28.06.2015 – Ein Heiratsantrag

Hallo Papa,

wedding-540905_1280Heute ist ein guter und ein schlechter Tag, beides zugleich. Meine Freundin hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Sie sagt, es ist ihr egal, ob ich so kaputt bin. Sie liebt mich so wie ich bin. EInmal hat sie während einer ihrer Krisen zu mir gesagt: „Wir sind wie Pech und Schwefel!“ Und sie hatte Recht, auch wenn sie damals kaum zurechnungsfähig war.

Sie ist wirklich wunderschön, ungelogen. Würde sie die Aufmerksamkeit anderer Menschen nicht so gezielt vermeiden, wäre sie sicherlich ein Model. Obwohl sie 35 Jahre alt ist sieht sie immer noch aus wie andere Frauen in ihren Zwanzigern. Das ist sicherlich nicht der einzige Grund, weshalb ich sie liebe. Der bedeutenste davon ist ihre liebevolle, ruhig Art und dass sie eine Kämpferin ist, so wie ich. Naja, anders als ich. Sie kämpft eher leise und mit viel Sanftmut. Ich hingegen kämpfe eher wie ein Berserker gegen meinen eigenen Untergang.

Selbstverständlich möchte ich sie gerne heiraten! Was könnte mir wohl besseres passieren? Das einzige Problem sind meine Probleme! Ich weiß, ich werde so enden wie du. Und Mamas Misshandlungen haben mich dauerhaft zerstört. Es ist ihr tatsächlich gelungen mich als Kind so nachhaltig zu quälen, dass ich tatsächlich nicht ohne sie leben kann, weil ich eben gar nicht leben kann. Die Gründe dafür sind triftig, im Moment.

Sollte ich meine Freundin nun trotzdem heiraten? Natürlich kennt sie alle meine Probleme! Ich verheimliche ihr absolut nichts, egal wie erniedrigend oder hoffnungslos alles ist. Sie kämpft gemeinsam mit mir so wie ich mit ihr, aber sie weiß auch, dass es nicht gut um mich steht.

Was soll ich nun also tun? Weißt du, wenn du dich nicht umgebracht hättest, ich glaube ich hätte viel bessere Chancen gehabt. Du hast mich mit Mama alleine gelassen und sie hat mich in deine Position gezwängt, als Partner stellvertretend für dich versucht emotional auszuredieren. Nun habe ich – trotz allem – alles, was ich mir in meinem Leben jemals gewünscht habe und ich wäre so glücklich…

Manchmal frage ich mich, ob es sich für euch beide wirklich gelohnt hat, mich als Kind und Jugendlichen so zu behandeln? Ich meine, du selbst bist tot und Mama hat irgendwann versucht mich loszuwerden, als sie gemerkt hat, dass sie mich nicht länger manipulieren und missbrauchen kann. Jetzt stehe ich alleine da, mit meiner Freundin, und habe keinen von euch. Zugegeben, Mama kann sich nun ihres Lebens erfreuen, nachdem sie mich für ihre eigene Befriedigung und Bestätigung so lange ausnutzen könnte. Aber du bist tot. Letztendlich habe ich für keinen von euch beiden jemals irgend etwas bedeutet. Ihr beide habt nur an eins gedacht: An euch selbst.

Nun stehe ich vor der Entscheidung meine Freundin zu heiraten, obwohl ich weiß, dass ich eines Tages gezwungen sein werde mich umzubringen, so wie du. Einfach deshalb, weil meine Persönlichkeit, trotz ihres so gigantischen guten Kerns, von euch beiden fast bis zur unkenntlichkeit verstört wurde. Oft denke ich es wäre für mich besser gewesen, wenn ich ganz ohne Eltern aufgewachsen wäre. Denn dann hätte ich immerhin die Möglichkeit gehabt, mich zu entwickeln und mit anderen Menschen zu verbinden.

Wenn ich meine Freundin heirate, wird sie eines Tages vielleicht noch mehr darunter leiden, wenn ich entweder völlig verrückt werde, oder so ende wie du. Du kannst dir also gar nicht vorstellen, wie wütend ich auf euch beide bin, die ihr euch so geschickt und so typisch für euch aus der Affäre gezogen habt. Und mich alleine gelassen habt, mit euren Problemen, die ihr mir aufgebürdet habt. So wie eigentlich schon immer!

Also was soll ich nun tun? Natürlich werden alle mir sagen, dass ich sie heiraten soll. Und mein Herz sagt mir das gleiche. Aber was ihr mir hinterlassen habt verwehrt mir so oft scheinbar mein Glück. So wie ihr es wolltet, denn ihr habt mich nie ertragen, wenn ich glücklich war. Nur dass nun auch noch anderen Menschen darunter leiden, weil ich so lange versucht habe daran zu glauben, dass ich es schaffen kann meiner Vergangenheit mit euch zu entkommen. Damit habt ihr vermutlich als einziges nie gerechnet, dass es auch andere Menschen beeinflussen würde. Oder es war euch wie so ziemlich alles einfach nur egal. Oft habt ihr euch beide für so klug gehalten, dabei wart ihr so kurzsichtig und weltfremd. Ihr habt nichts geringeres getan, als einen Menschen zerstört. Euren eigenen Sohn.

Ich gebe noch nicht auf, auch meiner Freundin zu liebe! Und weil ich es schaffen muss, den Kreislauf dieser Vernichtung zu beenden.

Dein von dir enttäuschter Sohn

4 Gedanken zu “28.06.2015 – Ein Heiratsantrag

  1. dassteph schreibt:

    Wave einen Neuanfang! Lasse alles geschehene hinter dir, wenn Gedanken daran hocb kommen , wandel sie ins positive um! Denke daran was du Heute Jetzt und in Zukunft hast und bist! Du bist nicht dein Vater du bist nicht deine Mutter! Du bist du! Lebe dein Leben!

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    • briefabsender schreibt:

      Ja, da hast du recht. So sehe ich das ja auch. Manchmal ist die Hypothek die man bekommen hat ziemlich hoch. Wenn man immer nur gekämpft hat, um zu funktionieren und loszukommem von den Eltern, dann hat man nie richtig gelebt. Aber es kann sehr verwirrend sein, wenn man dann in den 30ern plötzlich feststellt, dass man frei ist von dem ganzen Hass, der Wut und der Einsamkeit.

      Und dann steht man einfach da, wie ein entführtes Kind, dass endlich seinen Kidnappern entkommen ist. Während man gekämpft hat, ist die Welt an einem vorbeigezogen. Man lernt neue Gefühle, zum Beispiel, dass man nicht immer stark sein muss und dass die Gefahr vorbei ist. Oder dass man auch geliebt wird, ohne dass man dafür etwas tun kann. Man kann über seinen Körper und seine Beziehungen selbst entscheiden. Man kann sogar Kontakt mit Menschen aufnehmen, die man liebt, weil sie einen auch lieben. Und man ist überrascht, weil einen niemand hasst. Man kennt das Gefühl nicht, das man keine Schmerzen empfindet. Man kennt das Gefühl nicht, dass es Platz für einen gibt und Ruhe.

      Dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen, was passiert ist. Man versteht, was unbegreifbar erscheint, nämlich dass man eigentlich nicht gelebt hat, sondern nur überlebt.

      Alles ist neu und man ist überfordert. Man ist aber auch zu spät. Ungefähr 30 Jahre zu spät. Dadurch ist man wie behindert, weil man mitten im Leben steckt und eigentlich bräuchte man Hilfe. So wie Menschen, die entführt wurden. Aber da es die eigene Eltern waren oder das direkte Umfeld, gibt es keine Hilfe. Man muss es fast alleine schaffen. Mit einer Hand voll Stunden an Therapie. So als wäre man als Flüchtling aus dem Krieg gekommen und säße in einem neuen Land. Man muss alles neu lernen: Die Sprache, die Bräuche, die Regeln, das Miteinander. Trotzdem alles so verblüffend gut ist, im Vergleich von dort wo man herkommt, bleibt der Schock des erlebten aber tief in einem. Nachts und wenn man alleine ist oder in Menschenmengen ist man wie verstört. Auch Berührungen und liebevolle Zuwendung erzeugt Verstörtheit. Man will es, aber man ist noch nicht frei. Alles überschlägt sich.

      Natürlich will man den Neuanfang wagen. Ob man es schafft hängt von Vielem ab, aber eben auch davon, wie viel man auf dem Weg zum Frieden verloren hat. Wieviele Dinge geschehen sind, die Eindrücke und Wunden hinterlassen haben, die nicht heilen können. Davon wieviel man gesehen und erlebt hat, das mit der eigenen Seele nicht in Einklang zu bringen war.

      Man möchte unbedingt weitermachen, aber es ist nicht einfach nur eine Depression gegen die man kämpft. Es ist ein ganzes Leben, das man für andere Menschen leben musste. Zum ersten Mal gibt es Platz für einen Selbst und die Frage ist:

      Wer bin ich?

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      • flohhusten schreibt:

        Das kenne ich auch 🙂
        Ich bin jetzt 45 und auf der Suche.

        Ich habe mich letztes Jahr gewagt.
        Gewagt, zu heiraten.
        Weil ich ebenso mein Glück gefunden habe und wir den Weg gemeinsam gehen.
        Kann man das dem Partner „zumuten“?
        Ich habe diese Entscheidung ihm überlassen – denn er ist klug und erwachsen. Selbstverantwortlich.
        Vertrauen lernen scheint die größte Herausforderung zu sein. Aber die wichtigste. Vertrauen ebnet den Weg der kleinen Schritte.
        Sehr schmerzhafter, langsamer und vorsichtiger Schritte.
        Aber es ist egal, wie schnell man vorwärts geht – Hauptsache, man tut es.
        Euch viel Kraft und Freude.

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