Lebensgeschichte: Tierisch gut mit Tigertrauma

Tierisch gut mit Tigertrauma

Ein Detail meiner Kindheit möchte ich besonders im positiven hervorheben: Zoobesuche mit meiner Großmutter.

Zoobesuche haben mich fasziniert. Und zum Glück gab es sie wöchentlich für mich. Die wilden Tiere des Berliner Zoos waren in ihrer Vielfältigkeit und Lebendigkeit ein unerschöpfliches Wunder für mich.

Robben, die zur Fütterungszeit elegant durchs Wasser jagten. Sie waren meine Favoriten. Felsenhafte Elefanten und Giraffen, wie bunte, sich bewegende Bäume. Gefährliche Krokodile unter angemessener Sicherheitsverwahrung. Chamäleons, die sich in Zeitlupe bewegten. Ameisenstaaten, flatternde Vögel, Raubtiere mit spitzen Eckzähnen, Dromedare und Kamele gleich nebeneinander und gigantische Nilpferde, die ihre massiven Körper schnaufend durch moderig stinkende Wasser heften.

Alles das und viel mehr hat einen Sog auf mich ausgeübt. Eine innere Zufriedenheit hat sich eingestellt. Vielleicht weil diese Tiere mir so ähnlich waren. Sie waren nicht gänzlich frei und für sie schienen ihre bloße Existenz die einzige wichtige Lebensaufgabe zu sein. Sie konnten Wind und Sonne genießen. Sich an der Schönheit der Welt und des Seins erfreuen, ohne etwas oder jemandem genug tun zu müssen. Zumindest scheinbar.

Giraffe-berlin-zooDoch es wäre nicht mein Leben und meine Familie gewesen, hätte ich alles einfach freudvoll erleben dürfen. Wenn ich mit meiner Mutter in den Zoo ging, was ich laut ihr nie wollte – für sie völlig unverständlich –  zwang sie mich dazu mich in der vordersten Reihe alleine bei Fütterungen zwischen Menschenmassen zerquetschen zu lassen oder trotz meiner Nachtangst durch das dunkle Nachttierhaus zu laufen. Mit meiner Großmutter musste ich das zum Glück nie! Das für mich unvorhersehbarste, was ihr einfallen konnte, war es jedoch Fotos mit echten Tigern zu machen, die deutlich größer waren, als ich selbst! Heutzutage würde vermutlich niemand mehr erlauben, dass ein Kind einem solchen Risiko ausgesetzt wird. Ohnehin gibt es die Option zum Foto mit Tigernachwuchs nicht mehr. Und das beruhigt mich doch sehr.

IMG_0036Meine Angst davor, gefressen oder zu Tode gekratzt zu werden, war enorm und wie ich denke nicht gänzlich unberechtigt. Trotz vieler Tränen und Geschrei und der üblichen Gegenwehr, wurde ich gezwungen mit dem Tiger zu „kuscheln“. Man sieht das Lächeln und die naive Zufriedenheit meiner Mutter auf den Bildern und muss sich fragen, ob sie eine Form von Empathievermögen hat, angesichts des minutenlangen Geschreis, das notwendig war, um mich in eben jene Pose zu zwingen. Man bedenke, dass diese Fotos bereits die Auswahl der harmonischsten Grimassen meines Gesichts darstellen. Alle weiteren Fotos müssen viel unglücklicher ausgesehen haben. Der Tiger wirkt auf den Bildern deutlich entspannter und ich wage die Hypothese zu formulieren, dass ich für ihn keine ernstzunehmende Gefahr dargestellt habe. Dem Weltbild meiner Mutter und ihrer Selbstgefälligkeit war in jedem Fall genüge getan. Was für schöne Fotos!IMG_0039

Wenn ich also nicht genötigt wurde meiner Idylle der Beobachtung wilder Tiere in Gehegen zu entsagen, um gefährliche Tiger zu umarmen und dabei liebevoll zu Lächeln, dann wurde mir mit Nachdruck befohlen mich bei Fütterungszeiten alleine zwischen fremde Menschen in die erste Reihe zu quetschen, während meine Mutter mich selbst nicht einmal mehr sehen konnte, weil ich von Menschenmassen am Beckenrand oder Gehege-Zaun zerdrückt wurde. Ich habe es gehasst, beides. Etwas so aufregendes und schönes musste nicht mit so viel Stress und Angst kombiniert werden. Da war ich mir sicher.

tigerIch möchte eines klarstellen: Es ist einem Kind ganz und gar unmöglich zu lächeln, während es von einem echten, leibhaftigen Tiger umarmt wird – es sei denn man ist meine Schwester oder befindet sich in ausreichender Entfernung!

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