Lebensgeschichte: Die zweite Krise, Franz Kafka und World of Warcraft

245129da964110f9b9b97e08b3c583ccMitten in meinem Studium entstand meine zweite schwere Krise. Die unerfüllte Liebe zu einer Frau ließ mich verzweifeln. Bis dahin hatte ich nur einige flüchtige Knutschereien und eine äußerst fragwürdige Fernbeziehung gehabt, trotzdem ich schon 25 Jahre alt war und meine Sehnsucht nach Liebe und Sexualität meine Gedankenwelt erfüllte, wie die anderer Menschen in meinem Alter. Trotzdem es vielleicht sogar alles hätte funktionieren können, wäre ich etwas selbstbewusster gewesen, war mein Respekt vor der Entscheidung der Frau, die noch eine Fernbeziehung führte, der Grund dafür, mich zurückzuziehen. Ich merkte, dass sie entweder nicht an mir interessiert oder in ihren eigenen Gefühlen verstrickt war. Vielleicht war es ja gut so. Einige Zeit später kam sie mit einem anderen Mann zusammen. Sie war vermutlich einfach schon viel weiter als ich und oft wünschte ich mir ich wäre es eben auch gewesen. Denn dann hätte mit etwas Glück eine schöne Zeit für uns beide daraus entstehen können.

411417c824c7bfb054f431892aa299f5Dennoch hatte ich das Gefühl, sie zu lieben, und die Zerwürfnisse über die nicht erfüllte Liebe wurden so groß, dass ich mich vor der Intensität meiner Gefühle zu fürchten begann. Ich denke, dass diese Sorge nicht sehr berechtigt war, denn ich hatte einfach das Gefühl, dass meine Liebe etwas schlechtes sei und litt darunter, ihr nicht ehrlich sagen zu können, was ich empfand. So wie immer, in meinem Leben.

Die Situation erinnert mich heute daran, wie ich mich als Kind gefühlt habe, wenn ich meine Mutter vermisst habe. Ja, ich weiß, das klingt ziemlich bescheuert, aber es ist mein Wunsch so erhlich zu schreiben, wie ich kann und letztendlich spielt für uns alle die Entwicklung mit unseren Eltern ein bedeutende Rolle für unser Gefühlserleben als Erwachsene, ob einem dies nun gefällt oder eben nicht. Als Kind stand ich jedenfalls oft am Gitter unserer Treppe und weinte bitterlich, wenn meine Mutter ging. Ich wollte ihr nah sein, vermutlich, weil ich zuvor mein Bedürfnis nach Nähe zu ihr nicht genügend stillen konnte, weil ich ihr ja „zu warm“ war oder sie „überforderte“. Ähnlich war es auch in Bezug auf meine Gefühle zu dieser Frau. Ich hielt es damals für Liebe und hatte auch ein starkes sexuelles Interesse an ihr. Sicherlich lag ich damit nicht falsch. Heute finde ich zusätzlich eine Durchmischung von Gefühlen vor, wenn ich mich zurück erinnere, die sich aus dem Wunsch nach Sexualität mit einer für mich äußerst attraktiven Frau, dem Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit, dem Entdecken meiner eigenen Sexualitt, der Selbsterfahrung meiner eigenen männlichen und weiblichen Wesenszüge, und der Auflösung des Gefühls von Einsamkeit, welches initial durch die elterliche Vernachlässigung erzeugt wurde, zusammensetzt. Damals allerdings, konnte ich nur dieses intensive Gemisch der Verliebtheit empfinden. Und vielleicht war es ja auch eben dieses, welches alles andere in mir hervorbrachte.

Nachdem die Liebe sich für mich wie immer nicht zu erfüllen schien, tat ich enimal mehr das, was ich auch als Kind erlebt hatte. Ich blieb zuhause zurück und war alleine mit meinen Wünschen und Bedürfnissen nach Nähe, Aufmerksamkeit und Liebe. Wie auch als Kind verschwamm die Realität mit wahnhaften Angst-, Verzweiflungs- und hilflosen Wutzuständen. Ich kämpfte wie früher gegen mich selbst, um mich davon abzuhalten die Liebe zu suchen, die mich innerlich so bewegte. Vielleicht war dies völlig unnötig und ein offenes sprechen mit der Frau meiner damaligen Träume hätte alles aufgelöst, was mich quälte. Immerhin mochte sie mich zu der Zeit sehr gerne und wir verbrachten viel schöne Zeit zusammen.

The_ScreamStattdessen zermaterte ich mich selbst, so wie als Kind, wenn meine Eltern und insbesondere meine Mutter für mich unerreichbar waren, sogar, wenn sie anwesend waren. Ich zwang mich zu dem, wozu ich als Kind von meinen Eltern gezwungen wurde: Einsamkeit und Selbstzerstörung. In sechs Monaten verließ ich nur zweimal kurz die Wohnung meiner Familie, in der ich leider immer noch lebte, denn es war das einzige, was mich scheinbar noch mit meinem toten Vater verband und es war Teil des von meiner Mutter initiierten Machtkampfes, die mich, so wie meinen Vater auch, aus der Familie zu verdrängen versuchte. Ihr Verlassen und anschließendes, notgedrungenes Zurückkehren in die Familie, nachdem mein Vater sich umgebracht hatte und ohne dass meine Mutter je um ihn trauerte, erzeugten in mir Fassungslosigkeit, Wut und das Gefühl meines eigenen Ursprungs beraubt worden zu sein – ob dies nun sinnvoll war oder nicht, sei mal dahingestellt, es war in jedem Fall ein Teil meines Erlebens. Auch meine Schwestern alleine zu lassen, mit dem Menschen, der so viel Aggression und Vernichtung in der Familie und in mir angerichtet hatte, erschien mir fahrlässlig und unverantwortungsvoll. Kurz gesagt: Ich war durch die Gesamtheit meines bisherigen Lebens schwer traumatisiert und durch die Beziehunsggeflechte in meiner Familie völlig verwirrt und überfordert.

Zu Beginn dieser sechs Monate, lag ich sprachlos und regungslos in meinem Bett und nahm immer mehr ab. Tage und Wochenlang war ich wie tot, schon fast apatisch. Ich fühlte mich leer, wie von Luft ausgefüllt und von einer zerbrechlichen, viel zu dünnen Hülle umgeben. Meine Gefühle zogen über mich hinweg wie damals als Kind. Ich spürte sie, aber ich konnte nicht auf sie reagieren. Irgendwann hielt keine Hose mehr an meinem Körper und ich konnte froh sein, wenn ich durch den endlos lang erscheinen Flur bis zur Toilette kam. Die Wohnung, die zugeben extrem groß war, erschien mir wie eine ganze Welt. Ohne Schutzanzug, war es für mich unmöglich das Universum, also alles was die Wohnung draussen umgab, zu betreten. Ich reduzierte mich selbst aus Unfähigkeit mit Liebe und Wut umzugehen und weil ich mich im Chaos meiner unaufgelösten Gefühle selbst zerrieb. Meine Situation war ausweglos. So wie als Kind. Ich hatte nie gelernt, auf meine Gefühle zu reagieren und funktionierende Handlungen zu deren Auflösung durchzuführen. Alles was ich konnte, war in eine Art tiefes Koma zu verfallen, in der Hoffnung, irgendwas oder irgendwer würde mich retten oder meine Gefühle von selbst verschwinden.

Mit der Zeit konnte ich wieder aufstehen,  denn meine Schwestern und einige Freundinnen meiner Schwester hatten sich einfach ab und zu zu mir ins Bett gelegt. Mit Sicherheit war ich in jüngeren Jahren in jede einzelne von ihnen einmal verliebt gewesen, auch wenn ich es niemals zeigen konnte, worunter ich selbst sehr litt. Ich bemühte mich auch, mich nicht in das Beziehunsgleben meiner Schwester einzumischen, denn wie sich das anfühlt, wusste ich doch nur zu gut. Vielleicht war es aber auch eine Fehlinterpretation, denn ich glaube, dass meine Schwester unter meinen Zusammenbrüchen deutlich mehr gelitten hat. Allerdings war ich auch einfach zu schüchtern und hatte nie gelernt mich Menschen, die ich mag, von mir aus zu nähern. Die Nähe der Berührungen war durch meine lebenslange Einsamkeit viel zu intensiv für mich, aber unendlich wohltuend. Es war ein Gefühl, das ich in meinen 25 Lebensjahren noch nie gefühlt hatte. Mein Körper bekam eine Grenze, die ich wahrnehmen konnte, durch die vorsichtige Berührung von liebevollen Menschen. Zum ersten Mal spürte ich mich wirklich selbst. Ich wünschte mir, dass ich auf sie hätte reagieren können, aber ich war gefangen in mir selbst und stand wie auch als Kind noch unter dem Schock von dem Missbrauch und den Übergriffigkeiten meiner Mutter, die ich mittlerweile mehr fürchtete, als alles andere auf der Welt. So wie Menschen die eine Spinnenphobie haben oder Angst vor Schlangen, so hatte ich Angst vor meiner Mutter. Ich versteckte mich täglich so lange in meinem Zimmer, bis ich sicher sein konnte, dass sie weg war, denn ich fühlte mich durch sie immernoch belästigt, bedrängt, ausspioniert und verfolgt. Manchmal dauerte es bis zum Nachmittag. Bis dahin musste ich so tun, als würde ich schlafen und lag im Bett, wartend, dass sie verschwand. Manchmal, wenn ich es nicht aushielt, saß ich im Dunklen am Schreibtisch und schrieb etwas oder schaute hinaus in as bisschen Sonne, das ich durch den Spalt am unteren Ende der großen Jalousie hindurch erkennen konnte.

Kafka1906Auch in meiner ersten Krise war es mir unmöglich gewesen, das Haus zu verlassen. Es war kein Zufall, dass ich einige Jahre zuvor meine einzige Eins in einer Deutscharbeit über Franz Kafkas „Die Verwandlung“ schrieb. Ich selbst war Gregor Samsa. Die Geschichte zu interpretieren forderte von mir nichts anderes, als aus meinem eigenen Leben und von meinen Gefühlen zu schreiben. Meine „Analyse“ von Kafkas Geschichte war so gut, dass die kritische und nörgelige Deutschlehrerin sie voller Bewunderung und Begeisterung allen Klassenkameraden in ihrer Gänze vorlas. Es sollte Erwähnung finden, dass ich sämtlichrn Unterricht seit der vierten Klasse boykottierte und in Deutsch zu der Zeit eine Fünf oder Sechs als Note hatte. Entsprechend verwirrt waren meine Mitschüler. Ich selbst freute mich, war es doch mein Leben, das sie vorlas. Niemand wusste, das ich nicht über Gregor Samsa schrieb, sondern einfach über mich selbst.

IMetamorphosisch konnte also wieder aufstehen, nachdem mich Schwestern, deren Freundinnen, ein paar meiner Freunde und eine gute Freundin besucht und umsorgt hatten. Mit Mühe hiefte ich mich jeden Tag auf meine Schreibtischstuhl und wurde – leider – einer der extremsten Onlinegamer, die World of Warcraft jemals gesehen hatte. Ganz alleine und ohne eigenen Clan, züchtete ich perfektionistisch einen Charakter, streng nach meinen intensiven Berechnungen, die ich zuvor auf Papier brachte. Dabei kombinierte ich Eigenschaften und Gegenstände, die allgemein als wenig oder mittelmäßig wirksam galten zu einer verblüffenden Gesamtheit. Mein Charakter war einmalig und ich erlangte eine echte Berühmtheit unter den tausenden von Spielern. Andere Spieler, die sich die teuersten Sets mit echtem Geld kauften, besiegte ich in Duellen ohne einen Punkt Energie zu verlieren. Bald kannte mich jeder und ich war von den meisten geschätzt. Es bildeten sich echte Freundschaften und ich begann wieder soziale Kontakte zu pflegen, obwohl es nur virtuelle waren. Ich konnte die Stimmen der anderen Spieler hören und mit ihnen sprechen und wir verbrachten Stunde für Stunde, Tag für Tag und Woche für Woche mit viel Aufregung und Lachen. Man könnte fast sagen, ich hatte sogar etwas Spaß. Ich tat bald nichts außer zu  spielen, denn es war die einzige Art zu leben, in dem einen Zimmer, das mir geblieben war. So musste ich die tiste Gleichheit jedes einzelnen Tages und des sich nicht verändernden Raumes nicht ertragen, konnte entkommen ohne mich bewegen zu müssen, was ich fast nicht mehr konnte. Es half mir scheinbar zu überleben, obwohl ich heute wünschte, ich hätte damals nie die Möglichkeit gehabt online zu spielen, sondern wäre gezwungen gewesen mich direkt mit meinen Gefühlen auseinander zu setzen. Aber vielleicht wäre das auch zu viel für mich gewesen, denn ich fühlte mich in der Wirklichkeit schutzlos und inkompatibel. Doch war ich es wirklich? Oder war das meiste davon erlernt, durch die erzwungene Einsamkeit meiner frühen Kindheit und den elebten Missbrauch, der mir so früh das Gefühl für meine eigene Identität raubte.

In der Wirklichkeit sehnte mich jedoch nach allem anderen als dem was ich im Onlinespiel fand und fühlte mich schlecht für meine neue Sucht. Aber wie als Kind, konnte ich den tiefsten meiner Gefühle nicht nachgehen. Ich empfand meine Gefühle als unberechtigt. So wie früher, wenn ich Nachts zitternd im Bett lag oder meine Mutter mich verließ und ignorierte. Ich schämte mich für mein Bedürfnis nach Liebe, denn ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht wert war geliebt zu werden. Ich empfand mich selbst als unausreichend und war der Überzeugung, dass andere Menschen durch meine Liebe zu ihnen nur leiden würden. So wie ich es bei meiner Mutter empfand, wenn ich zu Beginn ihre Nähe noch suchte und oft mit Wut bestraft wurde, für die Zeit und den Schlaf, derer ich sie ihrer Aussage nach beraubte. Ich wollte niemanden mit meinen Gefühlen belästigen, obwohl ich heute weiß, das sie normal und vielleicht sogar etwas Gutes waren. Mein Bild von mir selbst schien verzerrt zu sein, was ich damals nicht wusste. Oft empfand ich mich als nicht hübsch genug oder als zu unmännlich und versuchte meine Unsicherheit durch die Simulation von Selbstbewusstsein zu verstecken. Ein deprimierender Klassiker, möchte man sagen. Ich denke heute, dass meine Empfindungen ein trauriges Resultat des Missbrauchs und meiner daraus folgenden, verzögerten Entwicklung sind. Gerne hätte ich damals ein anderes Bild von mir gehabt. Ich denke, dass die meisten Menschen, die mich kannten, eine andere Wahrnehung von mir hatten. Von meinen Eltern hatte ich gelernt meine eigenen Gefühle und Probleme zu cachieren und möglichst normal zu wirken. Wenn ich mich „unnormal“ verhielt, wurde ich dafür oft scharf kritisiert und gezwungen mich den Normen entsprechend zu verhalten. Nur zählten dazu leider nicht die Normen, die es einem ausdrücklich erlaubten, seine „negativen“ Gefühlszustände mit anderen zu teilen. Nach außen hin prsentierten sich meine Eltern hingegen, wie gute Schauspieler, als liberal und tolerant.

Nachdem ich Monat für Monat in meinem Zimmer verbacht hatte, in Verdrängung und zerissen von dem Kampf gegen mein eigenes Bedürfnis zu lieben, verfrachtete meine Mutter mich zu einer Informationsveranstaltung einer Therapieklinik. Es war vielleicht das sinnvollste, was sie je getan hat, und eine der wenigen Dinge, für dich ich fast dankbar gewesen wäre, wäre ihr Anteil an dem Entstehen der Situation nicht so enorm gewesen. Wenige Wochen später konnte ich die Therapie beginnen und auf der Hinfahrt weinte ich und schrie, wie ein kleines Kind. Ich fürchtete mich vor dem Leben, so wie ein Gefangener, der nicht mehr mit der Realität außerhab seines Gefängnisses klar kam. Die Angst davor, wieder zu leben, war zu groß. Zu tief war ich gefallen, zu stark waren meine Gefühle und Zerwürfnisse. Heutztage würde ich sagen, dass ich eine schwere Psychose hatte, die nie erkannt und viel zu spät behandelt wurde. Vielleicht war es sogar ein guter Instinkt, mich selbst ruhig zu stellen. Es schien für ich jedenfalls keine Hilfe zu geben und vor der Hilfe die es dann doch zu geben schien fürchtete ich mich mehr als vor meinem eigenen Tod. Trotzdem: Innerlich wollte ich raus. Innerlich wollte ich, dass sich etwas ändert. Denn ich wusste, dass ich ansonsten nicht mehr viel Zeit hätte, bevor ich völlig verrückt werden oder tatsächlich sterben würde, an Einsamkeit oder an der wütenden Verzweiflung über meine Unfähigkeit zu lieben.

Ich ließ es über mich ergehen und landete in der Klinik. Was dann geschah, ist eine Geschichte für sich.

An dieser Stelle möchte ich meiner Familie und meinen Freunden danken, dass sie mir damals geholfen haben. Ohne diese Hilfe, hätte ich es nicht geschafft. Danke.

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