Lebensgeschichte: Die Teilung meiner Persönlichkeit

Meine Nachtangst nahm mit der Zeit immer gigantischere Ausmaße an. Meine Mutter wurde zunehmend ungeduldiger und wütender. Sie verbot mir sie nachts zu rufen. Anfangs fühlte ich mich einfach nur einsam, aber wenn ich ihr dies als Grund für meinen Wunsch bei ihr zu schlafen mitteilte, wurde alles vehement abgeschmettert.

moon-416973_1280Ich lernte bald, dass mein Bedürfnis nach Nähe der schlechteste Grund war, um selbige zu bekommen. Später fand ich heraus, dass ich meiner Mutter „zu warm“ war. Sie sagt heute, dass sie mich einfach nicht in ihrem Arm ertragen hat. Es war ihr zu nah und zu warm. Und sowieso empfahlen die Zeitschriften, dass Kinder alleine zu schlafen hätten. Das hilft mir nun nicht mehr viel, erklärt mir aber, wieso es mir unmöglich war, meinen Wunsch nach menschlicher Nähe und Geborgenheit auch nur annähernd zu sättigen.
Mit der nächtlichen Vernachlässigung, die ein Ignorieren meiner Rufe über Stunden einschloß, setzten Angstzustände ein, die bis zur tatsächlichen Halluzination reichten. Sämtliche Schurken, Einbrecher, Mörder und Kriegstreiber dieser Welt liefen Hand in Hand durch mein Zimmer. Ich erwachte aus Träumen und konnte den Drachen direkt in die Augen sehen, die mich schon im Schlaf verfolgt hatten.

Vor Angst und weil ich nicht um Hilfe rufen durfte und konnte, blieb mir oft keine andere Wahl, als in oder unter das Bett zu nässen. Teilweise konnte ich nicht vielmehr tun, als zitternd und regungslos vor Angst im Bett zu liegen. Meistens für Stunden, bevor ich vor Erschöpfung einschlafen konnte. Während meine Eltern ihre Nachtruhe genossen, kämpfte ich fast jede Nacht einen kräfteraubenden Kampf.

ghost-35852_1280Am Tag war ich viel zu erschöpft, um mich zu konzentrieren oder mit ruhigem Gemüt in den Kindergarten oder zur Schule zu gehen.
Die Angstzustände hielten an, bis ich zehn oder zwölf Jahre alt war. Ich machte eine Therapie, die nichts brachte, denn ohne meine Mutter dazu zu bewegen mich nicht mehr zu vernachlässigen, hätte sich nichts ändern können. Ich malte jahrelang sinnlose Bilder von Familienangehörigen in Tierform und quasselte eine Menge belanglosen Nonsens, um irgendwie zu überleben. Alle anderen waren glücklich. Die Verantwortung lag ja bei dem Therapeuten. Und für den Therapeuten lag sie bei den Eltern. In Wirklichkeit lag sie bei mir und niemand hat mir helfen können.

Dabei erscheint mir das Problem aus heutiger Perspektive sehr offensichtlich gewesen zu sein.
Eines Nachts, als ich vor Angst und Erschöpfung keinen Teil meines Körpers irgendwohin bewegen konnte und auch niemanden rufen, beschoß ich selbst, dass der einzige Ausweg meine Transformation zum Bösen sein müsse. Ich hatte Angst vor den bösen Menschen und vor Krankheiten und schweren Schicksalsschlägen. Denn jede Minute Einsamkeit und Berührungsentzug über Jahre hinweg, hatten meine Ängste wachsen lassen. So sehr, dass ich jeden Abend alle schlechten Dinge aufzählte die ich kannte, und dafür betete, dass sie nicht eintreten würden.

monster-426996_1280Je älter ich wurde, desto abhängiger wurde ich von Gottes Wohlwollen und von dem neurotisch verzweifelten Herunterbeten aller potentieller Gefahren, die ich kannte. Es wäre doch eigentlich viel leichter gewesen, mich einfach in den Arm zu nehmen, oder nicht? Deshalb beschloß ich in dieser einen Nacht, dass ich mich vor dem Bösen nicht zu fürchten brauchte, wenn ich selbst das Böse sei. Oder böser als das Böse. Denn weder die Therapie, noch meine Eltern oder sonst irgendwer war in der Lage dazu, mich aus den Fesseln der dunklen Einsamkeit und Berührungslosigkeit zu befreien.
Es war schlichtweg die Überforderung, die mich veranlasste diesen letzten Ausweg zu suchen. Dieser Ausweg war mit ziemlicher Sicherheit der Anfang des Niedergangs meiner Persönlichkeit und nach dem eigenen Gefühl mindestens die Aufspaltung meines Ich in zwei total gegensätzliche Teile.

Seit dieser Nacht hatte ich keine Angst mehr um mich selbst, denn ich war immun. Ich hatte Angst um meine Eltern und versuchte sie beschützen, denn sie ignorierten ja alle Gefahren. Ich schlich mich fast jede Nacht vor ihre Schlafzimmertür, so leise, dass sie mich nicht hören konnten, und legte mich hin, um aufzupassen. Würde jemand kommen und ihnen was tun, dann wäre ich da, um sie zu retten. Wenn ich von ihnen entdeckt wurde, wurde ich beschimpft.

Für mich als erwachsenen Mann bedeuten diese Erinnerung und diese Zeit der Nachtangst bis ins Alter eines Zwölfjährigen, dass ich kaputt gegangen bin. Ich erinnere mich an die Gefühle und ich wünschte, ich könnte noch einmal zurück. Ich wünschte ich könnte mir Hilfe holen. Damit diese innere Zerteilung meiner Selbst in einen guten und schlechten Teil nicht hätte  stattfinden müssen.
Dass kein Mensch mich retten konnte oder wollte, hat mich damals wie heute bezüglich meines Gesellschaftsbildes völlig desillusioniert. Entweder war ich also durch die vielen Zwänge, die mir meine Mutter auferlegt hatte, so angepasst, dass es nicht zu bemerken war, oder es wurden niemals die richtigen Fragen gestellt.

Zwei Nächte dieser Art, oder von mir aus eine ganze Woche davon, hätte ich ausgehalten. Aber elf Jahre, also mehr als 4015 Nächte im Einsamkeit und mit Panikzuständen, haben mein junges Herz ausgesaugt, es zum zerbersten gebracht, es zerrissen und kompromiert. Haben es vaporisiert und ultrahocherhitzt, es zerquetscht und überdehnt. Sie haben es in seine Atome zersprengt und wieder zusammengesetzt, bis alles nicht mehr zueinander passte. Sie haben meine Seele in mein Herz gestopft und mein Herz um meine Seele gestülpt. Sie haben mich getötet und wieder auferstehen lassen und wieder getötet. In einem 4015 Nächte langen Zyklus wurde ich von einem Kind zu einem überreizten, ausgelaugten, funktionslosen Neuronenhaufen, der tagsüber nurnoch durch Befehle, Schläge, Zwänge, Wut und Manipulation aufrecht zu halten war. Sodass niemand etwas merken konnte, von dem was mit mir geschah.

Ich sollte mich tagsüber normal benehmen: „Man darf auch auf den ungeraden Pflastersteinen laufen!“, „Wasch dir nicht andauernd die Hände!“, „Lauf nicht über den großen Onkel!“, „Nimm die Gabel in die richtige Hand!“, „Den Löffel zum Mund, nicht den Mund zum Löffel!“, „Kau nicht an den Fingernägeln!“, „Kratz dir nicht an deiner Haut rum!“
Jedes Zeichen, dass ich aussandte, damit jemand bermerken konnte „Es geht mir schlecht!“ wurde sofort und konsequent unterbunden.
Ich sollte immer so aussehen wie ein normales Kind, obwohl ich des Nachts als Gehirnzombie keinen Schlaf fand und in katatonische Zustände verviel, während ich in meinem eigenen Urin vor mich hin vegetierte. Den wenigen Schlaf den ich hatte, verbrachte ich mit Albträumen, die mich noch mehr ängstigten sobal dich daraus erwachte.

Meine Eltern durfte ich nicht rufen. Sie wollten schlafen. Alleine.

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3 Gedanken zu “Lebensgeschichte: Die Teilung meiner Persönlichkeit

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