Lebensgeschichte: Der Tumor

Als ich aus der stationären Therapie entlassen wurde und gerade begann mein Studium fortzusetzen, bemerkte ich anhaltende Ohrenschmerzen, wie bei einer Ohrenentzündung und eine Veränderung meines Hörens. Beim ersten Arzt erhielt ich einen Antibiotikastreifen. Wochen später machte der nächste Arzt einige Hörtests und sagten, alles sei normal. Nach vielen Monaten kam ich wieder zu ihm, mit den selben Beschwerden und dem selben Ergebnis. Ich wie darauf hin, dass ich nicht schlechter, sondern anders hören würde, dumpf, so als wäre ich unter Wasser. Es erbrachte mir nicht mehr als skeptische Blicke.

Einige Monate später suchte ich einen neuen Arzt auf, der mir wieder eine Antibiotikastreifen einlegte.

Als ich Monate später wiederkam erhielt ich nicht vielmehr als Tips im Umgang mit Ohrenentzündung.

Weitere Monate später lachte mich sein Kollege in der selben Praxis aus, als ich ihn dazu nötigte den stetig wachsenden „Gnubbel“ unter meinem Ohr zu tasten. „Hahahaha! Sie meinen den Kochen! Das ist doch nur ein Knochen! Vermutlich ne Trigeminusneuralgie!“, schrie er mir arrogant entgegen und fuchtelte wild mit seinen Händen vor meinem Gesicht herum.

Inzwischen war schon mehr als ein Jahr vergangen, als die nächste Ärztin mir erneut einen Antibiotikastreifen einlehte.

Ebenso wie die Ärztin, die ich nach weiteren Monaten konsultierte.

Ich beschloss eine Allgemeinmediziner aufzusuchen, der mich über den Verlauf eines Jahres an verschiedene Spezialisten überwies, ohne selbst jemals meinen immer noch wachsenden „Gnubbel“ zu tasten, während ich über zunehmendes Ohrrauschen klagte.

Zur Abklärung eines Aneurismas wurde ich an den Chefarzt eines Krankenhauses überwiesen. Nach langem warte auf den Termin huschte dieser mit seinem Ultraschallgerät über meinen Hals und kam dem „Gnubbel“ sehr nah. Meine Bitte darum, noch einen Zentimeter nach oben zu rutschen und den „Gnubbel“ zu schallen, wurde ignoriert mit der Aussage, die Frage nach dem Aneurisma sei geklärt. Ich erhielt eine Empfehlung ein Angio-MRT machen zu lassen, um die Kopfarterien abklären zu lassen.

Ich erhielt eine Überweisung für ein Angio-MRT, auf das ich wochenlang wartete und das die Blutbahnen des Kopfes zeigte, wobei keine Auffälligkeiten festzustellen waren.

Erneut suchte ich einige Male den Allgemeinmediziner auf. Er überwies mich an einen weiteren HNO-Arzt, der mich zwei oder drei Mal untersuchte. Er sagte, dass ich eine Beissschiene bräuchte, was ich für Schwachsinn hielt.

Trotzdem besorgte ich mir eine bei einem Zahnarzt, der den „Gnubbel“ auch nicht tasten wollte, sondern einfach nur den Abdruck für die Schiene machte.

Nach dem Testen der Schiene, wurde keine Besserung festgestellt. Im Gegenteil: meine rechte Wange begann taub zu werden und ich konnte nicht mehr schmerzfrei kauen. Der Ohrenarzt taste endlich den „Gnubbel“ und befand, dass er nur einem Zentimeter Durchmesser hatte und deshalb unbedenklich sei, denn „Lymphknoten seien erst ab einem Zentimeter Durchmesser bedenklich“. Ich sollte warten und ansonsten müsste man ein CT machen.

Der Allgemeinarzt überwies mich an eine Krebsspezialistin, die auf Lymphknoten spezialisiert war. Es waren bereits mehr als zwei Jahre vergangen. Die Ärztin taste schnell und lustlos am „Gnubbel“, nachdem ich ihr selbiges nahelegte. Sie wiederholte die Lymphknotentheorie des HNO-Arztes und entließ mich wieder.

Schon bald konnte ich nicht einmal mehr auf der rechten Seite liegend schlafen und konnte meinen Mund kaum noch schließen.

Ich kehrte zum HNO-Arzt zurück, der mir das CT versprochen hatte. Dort erfuhr ich, dass er mir angeblich nicht mehr helfen konnte.

Auch in der Allgemeinarztpraxis teilte man mir mit, dass ich kein MRT mehr erhalten würde, da bereits eins gemacht wurde. Allerdings war das ja nur ein Angio-MRT.

Mein Umfeld wirkte zunehmend auf mich ein, dass es doch auch der Stress sein konnte. Und tatsächlich wurden die Schmerzen erträglicher, wenn ich mich entspannte. Ich fing an daran zu glauben, dass es nur ein psychisches Problem war, obwohl ich mir zunächst so sicher war, dass es eine physiologische Ursache gab. Der „Gnubbel“ wuchs doch beständig.

Bei der Arbeit saß ich in Meetings nur noch mit der Hand vor dem Mund, da ich ihn nicht mehr schließen konnte. Die Kopfschmerzen und Lähmungserscheinungen nahmen weiter zu. Der Schlaf wurde immer wieder durch die Schmerzen gestört. Das Rauschen in meinem Ohr lief synchron mit meinem Herzschlag. So wusste ich immerhin, wann mein Puls zu hoch war.

Dann nahm ich Kontakt zu meiner Mutter auf, den ich jahrelang abgebrochen hatte, denn meine kleine Schwester hatte Recht: Ich musste etwas tun. Die Ohren meiner Schwester waren seit ihrer Geburt fast nicht vorhanden. Sie hatte fast keine Ohrmuscheln und keine Gehörgänge. Und deshalb hervorragende HNO-Ärzte.

Meine Mutter sah den „Gnubbel“, tastete ihn, und sagte: „Das ist die Speicheldrüse. Du musst dringend zum Arzt!“ Sie erzählte mir von ihrer Freundin, die kürzlich an einem Speicheldrüsentumor verstorben war. Ich erhielt die Addresse einer jungen Ärztin.

Nach einigen Wochen ging ich in die Praxis und die Ärztin schaute mich freundlich an. Damit war sie die erste, die das tat. Sie hörte zu, taste, und zückte das Ultraschallgerät, so wie es auch der Chefarzt im Krankenhaus getan hatte. Nur dass sie diesmal gezielt den „Gnubbel“ beschallte. „In drr Tat!“ , sagte sie. Ihre letzte Skepsis war ausgeräumt und sie schaute mich leicht verwundert an. Sie sagte, dass es klar zu sehen sei und dass ich MRT machen müsse. „Danke!“, ich sackte erschöpft im Stuhl zusammen. Es waren bereits mehr als drei Jahre vergangen. „Endlich!“, sagte ich zu ihr und verließ die Praxis mit der Angst vor dem Tumor und der Erleichterung, dass mir endlich jemand geglaubt hatte.

Nun wartete ich einige Monate auf das MRT, in denen ich hoffte, es würde etwas anderes als ein Tumor sein, aber es war einer.

Es folgten mehrere Monate, in denen ich mich zerfleischte, mit der Frage ob es ein gutartiger oder bösartiger Tumor war. Ich wartete auf die Operation.

Vor der Operation wollte ich noch sagen: „Ich kenne meinen Körper, er wird sehr empfindsam sein und sich wehren.“ Aber ich unterließ es, um nicht verrückt zu wirken. Tatsächlich war ich während der Operation wach, ohne dass es jemand bemerkte. Ich hörte die privaten Gesspräche der Assistenten an meinem Kopfenden und was sie am Wochenende so gemacht hatten. Die Stimmung schien gut zu sei. Dann hörte ich die plötzlichen, panischen Durchsagen meines Steigenden Blutdrucks. Meine Ärztin intervenierte: „Jetzt bleiben sie alle mal ganz ruhig, das kriegen wir schon hin.“ Ich roch die Verbrennungen der Verödung meiner Blutgefäße. Dann verlor ich wieder das Bewußtsein.

Nach dem Aufwachen spürte ich sofort, dass der Tumor draussen war. Es war unfassbar. Ich fühlte es unmittelbar als erstes, obwohl ich von der Narkose betäubt war. Ich fühlte mich leicht und frei, obwohl mir ein Schlauch mit einem Behälter zum Auffangen aus der Wange hing. Als nächstes wurde mir Übel, alles drehte sicj und ich verlor wieder mein Bewußtsein. Ich wachte auf, sah meine Freundin, rollte mit den Augen und verlor wieder das Bewußtsein. Das wiederholte sich viele Male. Die Narkose hatte mir sehr zugesetzt. Später stellte sich heraus, dass ich eine Unverträglichkeit des Narkosemittels hatte. Im Delirium erzählte ich meiner Mutter vom Wachzustand. Sie schrieb gab es an die Narkoseärzte weiter.

Trotzdem man mir glaubte, wich die Skepsis erst, als ich meine Erinnerungen erzählte und man anhand des Protokolls sogar die genauen Zeitpunkte feststellen konnte, an denen ich aufgewacht und wieder eingeschlafen war. Die Überraschung war recht groß, da niemand so etwas zuvor erlebt hatte.

Mein Herz schlug durch die Narkosemittel unregelmäßig. Es fühlte sich an, als würde es zerplatzen und zerbersten, aber ich bekam keine Hilfe,  und schlug mich die Tage alleine durch, bis es besser wurde.

Der Tumor war gutartig! Er lag aber direkt auf dem Stamm des Gesichtsnervs, weswegen ich so starke Schmerzen und die Lähmungen hatte. Um den Tumor herum war zudem alles entzündet. Die Operation dauerte zwei Stunden. Die Ärztin schaffte es den Nerv nicht zu verletzen, was eine enorme Herausforderung war. Ansonsten hätte ich eine Gesichtslähmung gehabt oder Kauschwitzen bekommen können. Bei Letzterem verbinden sich Nerven so, dass man beim Kauen jedesmak Schweißausbrüche bekommt, was sehr anstrengend sein soll.

Glülicherweise blieb mir all dies erspart, obwohl ich noch knapoe zwei Jahre extreme Schmerzen in der Halsregion hatte.

Aus dieser Erlebnissen lernte ich, dass es sich lohnt auf das eigene Gefühl zu hören, wenn es um die Gesundheit geht. Und dass man Ärzte braucht, die zuhören, tasten und einem glauben.

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