Lebensgeschichte: Kreuzfahrt vermeindlicher Liebe

Als ich 16 oder 17 Jahre alt war, machte meine Mutter mit uns eine Kreuzfahrt im Mittelmeer. Obwohl ich geneinsamen Urlaub schon nicht mehr so erstrebenswert fand, wollte ich mir dieses Erlebnis nicht nehmen lassen. Man kann meiner Mutter zugute halten, dass sie diese Reise auch unternahm, um uns Kinder nach dem Tod unseres Vaters etwas Gutes zu tun. Wir fuhren zusammen auf einem Schiff, das ungefähr sieben Stockwerke hatte, also eine kleine Stadt war, für sieben Tage entlang der Küste.

MSC Musica-visore_tcm19-2939An einem Abend sollte es ein Dinner mit dem Kapitän geben. Das gehörte zum Standardprogramm für Kreuzfahrten. In einer der Schlangen, in denen die Menschen standen, erspähte meine Mutter wie üblich ein junges Mädchen, und sagt: „Wow, hat die hübsche Beine! Die tanz bestimmt. So durchtrainiert und knackig!“ Für gewöhnlich wurde mir in diesen Momenten übel, von dem Ekel ihrer Art, sich mit dem Körper von anderen Jugendlichen auseinanderzusetzen. Diesmal hatte sie trotzdem Recht. Sie sah wirklich unfassbar gut aus, so wie auch heute noch. Ich starrte sie an. Schon kurz zuvor hatte ich beschlossen, dass ich nicht länger alleine sein wollte. Es war Zeit mein Leben endlich zu beginnen. Ich nahm all meinen Mut zusammen, und sprach sie in einen passenden Moment an. Nie zuvor hatte ich so etwas gemacht. Mein Herz raste und ich sah in ihr schönes Gesicht, um das die braunen Haare wehten und aus dem mich die ruhigen braunen Augen erwartungsvoll anglitzerten. Nach einiger Zeit willigte sie ein, sich mit mir zu treffen. Ich war aufgeregt.

Wir trafen uns heimlich, auf einem Zwischendeck und ich fragte sie, ob wir zusammen etwas trinken wollten, aber es war ihr zu auffällig, denn ihre Eltern waren ziemlich Streng, wie es für die meisten portugiesischen Familien wohl üblich war. Sie war zudem zwei oder drei Jahre jünger als ich, was ich heutzutage kritisch betrachte. Dennicb wollten wir uns letztendlich kennen lernen. Wir machten also einen Ausflug aufs oberste Deck, kletterten eine Leiter hinauf und waren alleine in der Nacht, starren auf das Wasser, das uns umgab und die Gischt, die um das Boot und unsere von der Sonne am Tag aufgeheizten Gesichter erfrischte, wenn ihr feiner Nebel bis zu uns in die Höhe getrieben wurde.

Wir sprachen eine Weile und verstanden uns sehr gut, auch wenn wir beide schüchtern waren. Schon immer hatte ich mir so einen Moment gewünscht. Wir sprachen über alles mögliche und beschlossen dann, uns Briefe zu schreiben und vielleicht sogar noch einmal zu treffen. Wir vereinbarten, dass wir beim nächsten Treffen unsere Addressen austauschen würden.

100_5569In den folgenden Tagen konnte ich an nichts denken, außer an unser Treffen und wann wir uns wiedersehen würden. Zwischendurch landeten wir in der Sommerhitze in Capri an und fuhren durch die von der Sonne orange eingefärbten Gassen von Tunis. Aber es kam fast nie dazu, dass wir uns begegneten. Sie wurde stets von ihrer Familie umringt. Irgendwann, in einem günstigen Moment, sprach ich sie, während ihr Familie abgelenkt war und sie drückte mir ihren Zettel und ich ihr meinen in die Hand. Ohne weitere Worte trennten wir uns, zufrieden über den Austausch unserer Addressen.

Oft versuchte ich sie wiederzusehen, aber es gab fast keine Gelegenheiten dafür. Irgendwann reiste sie ab und ich sah hinab auf die Treppe, von der alle hinabliefen aufs Festland. Dann sahen wir uns beide und winkten uns zu, aus großer Entfernung. Plötzlich empfand ich den Schmerz des Abschieds. Ich wollte ihr doch sagen, dass ich mich in die verliebt hatte, wie ich zumindest dachte.

Die Gefühle, waren mir in dieser Intensität zuvor nicht bekannt gewesen. Ich setzte mich in einen der leeren Aufenthaltsräume an Bord und begann zu weinen. So saß ich eine Weile da, bevor ich zum Schalter lief und unter Tränen erfragte, wo sie vermutlich seien konnte. Niemand konnte es mir sagen, also lief ich von Bord, hinab in die Halle, in der die Koffer verteilt wurden. Ich fühlte, dass sie irgendwo sein musste, aber ich konnte sie nirgendwo sehen. Nach einer Weile leerte sich die Halle und ich kehrte auf das Schiff zurück. Dort weinte ich wieder und fühlte mein Herz rasen. Es verstricht viel Zeit, bis ich entschloss hinauszulaufen, wir waren in Barcelona, und sie zu suchen, oder um einfach nur zu laufen. Damit ich das Gefühl bekam, nicht durchzudrehen.

Barcelona_-_Plaça_Reial

Ich lief durch die Gassen von Barcelona, auf und ab, für Stunden. Jedesmal, wenn jemand ihr ähnlich sah, kriegte ich einen Herzinfarkt vor Hoffnung und einen Herzensschmerz der darauf folgenden Enttäuschung. Fast würde ich heute sagen, dass ich mich bald schon in einer Art Psychose befand. Nach etlichen Stunden ging ich Sonnenverbrannt und mit blasen an den Füßen zurück an Bord. Es war fast Abend geworden und ich sank erschöpft in einen Stuhl, bevor ich in die Kabine einkehrte, um mich auszuruhen.

Die Kreuzfahrt endete auch für mich und meine Familie bald. Wir fuhren zurück nach Berlin, wo ich in der Schule an nichts anderes denken konnte, als an die Portugiesin. Nach einigen Tagen schrieb ich ihr einen Brief und sendete ihr darin eine E-Mail Addresse, die ich extra zu diesem Zweck eingerichtet hatte. Es waren dies später 90er und damals waren Internet und E-Mails gerade erst dabei sich in der Gesellschaft zu etablieren. Es gab nur knarzende, ringende und ratternde Modems, die für die Übertragung kleinster Datenmengen Äonen zu brauchen schienen.

Jeden Tag saß ich aufgeregt und mit Herzrasen im Unterricht. Auch das würde ich heute als eher psychotisch beschreiben, selbst wenn es der Erwartung entsprang, irgendwann eine Nachricht zu erhalten. Nach Schulschluß raste ich nach hause und konnte keine Schritt aushalten, den ich laufen musste. Ich konnte nicht schnell genug ankommen. Am Gartentor riss ich den Briefkasten auf und brach fast zusammen, wenn nichts darin war.

Als ich schon fast aufgegeben hatte, fand ich eines Tages eine Nachricht in meinem E-Mail Postfach. Sie konnte nur von ihr sein. Unfassbar! Ich tanze vor Glück. Tagelang lief ich durch die Stadt und tanzte umher, tatsächlich, lachte, freute mich und schrieb mit ihr Nachrichten aller Art. Schon bald gestand ich ihr, mich in sie verliebt zu haben. Zu beginn verstand sie mich nicht, entwickelte aber bald selbst Gefühle und wir begannen eine Fernbeziehung, die ausschließlich darquf beruhte uns auszutauschen und uns gegenseitig bei den sich für uns beide anbahnenden Lebenskrisen zur Seite zu stehen. Es gab keine sexuelle Komponente, obwohl sie wusste, dass ich sie sehr schön und attraktiv fand.

Mit der Zeit entstand bei uns beiden der Wunsch uns wieder zu sehen, aber in mir begann eine Entwicklunh einzusetzen, die mich in meinem Alltag vor immer größere Probleme stellte. Auch ihr ging es zunehmend schlechter. Meine Nachrichten wurden immer wirrer und belastender und ihre Welt schien auch immer mehr von ihren Erlebnissen in der Familie belastet zu werden. Spätestens jetzt hatte ich eine starke Psychose entwickelt und die täglichen Nachrichten, die wir schrieben wurden zunehmend einseitiger, denn ich wurde schon bald von den Traumen meiner Kindheit heimgesucht, die erst durch die Auflösung meines Gefühls zu ihr ihren Weg in die Freiheit meiner Gedanken gefunden hatten. Plötzlich fühlte ich den Selbstmord meines Vaters und hatte die ersten Erinnerungen an den Missbrauch, in den ich im Kindergarten verstrickt gewesen war. Bald konnte ich nichts mehr in ein sinnvolles System bringen, wurde von Halluzinationsartigen Gedanken und Erinnerungen torpediert und konnte meine Beziehung zu anderen Menschen nicht mehr einschätzen. Es sollte der Beginn meiner ersten Krise sein.

Die Portugiesin schrieb weniger, denn ich begann mit ihr über andere Mädchen zu schreiben, was sie zurecht verwirrte. Ich wusste damals noch nicht, dass ich mich einfach verhielt, wie ich es in meiner Familie gelernt hatte, und das meine Liebe auch von dem Wunsch nach Freundschaft geprägt war. Kurz gesagt: Ich kannte meine Gefühle nicht, denn ich hatte sie nie zuvor gespührt und ich würde die folgenden 10 Jahre damit verbringen ihre Deutung zu erlernen.

Trotzdem sie mich dann dennocb einmal sehen wollte, brach ich den Kontakt ab, denn ich hatte Angst vor einem Wiedersehen. Ich hatte Angst davor, dass wir uns nicht Küssen oder nah sein würden und ich fühlte, dass ich die Gefühle nicht aushalten würde. Einige Zeit später hatte sie einen Freund und ich fand es nachvollziehbar und gut, dass sie ihre Liebe in der „Realität“ erlebte. Ich schrieb ihr, dass es gut so sei, und dass sie für mich in der gemeinsamen Zeit alles geworden sei, ein Liebe, eine Freundin, vielleicht sogar wie eine Schwester. Es spielte keine Rolle mehr für mich was es war. Ich mochte sie sehr, das war das wichtigste. In meinem Anfall von neurotischem Aberglauben bat ich Gott und den Teufel darum, dass sie ihren Schmerz nehmen und mir auferlegen sollten, denn ich wusste, dass sie sehr schlimme Dinge erlebt haben musste, si wie auch ich. Offensichtlich taten sie dies dann auch, wie der Verlauf meines Lebens mit bald schon zeigen würde.

Erst fünfzehn Jahre später, fand ich sie in einem sozialen Netzwerk – ja, wir sind dort miteinander befreundet und sie hat sich scheinbar sehr gefreut, dass wir uns wiedergefunden hattrn – und weiß heute, dass sie glücklich verheiratet ist. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn sie sah zufrieden aus und schien eine ganze Menge guter Freunde zu haben.

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