19.06.2018 – Mitternacht

Hallo Luke,

Es ist nun 1:00 Uhr und Du bist wach geworden. Ich habe Dir vorher schon Essen gemacht und Dir deine Augensalbe gegeben. Ich war noch wach und hab am Computer Serie geschaut.

Mama füttert Dich gerade und hat Dich gewickelt. Du schläfst gleich weiter. Die Schmerzen sind etwas besser geworden am Abend. Manchmal gewinne ich dann auch wieder Hoffnung.

Ich wollte nur kurz etwas schreiben, weil es mir ein wenig besser geht. In solchen Momenten denke ich immer: „Ich schaffe es!“ Davon bleibt aber nach stunden- oder tagelangen Schmerzen irgendwann nicht mehr viel übrig.

Aber immerhin: Ab und zu gibt es lichte Momente.

Meinen Job zu verlieren wird hart sein. Nicht zu wissen, ob ich jemals wieder arbeiten kann. Mama hat ja auch keinen Job, weil sie berufsunfähig ist. Aber ohne die Gesundheit haben wir gar nichts. Kein Euro der Welt wird uns etwas nutzen, oder Dir, wenn wir nicht gesund sind, um Dich gut zu versorgen. Also müssen wir mit viel weniger auskommen und mit der Ungewissheit. Ich bin nicht bereit noch mehr Risiko einzugehen. Jetzt muss ich alles tun, um meinen Zustand zu verbessern. Nicht nur für mich oder Mama, sondern auch für Dich. Es wäre dumm, nicht alles versucht zu haben.

Trotzdem bin ich oft erschöpft, kann mich kaum überwinden die Medikamente zu nehmen oder weitere Arzttermine wahrzunehmen. Irgendwann erscheint alles sinnlos und man merkt, dass die Ärzte nicht die leiseste Ahnung haben, was sie tun. Viele Behandlungen scheinen aus Verlegenheit heraus durchgeführt zu werden. Vieles sogar auf Verdacht, ohne irgendwelche wissenschaftlichen Evidenzen und trotz starker Nebenwirkungen. Also muss ich oft selbst entscheiden.

Nach so viel Erfahrung habe ich aber auch gelernt, dass nicht jeder Vorschlag einer Behandlung oder jedes Medikament wirklich gebraucht wird. Manchmal ist es das klügste nichts zu tun und durchzuhalten. Man möchte immer die Sicherheit das richtige zu tun, aber manchmal kann man sie einfach nicht bekommen. Nichtmal dadurch, dass man auf den Arzt hört.

25% gehen mit immer wieder durch den Kopf. Aber das ist nur eine Zahl, basierend auf den Erfahrungswerten des Arztes aus zwei Jahren Behandlung von Patienten mit meiner Symptomatik. Es ist kein wissenschaftlich ermittelter Wert.

Ich denke ich muss selbst herausfinden, wie meine Chancen sind.

Es war schön heute mit dir Zeit zu verbringen, Dich abends ins Bett zu bringen. Oft denke ich, dass niemand Dich so lieben könnte, wie Mama oder ich. Anders vielleicht, aber nicht genauso. Ich glaube, das ist wahr. Für jedes Kind.

Ich versuche Dir so viel von meiner Liebe zu geben, wie ich kann. Ich denke immer:

„Jede Minute, jeder Tag zählt.“

Immer wenn ich Kraft finde, Dir Aufmerksamkeit und Zuneigung zu schenken, ist es wie eine Einzahlung auf deinem Glückskonto. Und ich versuche so viel es geht einzuzahlen. Heute habe ich zumindest einiges eingezahlt. Ich bin damit halbwegs zufrieden, auch wenn ich im gesunden Zustand noch viel mehr geben könnte. Wir waren viel zusammen und haben auch zusammen gelacht, gespielt, musiziert, etwas gekuschelt.

Morgen hoffe ich Dir auch wieder möglichst viel davon geben zu können. Du bist ein super Junge. Heute beim Musikgarten warst Du sehr aktiv und hast Dich frei bewegt, hattest keine Angst. Das war schön zu sehen, für deine Mama und mich. Du bist bisher ein ruhiger, aber zielstrebiger Draufgänger, der ne gute Portion Humor hat, selbst in so jungem Alter. Es macht Spaß mit Dir zu lachen. Als Du vorhin Deine Brei-Schale herunter geworfen hast und Mama etwas genervt war, weil sie alles abbekommen hat, haben wir beide viel gelacht. Das fandest Du lustig und ich auch 🙂 Als Baby darf man sowas ja schließlich auch.

Mama und Du, ihr kuschelt nun im Bett. Meistens legen wir Dich in Dein großes Bettchen, wenn ich dann auch ins Bett gehe.

Jetzt genieße ich noch die ein, zwei Stunden ohne Schmerzen, bevor ich auch schlafen gehe. Manchmal brauche ich das einfach. Wach zu sein ohne Schmerzen. Mich kurz so zu fühlen, wie früher. Mit klarem Kopf und halbwegs zufrieden. Optimistisch, Pläne machend, entspannt. Meine Beine fühlen sich nach den langen Schmerzen dann leicht an, so als wäre ich einen Halb-Marathon gelaufen und die Muskel würden sich wieder entspannen. Ganz leicht, anders als vorher. Dann liege ich da, atme tief ein und fühle in meine Beine hinein, wie sie so leicht einfach liegen, der Schmerz kurz weg ist. Es ist ein absolut angenehmes und ermutigendes Gefühl. Irgendwann will ich es wieder dauerhaft haben.

Ich schreibe Dir morgen wieder. Ausnahmsweise habe ich mal keinen Termin. Eigentlich müsste ich zur Urologin, sogar halbwegs dringend, aber ich bin einfach so erschöpft von den Hunderten Terminen der letzten vielen Monate. Mal sehn, wie ich das mache. So schwer oder ernst die Lage auch manchmal ist: Pausen sind auch essentiell. Sie helfen dabei den Fokus nicht zu verlieren und bessere Entscheidungen zu treffen.

Ich habe Dich sehr lieb. Du bist ein süßes Baby.

Schlaf gut und bis morgen

Dein Papa

19.06.2018 – 25%

Hallo Luke,

Gerade sind wir vom Musikgarten zurück gekommen. Trotz Schmerzen habe ich Dich und Mama begleitet und die Haushaltshilfe, die auch dabei war, warum auch immer.

Das EMG wurde nicht geschrieben, weil die Diagnose ja schon gestellt ist. Der Neurologe sagt, ich habe eine 25% Chance wieder gesund zu werden. Dazu muss ich aber jede Woche weit fahren, um Spritzen zu erhalten, die nur vielleicht überhaupt irgendwas bringen. Eine wirkliche Behandlung gibt es nicht. Entweder habe ich viel Glück oder eben nicht. Entweder habe ich ein Leben voller nicht auszuhaltender Schmerzen, die meine Persönlichkeit aushöhlen wie einen Schweizer Käse, oder ich habe Glück und werde wieder gesund.

Ich habe im Mon Bijou Park geweint, in der Stadtmitte. Vormittags ist er noch leer. Ich habe geweint, weil ich an Dich denken musste und weil ich mir so sehr wünsche, dass wir beide zusammen ein Team sein können im Leben, wenn Du es magst. Ich habe auch geweint, weil ich jetzt viel kämpfen muss mit einer kleinen Chance darauf, dass es überhaupt etwas bringt. Und weil ich alleine bin, wie ich hier ja schon oft geschrieben habe. Ich erinnere mich an all die Ärzte, die mich angeschrien haben und angegriffen haben, sogar Therapeuten. Dabei war ich die ganze Zeit ernsthaft krank ohne das mir irgendwer geholfen hat. Es ist sinnlos, dass ich jetzt in dieser Situation bin, und indirekt auch Du. Nur weil Menschen unprofessionell gearbeitet haben und impulsiv ihre Gefühle rausgelassen haben, ganz so wie ich es als Kind schon in meiner Familie gewöhnt war.

Als ich fertig geweint habe, bin ich zu besagtem Musikgarten gefahren. Ich wollte nicht alleine sein. Aber die ganzen Menschen dort, die sich über ihre kleinen Wehwehchen unterhalten haben, sind mir eigentlich nur auf den Keks gegangen. Migräne … wenn ich tauschen könnte, würde ich es sofort tun.

Jetzt sind wir wieder zuhause. Ich bin sehr erschöpft. Ich kann niemanden anrufen, weil niemand so reagieren wird, wie es mir gut tun würde. Keine Lust auf Floskeln, Pseudomitleid und unrealistischen Optimismus.

Mama spielt mit dir in der Küche. Ich werde nun versuchen zu schlafen. Danach muss ich der Arbeit schreiben, dass ich lange nicht mehr kommen kann, was immer das dann bedeutet.

Ich höre Dich plappern und etwas schreien. ich will bei Dir sein. Ich kann es nicht, ich bin total erledigt und meine Gefühle zerfetzen mich immer wieder, wenn ich Dich sehe. Ich versuche runterzukommen und auf die 25% zuhoffen …

Ich kann nicht mehr. Aber es muss weitergehen.

Ich liebe Dich und hoffe, dass ich später mit Dir zusammen noch etwas rausgehen kann, ob mit oder ohne Schmerzen.

Dein Papa

18.06.2018 – Schlafen gehen

Hallo lieber Luke,

Du schläfst. Es ist fast Mitternacht. Mama liegt mit Dir im Bett und ich schaue die Pressekonferenz des Weißen Hauses auf CNN.

Im Moment sind meine Schmerzen sehr viel besser. Oft geschieht das eher am Nachmittag oder Abend, wenn es geschieht. Ich bin etwas müde und erschöpft. Morgen muss ich zum Beckenboden EMG gehen, aber ich weiß noch nicht, ob ich das wirklich tun werde, weil man dazu auch Nadeln in die Nähe der Nerven gesteckt bekommt. Das ist auch ein Risiko. Manchmal sind die Entscheidungen, die ich treffen muss sehr schwer und niemand kann sie für mich treffen.

Du siehst sehr süß aus, wenn du schläfst. Wir haben abends noch ein bisschen Spaß gemacht und zusammen gespielt. Wir haben etwas Xylophon gespielt und mit den Bauklötzen. Du kannst noch nicht viel damit anfangen, aber wir finden meistens einen Weg damit zu spielen. Dann habe ich Dir „kleiner Bär“ vorgelesen und anschließend haben wir Dir noch einmal Essen gegeben, wonach Du eingeschlafen bist.

Ich bin froh, dass ich auch Zeiten mit weniger Schmerzen habe, in denen ich mit Dir spielen kann. Es macht viel Spaß.

Dann habe ich noch das Aquariumwasser gewechselt und etwas Essen warm gemacht für Mama und mich.

Manchmal muss ich daran denken, dass ich am Donnerstag das MRT Ergebnis bekomme. Mittlerweile habe ich Übung darin und es ist sehr wahrscheinlich, dass alles ok ist. Trotzdem, es ist eine Situation, in der man ab und zu nachdenklich wird.

Ich freue mich, Dich morgen wieder zu sehen, wenn wir zusammen aufwachen.

Ich habe Dich sehr lieb und wünsche Dir eine gute Nacht.

Dein Papa

 

18.06.2018 – Kein Brief

Hallo Luke,

Du bist mit Mama zu einer Freundin weitergefahren, nachdem wir zusammen beim MRT waren. Wie immer konnte ich nicht mitkommen, weil ich nicht sitzen kann und Schmerzen hatte. Jetzt liege ich wieder zuhause und versuche zu warten, bis es mir hoffentlich irgendwann besser geht.

Das Ergebnis des MRT bekomme ich erst am Donnerstag. Es heißt also wie üblich warten. Deine Mama hat heute überlegt einen Brief an meine Familie zu schreiben, weil es mir schlecht geht, aber wir haben zusammen nachgedacht und beschlossen, dass das nichts helfen wird. Es würde vielleicht ein paar Wochen dazu führen, dass meine Familie aufgedreht anrufen oder vorbeikommen würde, zwischen Freunden, Hunden und Feierei, aber es würde auch sicherlich wieder darin enden, dass niemand zur Ruhe kommt, meine Probleme als nichtig oder weniger wichtig deklariert werden und alles als „eigentlich doch ganz einfach“ bezeichnet wird, obwohl das halbe Internet voll ist von verzweifelten Menschen, die ganze Kontinente wechseln, um eine wenig chancenreiche Behandlung für ihre nicht auszuhaltenden Schmerzen zu finden. Meine Schwester würde wieder aufgesetzt lächeln und sagen: „Aber es geht schon ja?“

Dann schweige ich und denke mir: „Nein, es geht nicht!“

Wenn ich mutig bin sage ich es und ernte nur einen angepissten, abgehobenen, angewiderten, überheblichen Blick aus dem Augenwinkel, der eigentlich sagt: „Ich wünschte ich könnte Dir in die Fresse hauen, du arroganter Arsch, dafür, dass Du mich nicht einfach in Ruhe lässt in meiner Welt, mit deinen scheiß Problemen.“

Ich denke dann an meinen Sohn und daran, dass all diese Wut und Ignoranz mir und indirekt ihm weh tun und unser Leben direkt angreifen. Meine Schwester, meine Mutter, meine andere Schwester, sie fühlen nur wütende Überlegenheit und fühlen sich unfair behandelt. Obwohl ich nichts dafür kann, dass ich krank bin und nie gesund werden konnte, weil niemand mir geholfen hat, außer mir selbst. Aber selbst dafür, dass ich sie zu Recht indirekt oder direkt danach frage: „Warum?“ Nicht nur aus Wut, sondern weil ich es logisch und emotional nicht verstehen kann, selbst dafür nehmen sie sich selbst das Recht wiederum wütend auf mich zu sein, anstatt ehrlich zu antworten. Ehrlichkeit scheint leider nicht ihre ausgeprägteste Tugend zu sein.

So oder ähnlich würde es enden, bis alle mich wieder anschreien oder mich belehren, mit nachweislichen Unwahrheiten, und ich dafür, dass ich Wut erfahren habe und Verletzung neue Wut bekomme, damit ich endlich schweige, die Fresse halte, sie endlich in Ruhe lasse. Dafür würden sie mich wieder und wieder und wieder verletzen, alleine lassen, angreifen. Und wieder würde ich keine Antwort haben und sowieso keine praktische Unterstützung, die mich nicht vollkommen aus der Ruhe bringt, weil niemand kurz die Stopptaste drücken und wirklich mit mir zusammen leben kann.

Also haben wir beschlossen, dass es nichts bringt zu schreiben. Und sind beide traurig gewesen.

Immer wieder sehe ich das Bild meiner feiernden Schwester, die schon als Kind nie mit mir spielen konnte, weil es immer darum ging ausschließlich das zu spielen, das ihr Spaß macht und die aus unserer Existenz früh einen Wettkampf gemacht hat, wessen Hobbies besser sind, die sich als Kind schon nie dafür interessiert hat, was ich oder meine Schwester oder ihre Freunde fühlen oder sich wünschen.

Nein, es bringt nichts, wenn meine Frau schreibt. Meine Familie hat nach dem Tod meines Vaters nie nachgedacht oder Ruhe gefunden. Und auch nicht nach meinem Tumor oder meinem Aufenthalt in der Psychiatrie. Auch nicht, nach dem Operationsfehler oder als meine Frau die Psychose hatte. Wie hoch sind die Chancen, dass meine Familie diesmal ruhig, angemessen verständnisvoll oder hilfreich reagiert? In Anbetracht des schier unfassbaren Ausmaßes an vorsätzlicher Ignoranz und Bagatellisierung würde ich sagen: nicht existent.

Also wird sie nicht schreiben. Wir werden weiter versuchen alleine zurecht zu kommen. Das ist trotz nicht auszuhaltender Schmerzen und doppelter Berufsunfähigkeit immer noch besser als impulsive Wut, aktive Ausgrenzung, wiederholte Leugnung vergangener Aggression, unhaltbaren Vorwürfen und wirrem, hyperkativem und überheblichem Gebrülle gepaart mit unreflektierten und unsensiblen Verallgemeinerungen, die ohne jegliche eigenen Erfahrungswerte mit schwerer Krankheit oder Gewalt spontan getätigt und selbstgerecht niemals bereut werden.

In der Welt gibt es kein Problem, das groß genug ist, um zu rechtfertigen, dass ich Hilfe brauche. Aber es gibt auch kein Problem, das klein genug ist, das sie sofortige Hilfe brauchen.

Also kein Brief.

Ich hoffe, dass ich alleine durch komme, es in einigen Jahren aufhört weh zu tun, und ich dann für immer ohne die Menschen leben kann, die mich überhaupt erst mit in diese Situation gebracht haben.

Jetzt werde ich weiter liegen, vielleicht etwas schlafen. Ich bin erschöpft. Etwas traurig, aber froh, am leben zu sein und Dich später zu sehen.

Dein Papa

 

 

 

 

18.06.2018 – Mein Vater hatte keine Freunde

Hallo lieber Luke,

Jetzt schläfst Du. Deine Mama hat Dich eben in einem Kindergarten angemeldet. Gestern bist Du auf dein Gesicht gefallen, als ich nicht aufgepasst habe und hast sehr geweint. Es sah ziemlich schmerzhaft aus. Manchmal kann ich schwer nachvollziehen, wie meine Mutter mit solche Schmerzen absichtlich geben konnte und dabei nichts empfinden, außer vielleicht Genugtuung und Freude.

Es tat mir so leid, dass Du auf deine Nase gefallen bist und ich hab mich schlecht gefühlt, dass ich nicht achtsamer war. Aber es scheint nun ok zu sein.

Heute muss ich zum MRT, um zu gucken, ob der Tumor gutartig ist, in meiner Hand. Sehr wahrscheinlich ist er es, aber es ist wichtig, dass ich trotzdem die Untersuchung machen lasse, auch um dann zu operieren.

Die Schmerzen waren nachts ok und morgens, aber jetzt werden sie wieder etwas stärker. Trotzdem, ich bin in einem Zustand, in dem ich schreiben kann und auch etwas am Leben teilnehmen, etwas rausgehen. Ich hoffe, dass es mit der Zeit immer weiter besser wird, bis ich irgendwann wieder normal leben kann. Aber das wird vermutlich noch eine ganze Weile dauern, wenn es passiert.

Nachher gehen wir zusammen zum MRT. Ich freue mich darauf, dass ihr mitkommt, deine Mama und Du. Es ist schön, nicht ganz alleine zu sein und vielleicht können wir dann ja noch etwas zusammen unternehmen, wenn es mir weiter gut geht.

Ich möchte jeden Tag so gut es geht nutzen, um schöne Dinge zu machen. Um meine Zeit mit Euch beiden zu verbringen. Du bist mittlerweile sehr aufgeweckt und versuchst wie ein typisches Baby alles zu erkunden. Ab und zu beschwerst Du Dich, wenn nicht alles geht, aber an sich bist du sehr ruhig. Eben bist Du in meinem Arm eingeschlafen. Das war sehr schön.

Es ist gerade einmal 9:40 und es liegt noch ein ganzer Tag vor uns. Heute werde ich vielleicht schwimmen gehen, nach dem MRT, damit ich weiter daran arbeiten kann, gesund zu werden. Vielleicht hilft die Bewegung ja oder kann mir zumindest dabei helfen besser mit den Gefühlen zu arbeiten, die durch die Isolation und die Behinderung selbstverständlich aufkommen.

Im Moment ist jeder gute Tag ein Gewinn für mich. Immer weniger mache ich mir Sorgen darum, was langfristig geschieht, einfach weil ich es mir nicht mehr leisten kann. Ich weiß es nicht und es würde mich davon abhalten, meine Zeit bewusst mit Dir zu verbringen und für meine Gesundheit zu arbeiten.

Jeder Mensch hat letztendlich ein Schicksal. Zugegeben, es ist auch sehr viel durch andere bestimmt, besonders in meinem Fall. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht der Weg ist, den ich nun eben annehmen muss, sei er durch die Aggression anderer maßgeblich geformt oder einfach durch den Lauf der Dinge. Letzteres ist natürlich viel leichter zu verarbeiten.

Gestern habe ich aus einem Foto, das ich online gefunden habe, von meiner Schwester, wie sie vor einer Woche gefeiert hat, ein kleines Kunstwerk erstellt. Ich habe das Bild ausgedruckt und auf ein DIN 3 Blatt geklebt. Danach habe ich den Tagebucheintrag von diesem Tag, dem 11.06.2018, herausgesucht und einzelne Textstellen per Hand neben und um das Bild herum geschrieben. Anschließend habe ich mit einem Marker einige Worte hervorgehoben, etwas Tip-Ex für Korrekturen benutzt und dem Bild eine passende Bezeichnung verpasst.

Das hat gut getan, weil ich damit meine Gefühle ausdrücken konnte. Und weil ich das eigentlich Problem zeigen konnte, ganz deutlich, das meinem Vater und auch mir so viel Schmerzen verursacht hat: Alle machen eine Sause und scheißen darauf, ob jemand währenddessen kaputt geht.

Natürlich wollte ich keinen Kontakt mehr mit meiner Familie, aber nur deshalb, weil eben genau das immer so geschieht. Alle feiern, während einer in Arsch geht, ganz egal wer. Sich präsentieren, gesehen werden, seine eigenen Bedürfnisse nach Spaß, Sexualität und vielem mehr füttern, anderen zu zeigen, dass man ja so glücklich ist, gut auszusehen, attraktiv zu sein, erfolgreich zu sein, klug zu sein, lustig zu sein, … Alles das ist für die drei Frauen in meiner ursprünglichen Familie so wichtig, dass sie bereit sind dafür jedes Problem von mir, jedes Problem meines Vaters damals, jedes ungewünschte Gefühl, jede unbequeme Wahrheit wegzuwischen und stattdessen lieber tanzen oder Eis essen zu gehen oder mit Freundinnen heiße Selfies zu schießen oder irgendwo pseudo-klugen und tatsächlich wenig reflektierten Kram daherzuplaudern, um sich in Gesellschaft überlegen zu fühlen.

Mein kleines Kunstwerk drückt zumindest einen Teil davon aus.

Oft denke ich daran, wie es nach dem Selbstmord meines Vaters war. Fast alle Menschen haben meinen Vater anders dargestellt, als er war. Sie haben die Intention seine Selbstmordes vollkommen falsch interpretiert, meistens um sich selbst der Verantwortung zu entziehen. Sie dachten er sei krank gewesen, weil Depression ja eine Krankheit sei. Ich habe mit meinem Vater zusammen gelebt, bis an den Tag vor seinem Selbstmord. Er war nicht krank, er war nicht unnormal. Niemand hat ihn geliebt zu diesem Zeitpunkt. Nicht einmal ich. Wir alle waren gemein zu ihm, angestachelt von meiner Mutter, die nur gehetzt hat und uns als Kinder auch dazu benutzt. Als mein Vater starb, war er traurig und alleine, weil er wirklich allen Grund dazu hatte und tatsächlich niemand für ihn da war. Weder seine Geschwister, noch sein Vater, noch seine Frau, noch seine Kinder, noch seine Kollegen, noch seine Freunde. Mein Vater hat sich umgebracht, weil er vollkommen zu Recht traurig und verzweifelt war und einsam. Klar, hätte er an mich und an meine Schwester denken und durchhalten müssen. Aber so, wie die anderen es darstellen, nachdem er selbst nichts mehr dazu sagen kann, ist es nicht geschehen – sicher nicht.

Auch deshalb schreibe ich so viel, weil, sollte mir doch etwas passieren, die Geschichte von meiner Familie umgedeutet und verzerrt wird und Du als Sohn niemals die Wahrheit kennen würdest, weil Du noch zu klein bist.

Nach dem Tod eines Menschen, schaffen sich die Hinterbliebenen oft eigene Versionen dessen, was der Verstorbene wohl gefühlt hat, sich gewünscht hat und warum es dazu kam, dass er gestorben ist.

In meinem Fall würde meine Familie vermutlich ungefähr so reagieren:

  • Er war ja immer sehr krank
    • was nicht stimmt, denn ich war Leistungssportler und bis ich 25 war kerngesund
  • Die Depression lag ja in der Familie
    • Allerdings ist sie sicher nicht genetisch, da es keine rein genetische Depression gibt, das ist ein Fakt. Und die Depression ist eher durch die Weitergabe katastrophaler Familienzustände zu erklären, durch Gewalt Unterdrückung und Herzlosigkeit
  • Er hatte einfach so ein Pech, dass er den Krankenhausunfall hatte
    • Entgegen meines eigenen Wunsches, habe ich auf aggressives Drängen meiner Mutter hin die Operation durchführen lassen
    • Niemand hat mir wirklich geholfen oder sich für meine Krankheit interessiert, nachdem ich kaputt gemacht wurde
    • Niemand hat mich im Krankenhaus vor der ärztlichen Gewalt verteidigt
    • Durch familiäre Ausgrenzung in Konsequenz der kollektiven Leugnung des Missbrauchs hatte ich keine Möglichkeit mich als Student einfach krank oder arbeitslos zu melden. Stattdessen musste ich arbeiten gehen, trotzdem ich Blut gepinkelt habe und nicht sitzen konnte
    • Meine Familie hätte hunderte von Male helfen und mein Problem mit lösen können.
  • Der Tod seines Vaters hat ihn kaputt gemacht
    • Der schlimmere Faktor war die Gewalt und Rückkehr meine Mutter
    • Schlimmer war, dass ich den Tod und vor allem auch die Aggression meiner Mutter, die dazu geführt hat, nie verarbeiten durfte. Und dass ich von meinen Schwester und meiner Mutter unter Aufwand extremer Wut und regelmäßiger Angriffe aktiv und wiederholt daran gehindert wurde, um ihn zu trauern und meine Gefühle aufzuarbeiten.
    • Das Wissen, dass meine Mutter meinen Vater bis in den Tod gemobt hat, ohne jemals dazu zu stehen oder sich rechtfertigen zu müssen oder irgendeine Konsequenz zu erfahren. Stattdessen wurde sie von meinen Schwester, entgegen der Tatsachen und trotzdem sie auch mich genauso gemobt hat, verteidigt und glorifiziert. Was wirklich geschehen ist, wird bis heute mit allen Mitteln bekämpft.
  • Er war oft wütend
    • Ziemlich sicher nicht. Die Menschen haben oft ganz absichtlich Wut mit scharfer Kritik verwechselt. Auch um die Kritik abzuwerten, weil sie ansonsten Aktion erfordert hätte. Die Wut anderer Menschen, die andere und mich selbst verletzte hat, zum Teil eben auch in den Tod getrieben, habe ich immer deutlich und ohne Kompromisse kritisiert. Weil man es muss. Es darf dafür keine Entschuldigung geben, die keine Konsequenzen für die Zukunft mit sich bringt.

Wenn ich manchmal daran denke, was andere reden würden, wenn ich gestorben wäre und sie einmal zusammenkommen würden, um danach zusammen Kuchen zu essen oder was weiß ich, dann wird mir oft einfach nur übel. All die Leute, die dann erzählen was lustig war und diese und jene Situation. Aber keiner wird sich hinstellen und sagen: Der Kerl wurde kaputt gemacht und misshandelt und deswegen ist er nun tot.

Sie werden so tun, als wäre alles unvermeidbar gewesen und als hätte niemand von Ihnen irgendetwas tun können. Die Wahrheit wird sein, dass sie hunderte oder gar tausende von Gelegenheiten hatten etwas zu verändern, insbesondere wenn ich über die Gewalt gesprochen habe oder während ich hunderte von Arztbesuchen alleine absolviert habe.

Ganz ehrlich: Als mein Vater starb, war niemand auf dieser Beerdigung sein Freund. Niemand hatte das Recht sich noch als seinen Freund zu bezeichnen. Die Leute hatten all seine Probleme ignoriert und auch die Gewalt meiner Mutter gegen ihn, jahrelang. Keiner der Menschen dort war sein Freund. Vielleicht ist es niemals jemand gewesen. Aber alle haben so getan, als wären sie es gewesen. Die Beerdigung hätte mit meinen Schwestern und mir alleine stattfinden sollen. Wir waren die letzten und einzigen, die noch bei ihm waren, bevor er sich umgebracht hat. Alle anderen haben sich nur um sich selbst gekümmert und hatten keinen Bock auf die Themen, die meinen Vater beschäftigt haben.

Jetzt muss ich zum Zahnarzt gehen, weil mir eine Füllung fast rausfällt. Ich schreibe später wieder.

17.06.2018 – Vorm Abholen vom Bus

Hallo Luke,

Gleich hole ich Dich und Mama ab, von dem Ausflug zum Babykonzert. Ich war Skaten, bin etwas gefahren. Jetzt liege ich wieder und habe Schmerzen. Denke nach.

Ich schreibe meine Gedanken für Dich auf. Damit Du weißt, was mich bewegt hat. Als mein Vater sich umgebracht hat, nicht mehr bei mir sein konnte, wusste ich nichts über ihn. Weder was er gedacht hat, noch was er gefühlt hat. Bis heute weiß ich so gut wie nichts. Nur kleine fetzen. Du sollst die Möglichkeit haben, herauszufinden wer ich bin und war, selbst wenn alles irgendwie anders läuft als ich es mir jetzt wünsche und immer noch plane.

Du bist mein absolutes Wunschkind. So lang in meinem Leben haben ich mir gewünscht, dass ich einen Sohn haben kann, wie Dich. Eben genau Dich. Ich wusste immer, dass ich lieb zu Dir sein würde und dass ich gut für Dich sorgen würde, wenn ich es könnte. Meine eigene Mutter hat mir oft gesagt, dass ich es genauso schlecht machen würde wie sie, dass ich auch aggressiv sein würde, die gleichen Fehler machen. Nichts davon ist wahr gewesen oder ist es jetzt. Ich liebe Dich sehr.

Mein Atem ist schwer und ich weine, auch weil traurige Musik in der Serie spielt, die ich gerade nebenbei gucke ^^ Aber ich weiß, dass ich sehr stark sein muss, und dass Du vielleicht auch stark sein musst. Nicht wegen einem Zufall oder weil die Welt an sich besonders hart ist, sondern weil meine Mutter wollte, dass ich nicht ehrlich glücklich bin. Und leider hat sie es so übertrieben mit ihrer blinden Wut, dass ihr Wirken durch meine Verletzung bis in Dein leben getragen wird, selbst wenn ich alles tue, um dies zu verhindern, mit aller Kraft, die ich habe.

Jeden Tag will ich dafür arbeiten, dass Du eine neue Chance bekommst, ein Leben, das frei ist von dem Gefühl gehasst oder verlassen zu sein. Jeden Tag gebe ich alles, selbst hier im liegen, um es für Dich schön zu machen, um gesund zu werden, auszuheilen, die kleinste Chance zu nutzen, um zu verhindern, dass alles so wie mit meinem Vater in einer Tragik endet, die eigentlich nie zu meinem Leben gehört hätte – und auch nicht zu Deinem gehört.

Ich bin froh, dass ich Dich habe, denn es hätte genauso gut sein können, dass ich in dem Krankenhaus sterbe oder mich aus Verzweiflung durch die Unterdrückung durch meine Mutter umbringe, oder aus Traurigkeit meinen eigenen Vater nie mehr wieder zu sehen und zu wissen, dass er gestorben ist, weil meine Mutter nicht aufhören konnte ihn für jede Faser seines Wesens zu hassen und es ihn spüren zu lassen, immer und immer wieder. Es ist ein komisches Gefühl, wenn man Zeuge ist, wie ein Mensch einen anderen dazu bringt sich umzubringen, indem er ihn selbst dann noch verletzt, wenn er schon am Boden zerstört ist und eigentlich aufgegeben hat. Wenn ein anderer Mensch, entgegen aller üblichen Erwartungen, keine echte Trauer empfindet, sondern zufrieden damit ist, dass der eigene Vater tot ist. Wenn die Beerdigung mehr ein soziales Event ist. Wenn es keinen Grabstein gibt und nur Fertigtorte.

Ich gehe jetzt los, Euch abholen. Ich gebe wie immer nicht auf. Ich verstehe jetzt, dass alle Menschen in meinem Leben, außer deiner Mama und ein paar sehr wenige, alle keine Freunde waren. Denn niemand hat sich je darum gekümmert, was aus mir wird, ohne meinen Vater.

Ich will leben und da sein. Für Dich.

Bis gleich

Dein Papa

17.06.2018 – An mich selbst: Was die anderen so tun

Heute ist Luke mit seiner Mama unterwegs, sie sind zu einem Konzert gegangen, in Potsdam, für Kinder, zusammen mit einer Freundin und ihrer Tochter. Weil ich nicht sitzen kann, bin ich zuhause geblieben. Ich vermisse mein altes Leben. Oder überhaupt ein Leben.

Manchmal gibt es Tage, an denen ich mich kämpferisch fühle, Optimismus praktiziere. Aber an Tagen wie heute bin ich einfach nur traurig. Immer wieder versuche ich zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, dass ich immer weiter kaputt gegangen bin und auf dem Weg dahin so viel Wut anderer erfahren habe, obwohl ich durch die Fehler von den Ärzten erst in diese Situation gekommen bin. Eine für mich fast nicht zu bewältigende Situation.

Immer wieder versuche ich zu verstehen warum. Auf dem ganzen Weg habe ich meine Familie und die Ärzte so oft um Hilfe gebeten. Irgendwie hatte keiner von allen jemals eine wirkliche Verbindung zu mir. Die Verbindung wurde permanent abgelehnt oder reduziert, auf ein der Situation nicht angemessenes Level, so dass weder die gesundheitlichen, noch die emotional daraus entstehenden Probleme gelöst werden konnten. Darin besteht die eigentliche Gewalt, die ich zu lange nicht erkennt habe. Sie beruht auf der glasklaren Entscheidung aller Beteiligten, dass es sich nicht lohnt oder nicht notwendig ist, mehr Energie oder Zeit in mich als Person und mein Leben zu investieren. Selbst wenn dies bedeutet, dass ich alles verliere, Job, Sexualität, Familienplanung, die Möglichkeit mich uneingeschränkt um meinen Sohn zu kümmern, meine Fähigkeit zu sitzen.

Oft fühle ich, dass ich kurz davor bin, das ganze so zusammenzufügen, dass ich es nachvollziehen kann. Eigentlich ist es im Prinzip sehr einfach. Für die Menschen, die in meinem Leben behauptet haben, mich zu lieben oder professionell zu behandeln, gilt folgendes:

Mein Leben ist nicht wertvoll genug gewesen, um die notwendige Energie zu investieren, um es zu schützen oder zu reparieren.

Das erschreckende daran ist, dass man, rückblickend betrachtet, wirklich wenig Energie gebraucht hätte. Alleine die Entscheidung mich ernst zu nehmen – und es gab keinen einzigen Grund es nicht zu tun, denn ich habe niemals gelogen und alles was ich gesagt habe war klar nachvollziehbar – und die Entscheidung jeden Monat ein Kuchenessen oder einen Fernsehabend ausfallen zu lassen, hätten vermutlich gereicht, um mich jetzt gesund und munter mit meinem Sohn und meiner Frau in Potsdam ein Konzert zu hören.

Ich würde meine Frau in den Arm nehmen, wir würden lachen, ein bisschen tanzen. Ich hätte Luke auf dem Arm, würde ihn streicheln und für ihn mitsingen. Abends würden wir fröhlich ins Bett fallen, erschöpft aber einfach glücklich.

Das vermisse ich. Stattdessen liege ich im Bett und schaue eine Serie, die mich eigentlich nicht interessiert. Überlege jede Minute, was ich noch tun kann, um aus dieser tatsächlichen Hölle herauszukommen. Überlege wann ich meine Arbeit verlieren werden und dass es vielleicht besser ist, als die Heilung aufs Spiel zu setzen. Währenddessen schmerzt es in meinem Körper. Das Liegen macht mich fertig. Nicht nur psychisch, sondern auch weil es meinen Blutdruck beeinflusst, weil ich die Welt immer nur aus einer Perspektive sehe.

Während ich jetzt hier liege ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass meine Schwestern ihr Wochenende genießen oder ihr größtes Problem daraus besteht, dass sie sich nicht entscheiden können welches Kleid sie anziehen sollen oder welchen Mann sie nun gerade lieben möchten. Meine Mutter rennt vielleicht lachend durch die Welt und beeindruckt wie immer die Familie von ihrem aktuellen Partner oder befasst sich mit den Hunden, die 10000% mehr Zeit und Liebe bekommen, an jedem einzelnen Tag, als ich in meinem gesamten Leben von ihr ehrlich erhalten habe. Meine Freunde machen Familienausflüge, Fahrradtouren, Spielplatzbesuche, Familientreffen. Sie wurden nicht missbraucht, ihr Vater wurde nicht in den Selbstmord gemobt, sie wurden nicht in Krankenhäusern durch einen provozierten Operationsfehler behindert und dann vorsätzlich von Fachpersonal vernachlässigt und immer wieder angegriffen. Sie genießen einfach ihren Sonntag und es gibt für sie keinen Grund der Welt sich mit mir zu treffen oder mit mir gemeinsam zu kämpfen. Der Deal ist einfach nicht attraktiv für sie. Sie gewinnen nichts oder zu wenig, wenn sie mir helfen würden. Sie investieren aus freier Entscheidung in ihre eigenen Familien und Karrieren, und zwar kompromisslos.

Die Ärzte, die mich vorsätzlich und einfach aus Wut und Größenwahn kaputt gemacht und diskriminiert haben, sind vermutlich irgendwo Mountainbike fahren oder sitzen in ihrem Garten in irgendeiner Villengegend der Stadt, mit ihren Kindern, die sie besuchen, und tun so als wären sie liebevolle und großartige Menschen.

Meine Arbeitskollegen und Chefs genießen vermutlich ebenfalls den Sonntag Nachmittag und alles was sie wirklich interessiert ist ihr Gehalt, ihr Profit oder dass das nächste Projekt gut läuft.

Ich liege hier, überlege, wie ich weitermachen soll, wie ich es schaffen kann, dass meine Welt aus nicht auszuhaltenden Schmerzen sich trotzdem irgendwie aushalten lassen, körperlich und emotional. Schmerzmittel wirken bei Nervenkrankheiten leider nicht.

Von meinem Sohn getrennt zu sein, macht mich immer wieder völlig fertig. Aber ich weiß, dass ich keine Wahl habe und meine Frau nun die Hauptarbeit machen muss. Wenn ich es schaffe wieder gesund zu werden, dann kann ich wieder mitmachen. Ich vermisse sie beide. Aber wenn sie da sind, bin ich oft wie gelähmt, weil ich nicht weiß, wie es mit mir weiter geht und wie ich für sie da sein kann.

Gleich werde ich versuchen wie immer zu kämpfen, indem ich rausgehe und Skates fahre. Ich hoffe, dass die Bewegung mir helfen kann, aber es ist mehr eine Illusion, als eine wirklich funktionale Strategie. Zeit überbrücken. Etwas Normalität haben oder zumindest so tun. Das Gefühl haben aktiv zu sein, anstatt passiv.

Ich denke daran, wie alles geschehen ist, wie ich ganz allein im Krankenhaus um mein Leben gekämpft habe und dabei von den Ärzten nur angefeindet wurde und keine Hilfe bekommen habe.

Ich muss es schaffen, hier rauszukommen. Ich muss.

Und ich darf nie wieder jemandem vertrauen, der nicht mein Sohn oder meine Frau ist.

15.06.2018 – Ein schöner Tag trotz Zahnbehandlung

Hallo lieber Luke,

Heute war ein schöner Tag. Deine Mama, Du und ich, wir sind zu dritt nach meinem Zahnartzbesuch einkaufen gefahren. Ich habe mir Skates gekauft, damit ich Sport machen kann. Klar, habe ich mich auch ordentlich hingelegt mit den Dingern. Das letzte Mal, als ich gefahren bin, war ich ungefähr 14 und habe damit in Half-Pipes geübt und an Geländern gegrindet. Aber irgendwie war es mir dann doch zu öde und in der Stadt gab es damals noch kaum gute Orte zum Skaten. Also versuche ich nun mich wieder damit anzufreunden. Es hat viel Spaß gemacht, aber ich muss auch ausgesehen haben, wie ein Anfänger.

Wir sind ins Familienzentrum gegangen und haben zusammen mit den anderen Gesungen und gespielt. Du hast auf jeden Fall viel Spaß gehabt und warst auch gar nicht ängstlich. Du spielst oft genau in der Mitte vom Kreis und hast auch keine Angst mit anderen Kindern Kontakt aufzunehmen.

Meine Schmerzen sind besser, sonst hätte ich das alles gar nicht machen können. Vielleicht haben sich all meine Anstrengungen ja gelohnt? Ich weiß es noch nicht. Ich genieße einfach diesen schönen Tag mit Euch.

Am Montag habe ich einen MRT Termin, wegen dem Ganglion an der Hand, um die Operation damit vorzubereiten und um auszuschließen, dass es ein weniger guter Tumor ist. Ja, davor habe ich auch Angst, manchmal. Es ist immer wieder etwas fordern, in die Röhre zu krabbeln und dann auf das Ergebnis zu warten. Ich hoffe, ich muss kein Kontrastmittel nehmen. Die sind nämlich weitaus nicht so harmlos, wie die Leute oft denken oder einem erzählen. Lineare Kontrastmittel für MRTs sind gerade in diesem Jahr im März verboten worden, für fast alle Untersuchung, weil sie eben nicht garantiert aus dem Körper gewaschen werden können und sich anreichern können. Und Gadolinumvergiftungen sind sicher nicht schön. Vor allem, wenn sich das Gadolinum im Gehirn anreichert, wo es nicht mehr einfach herausgeholt werden kann, mit chemischen Prozessen.

Deshalb bin ich nicht so wild auf das MRT, auch weil ich zehn MRTs in meinem Leben hatte, ungefähr. Aber es wäre auch dumm, wenn dann doch etwas nicht stimmt und ich alles verpasse, bis es wieder heftig wird. Also muss ich am Montag schön brav zum MRT gehen.

Gerade bist Du aufgewacht und ich hab Dir essen gemacht. Bestimmt schläfst Du bald weiter. Dein Auge ist trotz Antibiose immer noch entzündet. Bald müssen wir uns überlegen, ob wir deinen Tränenkanal etwas weiten lassen wollen. Immerhin haben drei Antibiosen bisher nichts gebracht. Aber wir versuchen noch einige Tage, mit viel Pflege und Hygiene alles hinzubekommen.

Ich bin etwas erledigt und schreibe Dir bald wieder.

Ich hab Dich lieb.

Dein Papa

14.06.2018 – Musikgarten und EMDR

Hallo lieber Luke,

Mama geht gerade mit Dir zum Musikgarten, zusammen mit der Haushaltshilfe. Im Musikgarten macht eine etwas komische, alte Frau Musik mit Dir und anderen Babies. Du magst das an sich ganz gerne, wie es scheint.

Du hast  geschlafen und ich habe Dich vorsichtig runter in den Wagen getragen. Die Familienhebamme war auch gestern da und hat gesagt, dass Du bald richtig krabbeln wirst. Alle sind sehr zufrieden mit Deiner Entwicklung.

Heute habe ich bisher viele Schmerzen, aber es geht noch irgendwie. Meine Gedanken kreisen oft darum, wie ich es schaffen kann, gesund zu werden und wie wir genug Geld haben, für Dich und uns.

Aber ich muss jetzt vor allem geduldig sein und alles so lange ich kann gut aushalten. Wenn es mir gut geht, gehen wir beide am Wochenende wieder zusammen in den Zoo. Das will ich mir nicht nehmen lassen.

Ich bin ziemlich erschöpft. Gestern hatte ich Therapie und habe EMDR gemacht. Es war sehr intensiv. Damit soll ich an meinen Traumen arbeiten und auch Entspannung finden, um die Schmerzen zu reduzieren. Danach ging es mir eigentlich Abends schon ganz ok.

Manchmal ist es nervig, dass ich mit den Schmerzen vieles nicht machen kann, einfach weil sie so stark sind, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann und an vielen Dingen keine richtige Freude mehr empfinden kann. Mit leichten oder mittleren Schmerzen geht das oft noch, aber diese Nervenschmerzen sind extrem fies. Sie fordern sehr viel Aufmerksamkeit und sind sehr präsent, selbst wenn man viel Übung darin hat, den Alltag damit zu gestalten.

Jetzt werde ich mich ein wenig ausruhen. Vielleicht etwas Serien gucken und Computer spielen, um die Zeit mit den Schmerzen zu überbrücken, bis sie Nachmittags hoffentlich wieder besser werden. Wenn sie Nachmittags besser sind, muss ich zum Arzt und vielleicht kann ich danach mit Dir noch etwas rausgehen oder spielen.

Gestern habe ich Dir Gitarre vorgespielt. Das magst Du sehr gerne, vor allem wenn ich dazu ein bisschen singe. Dann bist Du meistens ganz ruhig, hörst zu und lachst ab und zu vor Dich hin. Es ist schön zu sehen, dass Du Dich dann wohlfühlst. Ich möchte so viele Moment wie möglich schaffen, in denen Du Dich so wohl fühlen kannst.

Ich habe Dich sehr lieb und wünsche Dir viel Spaß im Musikgarten, mit Deiner Mama zusammen.

Bis nachher

Dein Papa

11.06.2018 – Fehleranalyse Teil 1

Hallo lieber Luke,

Du bist mit Mama gerade zur Tür raus. Es ist 8:11 und ein neuer Tag steht vor uns. Früher wäre ich duschen gegangen, hätte mich angezogen und wäre los zur arbeit. Ich hätte mich gefreut, im Bus Musik gehört, mich gut gefühlt. Ich stand mitten im Leben. Dann wäre ich irgendwann nach Haus gekommen, zu Deiner Mama, hätte ihr etwas leckeres zu Essen und vielleicht ein paar Blumen mitgebracht. Abends hätten wir einen Spaziergang gemacht und uns gut unterhalten. Wahrscheinlich wäre ich viel zu spät schlafen gegangen, hätte noch an eigenen Projekten programmiert und wie alle anderen Leute meines Alters daran gearbeitet Reichtum anzuhäufen und an meinem Lebenslauf zu feilen, damit ich stolz auf mich selbst sein konnte.

Jetzt ist alles anders. Die Balkontür ist offen. Ich bin alleine, weil ich zu krank bin, um Dich und Mama zu begleiten. Es ist kühler geworden, die sommerlichen Temperaturen gönnen sich eine Pause. Das Aquarium, das ich für Dich eingerichtet habe, blubbert im Flur vor sich hin. Eigentlich würde ich gerne aufstehen, aber ich kann nicht, denn wo oder wie sollte ich sitzen? Ich beschließe, gleich einen Spaziergang zu machen, damit ich einen Wechsel habe, nicht immer nur liege. Denn so ziemlich jeder Mensch, der nur liegt, bekommt früher oder später eine Depression davon. Ich übe mich weiterhin in Optimismus. Trotzdem schweifen meine Gedanken immer wieder ab und ich reflektiere das Leben. Oft denke ich mir: Wie kann ich Dich davor schützen, dass Du die gleichen Fehler machst wie ich es habe? Aber was waren eigentlich meine Fehler? Vielleicht versuche ich einmal, dies herauszufinden.

Mein erster und größter Fehler, so ungerne ich es wahrhaben möchte, war die Annahme, dass alle Menschen ein Interesse daran haben, wohlwollend und in Frieden miteinander zu leben. Seit ich ein Kind war ging ich davon aus, dass jeder Mensch in sich dieses Gefühl trägt, dass er möchte, dass es anderen Menschen auch gut geht. Heutzutage muss ich feststellen, dass diese Fehlannahme, von der ich nie bereit war abzulassen, dazu geführt hat, dass ich Menschen vertraut habe, die eine für mein Leben fast ausschließlich destruktive Intention hatten, die zum Teil grenzenlos war. Viele Menschen sind bereit gewesen, ohne wirkliche Notwendigkeit, sondern aus reiner, zum Teil schwer nachvollziehbarer, Wut, bedeutende Teile meines Lebens aktiv zu zerstören.

Mein zweiter Fehler war sicherlich, dass ich den Wert von Familie falsch eingeschätzt habe. Auch in einer Familie leben unterschiedliche Menschen, die nicht immer die Absicht haben, lieb zueinander zu sein, selbst wenn sie es aus Gewohnheit anders verkünden mögen. So wie mit allen anderen Menschen, kann es sein, dass Familienangehörige einem freundlich, neutral oder feindselig gesonnen sind. Und es gibt letztendlich keine Verpflichtung, füreinander da zu sein, außer die spärlich gesetzlich geregelte, die aber auch nicht effektiv gelebt werden muss, weil man sie kaum kontrollieren kann. Familie kann also wunderschön sein, aber sie kann auch dazu beitragen, dass an angegriffen oder vernachlässigt wird, einfach deshalb, weil die anderen Familienangehörigen einen nicht mögen, manchmal ohne dies einfach zuzugeben. Wie wichtig man einem Familienangehörigen wirklich ist, kann auch sehr unterschiedlich sein. Nur weil man verwandt ist, bedeutet dies nicht in jedem Fall, dass man jemanden hat, der einem zur Seite steht. Es kann genau so gut sein, dass einem Familienangehörigen sein Sportwagen, seine Katze oder ein Nachmittag in Erholungsbad wichtiger ist, als einem zu helfen, wenn wirkliche Not besteht. Viel zu lange habe ich daran festgehalten glauben zu wollen, dass meine Familie mich liebt. Oder überhaupt wirklich lieben kann. Der Schaden, den ich durch meine Familie genommen habe, ist so groß, dass ich sicher bin, dass ich niemals in meiner heutigen Situation wäre, hätte ich gleich nach dem Selbstmord meines Vaters die Familie verlassen, das Jugendamt angerufen, die Polizei eingeschaltet oder auf eine sonstige andere Weise dafür gesorgt, dass ich aus diesem Umfeld herauskomme. Familie ist eine tolle Sache, wenn man verantwortungsvolle und liebevolle Menschen darin hat, die auch genau so miteinander umgehen, achtungsvoll und mit dem Wunsch füreinander zu sorgen. Wenn aber die Familienangehörigen kein Interesse daran haben, wenn sie sich immer nur mit sich selbst befassen, sich selbst immer in den Vordergrund stellen, wenn sie selbst in Notsituationen nicht bereit sind auch auf Teile ihres Lebens für einen Moment zu verzichten, um das Leben eines anderen zu retten, dann ist es nicht so, dass man zu lange in dieser Situation verweilen sollte. Auch wenn man es nicht wirklich erkennen mag, ist es vielleicht angebracht in Erwägung zu ziehen, dass die Menschen in der Familie einen vielleicht schlicht nicht mögen, oder zumindest nicht genug, um mit einem zusammen an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Vielleicht ist es an der Zeit dann zu verstehen, dass auch Familienangehörige sozusagen „willkürliche“ Menschen sind, mit einem randomisierten Set an Eigenschaften, so wie auch Fremde, und aus diesem Grund möglicher Weise einfach ebenso wie Fremde einem wohlwollend, neutral oder abweisend gegenüber stehen können. Einfach gesagt: Ist es wirklich sinnvoll, die Familienangehörigen anders zu sehen, als alle anderen Menschen? Wenn sie einen verletzen, einem nicht zuhören, einen nicht mögen und das vielleicht selbst nicht eingestehen können, einen mobben, diskriminieren, vernachlässigen, beleidigen, gedankenlos auf einen einreden und niemals wirkliche Zeit und Ruhe haben, sollte man dann nicht einfach aufhören, Zeit mit ihnen zu verbringen? Meine Antwort ist eindeutig: Ja. Diesen Fehler habe ich 35 Jahre gemacht und er hat mich den Inhalt meines eigenen  Lebens gekostet. Während ich oft versucht habe, in meiner Familie gegen Verantwortungslosigkeit, Gefühlsarmut und Aggression zu argumentieren, hätte ich viel lieber akzeptieren sollen, dass die anderen Familienangehörigen sich für eben genau diesen Weg entschieden haben. Ich hätte dort verschwinden sollen, bevor mit mir das gleich geschehen ist, wie mit meinem Vater, nämlich dass ich in einem chaotischen und selbstfixierten Personenkreis untergehe, obwohl ich an anderen Orten vielleicht so viel Liebe und Unterstützung hätte finden können. Familie kann schön sein, aber wenn sie es absolut nicht ist, ist sie nicht mehr als eine Ansammlung von Personen, die man besser in Ruhe lassen sollte.

Dies sind schon einmal zwei Fehler, die ich gemacht habe. Zwei sehr bedeutende, die ich mir auch selbst zu schreiben muss. Es sind vielleicht die zwei bedeutendsten Fehler, die dazu geführt haben, dass ich heute nicht mit Dir und Mama rausgehen kann, dass ich stattdessen im Bett liegen muss, wie jeden Tag, und hoffen, dass irgendwann, eines Tages, die Schmerzen und und meine kaputten Nerven im Beckenboden ausheilen.

Aber es tut auch gut zu schreiben. Etwas, das ich richtig gemacht habe in meinem Leben ist Folgendes:

Wann immer etwas verloren gegangen ist oder ich die Fähigkeit verloren habe etwas zu tun, das ich liebe, habe ich etwas neues gesucht und gefunden, für das ich mich begeistern kann. Sei es der Verlust Sport zu machen, woraufhin ich als Trainer gearbeitet habe. Oder als ich mit dem Tumor nicht mehr Musik machen konnte und wieder angefangen habe zu programmieren.

Diesmal muss ich noch weiter zurückstecken, aber mir bleibt das schreiben. Ich kann vielleicht nur noch liegen und muss auf Zeiten ohne Schmerzen warten, aber ich kann dabei schreiben. Das ist besser als nichts. Das einzige, das mich oft traurig macht, ist die Tatsache, dass alles das nur deshalb so gekommen ist, weil niemand sich wirklich für mich interessiert hat, zumindest wenn es um Krankheit und Unfälle ging oder die Gewalt, die andere gegen mich gerichtet haben. Deprimierend ist, dass ich sozusagen vollkommen umsonst kaputt gegangen bin. Nichts davon hätte sein müssen und ich hätte heute, jetzt, bei Euch sein können.

Allerdings ist es auch das, was mich motiviert zu schreiben. Denn viele Menschen tun so, als gäbe es keine Aggression in unserer Gesellschaft, in unserem Alltag. Viele Menschen denken, dass sie keine Verantwortung für ihre Mitmenschen übernehmen müssten. Viele Menschen denken, dass sie gute Menschen sind – ich denke nicht , dass ich ein guter Mensch bin. Viele Menschen sind der Auffassung, dass Gewalt nur wenigen geschieht und im Prinzip ja auch irgendwie verarbeitbar ist. Viele Menschen schauen so lange weg, solange sie nicht selbst betroffen sind.

Nein, ich bin nicht krank, wegen einem Zufall, sondern weil sich in Arztberufen Menschen an Patienten bereichern, eigene Vorteile aus der Krankheit anderer ziehen. Obwohl es solche gibt, die ein ernsthaftes Interesse am Beruf haben, so sind doch viele lediglich in dem Job, weil er Anerkennung bringt, weil man auf der nächsten Party die heiße Olle abschleppen kann und am Wochenende mit dem Cabrio die Landstraße herunterbrettern oder durch angebliches „Helfen“ eine Dominanzposition schaffen, sich auch selbst für Gesund erklären kann. Meine Krankheit und Behinderung ist kein Zufall. Damals in den Krankenhäusern, wo unfassbar banale und vermeidbare Fehler gemacht wurden, haben sich die Menschen an mir bereichert und mich dabei kaputt gehen lassen, vorsätzlich. Dies allerdings fällt vielen Menschen schwer zu akzeptieren, weil es nicht mit ihrem Modell der Realität vereinbar ist, das sie sich selbst zum Schutz geschaffen haben.

Auch die Gewalt und Vernachlässigung durch meine Familie, hat die Krankheit verursacht, weil mich niemand damals verteidigt hat, als ich von den Ärzten nicht behandelt wurde. Weil niemand mir arbeit abgenommen hat, in Zeiten, in denen ich nicht laufen konnte oder kaum atmen oder fast nichts mehr essen. Weil niemand auch nur einen Finger gerührt hat, um mich finanziell zu entlasten, wenigstens die Gewalt der Vergangenheit aufzuarbeiten, oder mir zu helfen um meinen Vater zu trauern. Aus irgendeinem, mir bis heute unerklärlichen Grund, waren alle Menschen in meinem Leben der Überzeugung, dass sie absolut nichts tun müssten, abgesehen von ein paar Autofahrten oder der Frage, ob es mir denn nun besser ginge. Obwohl ich monatelang Blut gepinkelt habe, mit Opiaten zugedröhnt vor Schmerzen fast gestorben wäre, meine Niere gestaut war, mein Unterleib entzündet, ich wie erwähnt weder richtig laufen, noch essen, noch atmen konnte. Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund waren alle – und ich meine damit wirklich alle! – Menschen in meinem Leben der Meinung, dass ich keine aktive, konstruktive Unterstützung benötigen würde, und irgendwie, vermutlich wie durch ein Wunder, von alleine irgendwann wieder gesund werden würde. Dies zu beobachten, hat in mir nicht nur ein Trauma ausgelöst. Es hat mich Dinge über die Menschen gelehrt, die gleichermaßen wahr wie wenig wünschenswert sind.

Was ich gut gemacht habe ist also, dass ich selbst dann noch Wege gefunden habe Dinge zu tun, die mich erfreuen oder für die ich mich begeistern kann, wenn ich fast alles verloren habe, das mir zuvor wichtig war und selbst dann, wenn ich vielleicht nicht physisch, aber emotional und auf Grund mangelnder Wahrnehmung durch Andere, vollkommen alleine und auf mich gestellt war.

Ich denke, dass es für viele so aussieht, als würde ich die gleiche Dinge immer und immer wieder schreiben. Aber wenn man genau hinsieht, dann ist es ein Prozess, in dem ich immer mehr an Erfahrung gewinne, immer klarer benennen kann, was geschehen ist und warum es geschehen ist. Es ist wie eine Raffination. Das Bild zeichnet sich immer deutlicher, mit mehr Details, feiner. Die Zusammenhänge werden einleuchtender und langfristig wird nachvollziehbar sein, was eigentlich passiert ist. Daraus wird sich ableiten lassen, wie ich in Zukunft verhindern kann, dass solche Dinge weiter geschehen. Vielleicht auch, dass sie Dir geschehen. Es wird noch lange dauern, aber eines Tages werde ich auf nicht redundante Weise ein sehr zutreffendes Bild der Geschehnisse und Zusammenhänge zeichnen können, aus dem vermutlich nicht nur ich alleine eine Menge lernen kann.

Jetzt werde ich versuchen meine Krankschreibung abzuschicken, aber selbst das ist schwer. Die Schmerzen kommen langsam wieder und machen mir neue Angst, bringen neue Verzweiflung und Depression mit sich. Mich darauf zu konzentrieren zum Schreibtsich zu laufen, eine Briefmarke zu suchen, einen Briefumschlag, nicht dort sitzen zu können, sondern zu stehen, und dann im stehen alles zu beschriften und zu frankieren … das verdränge ich oft lieber. Aber nun habe ich keine andere Wahl.

Ich hoffe, dass ich später mit Dir rausgehen kann. Es ist so schön, mit Dir Zeit zu verbringen, selbst wenn ich immer aufpassen muss, dass ich nicht sitze oder zu viel laufe.

Ich hab Dich sehr lieb und freue mich, dich nachher zu sehen.

Dein Papa