Lebensgeschichte: 100 Brötchen

Als Kind wollte ich eigentlich gar nichts tun, was zu den Tätigkeiten der Erwachsenen gehörte. Und vor allem wollte ich diese Dinge nicht alleine tun, ohne Hilfe. Aber ich musste. Damals wusste ich noch nicht, dass sich der Zwang Dinge zu tun, die ich nicht mochte, als Routine einstellen würde. Alles begann mit dem Befehl, dass ich alleine Brötchen kaufen musste. Egal wie sehr ich mich gewehrt habe, ich musste die Brötchen kaufen gehen.

Die Brötchen gab es in einem Laden in unserer Straße. Der Weg betrug knappe hundert Meter und die Ladenbesitzerin war etwas verschroben aber nicht gänzlich unsympathisch. Sie hieß Frau Bärwald. Frau Bärwalds kleines Geschäft war der klassische Tante-Emma-Laden.
Nach viel Geschrei wurde ich also aus dem Gartentor gezwungen und es wurde darauf geachtet, dass ich ja nicht aufhörte alleine geradeaus zu laufen, bis ich bei Frau Bärwald angekommen war.

brötchenDie besondere Herausforderung lag dabei darin, die genaue Bestellung im Kopf zu behalten. Hier fing ich an die Stimme in meinem Kopf zu benutzen, um mir die Zahlen zu merken. Was nicht klappte. Die innere Stimme, die noch ein Leben lang zu mir sprechen sollte.

Und so kam es recht häufig vor, dass ich 100 Brötchen bestellte. Selbstverständlich bekam ich nur weniger, denn Frau Bärwald hatte den Fehler im System erkannt. Ein kleines Kind konnte sich in diesem Alter unmöglich die zum Teil komplexen Bestellungen merken.

Auch in Spanien musste ich Brot kaufen gehen, mit ähnlichem Resultat, nur dass mich dort niemand verstand. Auch ich verstand niemanden. Wildfremde Menschen ließen Redeschwalle über mich ergießen und lautierten mit Händen wedelnd vor mir her. Sie kniffen mich in die Wangen und quetschten sich an mich und gaben mir Küsschen. Dabei wollte ich nur schnell das Brot kaufen und ungesehen wieder verschwinden. Was sollte ich antworten auf die fremden Geräusche, die aus ihren greisenhaften, zittrigen Münden quollen?

Egal wo ich war, in Deutschland oder in Spanien, ich wehrte mich stetig gegen den Versuch „selbstständig“ Einkaufgen zu gehen. Meine Mutter erklärte mir, dass man das können müsse. Ich weiß heute natürlich, dass diese Aussage falsch ist. Ich scheiterte fast jedes Mal mit dem Versuch mich gegen den erzwungenen Einkauf zu wehren und versuchte das ganze so schmerzlos wie möglich hinter mich zu bringen.

Als Erwachsener Mann bin ich der Überzeugung, dass Kinder keine Aufgaben der Eltern erledigen sollten, es sei denn sie fragen selbst danach und fühlen sich damit wohl. Wenn Erwachsene Brot essen möchten, dann sollten sie es sich gefälligst auch selber kaufen. Und wenn ein Kind sagt, es möchte nich alleine einkaufen gehen, dann sollte es das auch nicht tun.

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