat mir mein Talent gebracht? Eigentlich nur ein kaputtes Knie, die Investition von viel Zeit, eine Menge Qualen udn eine Menge Triumphe und die Gewissheit, dass Breitensport sinnvoller ist als Leistungssport.

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