Lebensgeschichte: Kirschi und der Tanz des Todes

Es war in der sechsten Klasse, als wir eine Klassenfahrt in den Bayerischen Wald machten. Dort gab es vorrangig Natur und Wanderungen. Zusammen mit drei Freunden übernachteten wir in einem Zimmer, in dem zwei Hochbetten standen und ich erhielt zufriedenstellender Weise einen Schlafplatz in einem der oberen Betten.

bayerischer-waldEs gab jede Menge zu entdecken und die Stimmung war verhältnismäßig gut. Eine Kreuzspinne versteckte sich in meinem Schuh. Der Schuhraum stank nach Regen außerordentlich. Wir warfen Messer auf Bäume, wie Indianer im Film. Wir machten eine Nachtwanderung mit Taschenlampe und ich schaffte es sogar vor Angst nicht zu sterben. Eines Tages ging das Gerücht eines Bluwurstmörders umher. Irgendjemand hatte mit dem Inhalt Blutwurst Todesdrohungen an eine Tür geschmiert. Der Aufruhr war groß und die Mädchen suchten schutz bei uns Jungs, was uns gut gefiel.

Unter den Mädchen war eines aus einer anderen Schule, die mit uns zusammen Ferien machten, besonders beliebt. Wir nannten sie Kirschi, denn sie hatte kirschrotes Haar. Das war für uns neu und unglaublich interessant. Kirschi kam auch zum Diskoabend und ich war fest entschlossen sie für mich zu gewinnen. Seit tagen träumte ich schon von Kirschi und mir, wie wir Hand in Hand dem Sonnenuntergang entgegentanzten und uns unsere geheinsten Geheimnisse erzählten.

Als ich mich auf die tanzfläche wagte, kamen zwei Mitschülerinen auf mich zu und sagten mir, dass mein Tanz wirklich scheiße aussehen würde und ich überhaupt nicht tanzen konnte. Unglücklicher Weise glaubte ich ihnen in ihrem verzweifelten Versuch mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich verzog mich in eine Ecke und wollte nie wieder tanzen.

CherryKirschi kam an dem Abend mit einem anderen Jungen aus meinem Zimmer zusammen. Ich blieb allein. Die Welt schien nicht fair zu sein! Traurigkeit und Wut machten sich in mir breit und mein Freund war nicht länger mein Freund. Üner Kirschi würde ich lange nicht hinwegkommen und das Tanztrauma sollte noch weiter zehn Jahre währen.

Gut fünfzehn Jahre später fand ich heraus, dass die beiden Mädchen, die meinen Tanz beleidigten, mich beim Duschen nackt beobachtet hatten. Deshalb denke ich, dass sie einfach selbst ein Interesse an mir hatten, denn ich war durchaus sehr beliebt, trotz meine ziemlich merkwürdigen Art.

Manchmal denke ich, dass diese Situationen einen großen Einfluss auf mich hatten. Für meine Entwicklung wäre es von unfassbarem Vorteil gewesen, hätte ich eine Freundin gefunden und meinen ersten Kuss erlebt. Aber ich kannte mein Leben aus meiner Familie nur so, dass ich ruhig warten musste, bis jemand sich mir zuwendete. Ich konnte nicht selnst die Aktion ergreifen, weil meine Eltern nicht auf mich reagierten und ihr Alltag „durchorganisiert“ war, wie meine Mutter einmal schrieb. Mein Schreien erzeugte bei ihnen eher Wut als Fürsorge, das is meine Hypothese. Und auch Nachts durfte ich nie um Hilfe rufen. Ich lernte nicht auf meine Gefühle zu reagieren, sondern alleine zu bleiben, bis die Liebe und Nähe von sich aus zu mir kam. Nur, dass die Welt so nicht funktionierte. Ich hätte selbst auf Kirschi zugehen können, aber ich tat es nicht. Stattdessen wartete ich und sie kam nie auf mich zu, sondern wurde von einem anderen angesprochen, mit dem sie dann zusammen kam.

Es wäre an meinen Eltern gewesen, mir das nötige Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben. So musste ich einen anderen Weg einschlagen, der mir noch viel Leid bringen würde.

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