26.05.2015 – Krankenhaus Tag 2

Hallo Papa,

Dein Selbstmord ist nun 17 Jahre her. damals war ich 15 und heute bin ich 32. Du würdest nicht glauben, was für eine umwerfend clevere und schöne Frau ich an meiner Seite habe. Und ich wette mit dir, du hättest mir nicht zugetraut, dass jemand wie sie ihre Zeit mit mir verbringen möchte.

Überhaupt hast du meinen ganzen Charakter verpasst. All die Erwachsenen Teile von mir. Das Großwerden. Meine Erfolge und meine Krisen, die nicht so schlimm hätten seien müssen, hätte ich dich anschreien oder um Rat fragen können.

Ich habe vieles überlebt. Den alltäglichen und den individuellen Wahnsinn. Die Schule, Alkoholprobleme und einem Tumor. Letztendlich auch dich und deinen Selbstmord. Du hattest es nicht so schwer wie ich. Du hattest nur eine schlechte Kindheit. Immerhin etwas, dass wir gemeinsam haben.

Ich liege in einem Spezialkrankenhaus in einer fremden Stadt, weil einige Ärzte bei einem Eingriff vor drei Jahren einiges in mir kaputt gemacht haben. Es ist sehr schwer herauszufinden, was es ist. Ich kämpfe ums überleben – das was du aufgegeben hast – und bräuchte dringend deine Hilfe. Es war dumm von dir mich in deinem Plan zu vergessen. Ich musste dein Leben zuende führen.
Selbst wenn alle anderen es nicht verstehen können, wirst du wissen was ich meine, wenn ich sage, dass Mama mich nach dir vereinnahmt hat. Du kennst ihre verrückte Seite, die so unverbesserlich ist. Sie hat mich in deine Position gezwungen. Sie hat ihre endlose Wut auf dich bei mir abgeladen. Sie hat geklammert und mich überfordert, gehasst und abgestoßen in unvorhersehbarem Wechsel.
Ich konnte niemanden lieben, wenn sie um mich war, denn sie hasst es, wenn sie nicht im Mittelpunkt steht und an Kontrolle verliert. Sie möchte nur ihre Art von Beziehung leben, in der es ausschließlich um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse geht und darum einen zu binden, durch Entwertung und anschließende Hilfe beim Wiederaufbau.

Du kennst ihre zerstörerische Art, die Übergriffigkeit und den mangelden Respekt vor allem und jedem. Gerne steht sie immer noch als perfekte Frau und Mutter im Rampenlicht und tut so als wäre sie bescheiden, was sie nicht ist. Du hast vielleicht damals schon geahnt, dass sie deinen Selbstmord nur als Kollateralschaden in ihrem Leben betrachten und dir alle Schuld geben wird. Du wusstest vielleicht auch, dass ich  dein Zeichen verstehen würde, auch wenn ich mir gewünscht hätte, du hättest einfach durchgehalten und irgendwann mit mir darüber gesprochen.
Auch du hast furchtbare Fehler gemacht. Selbst wenn ich alles verzeihen möchte, sind die Vorwürfe, die ich machen muss, zu gravierend. Ich hätte deine Liebe gebraucht, anstatt deine Beleidigungen und Beschimpfungen. Ich hätte weniger Schläge und weniger Wut von dir abbekommen sollen. Und mehr Verständnis und Aufmerksamkeit.
Wie konntet ihr nicht wissen, was euer Zorn in mir vernichtet.

In der Zeit, als Mama uns verlassen hat, weil sie angeblich frei sein und eine lesbische Beziehung führen wollte, war ich froh darüber, dass sie endlich weg war. Auch wenn du ein Arsch warst, hast du mir trotzdem erlaubt zu lieben und nicht versucht mir meine Gefühle vorzuschreiben.
Ich konnte mir plötzlich vorstellen eine Freundin zu haben, ohne sie vor euch schützen zu müssen. Du alleine warst keine Gefahr mehr für mich. Die Depression hat dich mir in deinem Schwächsten Zustand gezeigt. Plötzlich hatte ich verstanden, dass deine Wut aus deiner Schwäche geboren wurde.

Ich liege also im Krankenhaus und kämpfe auf allen Ebenen: Physisch und psychisch, jetzt und gegen die Wunden der Vergangenheit.

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