13.01.2017 – Lieber alleine als unter Idioten

Das MRT hat nur die Entzündung gezeigt, die ohnehin schon bekannt ist. Mittlerweile kann ich nicht einmal mehr mit dem Sitzring sitzen.

Zurück in meinen Job kann ich also nicht. Die täglichen Schmerzen machen mich fertig, trotzdem ich schon so vielgewöhnt bin, sind diese Schmerzen sehr fies.

Meine Realität hat mittlerweile gar nichts mehr mit der Realität meiner Freunde oder  meiner Familie zu tun. Und es interessiert auch nicht wirlich irgend jemanden. Dass mich niemand besucht, ist vielleicht ganz gut. Es gäbe eh nichts über das wir sprechen könnten. Über Jobs oder lustige Filme oder gutes Essen möchte ich nicht sprechen, denn diese Dinge sind kaum noch ein Inhalt meines Lebens. Es tut weh sie zu vermissen, vor allem einfach mal Essen zu gehen mit meiner Frau wäre schön.

Jeden Tag versuche ich durchzuhalten. Immer wieder denke ich an all die Ärzte, die mich ausgelacht haben oder ignoriert haben. Jetzt verliere ich meinen Job und kann nicht richtig für meinen Sohn da sein: Zwei Dinge die ich immer vermeiden wollte und die nie jemand ernst genommen hat. Bestimmt würde man ja bald wieder gesund sein. Optimismus ist nicht immer nur von Vorteil für den Patienten, wenn er die Realität außen vor lässt.

Egal, ich nehme alle meine Kraft zusammen und werde wie damals mit dem Tumor nicht aufgeben oder aufhören nach den Ursache zu suchen, bis es von selbst besser wird oder ich einen Weg finde, die Schmerzen zu stoppen. Das schulde ich meinem Sohn.

Meine ursprüngliche Familie hat derzeit verhältnismäßig banale Probleme, die sie alle sinnlos aufbauschen. Nach dem Motto: „Hach, ich weiß gar nicjht ob ich den und den noch liebe: Es ist so furchtbar! “ Dass ich meinen Job verliere, dass ich schwer krank bin, keinen Sex haben kann, keine weitere Familienplanung statfinden kann, ich meine Frau nichtmal beim Spaziergang begleiten kann: Es spielt in ihrer Welt keine Rolle. Hat es nie. Sie verstehe nichts von echten Problemen, weil sie genau genommen nie welche hatten oder selbige einfach leugnen. Sie merken gar nicht, dass sie so selbstfixiert sind, dass sie das Leben eines anderen aus der Familie vollkommen verpassen.

Genau genommen bin ich also alleine. Abgesehen von meiner Frau, meinem Sohn und deren Eltern, habe ich niemanden den ich sehe oder spreche. Nicht weil ich es nicht mag, sondern weil die Menschen kein Interesse daran haben mich auf diesem Weg einfach liebevoll, wohlwollend und in angemessener Intensität zu begleiten. Ergo, bin ich auf mich selbst gestellt.

Die Tage verbringe ich am Computer, was sonst kann man im Bett schon tun, aber selbst Videospiele lenken nicht vom Schmerz ab. Spaziergänge tun weh und Sport ist so weit ausserhalb meiner Möglichkeiten, dass ich genau genommen eigentlich bettlegerig bin. Nichteinmal zum Mittagessen kann ich mich an den Tisch setzen.

In anbetracht dieser Erkenntnis ist es um so faszinierender, dass es einfach niemandem wirklich auffällt. Einfach nur, weil alle so viel zu tun haben. Aber was tun sie eigentlich?

Ich denke vor allem tun sie viele wirre und nutzlose Dinge, die nur ihnen selbst oder ihren eigenen Familien nutzen. Warum sollte man Zeit und Energie in einen Freund investieren? Warum sollte man zum Beispiel einfach mal jemanden zum Arzt begleiten oder jemandem der seit Monaten nur im Bett liegen kann was schönes zu Essen vorbeibringen. Warum sollte man kurz mal die Pause Taste drücken im eigenen Leben, um sich auf die wichtigen und entschleunigenden Dinge zu konzentrieren? Ist es besser, wenn wir alle Verantwortung für unsere Kranken auszulagern, an Ärzte, die sie eigentlich nicht ansatzweise wahrnehmen in überfüllten Praxen? Vielleicht sollen wir verstehen, dass wir als Angehörige auch für unsere kranken sorgen können? Denn die Ärzte haben ohnehin keine Zeit.

Aber es wird sich nichts ändern. Niemand wird kommen uns sagen: „Alter, dir gehts so scheisse, es tut mir total leid, lass uns mal schauen, ob wir da zusammen was dran ändern können!“. Aber es werden hundert Leute kommen die sagen: „Wenn du wieder gesund bist, dann melde dich mal, dann gehen wir zusammen was Essen. Alles Gute. Gute Besserung.“

Letzeres mag ich nicht mehr hören. Es ist lustloses gestammel von Leuten, die sich selbst vorgaukeln möchten, dass sie veranwtortungsbewusste und fürsorgliche Menschen sind, obwohl sie vor allem eins interessiert: Sie selbst.

Also werde ich mich selbst organisieren. Und jeder der nicht bereit ist meine Realität anzuerkennen, denn ich erkenne auch seine an, hat in meinem Leben gerade keinen Platz. Ich habe nämlich vor wieder gesund zu werden. Und das geht eben nur mit echter HIlfe, nicht mit selbstgefälligem Gewäsch und nutzlosen Gesten.

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08.01.2018 – Überwinden

Das Baby entwickelt sich sehr gut und es scheint ihm gut zu gehen, hoffentlich. Ich selbst habe immer noch starke Schmerzen, liege immer noch nur herum, weil ich gar nicht sitzen kann. Selbst beim Laufen bekomme ich mittlerweile Schmerzen.

Morgen gehe ich zum MRT. Ich habe Angst.

Oft denke ich nach: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich einfach gar keine Familie gehabt hätte, anstatt eine, in der Gewalt, Chaos und Arroganz an der Tagesordnung sind. Immer wieder werde ich Zeuge davon, wie meine Mutter und Schwestern andere Menschen einfach nur kacke behandeln. Sie beanspruchen das Recht sich permanent zu amüsieren und alle anderen Menschen müssen absolut treu sein und jeder Zeit zu ihrem Spaß zur Verfügung stehen. Gleichzeitig setzen sie sich für Nichts in dieser Welt ein, um sie ein Stückchen besser zu machen.

Die Antwort ist klar: Ohne meine Familie, ganz allein, wäre ich früher Vater geworden, hätte ich mehr Selbstbewusstsein gehabt als junger Mann und hätte mich im Leben weniger verirrt.

Immer noch suche ich nach Worten um zu beschreiben, was meine Mutter an Gewalt getan hat. Aber ich finde sie nicht. Es gibt keine Worte, die die tiefe, ungefilterte Boshaftigkeit, die strategische und gleichzeitig impulsive Gewalt beschreiben können, so dass sie jemand versteht. Viele denken, es handelt sich nur um typische Gewalt in einer Familie, aber das wirkliche Ausmaß dessen, was dort vollkommen vorsätzlich jahrzehnte lang geschehen ist, versteht kaum jemand. Weil meine Mutter es auf diese Weise nur mit mir und sehr wenigen anderen ausgelebt hat.

Wenn ich zum MRT gehe, alleine, wie immer, dann weiß ich, dass es von keinem aus meiner Familie Mitgefühl gibt, ganz egal, wie schwer alles das ist mit einem kleinen Baby. Mitgefühl macht einfach keinen Spaß in meiner Familie und niemand würde etwas tun, das keinen Spaß macht, nur weil es jemand anderem gut tut. Das Selbst als Zentrum der eigenen Welt. Eine Familie von Selbstfixierten und Selbstverliebten. Ich wünscht, ich wäre mit anderen Menschen aufgewachsen.

Oft denke ich: Wenn ich zu meinem Baby so lieb sein kann, obwohl ich so extreme Schmerzen habe und so krank bin, und trotz allem was ich erlebt habe, wie schwach und krank muss dann meine Mutter gewesenm sein, dass sie geschlagen und geschrien und gewütet und gegrabscht hat, obwohl sie vermutlich einhundert mal mehr Energie hatte, als ich und meine Frau zusammen.

Es ist die Respektlosigkeit vor dem Leben, die mich von meinen Schwestern und meiner Mutter abstand nehmen lässt. Niemand von ihnen respektiert das Leben. Der Selbstmord meines Vater hat sie nie dazu bewegt, das Leben anderer mehr wertzuschätzen. Sie fühlen nicht, was ich fühle. Irgendetwas fehlt ihnen in ihren Herzen. Da, wo bei anderen echte Ruhe und echtes Mitgefühl zu finden ist, ist bei meiner Familie nicht mehr als eine funktionslose Attrappe an erlernten Verhaltensweisen, die ihnen selbst und anderen vortäuschen soll, dass sie diese Empfindungen auchhaben können. Aber sie können sie nicht haben. Meiner Schwestern haben die Genetik meiner Mutter. Wessen Kind ich bin, weiß ich manchmal nicht. Ich scheine nicht in die Familie zu passen.

Das Baby schreit. Ich habe Schmerzen. Ich bin traurig, dass meine Familie den meisten Teil meines Lebens zerstört hat, mutwillig und im Wissen, dass es mich kaputt machen wird. Oft genug habe ich gesagt, was alles das mit mir macht. Genau genommen haben ich keine Familie. Ich bin mit drei anderen Menschen aufgewachsen, die mich als notwendiges Übel betrachtet haben und unter deren Depressionen und Aggressionen ich gelidne gesagt voillkommen zermrbt wurde, weil sie ihre gesamten Krankheiten immer auf mir abgeladen haben und sich nie angemessene Hilfe gesucht haben. Nur aus einem Grund: Wegen ihrer vollkommen übersteigerten Selbstverliebtheit.

Ich wünsche mir, dass ich noch Zeit bekomme, in der ich gesund sein kann und wirklich Leben. Am besten ohne meine Schwestern und Mutter. Endlich einfach Leben, ohne Wahnsinn und Wut und Arroganz. Ich hoffe es sehr.

Denn ich liebe meine Frau und meinen Sohn und wir alle drei haben uns verdient gemeinsam auch einfach glücklich zu sein. Irgendwann. Wenn die Schmerzen und die körperlichen Folgen des Wahnsinns meiner ursprünglichen Familie überwunden sind.

29.11.2017 – Nach der Geburt

Unserem Sohn geht es gut. Er scheint gesund zu sein und benimmt sich wie ein typisches Baby. Wir sind sehr glücklich.

Immer noch habe ich täglich Schmerzen. Nur selten bin ich ok. Seit vielen Monaten habe ich nur gelegen und bin ab und zu herumgelaufen. Sitzen geht gar nicht mehr.

Trotz der extremen Schmerzen schlage ich mich jeden Tag durch und tue alles, damit es meinem Sohn gut gehen kann. Viel kuscheln, füttern, wickeln, reden, singen und noch mehr kuscheln.

Gerade jetzt liegt er auf meinem Bauch und schläft. Währenddessen habe ich fast unaushaltbare Schmerzen in meinem Gesäß. Durchhalten … Wie immer.

Immer wieder denke ich noch zurùck und frage mich warum das alles geschehen musste. Meine Mutter rennt mit ihrem neuen Freund durch die Welt. Mein Schicksal, das meines Sohnes und meiner Frau interessiert sie nicht. Immer noch hat sie sich nicht entschuldigt, dafür, dass sie mich zu dieser fatalen Operation überredet hat, nur um selbst Spaß im Krankenhaus zu haben und anzugeben. Ich mache mir derweil oft sorgen, ob und wie ich für meinen Sohn da sein kann. Wie lange kann ich das aushalten? Was, wenn es nie besser wird? All die Dinge, die ich dann mit meiner Familie nicht machen kann. All die Male, in denen ich nicht spielen kann, nur weil ich mich vor Schmerzen im Bett wälzen muss.

Immer noch versteht niemand die Dimension, in der alles mein Leben und das meiner Frau und meines Sohn beeinflusst.

Ich bin manchmal traurig, aber öfter einfach nur schockiert. Die Belanglosigkeit, mit der alle meinem Leben und dem meiner Liebsten begegnen. Die Ignoranz, die allen dabei hilft nicht einfühlsam zu sein. Nicht zu helfen, nicht mitzudenken, nicht da zu sein.

Den Kontakt mit meinen Freunden verliere ich immer mehr. Sie sind zu faul mich zu besuchen. Aber mittlerweile haben unsere Welten kaum was gemeinsam. Ich bin für meinen Sohn da, und Versuche langsam irgendwie herauszufinden, was helfen kann.

Es wird noch viel Zeit vergehen und hunderte oder tausende Tage voller Schmerzen, bis ich das geschafft habe. Es wird eine einsame Zeit. Aber auch eine Zeit mit meiner Familie.

Ich werde nicht aufgeben. Ich werde irgendwann wieder sitzen und leben können.

03.11.2017 – Der Babyschatz

Er ist da, der kleine Babyschatz. Was für eine Aktion! All die viele Vorbereitung und dann kommt er in 30 Minuten. Flupp, ist er einfach da. Kein Kaiserschnitt, keine PDA, keine Medikamente, einfach nur ein paar wilde Wehen und voila.

Jetzt liegt er zur Routinekontrolle auf der Kinderstation und ich gehe ihn ab und zu besuchen. Wiege ihn im Arm und trage meinen Mundschutz, weil ich eine fette Bronchitis habe. Ich hoffe, dass ich ihn nicht angesteckt habe, aber bisher sieht es gut aus. Irgendwie muss man für das Baby ja auch da sein.

Während meine Frau versucht zu schlafen, kämpfe ich wie immer gegen sehr starke Prostataschmerzen.

Mittlerweile wird immer klarer, dass ich von Anfang an vor fünf Jahren Recht hatte. Die Leute haben mir damals beim Einführen des Katheters in meine Prostata gestochen. Nicht ohne Grund, haben fast alle Ärzte versucht das sehr gekonnt zu vertuschen. Mittlerweile habe ich eine Ärztin gefunden, die sogar den Fachbegriff dafür genannt hat und es scheint, als würde sie bereit sein mir zu helfen. Falls man überhaupt noch etwas machen kann.

Die Schmerzen sind manchmal so unaushaltbar, dass ich selbst mit Schmerzmitteln hier im Krankenhausbett neben meiner Frau liege und weinen muss. Aber ich geb nicht auf. Bronchitis, zerfetzte Prostata. Jetzt muss ich für das Baby da sein.

Nur vier Leuten habe ich geschrieben, dass das Baby da ist. Einer meiner Schwestern, meiner Tante und zwei Freundinnen. Alles andere interessiert mich nicht mehr. Meine Mutter hat immer dagegen gearbeitet, dass ich eine glückliche eigene Familie haben kann oder überhaupt menschenwürdig leben. Meine kleine Schwester ist mittlerweile oft viel zu oberflächlich und wenig an meinem Leben interessiert. Meine Freunde sind eigentlich auch primär mit sich selbst und amüsieren beschäftigt.

Es fühlt sich gut und stimmig an, die Geburt nur mit denen zu teilen, die wirklich ab und zu da sind und irgendwie wohlwollend.

Die Schmerzen machen mich fast verrückt, aber ich habe beschlossen, dass ich wie immer nicht aufgeben. Eines Tages, werde ich gesund sein. Eines Tages werde ich wieder sitzen oder zumindest schmerzfrei liegen können. Und egal auf welchem Weg: Ich werde meinem Baby die Welt zeigen und dafür sorgen, dass es sich nicht zu sehr sorgen muss.

16.10.2017 – Was mir wichtig ist entscheide ich selbst

Alles erinnert mich an meine Jugend, in der ich nicht lieben durfte. Ich hatte keine Perspektive, weil das einzige, das mir wichtig war, nicht da war: Liebe.

Jetzt, mit der Entzündung kann ich nicht einfach lieben, körperlich. Ich würde meine Frau sofort anstecken. Oft macht es mich so traurig. Für mich ist es ein wichtiger und schöner Teil unserer Beziehung und was, wenn wir weitere Kinder haben möchten?

Auch mein Selbstverständnis als Mann ändert sich dadurch. So wir als Kind fehlt einer der wichtigsten Teile meines Lebens. Und welcher wie wichtig ist, entscheide ich selbst, niemand sonst. Niemand kann seine Wichtigkeiten einfach auf mein Leben übertragen, den Anspruch haben, dass ich einfach vergesse, was mir selbst wichtig ist.

Es ist ok, dass ich traurig bin. Es ist ok, dass ich oft verzweifelt bin. So wie als Kind, werde ich nicht froh sein, wenn diese Infektion mir einen wichtigen Teil meiner Fähigkeit nimmt zu lieben. Erst als ich eine Freundin hatte, ist meine Traurigkeit vergangen. Erst wenn die Entzündung weg ist, wird sie diesmal vergehen.

Alles erinnert mich an damals. Auch die Art, wie die Menschen arrogant darüber urteilen, ohne zu begreifen, dass sie sich nicht richtig in meine Situation hineinversetzen können.

Der von außen erhobene Anspruch: Uns ist egal, was du selbst fühlst, was deine Wünsche und Träume sind. Uns ist egal, ob wir genauso verzweifelt wären, in deiner Situation. Uns ist egal, dass du das verlierst, was wir im Überfluss haben und unseren Alltag für jns täglich mitbestimmt. Dann hast Du es halt nicht. Sei doch einfach trotzdem froh.Um den Grund für alles und deine Gefühle wollen wir uns nicht kümmern, aber wir raten dir dringen einfach glücklich zu sein, und tun so als wären wir es an deiner Stelle selbst auch, weil wir wissen, wir werden nie das gleiche erleben und deshalb können wir es uns erlauben und niemand wird je das Gegenteil beweisen können.

Nein, dass ich traurig bin ist normal. Vor allem weil absolut nichts davon so hätte kommen müssen, wenn es irgendjemanden jemals wirklich interessiert hätte. Dass ich meine Liebe verliere ist kein Zufall. Es istder effektivste Weg einen Menschen zu behindern. Es ist der sicherste Weg, ihm Hoffnung und Träume zu nehmen.

Liebe ist die eine Sache, die wir alle brauchen. Und gleichzeitig einer der Ansatzpunkte für diejenigen, die uns Schlechtes tun wollen. Lasst Niemanden Eure Liebe angreifen. Egal auf welchem Weg.

15.10.2017 – Das Gebet

Ich gehe in die Küche, setze mich kniend auf den Schachbrett karierten Boden.

Durch das Fenster sehe ich den Himmel, die Bäume, einige Häuser.
Och atme ein … aus … ein. Es ist ruhig.

Langsam falte ich meine Hände und lege sie in meinen Schoß, über die angewinkelten Beine.

Dann bete ich. Nur kurz. Klar, ich weiss, dass es keinen Gott gibt.Dort ist niemand. Aber für einen Moment lasse ich mich darauf ein.

Es fühlt sich so an, wie als Kind, eingesperrt in meinem dunklen Zimmer, betend, um durchzuhalten. So wie nach dem Selbstmord meines Vaters, in den meine Mutter in mit brachialer Gewalt getrieben hatte.

Ich versuche Kraft zu sammeln. Nicht aufzugeben.

Ich liebe meine Frau Für sie muss ich durchhalten.

Danach stehe ich wieder auf. Spüre dem Schmerz nach, der mich daran erinnert, dass ich krank bin. Dann gehe ich auf die Toilette und wieder ins Bett.

Ich glaube daran, dass ich eines Tages wieder leben kann.

15.10.2017 – Gedanken zu Gewalt und Depression

Immer wieder versuche ich alles zusammenzusetzen.

Die Bakterien sind immer noch in meinem Körper und sie halten mich davon ab Sexualität zu leben, zu sitzen und am Leben teilzunehmen.

Das schwierige an Gewalt und der mutwilligen Zerstörung von Leben und Träumen ist, dass sie entweder über viele Jahre wirkt, oder viel zu schnell passiert.

Und dass sie immer damit assoziiert ist, dass jemand etwas tut, das nur ihm ganz allein nutzt und jemand anderem schadet. Dadurch erscheint sie oft sinnlos, aber in Wahrheit ist sie es nicht. Sie ist oft rücksichtslos, unempathisch oder aggressiv, aber sie ist nicht sinnlos. Aus der Perspektive dessen, der die Gewalt ausübt, erscheint sie vorteilhaft. Der Mensch, der Gewalt, Wut, Aggression gegen einen anderen anwendet denkt oder fühlt, dass es ihm einen Vorteil bringt. Gleichzeitig ist es ihm nicht bedeutsam genug, den eigenen vermeindlichen Vorteil aufzugeben, für den Preis, den der andere durch die Gewalt bezahlen muss, oder kann ihn nicht richtig einschätzen.

Dieses Prinzip führt dazu, dass Menschen, die ihre Familie durch Drohnenangriffe verloren haben, nicht mehr verstehen können, warum dies geschehen musste. Überwiegen die angeblichen Vorteile wirklich die Nachteile? Und wenn ja, für wen.

Oft ist es kaum möglich die Gewalt zu verstehen. Weder für den Geschädigten selbst, noch für Angehörige oder Außenstehende. Vorausgesetzt, dass sie in der Lage sind den Verlust richtig einzuschätzen. Dabei gibt es nur eine einzige Person, die vollends gültige Aussagen über die Auswirkungen der Gewalt treffen kann: Der oder die Geschädigte selbst.

An Tagen wie diesen, an denen ich ans Bett gefesselt bin, Schmerzen habe und manchmal fast die Hoffnung verliere, denke ich darüber nach, wie ich so viele Menschen so viel Wut und Aggression gegen mich leben lassen konnte.

Es ist sehr schwer, das alles zu verarbeiten.

„Dann kann man sich ja eigentlich nur erschießen“, sagte meine Mutter zu mir vor einigen Wochen. Während sie sich amüsierte, durch die Welt reiste und kein einziges bisschen Mitgefühl hatte.

Es ist interessant, wie schwer die Worte: „Es tut mir leid, was ich getan habe.“ gerade den Menschen fallen, die am meisten Gewalt anwenden.

Meine Frau, die gar nichts dafür kann, muss mit mir leiden, unter den Folgen all dieser Gewalt. Keiner der Menschen, die mich gehasst und angegriffen haben, haben sich diese Frage jemals gestellt, was mit meiner Frau ist.

Eines lerne ich immer mehr: Nichts ist wichtiger, als mich von Menschen zu distanzieren, die bereit sind diese Gewalt anzuwenden. Vor allem vor denjenigen, die sie anwenden und dann leugnen.

Wie lange wird diese Entzündung dauern? Wie werde ich mit meinem Sohn leben und meiner Frau, wenn ich nicht sitzen kann. Wie wird mein Leben sein, ohne Sexualität, wie ich sie gerne mag? Wie wird mein Leben sein, ohne arbeit?

Wie lange kann ich das alles auch psychisch durchhalten? So wie immer vorher, weiss ich es nicht.

Eines Tages werden viele Menschen behaupten, ich wäre depressiv. Aber in Wirklichkeit bin ich traurig, wegen all der Angriffe, all den Schmerzen und all den Einschränkungen in meinem Leben, die nur daraus resultieren, dass mich die Menschen nicht mögen und deshalb versuchen mich zu verletzen.

Ich bin nicht depressiv. Ich bin sehr optimistisch und lebensfroh. Aber die Menschen, die mich angegriffen haben, haben sich schon immer daran gestört. So wie meine eigene Mutter.

Ein Gedicht: Das Leben gerät in Fahrt

Seit ich ein kleiner Junge war

Wollte ich immer nur lieben

Habe mich jeden Tag gefragt

Werd‘ ich davon wohl was kriegen?

 

Sport war immer nur Zeitverteib

Zwischen Stunden in denen ich träumte

Von einem Leben ohne sinnlosen Quatsch

Wobei ich (angeblich) alles versäumte

 

Menschen ohne Antworten

Auf die wichtigen Fragen des Lebens

Haben versucht mich zu unterrichten

Meistens nur vergebens

 

Hoffnungslose Liebe

hätte nie sein müssen

Es gab doch so viel freie Zeit

Zum Reden und zum Küssen

 

Ich mochte keine Mathematik

Oder irgendwelche Pokale

So viele verlorene Stunden

Im muffigen Hörsaale

 

Besitz, Erfolg, Reputation

Für viele erstaunlich begehrlich

Sind am Ende doch gar nicht so viel Wert

Seien wir mal ehrlich

 

All unsere tiefen Gefühle

Machen wirklich die Musik

Denn wenn Du nichts mehr fühlst

Bist Du sicher auch nicht verliebt

 

Man kann sie nicht verlieren

Gefühle sind immer da

Oder wegdiskutieren

Und jedes ist wunderbar

 

Erwachsen werden bedeutet nicht

Träume aufzugeben

Sondern immer wieder mal

Die guten aufzuheben

 

Warum sollen wir vergessen

Woran wir am Anfang glauben

Als Kinderträume abgestraft

Muss Leidenschaft verstauben

 

Doch viele davon sind besser

Als das, was wir heute leben

Oft sind sie unsere einzige Chance

Uns Liebe zurück zu geben

 

In einer Ecke unseres Wesens

Haben wir sie aufbewahrt

Es ist Zeit sie rauszukramen

Das Leben gerät in Fahrt …

08.10.2017 – Handy aus!

Warum eigentlich arbeiten so viele Menschen so unprofessionell? In der Firma herrscht weiterhin Chaos im Projekt. Man kommt mit doppelt so vielen Entwicklern zwar schneller voran, aber ausreichend tut das noch lange nicht. Oft wünschte ich, ich wäre gesund, um einfach alles alleine durchzuziehen.

Aber auch heute liege ich wieder nur im Bett. Stundenlang habe ich so starke Schmerzen, dass ich nichtmal schlafen kann. Immer mehr komme ich an meine Grenzen.

Mein Handy ist kaputt gegangen, aber ich vermisse es nicht. Ich möchte sowieso nicht mehr von irgendwem angerufen werden, um Floskeln zu hören. Oft wünsche ich mir richtige Freunde, eine richtige Familie. Menschen, die für einander da sind und Zeit haben.

Immer noch fällt niemandem außer meiner Frau auf, dass ich alles verliere, Stück für Stück. Was an sich ja noch ok wäre, wenn ich nicht die Schmerzen oben drauf bekommen würde.

Freunde …

Hatte ich eigentlich jemals richtige Freunde? Einige vielleicht. Aber mal ehrlich, es ist doch verblüffend, dass mich seit mehreren Monaten niemand besucht, obwohl jeder weiß, wie ich kämpfe und dass ich bald ein Kind bekomme.

Nein, richtige Freunde habe ich kaum. Und eigentlich habe ich auch nie richtig verstanden, was die Menschen so tun. All diese Fixierung auf das Selbst. Geld, Ansehn, Nervenlitzel, Wohlbefinden. Die Menschen sind alle süchtig danach und vergessen dabei den Kern allen Miteinanders. Sie halten es für Miteinander, dass sie zusammen essen gehen, aber den anderen niemals besuchen, wenn er krank ist. Sie halten es für Miteinander, wenn sie sich anrufen, aber niemals sehen, nur weil sie keinen Bock haben ihren Alltag zu unterbrechen. Sie halten es für Miteinander, wenn sie einen zum Geburtstag einladen, aber sie kommen einen nicht im Krankenhaus besuchen.

Es ist gut, dass mein Handy aus ist. Es ist gut, dass ich die Verbindungen abbreche. Würde ich sie weiterführen, würde sich doch eh nichts ändern. Um das eigene Gewissen zu erleichtern oder um sichmal zu amüsieren, ruft ab und zu jemand an oder fragt ob man schon gesund sei und wieder rauskommen möchte. So plätschert es ewig vor sich hin. Das faszinierende daran ist, dass der eigentliche Grund für die Nicht-Gemeinsamkeit der Wunsch der Menschen ist, sich pausenlos zu amüsieren und Spaß zu haben. Immer am Anschlag zum Maximum. Es macht ihnen schlicht keinen Spaß, einen Krankenbesuch zu machen oder über Dinge zu sprechen, die nicht lustig oder schön sind. Die Sucht sich selbst zu amüsieren ist sehr groß.

Würde ich das so weiter führen, würden zum Schluss alle sagen: Aber wir sind doch immer da gewesen.

Die Realität ist: Niemand ist da und jeder hat nicht mehr als fadenscheinige Gründe und Ausreden.

Es gibt also keinen Grund mein Handy wieder anzumachen. Meine Frau ist hier und gesund werden muss ich scheinbar ohnehin von alleine. Oder eben noch 40 Jahre leiden.

Dazu brauche ich allerdings keine halbherzigen Bekanntschaften, die eigentlich nichts jemals für die Welt getan haben und sich pausenlos an ihr bereichern. Menschen, die Billigklamotten kaufen und darauf scheissen, wer sie wo genäht hat. Leute, die Billigschnitzel in sich hineinstopfen, denen egal ist, wie, wie lange und wie furchtbar das Tier gelebt hat. Personen, die jedes Wochenende nach Dubai oder Südamerika jetten, und denen es gleichgültig ist, ob sie damit den Planeten und ganze Länder zerstören, nur um ein schönes Selfie zu machen und eine tolle Story für die nächste Party zu haben.

Wie weit kann man mit solchen Menschen schon kommen? Krank oder gesund? Diese Menschen sind angeblich Freunde, aber sie verhalten sich wie Arschlöcher. Würden sie nur beleidigen oder dumm sein, wäre das kein Problem. Aber sie zerstören das Leben und die Umwelt anderer Menschen. Mutwillig und ohne sich Gedanken zu machen. Und diese Zerstörung, die ihnen offensichtlich auch noch Spaß bereitet und auf die sie idiotischer Wiese auch noch sehr stolz sind, ist der Grund dafür, dass sie keine Zeit füreinander finden.

Auf gewisse Weise ist es verblüffend.

Also was verpasse ich, wenn mein Handy aus ist? Solange ich keine neuen Menschen finde, die anders sind und ihre Zeit mit mir teilen möchten … Nichts!

Im Gegenteil, ich gewinne viel. Ich erhalte einen Ausweg aus oberflächlichem Geschwurbel, aus langweiligen Lebensentwürfen, aus unachtsamem Gerüpel selbsternannter Vernunftmenschen.

Das Handy bleibt aus! Und vielleicht kaufe ich mir gar kein neues. Wenn ich gesund bin muss ich auf jeden Fall versuchen, Menschen kennen zu lernen, die lieb und gesellig sind. Oder eben mehr alleine sein. Scheiss auf das Handy!

02.10.2017 – Genervt

Bei der Arbeit kann ich mich kaum konzentrieren. Die Schmerzen zermürbend mich ziemlich.

Das Büro ist leer. Niemand ist da. Ich Arbeit alleine vor mich hin.

Selbst zum Bloggen bin ich einfach zu erschöpft. Ständig bewege ich mich zwischen Hoffnung und Desillusionierund. Zwei Tage ok, Dann wieder drei Tage Schmerzen. Immer wieder und wieder.

Ich sehe mich danach wieder an meinem Schreibtisch Zuhause zu sitzen, oder am Esstisch mit meiner Frau.