Lebensgeschichte: Opa Erich und die wilde Hilde

Die Eltern meiner Mutter hatten sich früh getrennt. Meine Großmutter lebte allein in unserer Villa am Stadtrand von Berlin, während mein Großvater mit seiner neuen Lebensgefährtin Hilde in einer einfachen Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stadtmitte wohnte.

Mein Großvater war gelernter Fleischer und besaß zusammen mit meiner Großmutter, wie zuvor bereits erwähnt, ein Hotel ein Restaurant und eine Eisdiele in der Stadt. Erarbeitet schwer und aus Erzählungen meiner Mutter erfährt man, dass er „Der liebste Mensch auf der Welt war“. Leicht widersprüchlich wirken Geschichten seines starken Alkoholproblems.

erichhildeWenn er trank, verschwand er mehrere Tage und trieb sich mit anderen Frauen rum. Dies geschah laut meiner Mutter ja ausschließlich, weil meine Großmutter ihn vernachlässigte. Ob das allerdings ein wirklich guter Grund dafür ist, in regelmäßigen Abständen mit anderen Frauen durchzubrennen und sein schwer verdientes Geld bei exzessiven Saufgelagen zu verprassen, wage ich zu bezweifeln.

Die gute Hilde jedenfalls war vom eher naiven Schlag, wie meine Mutter zu berichten pflegt. Angeblich soll sie deshalb so gut mit meinem Großvater klargekommen sein, weil sie seine Eskapaden eben einfach nicht so hinterfragte. Für mich war Hilde eine sehr liebe Person, die im Gegensatz zu meiner gesamten mütterlichen und väterlichen Verwandtschaft erstaunlich normal wirkte.
Wir besuchten meinen Großvater und Hilde selten, aber wir taten es. Gelegentlich langweilte ich mich sehr, während die Erwachsenen miteinander sprachen. Außer Süßigkeiten gab es in der Wohnung nichts an Spielzeug oder kindgerechtem Entertainment.
Mein Großvater starb einige Jahre nach meiner Großmutter, als ich bereits acht oder zehn Jahre alt war, an einem Herzinfarkt. Wer hätte es vorhersehen können bei diesem Lebensstil? Er wurde trotz der Schilderungen, er sei der liebste Mensch auf der Welt, scheinbar nur selten wirklich vermisst. Meine Mutter lebt eben lieber im „Hier und Jetzt“, als Gefühle wahrzunehmen.

Mein Großvater ist der einzige sportliche Verwandte, den ich kenne. Er war im Ersatzachter bei Olympia dabei. Immerhin. Wenn ich irgendwoher also die sportliche Veranlagung geerbt habe, dann wohl ausschließlich von ihm.

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