Lebensgeschichte: Das Tür-Trauma

Prinzipiell war es für mich unmöglich einen Millimeter Privatsphäre zu besitzen. Meine Mutter ahndete jeden Versuch nach gesunder Abgrenzung mit Verachtung, Ernierdrigung und – man kann es getrost so nennen – tiefem Hass. Keine Zelle meines Körpers war mein alleiniges Eigentum, sondern gehörte den Gesetzen meiner Mutter nach ebenso ihr.

Aus diesem Grund war es ihr gestattet, mich zu berühren, zu umarmen, zu küssen wann immer es ihr danach verlangte. Mein Widerstand war erbittert, aber hoffnungslos. Sie hatte ferner das selbst eingeräumte Recht, mein Zimmer und jedes andere zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu betreten, selbstverständlich ohne anklopfen zu müssen. Für gewöhnlich riss sie die Tür einfach plötzlich auf und kam herein, um essen zu bringen oder sonstiges, trotz meiner wehementen Ablehnung gegenüber deratiger Versorgungsangebote, die ausschließlich dazu dienten, dass meine Mutter nicht aus meiner Entwicklung ausgeschlossen wurde.

Sie riss einem die Bettdecke vom Leib, angeblich um sie aufzuschütteln, wenn man als pubertierender Junge abends fern sah und gelegentlich sogar irgend einer sexuellen Aktivität mit sich selbst nachging, was für Jungen in meinem damaligen Alter sehr normal war, denn ich entdeckte gerade meine dies bezüglichen Gefühle. Dann tat sie überrascht, war aber nie betreten, sondern hatte ein breites, zufriedenstellendes Lächeln auf dem Gesicht. Anstelle von zu erwartender Peinlichkeit, füllte sich der Raum durch ihre Genugtung und keine Begegnung dieser Art und kein Bitten hielt sie davon ab, alles ganz genau so weiter durchzuziehen. Das Abschließen von Räumen war der gravierendste Regelverstoß, den man begehen konnte und meine Mutter verschaffte sich ununterbrochen Zugang zu meinem Zimmer, hielt ausschau nach neuen Dingen und vor allem nach Geheimnissen. Manchmal kam sie mir vor wie in einem perversen Rausch, so als wäre es ein Zwang, den sie befriedigen musste.

Türen stellten meine Mutter offensichtlich vor eine existenzbedrohende Herausforderung, die jeglicher realistischer Grundlage entbehrte und auf einem tiefen Trauma beruhen musste. Meine Mutter, die in der Kindheit schmerzlich von ihren Eltern vernachlässigt wurde – was sie selbst bis heute aggresiv verdrängt und ins Gegenteil verkehrt – größtenteils von Kindermädchen betreut. Der von ihr bedeutendste Triumph gegenüber den gehassten Betreuerinnen war das stundenlange Einsperren eines Kindermädchens in einem Zimmer, bei verschlossener Tür! Die verschlossene Tür war für meine Mutter fortan ein Zeichen überwältigender Macht der tür-abschließenden Person über denjenigen, der durch die Tür ausgeschlossen war. Folglich besaß eines ihrer Kinder, das eine Tür verschloß, Macht über sie, selbst wenn es sich eigentlich nur nach etwas Ruhe oder Privatsphäre wünschte, zum Beispiel zum Trefen mit Freunden oder zum Erleben der eigenen Sexualität.

Das Verweigern jeglicher Privatsphähre gegenüber den eigenen Kindern, beschreibt Christine Ann Lawson in ihrem Buch „Borderline Mütter und ihre Kinder“ sehr zutreffend als eines der Symptome einer Borderline-Mutter. Neben der geschilderten persönlichen Geschichte meine Mutter, kann man davon ausgehen, dass eine solche Mutter ihr Kind „narziatisch gebraucht“, wobei die Mutter das Kind oft als einen Teil, eine Erweiterung ihrer selbst erlebt und nicht als eigenständiges Individuum mit dem Anrecht. Mit folgenschweren Konsequenzen für die Entwicklung Kind.

Waren Türen verschlossen wurde dagegen geprügelt und geklopft.Man wurde angeschrien und es wurde damit gedroht die Tür aufzubrechen oder aufbrechen zu lassen. Als letzte Raison wurde damit gedroht, die Polizei zu holen, damit diese die Tür aufbricht, was für ein Kind beängstigend war und einem als Erwachsener als offensichtlich unrealistisch. Denn welcher Polizist würde eine Tür aufbrechen, hinter der ein Kind oder Jugendlicher sich offenkundig seines besten Wohlseins erfreut? Die überzogene Reaktion meiner Mutter offenbart die eigene Problematik, die sich für sie durch den Versuch der Abgrenzung ihres Kindes – einem Teil von ihr selbst – ergab.

Meine Mutter bezeichnete sich selbst als „Die Beherrscherin ihres Sohnes“ und glänzte durch Aussagen wie „Ich bin die Bestimmerin über dich. Ich kann über dich bestimmen“, womit sie bei mir zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben Zustimmung erwirken konnte. Für gewöhnlich leugnete meine Mutter diese Aussagen später, was ebenfalls als ein Symptom der Borderline-Störung angesehen werden kann. Aus diesem Grund ging ich dazu über, mir in den betreffenden Situationen unmittelbar Notizen zu machen oder Gespräche aufzuzeichnen.

Eines Tages begann ich meine Mutter von meiner Körperpflege auszuschließen, beim Duschen und Baden. Bis zu diesem Zeitpunkt, ich muss bereits ungefähr  zwischen 14 und 17 Jahre alt gewesen sein, durfte selbst die Badezimmer und Toilettentür nicht abgeschlossen werden (Toilette und Bad waren zwei verschiedene Räume)!

Als heranwachsender Junge blieb mir kein Rückzugsort. Es gab kein Versteck, ausgenommen dieser zwei Orte, für die ich mir mit der Zeit die Option erkämpfte, sie abschließen zu können, ohne bedeutende Angriffe meiner Mutter auszulösen. Aus diesem Grund zog ich mich immer auf die Toilette zurück, wenn ich Raum für mich brauchte. Da man angmotzt wurde, wieso man eine der beiden Toiletten besetzt hielt – selbst wenn die andere frei war – begann ich irgendwann damit sogar das Licht auszumachen, um den Provokationen zu entgehen. Die Toilette war nicht viel größer, als zwei Qaudratmeter und nicht unbedingt der behaglichste Ort, den man sich vorstellen konnte. Aber es war der einzige Ort, den man abschließen konnte, ohne dass meine Mutter verdacht schöpfte, ausgeschlossen zu sein. Dennoch wurde sie nicht müde zu betonen, dass man Toiletten nicht abschließen brauchte oder sollte, immerhin seien wir eine Familie. Ich war anderer Meinung! Nicht nur bezüglich der Türen, sondern immer mehr auch bezüglich der Interpretation von Familie.

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2 Gedanken zu “Lebensgeschichte: Das Tür-Trauma

    • briefabsender schreibt:

      Ja, man denkt immer, dass man selbst das Problem ist, bis man herausfindet, dass es eigentlich normal sein sollte, dass man auch Raum für sich hat, und eigene Grenzen. Schau dir das Buch von Christine Ann Lawson mal an (Links im Menü auf Linksammlung klicken), über Borderline-Mütter. Vielleicht findest du darin noch mehr, was dir bekannt ist. Mir hats sehr geholfen. Lg

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